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Ich muß glauben, daß es besser wird

Eine Übersicht über die Dopingfälle in der Saison 2004



Bericht von Tick, Übersetzung von Wildlowersoul, 30.9.2004

 

I've got to believe it's getting better,

Getting better all the time

(It couldn't get any worse)

 

Diese Textzeilen der Beatles kommen mir in schwierigen Zeiten in den Sinn und die Ironie der letzten Zeile läßt die Dinge in einem etwas besseren Licht erscheinen. Unglücklicherweise waren wir im Irrtum falls wir am Anfang des Jahres an diese Worte glaubten. Es ist schlechter geworden.

 

Cofidis eröffnete mit einem Paukenschlag, mit einer Geschichte, die sich über mehrere Monate hinzog und am Ende die freiwillige Suspendierung des Teams miteinbezog. Die Dinge schienen sich um den Pfleger Bogdan Madejak und zwei ehemalige Fahrer, Marek Rutkiewicz und Robert Sassone, zu drehen. Das Büro des Teamarztes Jean-Jacques Menuet wurde durchsucht, aber Teammanager Alan Bondue erklärte sein vollstes Vertrauen in den Mediziner. In die Untersuchungen einbezogen waren auch die Fahrer Phillipe Gaumont, Mederic Clain und Cedric Vasseur, von denen nur Vasseur seine Anstellung behielt.

 

Die französische Mannschaft zog sich im Mai drei Wochen lang freiwillig von allen Rennen zurück um die Entwicklungen unter Kontrolle zu bringen. Der regierende Weltmeister Igor Astarloa verließ in dieser Zeit das sinkende Schiff. Teamarzt Menuet und Manager Bondue wurden beide beschuldigt, die Fahrer mit Dopingpräparaten versorgt zu haben, und der anfänglich versprochenen Unterstützung zum Trotz entlassen.

 

Aber diese beiden Namen waren nicht die einzigen, die immer wieder genannt wurden. Auch die Namen von einzelnen Fahrern, die Dopingpräparate bekommen haben sollten wurden genannt – darunter auch Cofidis' zweiter Weltmeister, David Millar. Nur kurz bevor sich das Team selbst zurückzog gab er ein berühmt gewordenes Interview, in dem er diejenigen, die Dopinggeschichten verbreiteten „Idioten“ und „Spinner“ nannte und prophetischerweise meinte, daß wenn die Geschichten etwas Wahres hätten, man schon längst „unsere Wohnungen durchsucht hätte“.

 

Natürlich passierte genau das. Ungefähr sechs Wochen später wurde sein Haus tatsächlich durchsucht und leere EPO-Ampullen wurden gefunden. Schlußendlich gestand er, EPO erstmals 2001 und zum letzten Mal im Herbst 2003, kurz vor seinem Sieg bei der WM im Einzelzeitfahren, benutzt zu haben. Jetzt ist David Millar von seinem Team gefeuert, seines WM-Titels entzogen und seiner Träume von zwei olympischen Goldmedaillen beraubt.

 

In der Zwischenzeit hatte es ein anderes Team geschafft in der Dopingszene aufzutauchen. Der unbekannte Fahrer Jesus Manzano wurde plötzlich sehr gut bekannt als er Kelme beschuldigte, ihn zur Einnahme von Dopingsubstanzen zu zwingen. Er lieferte weitere blutige Details, unter anderem wie er bei der Tour de France wegen eines neuen Präparates, oder wie er wegen einer schlechten Bluttransfusion um sein Leben fürchtete. Seine Geschichte resultierte darin, daß sein Team Kelme vom Giro d'Italia ausgeladen und zur Tour de France gar nicht erst eingeladen wurde. Seltsamerweise ist es um diese Geschichte seit dem Frühjahr mehr oder weniger still geworden.

 

Die Kelme-Fahrer waren nicht die einzigen, die nicht zur Tour eingeladen wurden. Im Licht der Cofidis/Millar-Affäre ließ das Tour-Management verlautbaren, daß Fahrer, gegen die Ermittlungen geführt würden, oder die in einem laufenden juristischen Prozess involviert wären, nicht willkommen seien. Saeco's Danilo Di Luca war einer der nicht erwünschten Personen. Er protestierte nachdrücklich („Gegen mich wird ermittelt, weil sie nichts anderes zu tun haben“) und erschien sogar in Lüttich zum Prolog. Seine Reise war vergeblich – er wurde von der Tour abgewiesen.

 

Während der Tour wurden zwei Fahrer vom Rennen ausgeschlossn, weil in Italien gegen sie ermittelt wurde, Stefano Casagranda und Martin Hvastija. Ihr Ausschluß warf jedoch mehr Fragen auf als er beantwortete. Waren diese Ermittlungen nicht schon vor dem Start bekannt? Und warum durften zwei andere, Stefano Zanini und Pavel Padrnos, gegen die seit dem Giro 2001 Ermittlungen laufen, im Rennen bleiben?

 

Die vermutlich kontroverseste Situation in Verbindung mit Doping ereignete sich während der 18. Etappe der Tour de France, als sich Filippo Simeoni einer Ausreißergruppe anschloß. Lance Armstrong folgte ihm augenblicklich, und da die Präsenz des gelben Trikots in einer Spitzengruppe deren baldiges Ende bedeutet hätte, fanden sich die beiden schnell im Peloton wieder. Armstrong wurde mit Lachen und Applaus von vielen Fahrern begrüßt, während Simeoni hauptsächlich Spott und Kritik erntete. Der Grund? Eine lang andauernde Fehde wegen – was sonst? - Dopinggeschichten und Dr. Ferrari. Armstrong verstand sein Verhalten als eine Form des Protests gegen heuchlerische Dopinggegner, während andere eine nackte Demonstration von Macht und seiner Position als absoluter Patron des Feldes sahen: Erzähle keine Märchen, oder genau das wird auch dir passieren!

 

Während der Zeit nach der Tour beruhigte sich alles ein wenig, aber die olympischen Spiele näherten sich und brachten das schweizer Team Phonak auf einen desaströsen Weg. Oscar Camenzind nahm in seinem verzweifelten Versuch, seine abgesackte Karriere vermittels des Gewinnes einer Goldmedaille wiederzubeleben EPO. Keine gute Idee – die Antidopingbehörde hatte ihn schon im Auge. Er wartete erst gar nicht das Ergebnis der B-Probe oder seine Entlassung aus dem Team ab sondern erklärte seinen sofortigen Rücktritt.

 

Phonak war schnell wieder obenauf, als Tyler Hamilton die Goldmedaille im olympischen Zeitfahren gewann und auch das erste Zeitfahren der Vuelta für sich entschied. Und dann stürzte das Kartenhaus zusammen – nicht nur für Hamilton und Phonak, sondern auch für die Fans und die gesamte Radsportgemeinschaft. Hamilton wurde des Blutdopings beschuldigt, also fremdes Blut in seinen Adern zu haben. Und das nicht nur einmal, sondern mit zwei positiven A-Proben nach seinen beiden Zeitfahrsiegen. Die Hamilton-Affäre hat bereits viele Wendungen genommen und wird ohne Zweifel noch viele weiter nehmen, schließlich ist die Angelegenheit noch längst nicht abgeschlossen.

 

Waren da in diesem Jahr mehr Dopingfälle als üblich? Vielleicht nicht, aber ohne Zweifel sind mehr große Namen betroffen und mehr große Titel in Zweifel gezogen worden. Viele hatten gehofft, daß die Festina-Affäre von 1998, die Durchsuchungen in San Remo beim Giro 2001 oder die Entwicklung von neuen Testmethoden Doping im professionellen Radsport ein Ende bereiten würden. Offensichtlich war das nicht der Fall und eine abschließende Lösung des Problems ist nicht in Sicht.

 

Werden die Zustände besser? Oder sind sie wirklich schlechter geworden?


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