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Willy Arend: Mein schönstes Rennen

Rennen in Breslau-Morgenau am 22. August 1905

 




Aus der Fülle der Rennen, die ich in meiner langen Laufbahn als Rennfahrer bestritten habe, ragen drei Rennen hervor: Die Weltmeisterschaft 1897, der Große Preis von Deutschland 1898 und der Große Preis der Republik 1901. Welches der drei Rennen das schönste gewesen ist, kann ich nicht sagen; schön war das Gefühl, sie gewonnen zu haben, nach allen drei Rennen, aber wenn Sie mich fragen welches mein schönstes Rennen gewesen ist, dann beurteile ich nicht die Größe des Sieges als Schönheit des Rennens, sondern nehme ein Rennen, das mir durch seine Begleitumstände Freude gemacht hat.  Auch in dieser Beziehung habe ich viele Rennen erlebt, aber eines davon hat mir ganz besonderen Spaß gemacht und ich greife dieses Rennen heraus, um Ihren Wunsch, einen Beitrag zur Serie „Mein schönstes Rennen“ zu liefern, zu erfüllen.

 



Gute Freunde

An einem schönen Augustsonnabend im Jahre 1905 traf ich in Berlin einige Bekannte, die sich über das unverhoffte Wiedersehen ebenso freuten, wie ich. Die feuchtfröhliche Begrüßung zog sich etwas in die Länge und ich vergaß, dass ich am anderen Morgen nach Breslau fahren musste, um auf der Rennbahn Morgenau zu starten. Als die Morgensonne  ihre Strahlen durch das Fenster der gastlichen Räume sandte, erwachte in mir das Pflichtgefühl und ich beschloß, den angebrochenen Vormittag zu den Reisevorbereitungen zu benutzen, aber es blieb beim guten Willen. Es wurde immer noch eine Flasche aufgemacht und erst, als es allerhöchste Zeit war, trat ich den Weg zum Bahnhof Friedrichstraße an. Eine Kraftdroschke brachte mich schnell zum Bahnhof, aber als ich auf die Bahnhofsuhr sah, war mir klar, dass ich mich in der Fahrzeit verrechnet hatte und dass mir keine Zeit blieb, meine seit dem letzten Rennen auf dem Bahnhof lagernde Rennmaschine und meine Tasche mit Trikots in Empfang zu nehmen.

 

Der Sekt hatte mich ein wenig gleichgültig gemacht und in der frohen Hoffnung, an Ort und Stelle eine Rennmaschine und Trikots geborgt zu erhalten, stürmte ich die Treppe hinauf. Auf meine aufgeregte Frage, ob der Zug nach Breslau schon fort sei, antwortete der Schaffner mit Seelenruhe: „Jawoll, wech is er, aber den letzten Wagen könn’ Se noch sehn.“ Damit war mir allerdings wenig gedient und etwas ernüchtert wandte ich mich nach Hilfe um. Diese nahte sich in dem Ratschlage eines Herrn, dem ich bekannt und dem ich leid tat. Er riet mir, mit der Stadtbahn nach dem Schlesischen Bahnhof zu fahren, wo ich den Breslauer Zug wahrscheinlich erreichen würde, weil dieser sowohl auf dem Bahnhof Alexanderplatz als auch auf dem Schlesischen Bahnhof längere Aufenthalte habe. Das leuchtete mir ein. Ich löste schnell eine Stadtbahnkarte und setzte mich in den Zug.

 

Als ich auf dem Alexanderplatz ankam, war der Breslauer Zug schon aus der Halle und als ich den Schlesischen Bahnhof ereichte, sah ich wie  auf dem Bahnhof Friedrichstraße noch den letzten Wagen aus der Halle verschwinden. Was nun? Dieser Gedanke beschäftigte mich beim Entschwinden des Zuges  und meine Not schildernd, wandte ich mich an den Stationsvorsteher. Der Mann mit der roten Mütze sagte kurz: „Ein Zug mit dem Sie nachmittags in Breslau sein können, geht heute nicht mehr“, aber ich ließ mich nicht abweisen und nach langen Beratungen kam der Stationsvorsteher auf den Einfall, mich auf Umwegen nach Breslau zu leiten. Er beschrieb mir den Weg, aber ich hörte nur  mit halbem Ohr hin und erfasste lediglich den Rat, mir eine Fahrkarte zu einem D-Zug zu lösen, der gegen 12 Uhr mittags abfahre und irgendwo halte, wo ich mir eine Karte für die Kleinbahn lösen müsse, mit der ich dann nach Breslau käme.

 



Umwege

Etwas betrübt verließ ich den Bahnhof. Ich hatte nun einige Stunden Zeit und in dieser Zeit konnte ich mein Rad und meine Tasche vom Bahnhof Friedrichstraße holen. Ich fuhr also zum Bahnhof Friedrichstraße zurück, ließ mir Rad und Tasche geben, gab das Rad auf und wartete  in einem Kaffee auf den Abgang des Zuges. Nach und nach war mir zu Bewußtsein gekommen, in welche unangenehme Lage ich durch das Verpassen des Zuges geraten war und es meldete sich bei mir eine starke Nervosität. Ich konnte die Zeit des Abgangs des Zuges nicht erwarten, wünschte alle möglichen Wunder herbei, durch die ich schneller hätte nach Breslau kommen können, als es nach den Angaben des Stationsvorstehers möglich war und lange vor Abgang des Zuges stand ich auf dem Bahnhof.

 

Die Aussicht, mit einem D-Zug fahren zu können, tröstete mich etwas, aber als ich in dem Zug saß, fuhr er mir zu langsam und ich hatte keine Ruhe zum Sitzen. Wie ein wildes Tier in seinem Käfig   lief ich im Gang auf und ab. Ich machte die Reisenden in allen Abteilen nervös, aber ich konnte mir nicht helfen. Auch die Zigarette schmeckte mir nicht mehr und je näher ich dem Endziele des D-Zuges kam, desto wütender rieß ich an dem Fensterrahmen. Qualvolle Stunden vergingen. Ich legte mir allerlei schöne Ausreden zurecht, erkannte aber bald, dass das Spiel für mich verloren gehen müsse, wenn der Zug Verspätung haben und ich vom Bahnhof nicht schnell genug zur Rennbahn kommen sollte. Als nach meiner Ansicht  der erste Vorlauf gefahren werden musste, war ich noch weit vom Ziel entfernt. Ich hoffte auf ein Verlegen des Verlosungsrennens, zu dem ich verpflichtet worden war, ich wünschte, das ganze Rennen möchte Verregnen, ich glaubte an ein Wunder, durch das ich zur rechten Zeit am Start sein könne, kurz in meinem längst klar gewordenen Kopfe kreuzten sich alle möglichen Gedanken, Hoffnungen und Wünsche.

 



Es dauert ....

Es war mir klar, dass ich alles tun müsse, um jede Verzögerung zu vermeiden und in diesem Bestreben kam ich auf den Gedanken, mich fertig zum Rennen anzukleiden. Ich nahm meine Tasche, begab mich an einen verschwiegenen Ort und kleidete mich um. Meine Zivilsachen verstaute ich in der Tasche und zu einigem Erstaunen meiner Mitreisenden kehrte ich mit Rennschuhen an den Füßen und ohne Kragen und Krawatte, aber sonst wie ein Zivilmensch angezogen ins Abteil zurück.  

 

Endlich waren wir am Ziel des D-Zuges. Ich stürmte zum Packwagen, ließ mir mein Rad geben, löste eine Fahrkarte und raste dann auf den Kleinbahnzug zu. Meine Eile wirkte nicht ansteckend auf die Lokomotive des Zuges. Als sie endlich abfuhr, tat sie dies mit einer mich zur Verzweiflung bringenden Ruhe. Ich begann wieder meinen wilden Tierlauf und mein Reißen am Fensterrahmen. Bimm, bimm, bimm läutete die Glocke und ich stieß Verwünschungen aus, obwohl ich allein die Schuld an allem „Unglück“ trug. Eine Aufheiterung erfuhr ich, als der D-Zug in Klein-Tschirne, dem Sitz des vor Jahren  bekannten „Dreschgrafen“ Pückler, hielt, aber bald verfiel ich wieder in Raserei. Endlich kam Breslau in Sicht. Auf einem Bahnhof, den ich nie in Breslau gesehen hatte, musste ich aussteigen und nun stand ich da mit Rad und Tasche, ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte. Ein Wagen war weit und breit nicht zu sehen. Wer sollte auch von einem solchen Bahnhof mit dem Wagen fahren. Ein kleiner Junge wies mir den Weg nach Morgenau und im Vertrauen  auf meine Reifenschoner stieg ich auf die Rennmaschine. Ich fuhr schneller als die Bimmelbahn und bald sah ich die Fahnen der Morgenauer Bahn flattern.

 



Angekommen ...

Als ich vor der Tür ankam, sah ich den Rennleiter ebenso hin und hergehen, wie ich es im Eisenbahnzuge getan hatte. Er schien sehr nervös zu sein, also musste ich den Ungefangenen markieren. Ich schlug den Rockkragen hoch und schritt auf den Aufgeregten  zu. „Aber lieber Herr Arend, wo kommen Sie den her?“ „Aus Berlin“, sagte ich seelenruhig. „Ja, aber in drei Minuten ist ihr Vorlauf dran und Sie stehen noch hier.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich hatte Oberwasser. „In drei Minuten erst“, sagte ich überlegen, „na da habe ich ja noch viel Zeit.“ „Nein, gar keine Zeit haben Sie“, sagte der Direktor wütend, „ich warte keine Minute.“ „Aber lieber Freund, das ist ja auch nicht nötig“, antwortete ich lächelnd und durch die mich neugierig anblickenden Rennfahrer hindurch ging ich zur Kabine. Schnell riß ich die Reifenschoner ab. Zog meinen Anzug aus und trat in weniger als einer Minute Zeit fix und fertig auf den Kabinenhof. Die Rennfahrer waren erstaunt, aber noch erstaunter  ob solcher Fixigkeit war der Direktor. Ich erschien pünktlich am Start, gewann den Vorlauf gegen Motzko, den Zwischenlauf gegen Stol und den Endlauf gegen Kurzmeier und Nedela.

 

Meine Aufgabe hatte ich gelöst. Am Abend gab ich mein Abenteuer zum besten  und es wurde viel gelacht. Das Rennen in Breslau-Morgenau am 22. August 1905 ist für mich eine der schönsten Erinnerungen  geblieben. Das gute Ende eines am Morgen aussichtslos erscheinenden Unternehmens habe ich noch oft erzählt und wenn ich es nunmehr zu Papier bringe, verfolge ich damit den Nebenzweck, einer von einem meiner berühmten Kollegen im Scherz verbreiteten Ansicht, dass ich ein bekannter Zugverpasser sei, an einem hoffnungslos erscheinenden Beispiele zu zeigen, dass ich auch im verzweifeltsten Falle Sieger geblieben bin.

 

Willy Arend

 

>>> siehe auch das Portrait Willy Arend

 

Quelle: Sport-Album der Rad-Welt, 17. Jahrgang, 1919


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