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Walter Rütt: Mein schönstes Rennen

Sechstage-Rennen 1910

Madison Square Garden, New York

 




Im Anfang Dezember fuhr ich mit Stol, dem Belgier Verlinden und den Franzosen Léon Georget, Pouchois und Germain nach New York. Die Seekrankheit packte mich besonders grausam, aber ich hätte alles gern ertragen wäre uns nicht die Nachricht von dem Verschollensein unseres auf der „Savoie“ beförderten Gepäcks und unserer Rennmaschinen überbracht worden.  Die Seekrankheit endete mit dem Verlassen des Schiffes, aber die Sorge um das Gepäck wurde umso drohender und ich betrat in starker Niedergeschlagenheit den Boden der neuen Welt. Stol war ebenso traurig und unsere erste Bitte an den Rennveranstalter Powers galt der Beschaffung unseres Gepäcks. Powers setzte alle Hebel in Bewegung aber die Mühlen der Beamten mahlen auch in Amerika langsam und so musste ich versuchen, Ersatz für das vermisste  Gepäck zu beschaffen. Der Amerikaner Fenn lieh mir eine Rennmaschine und ich trainierte in meinem Straßenanzuge auf dem Home-Trainer, aber bald siedelten wir nach der Vailsburgbahn über und ich musste mir meine Rennkleidung zusammenborgen. Kramer lieh mir eine Mütze, Fogler ein Paar Schuhe, Moran ein Obertrikot und Germain eine Rennhose. Ich sah zwar etwas kunterbunt, aber doch ganz leidlich aus, während Stol in dem ihm viel zu weiten Sachen eine komische Figur bot. Alles wäre gut gegangen, hätten meine Wohltäter über mehr als eines der mir geliehenen Kleidungstücke verfügt, aber dies war nicht der Fall und während Moran nach seinem Trikot rief, wollte Fogler seine Schuhe haben und Germain brauchte seine Hose. Es blieb mir zur Bekleidung meines Körpers also nur die Mütze Kramers und ich musste das Training einstellen, um kein öffentliches Aergernis zu erregen. Kramer hatte Mitleid mit uns und stellte uns sein gesamtes Material zur Verfügung, falls unsere Maschinen nicht ankommen würden, aber wir brauchten von diesem Anerbieten keinen Gebrauch zu machen, da die Nachricht von der Ankunft der „Savoie“ eintraf und wir unser Gepäck und die Rennmaschinen erhielten. Gerettet!

 



Partnerwechsel



Mac Farland schlägt Root bei einem Probespurt

Im Zweikampf gegen Kramer unterlag ich, aber ich ließ den Mut nicht sinken und ging mit Selbstvertrauen in das Sechstage-Rennen. Mein Partner Stol war sehr frisch und wir befanden uns in bester Lage, als ein unerwartetes Ereignis eintrat. Bei einer Jagd am vierten Tage erlitt Clark Reifenschaden. Der Australier wankte so stark, dass ich einen Sturz der hinter ihm liegenden Mannschaften befürchtete und mich zum Ablösen Stols bereit machte. In der Annahme, das Rennen sei mit Rücksicht auf den Reifenschaden Clarks abgeläutet, rief ich Stol zu, die nach dem Reifenschaden sonderbarerweise  einsetzende Jagd nicht mitzumachen, aber wie groß war mein Erstaunen, als man mir bedeutete, das Rennen sei nicht abgeläutet gewesen, Stol sei zweimal überrundet worden und Clark-Mac Farland hätten eine Runde verloren. Das war ein schwerer Schlag. Ich beschäftigte mich nur noch mit dem Gedanken an ein Aufgeben des Rennens, aber während ich in meiner Koje lag und traurig die Situation überdachte, erschien Mac Farland und erklärte, am Ende seiner Kräfte zu sein. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass auch Stol nicht mehr der frischeste sein und endlich kam er mit seinem Vorschlag heraus, Clark und mich zu einer neuen Mannschaft zu vereinigen. Ich begriff, dass sich Mac Farland einen guten Abgang sichern und mit der Zusammensetzung der Mannschaft  Rütt-Clark eine neue Note in das Rennen bringen wollte, und ich willigte ein, wenn Stol sein Einverständnis gab. Der Holländer erklärte sich einverstanden und ich siedelte in das Lager der Amerikaner über.

 

 

Mit zwei Runden Rückstand wurden wir in das Rennen eingestellt. Die bei Ausscheiden eines Partners dem im Rennen bleibenden Fahrer zu gewährende Vierstundenpause wurde uns nicht bewilligt. Ich fühlte mich frisch, aber Clark war etwas mitgenommen und ich musste ihn schonen.  Der kleine Australier erholte sich bald und wir waren uns darüber einig, dass wir die zwei Verlustrunden aufholen müssten.  Als Mac Farland ausgeschlafen hatte, verständigten wir ihn von unserem Plan und der lange Mac traf alle Vorbereitungen  für den großen Schlag. Räder, Reifen, Trikots, Speisen, Getränke, Sauerstoffapparate und was es sonst an Bedarfsartikeln für einen Sechstage-Fahrer gibt, wurden in aller Heimlichkeit herbeigeschafft und als Zeichen zum Beginn der Schlacht sollte Mac Farland die Hand auf die Brüstung  der Loge Pat Powers fallen lassen. Alles war vorbereitet und ich glaubte, Mac Farland habe unsere Verabredung vergessen, als ich ein reges Leben im Lager der anderen Fahrer bemerkte und auf den Gedanken kam, unsere Sache sei verraten worden. Als mich Clark ablöste, war Mac Farland aus der Loge  Powers verschwunden und als ich den Kabinenraum betrat, sah ich Mac Farland im Boxkampf mit unseren Pflegern. In höchster Erregung erklärte mir der lange Mac, der Pfleger habe an uns Verrat verübt und er habe ihn dafür gestraft.

 



Gegenwehr

Die Amerikaner hielten nach dem Scheitern unseres Planes zusammen. Unsere Lage wurde immer schwieriger, aber ich setzte alles daran, mich zu behaupten und auch Clark war auf der Hut. Als das Feld in gutem Tempo dahinzog, erhob sich ein Geschrei und neben mir sah ich Foglers grinsendes Gesicht. Als ich aufblickte, sah ich, dass Héhir und Root dem Felde davongelaufen waren und kein Fahrer Mine machte, die Ausreißer einzuholen. Es wurde stark gebremst und ehe ich mich frei machen konnte, waren Root und Héhir beim Felde. Ich vertraute auf die Schiedsrichter, die bereits eine von Moran-Root durch Zusammenarbeit mit anderen Mannschaften gewonnene Runde für ungültig erklärt hatte, wurde aber enttäuscht, denn Mac Farland kam mit der Nachricht, wir hätten eine neue Runde verloren und lägen nunmehr drei Runden zurück.

 

Ich war wütend und Clark brannte darauf, sich zu rächen. Zweimal gewannen wir eine halbe Runde. Beim ersten Vorstoß kam Walthour zu Fall und beim zweiten Vorstoß stützten de Mara  und Hill. Wir ließen nicht locker und nach einer Jagd von fünfundzwanzig Minuten, während der die Halle von Madison Square Garden von dem Begeisterungsschrei der Menge erfüllt war, hatten wir eine Anzahl von Mannschaften überrundet und die noch an der Spitze liegenden weidlich mürbe gemacht. Clark spritzte wie eine Rakete aus dem Felde heraus und ich gab alles her, was ich an Schnelligkeit und Ausdauer zur Erhaltung und Ausdehnung des Clarkschen Gewinnes aufbringen konnte. Nie werde ich das Gesicht Morans vergessen, als ich nach Gewinn der ersten Runde neben ihm auftauchte und sein Schrei gellt mir noch heute in den Ohren. Wir ließen uns durch nichts aufhalten und unsere Arbeit fesselte 10 000 Menschen bis gegen 7 Uhr morgens, ein Fall, der in New York noch niemals dagewesen war.

 

Es blieb uns nicht verborgen, dass sich Root kaum noch auf der Maschine halten konnte und als sich Moran und Hill und Fogler über den Fall Root unterhielten, trat ich an und überrundete das Feld, ohne von Clark abgelöst zu werden. Die Fahrer glaubten uns erschöpft, aber zehn Minuten nach meiner Solojagd trat Clark an und ich setzte den Kampf fort. Ich habe viele Rundenjagden mitgemacht, aber niemals war der Kampf so erbittert, als in diesen Minuten. Die Fahrer wussten, dass es um Sein oder Nichtsein ging und sie wehrten sich verzweifelt. Ich begann im Glauben an den Erfolg der Jagd wankend zu werden, aber als Clark in einem prächtigen Antritt bis auf wenige Längen an die Spitzengruppe herankam, fasste ich neuen Mut und unter ohrenbetäubendem Lärm der Menge erreichte ich die Kopfgruppe. Wir waren an der Spitze.

 



Verloren und doch gewonnen ...

Meine Befürchtungen, die Amerikaner und Australier würden uns angreifen, trafen nicht zu. Die Herren waren sehr zahm geworden und biederten sich bei mir an, aber ich war auf dem Posten und bat Clark, gleichfalls auf der Hut zu sein, um keine Ueberraschungen eintreten zu lassen. Das Rennen neigte sich seinem Ende zu. Ich hielt mit Mac Farland Kriegsrat und ich erklärte ihm, dass wir noch eine Runde gewinnen müssten, aber der lange Mac wollte davon nichts wissen, sondern empfahl mir, Clark für den Endkampf zu schonen. Ich wollte nicht auf die Teilnahme an Endkampf verzichten, aber Mac Farland bat mich, auf ihn zu hören uns so blieb ich in den letzten zwölf Stunden neun Stunden im Sattel. Ich bemerkte zu meinem Erstaunen, dass die Amerikaner immer frischer wurden, aber einen Vorstoß unternahm keiner der Fahrer und so konnte sich Clark für den Endkampf ausruhen.

 

Als der kleine Mann zum Endkampf antrat, war mir bange ums Herz. Die junge Frau meines Partners klammerte sich aufgeregt an meinen Arm. Noch nie war ich so gespannt auf den Ausgang eines Rennens, als bei diesem Kampf und noch nie war ich von dem Ausgang so enttäuscht. Ich hatte fest an den Sieg Clarks geglaubt, aber er unterlag. Als Root meinen Kampgenossen schlug, fiel seine junge Frau neben mir in Ohnmacht und ich wusste nicht, ob ich wachte oder träumte. Es war raue Wirklichkeit. Root war erster geworden und um eine Enttäuschung reicher verließ ich die von ohrenbetäubendem Jubelgeschrei erfüllte Halle.

 

Trotz aller Enttäuschungen denke ich gern an das New Yorker Sechstage-Rennen 1910 zurück. Das Rennen zeigte mir, dass man nie das Selbstvertrauen verlieren dürfe. Meine Erfolge in späteren Sechstage-Rennen waren zum großen Teil Früchte dieses denkwürdigen Sechstage-Rennens, das mich drei Runden gegen die besten Sechstage-Mannchaften der Welt gewinnen ließ und mir die Ueberzeugung von meiner Leistungsfähigkeit als Sechstage-Fahrer brachte. Aus diesem Grund war das so unangenehm eingeleitete, so arbeitsreich verlaufende und so enttäuschend geendete Sechstage-Rennen 1910 das schönste meines Lebens.

 

Walter Rütt





 

>>> siehe auch das Portrait Walter Rütt

 

Quelle: Sport-Album der Rad-Welt, 10. und 17. Jahrgang, 1913, 1919


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