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Mal Seen – klassisches Neuland für torte

von torte, Fotos von raktajino, Mai 2005



Vorher

Da war er also: Der Tag der Wahrheit. Ich hatte mich tatsächlich dazu verleiten lassen, die Liebste dazu zu überreden, mir zum Geburtstag den Start bei den Neuseenclassics zu schenken. Und die für die Vorbereitung notwendige Freizeit, was auf jeden Fall die größere Hingabe bedeutete: Schließlich sind wir seit Januar in die Sekte der „Dreifachen“ eingetreten. Nein, nicht der Kettenblätter, sondern der Eltern.

 

Kein Wunder also, dass ich an diesem Morgen nicht ganz sicher war, was der Abend bringen würde: Mein Rennrad hatte in diesem Jahr erst 450km auf den Reifen, und dafür hatte ich erst 5mal auf dem Rad gesessen… Immerhin hatte ich versucht, einmal pro Woche eine Stunde zu Joggen, um wenigstens halbwegs fit zu sein. Der erste und einzige Test, die Zwenkauer RTF vor 14 Tagen, endete trotzdem mit mir als Hauptfigur des ersten ABBA-Hits: „Waterloo“…

 

Aber was soll´s: Rennfahrermilch ist kein Butterblut, außerdem hatte ich meinen Helm dabei. Wie ich beim Lesen im Forum lernen durfte, fahren nur die ganz harten Hunde „Oben mit“, weil statistisch Helmfahrer häufiger stürzen und sich dabei auch meistens das Genick brechen. Im Gegensatz zu unbehelmten, die vor- und umsichtiger, sprich: wie Weicheier fahren. Der Blick in den Spiegel zeigte mir an diesem Morgen einen Tiger mit Helm; mit einem furchterregenden „Grrroowww!“ verabschiedete ich mich gen Zwenkau zum Start des Jedermannrennens über 102,5km der Neuseenclassics!



Mittendrin statt nur dabei!

Die ersten 15km von Leipzig nach Zwenkau waren zum Warmfahren ideal, zumal der Himmel voller Regen hing und die Quecksilbersäule des Thermometers noch nicht so recht warm geworden war. Dazu blies eine steife Brise aus Nordwest, da lachte das Radlerherz!

 

Im Startblock angekommen deutete sich zum ersten Mal zart an, wo der Bär heute die Locken zu tragen gedachte: Mit meiner Langmontour gehörte ich zur Minderheit der Wetterfühligen im Jedermännerpeloton. Es wurde allerorten Wade und Unterarm gezeigt, natürlich dem Anlass entsprechend epiliert. Knapp 600 Startnummern waren für die große Runde vergeben worden, ich hatte die 315 abbekommen. Mein Ziel stand fest: Die Startnummer sollte größer als die Platzierung bleiben, und vielleicht sogar eine Zeit um die drei Stunden herausspringen. Ok, letzteres war der Traum der vergangenen Nacht…

 

Dann der Startschuß! Ich hatte mir eine klare Taktik zurecht gelegt: Die ersten Kilometer Kette rechts, um eine möglichst flotte Gruppe abzugreifen. Dann die Lage peilen, mithalten, und die letzten Kilometer noch einmal Butter bei die Fische! Phase eins meines Planes funktionierte super: Mit Tempo 45 bis 50 kurbelte ich um mein Leben. Beinahe hätte ich meinen Usernamen und den „C4F“-Schriftzug auf der Straße übersehen, kein Wunder, bei dem Tempo… Rakta hatte sich aufgeopfert, das hob die Moral um Einiges!






Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier von Anfang an der ganz harte Rock´n´Roll gespielt werden würde: Ich kam mir trotz der für meine Verhältnisse astronautischen Geschwindigkeit vor wie auf der Standspur. Links von mir zog es vorbei wie auf der Schur aufgereiht – in meinem Schädel begannen sich Gedanken zu formen, was bei diesen Geschwindigkeiten eigentlich tabu sein müsste. Ich entschied mich kurzerhand, mein Tempo weiterzufahren, wer wußte, was noch kommen sollte? Nach knapp 10km kam dann auch das Unvermeidliche: Die ersten Jungbullen beendeten das Rennen nach Asphaltvollkontakt. Im Straßengraben sahen einige übel mitgenommen aus…



Unter Flachlandpantanis

Phase zwei meiner Taktik lief dann perfekt: Ich befand mich in einer knapp 35 Mann starken Gruppe. Schön im Pulk versteckt rollte es mit 35 bis 40 km/h rund um die Braunkohletagebaue Sachsens. Nach einer dreiviertel Stunde dann ein Raunen: „Nach der nächsten Brücke geht es hoch!“, kurz nach vor der Brücke noch mal: „Jetzt tut es richtig weh!“. Ich erwartete das Schlimmste und schaltete auf 39/21 und kurbelte an 20er Position liegend in den Anstieg. Ich bin bei Gott kein Bergfloh, und besonders schnell kam ich mir auch nicht vor, aber oben angekommen hatte ich nur noch zwei, drei Fahrer vor mir. Was hatte das zu bedeuten? Dieser Killer“berg“ von vielleicht 200 Metern Länge mit 20 Höhenmetern maximal war schon zu viel für einige?! Ich konnte es nicht fassen… Kopfschüttelnd schnappte ich mir eines der Brötchen mit der von der Süßen selbstgekochten Marmelade und kurbelte weiter. 

 

Langsam wurde es immer klarer: Hier fuhren die meisten am Anschlag, führen wollten immer nur die 3 bis 5 gleichen Gesichter, alles andere versteckte sich am Hinterrad des Vordermannes. Egal, sagte ich mir, fahr ich eben mit. Langte noch einmal nach hinten nach einem Riegelchen Power und: Hastunichtgesehen! Stoben vor mir die Funken, mein Rad verknotete sich mit einem vor mir herumstürzenden, elegant stieg ich lenkerüberwärts ab und fand mich wieder mit drei anderen Unglücklichen einsam und verlassen auf der Landstrasse liegend. Am Horizont verschwand meine Gruppe, über´s Feld wehte der Wind und beugte die Halme bodenwärts. Ideales Alleinfahrerwetter… Die Gliedmaßenkontrolle erwies sich zum Glück als zufrieden stellend, und auch mein kleiner Aluflitzer schien wohlauf zu sein. Neben mir wurde heftigst geflucht: Reifenschaden, Schaltung im Eimer, Bremsgriff defekt… zum Glück keine Verletzungen.

 

Ich war unschlüssig: Warten, bis jemand weiterfährt oder einfach alleine… Der Blick auf den Tacho sagte, dass ich 46km hinter mir hatte. Die Uhr war bei 1 Stunde 11 Minuten stehen geblieben… Ich schwang mich wieder auf den Sattel, schaltete durch, testete die Bremsen und hängte mich an einen vorbeijagenden Einzelfahrer. Meine Frage, ob wir ein bisschen kreiseln wollten, bejahte er verwundert. Woher die Verwunderung kommen könnte, war mir bald klar: Er ging einfach nicht aus der Führung. Ich überholte ihn dreimal links im Wind (und der kam gerade fies von vorn), bis ich beim vierten Mal keine Lust mehr hatte und ihn vorne alleine racken ließ. Zum Glück dauerte dieses Duo gegen den Wind nur kurze Zeit…



Gruppenspiele

Von vorn kamen Grüppchen, von hinten ein, zwei Aufrechte. Führung fahren wollte, wie ich mit einiger Zerknirschung feststellte, praktisch niemand. Wenn der erste nach links aus dem Wind gehen wollte, rauschte eine gigantische Welle durch die Gruppe bis fast in den linken Straßengraben. Als ich selbst von vorn fuhr, hätte ich manchmal wohl absteigen müssen, damit mich jemand überholt… Es kleckerte sich also. Das Tempo schwankte um die 35km/h, was für mich ok war. Bis auf ein, zwei Aufholjagden auf kleinere Gruppen musste ich nicht in den roten Bereich, es rollte. Bei der zweiten Passage des „Scharfrichters“ der Neuseenclassics für Jedermänner das gleiche Spiel: Oben fuhr ich etwa zwei Kilometer als Solist, bis mich meine 25köpfige Gruppe wieder einholte. Und ich war den kleinen Stich mit maximal 16km/h hochgekullert. Nichts als Bergabweltmeister und Rückenwindhasadeure um mich herum, sapperlot! Ich versuchte, mich nicht zu ärgern und tröstete mich damit, dass ich meinen 3-Stunden-Traum locker würde erreichen können.

 

Doch die dicke Dame hatte noch nicht gesungen, und 10km vor dem Ziel passierten plötzlich wunderliche Dinge. Das Tempo riß in der einen Minute über die 40 hinaus, um in der nächsten auf Mitte 20 einzubrechen. Holterdipolter starteten meine Bergzwerge einen Ausreißversuch nach dem anderen, um ihn nach 150 Metern entkräftet abzubrechen, worauf die komplette Gruppe das austrudelnde Tempo des verhinderten Baroudeurs übernahm – sonst hätte man ja selbst im Wind fahren müssen! Auf dem letzten Kilometer wurde es mir dann zuviel: Obwohl ich mir geschworen hatte, mit diesem Hungerhaufen keinen Sprint anzuzetteln, kettete ich nochmals rechts und entschied den Kampf um Platz 250. (wie ich später erfuhr) glorreich für mich.



Nachher

Das war er also: Mein erster Jedermann. Mein Tacho zeigte 104,5km und eine Zeit von 2:55 Stunden an, offiziell waren es 102,5km und 2:58 Stunden. Egal! In mir wallte das Gefühl eines gewissen Stolzes, und natürlich war ich mir sicher, dass ich ohne den Sturz heldenhaft 150.ter geworden wäre… Aber „hat“ ist nicht „hätte“, vor dem Start wäre ich wohl vor Glück rückwärts gelaufen, hätte mir jemand garantiert, diese Zeit zu fahren! Eine Bratwurst, eine Brause und ein paar Worte mit einem zufällig anwesenden Freund später hatte sich alles schon wieder ein wenig gesetzt. Mit ein paar Gedanken darüber, warum ein „Jedermann“rennen gefahren wird wie ein x-beliebiges „richtiges“ Amateurrennen (für die Top 100 hätte man einen 39er Schnitt fahren müssen) und warum bei einem solchen Spaßrennen so wenige bereit sind, für die Gruppe zu trampeln, machte ich mich auf  den Heimweg. Ob ich´s noch einmal versuche? Time will tell…


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