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Peter Winnen: Gute Beine, schlechte Beine

Titel: 
Gute Beine, schlechte Beine 
Autor: 
Peter Winnen 
Layout: 
broschiert, 350 S. 
Verlag: 
Covadonga, 2008 
ISBN: 
978-3-936973-35-8 
Preis: 
€ 14,80 


 




Okay, fangen wir mit dem Fiesen an: Yuck. Krampfadern. Nicht. Schön. Klar, ein Schicksal, das jeden ereilen kann, und wenn es schon sein muss, hat man sie lieber an den Beinen als dort, wo Charlotte Roche sie beschreibt, aber trotzdem – ein wenig mutig ist die Marketingstrategie des Covadonga Verlags schon, die ihn auf dem Cover von Peter Winnens neuestem Buch die Großaufnahme eines rasierten Radlerknies abbilden lässt, an dem sich eine ausgewachsene Krampfader entlangschlängelt.

Das Konzept ist durchaus klar erkennbar und stimmig, heißt doch diese deutsche Ausgabe, die die schönsten Kurzstücke des Ex-Profis aus drei niederländischen Bänden versammelt Gute Beine, schlechte Beine. Dementsprechend befindet sich auf der Rückseite des Buches eine weitere Detailaufnahme, in der das Hauptarbeitsgerät des Radfahrers eine zentrale Rolle spielt, diesmal voll in Fahrt und mit Blutspritzern dekoriert. Der Fahrtwind verteilt das frische, hellrote Blut wie Regen auf einer Windschutzscheibe auf dem profimäßig fettfrei-sehnigen Bein. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass nicht nur der Schriftzug auf dem Zeitfahrrad und die Trinkflasche farblich passende Tupfer bilden, sondern sich das Blut auch auf dem Rad verteilt hat.

Eine Frage bleibt: was ist hier gutes, was schlechtes Bein?

 

Ab hier habe ich nur noch Positives über dieses Buch zu sagen:

 

Anders als beim „Briefroman“ Post aus Alpe d’Huez, bei dem es sich empfiehlt, ihn in der vorliegenden Reihenfolge zu lesen, eignet sich Gute Beine hervorragend als Klolektüre. Oder wem das zu despektierlich scheint: Man kann hervorragend darin stöbern, hin- und herblättern und hier und dort reinlesen. Meistens bleibt man ohnehin hängen und liest mehrere Kolumnen hintereinander. Mitunter nimmt ein Text Bezug auf den vorhergegangenen, und plötzlich beginnt man, das Buch rückwärts zu lesen. Und selbst Ordnungsfanatiker haben kein geschmälertes Vergnügen, wenn sie das Buch von vorne bis hinten durch lesen. Ein äußerst leserfreundliches Buch also, perfekt geeignet für den berufstätigen Radsportfan, der sich schnell mal eine Kolumne genehmigt, wenn andere eine Zigarettenpause machen.





"Was ist die Tour de France doch für eine Zermürbungsschlacht! Drei Wochen lang täglich sechs Zeitungen lesen. Die Internetseiten der ausländischen Gazetten besuchen. Gleichzeitig Radio Tour de France hören und die Direktübertragungen im niederländischen und im flämischen Fernsehen verfolgen. Und das alles in meiner Lieblingsposition: in der Horizontalen."
(...)

"Bei jedem Anstieg fühle ich mein Beine. Ich habe gute und schlechte Tage. Ich identifiziere mich mühelos mit der Gilde der gekrümmten Rücken. Ich denke: Lieber sie als ich. Denn schlechte Beine in ihren schlimmsten Ausprägungen erleide ich lieber auf dem Sofa als auf dem Fahrrad." (S. 173)

Das wahre Kapital dieses Buches sind jedoch natürlich Winnens Schreibe und die Art, mit der immer wieder ins Herz der Sache trifft. Jeder Sache. Der Beinrasur. Der Sucht nach dem Radsport. Der Gaswolke, die ein Peloton begleitet. („Jeder Rennfahrer besaß eine zweite ätherische Existenz.“ S. 126) Des Todes Marco Pantanis, und des ewigen Themas dieses Sports: „Da ist der Sport, und da ist das Böse des Sports, das Doping heißt. Das Böse macht alle Parteien süchtig. Für einen kurzen Moment hat das Böse die Gestalt einer Leiche angenommen.“ (S. 292) Winnens Stil ist drastisch, lakonisch, mitunter derb, und wirkt immer offen und ehrlich. Sein sarkastischer Humor entlarvt, ohne zynisch zu sein, und in jedem Stück fühlt man die Liebe zum Radsport, die für so viele Fans zur Hassliebe geworden ist. Winnens Sportstücke sind letzten Endes wie der Radsport selbst: Sie machen Spaß, tun weh, machen den Kopf frei, inspirieren, regen zum Denken an. Anders als der Radsport sind sie nur eins nie: langweilig.

 

Am Ende bleibt nun doch noch eine weitere Frage:

Hat ein so gutes Buch die Anspielung auf eine mittelmäßige Daily Soap verdient?

 

 

Anmerkung:

Gute Beine, schlechte Beine enthält erstmals auf deutsch Texte, die im niederländischen Original in den Bänden Valse start – Sportstukken (dt. „Fehlstart - Sportstücke“), Stoempwerk en andere verhalen (dt. „Stampfen [in die Pedale treten] und andere Geschichten“) und Het snot voor ogen (dt. „Den Rotz vor Augen [alles geben, schwarz vor Augen sehen]“) erschienen sind, und ursprünglich unter anderem in Zeitungen wie NRC Handelsblad und De Muur veröffentlicht wurden. Ein kleiner Wermutstropfen ist hierbei, dass das ursprüngliche Erscheinungsdatum in der deutschen Ausgabe nicht verzeichnet ist.



 

von Kati (le coq sportif), Januar 2009


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