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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser



Autsch - Velo-gene Beschwerden

von Manfred Poser, Februar 2009





Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.

Es war ein geschwollener Lymphknoten, der, bei der Fahrt zum Mortirolo von einem drückenden Helmband gemartert und diagnostiziert von Dr. vel. H. K., der uns auf den Gedanken brachte, radfahrerspezifische körperliche Beschwerden enzyklopädisch zusammenzufassen. Es gibt eine Vielzahl kleinerer Leiden, die nur beim und durchs Radfahren auftreten, die quälend sein können, aber in der Rückschau fast humoristische Züge annehmen. Um Ordnung in die Sache zu bringen, schreiten wir körperlich von oben nach unten fort. Die persönlichen Beispiele mögen manchem Radfahrer nicht unbekannt vorkommen. Eine Ergänzung durch Leiden der Leser ist dringend erwünscht. Es mag sich manchmal um peinliche Geschichten handeln, aber Anonymität wird zugesichert.





auf dem Weg zum Mortirolo
Blick ins Veltin
© Manfred Poser

Der Kopf (lat. caput)

Natürlich hatte ich auch beim Mortirolo Kopfschmerzen. Der Helm schützt zwar vor Hitze, doch heizt sich der Kopf bei über 30 Grad auf, das kann man nicht vermeiden. Ich lockerte das Helmband. Man kann sich auch aus der Wassserflasche eiskaltes Wasser über Helm und damit Kopf schütten, was zwar den Sonnenstich vereitelt, aber womöglich einen Kälteschock bewirkt. Sonnenschäden aller Art sind stets zu befürchten.

 

die Nase

Besonders der Gesichtserker steht weit vor und ist immer in Gefahr, zu viel Sonne abzukriegen.

Einmal, bei 40 Grad auf einer Fahrt durch die Abruzzen mit Romano, hatte ich die Sonnencreme vergessen. Ich faltete das trockene Blatt eines Laubbaums und klemmte es unter den Nasensattel der Brille, was einen Sonnenbrand vermeiden half. A propos Nasensattel: Das ist bei den besten Brillen ein im wahrstem Sinne wunder Punkt. Oft ist die Stelle, auf der das Plastikteil auf der Nase aufsitzt, nach mehrstündigen Ausfahrten leicht verdickt und weißlich verfärbt, was sich wieder zurückbildet und die Schönheit des Radfahrers nicht nachhaltig beeinflusst.





summ, summ, summ...

die Ohren

Eines Sommers vor ein paar Jahren auf dem Radweg am Tiber in Rom war da plötzlich ein lautes Brummen nicht an, sondern schon in meinem rechten Ohr. Ich hielt abrupt an, fingerte herum, aber da hatte das Vieh schon zugestochen. Immerhin fand es noch den Weg nach draußen. Sicher hat der eine oder andere schon einen Bienenstich unter dem Helm erlitten. – Bei Helmut drang einmal ein Insekt oben ein, wühlte sich nach unten durch und stach in der Nierengegend zu.

 

Hals und Nacken

Hals, Nacken: eine diffizile Region, bei längeren Fahrten verspannt und schmerzhaft. Romano Puglisi, Velo-Veteran aus Rom, rät bei Nackenverspannungen zu leichten Beugungen des Kopfes: ein Mal nach rechts drehen, ein Mal nach links; nach oben und unten bewegen; eine Seitwärtsbewegung nach rechts und eine nach links. Eine Weile habe ich das praktiziert. Ja, das Helmband! Manchmal fügt einem der Helm vorn an der Stirn eine Furche zu, die aber wieder vergeht und die Schönheit ... siehe Nase. – H. bekam einmal starke Kieferschmerzen und musste den Zahnarzt aufsuchen. Doch auch dafür war ds Helmband verantwortlich. Bei Hals und Nacken sollte man die empfindliche Außenseite nicht vergessen, die im Alltag durch den Kragen geschützt wird, beim Radfahren aber von der Sonne beleuchtet. Dünne Haut, das tut weh!

 

die Augen

Auch die beste Brille à la Rudy Project kann nicht verhindern, dass der Wind sich seinen Weg sucht.

Auch meine Augen entzünden sich leicht. Manche Profis sehen nach einer Etappe aus wie Zombies oder Drogensüchtige, mit roten Augen. Dafür hilft nur: die richtige Brille finden, die möglichst tropfenförmig ist und viel verdeckt. Ich hatte schon zwei Dutzend Brillen, darunter auch eine für 180 Mark, die alle irgendwo verloren wurde. Schließlich landete ich in einem Fahrradgeschäft in Landeck bei Chur und fragte nach einer Brille, und die Verkäuferin meinte, billige verkauften sie eigentlich nicht, aber was – da sei eine, 22 Franken, wenn ich die ... Und die begleitet mich nunmehr seit zwei Jahren und hält gut den Wind ab. Sie muss auf mich gewartet haben, da in Landeck.

 

Schulter und Oberarme

Dass das Schlüsselbein bei Stürzen neben dem Handgelenk am häufigsten bricht, weiß man.

Vor Jahren verspürte ich einen Schmerz links oben, am Schultereckgelenk. Es tat weh, wenn man draufdrückte. (Einmal sagte ein Zahnarzt zu meinem Vater: „Warum drücken Sie denn drauf? Lassen Sie’s halt.“) Gut, man muss nicht unbedingt draufdrücken, aber da war ein leichter Schmerz, der aber nach ein paar Jahren plötzlich weg war. Jetzt tut links die äußerste Ecke des Ellenbogen weh, wenn man draufdrückt. Nicht draufdrücken, gut. Auch das wird nach ein paar Jahren wieder vergehen.





so kanns gehn

Unterarme, Hand und Finger

Die Finger werden manchmal taub beim Fahren, das gehört dazu. Man verkrampft, vielleicht sind auch die Handschuhe zu eng. Kein Grund zur Besorgnis. Das Handgelenk ist natürlich am gefährdetsten und ein diffiziles Instrument. Eine Radfahrerkarriere, auch wenn es die eines „Hobbyfahrers“ ist, muss manchmal Schäden aufzeigen, wie sie früher Gladiatoren oder Soldaten hatten.

Bei mir: Sturz im Januar 2001 in Rom, linkes Handgelenk tat weh, heilte nach vier Monaten, eine Röntgenaufnahme zeigte keinen Bruch. Trotzdem ist da was: Bei gewissen Bewegungen tritt ein ziehender Schmerz auf. Dann ein Sturz im Januar 2008 in der Schweiz: auf den Asphalt geknallt. Aufnahme zeigte keine Schäden, trotzdem manchmal Schmerzen, wenn das Wetter umschlägt. Man steckt nicht drin. Jedenfalls ist nun links und rechts etwas, Ausgewogenheit herrscht.

 

die inneren Organe

Das Herz ist das vitale Organ. Es hämmert manchmal und schlägt bei Bergfahrten ziemlich schnell. Plötzliche Beschleunigungen fordern es aufs äußerste. Noch schlägt es ruhig, Ruhepuls von 50, normaler Puls von 60. Aber gehen wir trotzdem schonend mit ihm um. Die Lungen geben selten Anlass zu Ärger, außer, man ist vergrippt, dann sollte man nicht fahren. Der Magen, der Darm? Auch die soll man nicht überlasten.






Nicht nur in der Abfahrt lauern bei der Abfahrt die Gefahren
© MrsFlax

die Reproduktionsorgane

Jeden Sommer heißt es, Radfahren könne impotent machen. Das haben Journalisten im Speicher, dieser Artikel kommt unweigerlich.

Was allerdings stimmt, ist, dass die Genitalregion manchmal völlig gefühllos wird. Dann muss man aufstehen und hoffen, dass die Taubheit nachlässt. Das tut sie dann auch. Negative Reaktionen auf die Wirkungsweise des Geschlechtsorgans habe ich jedoch noch nicht festgestellt. Natürlich reibt der Sattel an der Prostata, und man will gar nicht genau wissen, was da passiert. (Sagte ein Urologe zu den 30.000 bis 40.000 Kilometern im Jahr, die Jan Ullrich fuhr: „Dem seine Prostata möchte ich nicht sehen.“ ) Zum Glück gibt es diese Sättel mit dem Einschnitt, aber vielleicht ist das nur ein Placebo.

 

die Oberschenkel

Die Oberschenkel spenden die Kraft. „Splendido“ müssen sie sein. Manchmal brennen sie, das ist normal, aber sie sind spielentscheidend.

Ich kann mich an einen Tag im August 2004 erinnern, ich fuhr im Zug aus St. Gallen ins Allgäu, denn das Wetter schlug um. Es war plötzlich zehn Grad kälter, ich musste auf einen Anschlusszug waren – und plötzlich kam ich kaum mehr die Treppen hinunter! Die Oberschenkelmuskulatur hatte sich völlig verhärtet, es tat schrecklich weh. Am Ankunftsort fuhr ich mit dem Rad noch den Kilometer zu meiner Mutter, und dann half mir ein heißes Bad. Vermutlich müssen die Oberschenkelmuskeln immer gut arbeiten; eine Pause, vor allem in der Kälte, tut ihnen nicht gut.





ein Hungerast wäre fatal
© MrsFlax

Einmal bin ich ins Allgäu gefahren, und meine Freunde hatten die Angewohnheit, am frühen Nachmittag ordentlich zu vespern. Also habe ich tüchtig zugelangt, zu tüchtig. Bei der Rückfahrt verkrampfte sich mein Magen, er musste zuviel verarbeiten, und bis zum Bodensee habe ich es geschafft, dann forderte mein Darm, sich entleeren zu wollen, und schon war es besser.

 

Das Gegenteil wäre der „Hungerast“, den ausschließlich Radfahrer kennen. Man hat zuwenig gegessen, die Leistung lässt abrupt nach, die Batterie ist leer, die Beine schwer wie Zementsäcke. Ein weiteres Leiden ist die Dehydrierung. Man hat zuwenig getrunken. Die Zunge klebt am Gaumen, Leere entsteht, das Blut wird dicker, der Fahrer quält sich nur noch dahin. In Rom trat eine Weile das Phänomen auf, dass ich beim Wasserlassen große Schmerzen hatte. Heiß floss dann der Urin heraus, und ich führte es darauf zurück, bei der Hitze zuwenig getrunken zu haben. Mag sein.

 

die Nerven

H. berichtet da von einem Hexenschuss durch das Heben des Fahrrads vom Radständer des Autos. Einen anderen (älteren) Radfahrer, den ich im Zug traf, traf es im Thermalbad, das eigentlich, wie er meinte, gut für die Gesundheit sein sollte. Danach brachte er kaum noch das Bein über die Lenkstange ...





irgendwann schmerzt jedes Knie
© Mani Wollner

die Knie

Dieses bietet, wie Helmut richtig bemerkt, Material für ein ganzes Buch. Es ist eine komplizierte und anfällige Apparatur, die protestiert, wenn der gewohnte Knick-Winkel senkrecht zum Erdboden sich auch nur um ein Prozent ändert. Liegt es am Sattel oder am Schuh? Ist vielleicht überhaupt ein Bein kürzer? (Das diagnostizierte vor Jahren bei mir ein Arzt in Rom. Einlagen gekauft. Sie immer getragen. Bis ich’s dann satt hatte und sie fortwarf. Aus den Augen, aus dem Sinn: nie Probleme gehabt seither.) Einfach weiterfahren, wenn es mit nicht zu großen Schmerzen geht. Gerade das Knie erholt sich durch die Tätigkeit (manchmal).

 

Wer jünger ist, denkt nicht darüber nach, aber über Fünfzigjährige sind nicht mehr so gelenkig. Kürzlich saß ich in Meditationshaltung im Wohnzimmer, sprang auf und lief die Treppen hoch, und sofort spürte ich mein rechtes Knie, das ich wohl etwas verkantet hatte. Nach ein paar Tagen und ein wenig Salbe war es wieder in Ordnung. Also keine Späßchen mit dem Knie!





dieser Schuh drückt nicht...hoffentlich
© Mani Wollner

die Unterschenkel

An den Waden sieht man den echten Radfahrer. Wenn man einen Vordermann hatm, reicht es eigentlich, auf dessen Waden zu schauen (eine genügt), und man weiß, was man zu erwarten hat. Wadenkrämpfe müssen schlimm sein.

Einmal habe ich einen lustigen Wadenkrampf mitgekriegt. Es war im Mai 2003 in Rom, wir saßen im Wohnzimmer von Tante Gabriella und Onkel Lillo, im Fernsehen spurteten gerade vier Fahrer einer Etappe des Giro d’Italia in Richtung Ziel, 4.000 Meter fehlten noch, da, plötzlich – ein markerschütternder Schrei! Hier im Wohnzimmer! Onkel Lillo hatte beim Betrachten des Giro-Schlussspurts, vom Geschehen irgendwie magisch-sympathisch bewegt, einen Wadenkrampf erlitten. Masseurin Gabriella massierte ihm die Schmerzen weg, doch der Etappensieg war verloren.

 

Füße und Zehen

Im Winter werden sie leicht kalt. Zehen stecken oft unbeweglich in den Schuhen und werden starr, doch sie tauen immer wieder auf. Die größten Gefahren lauern für mich dann, wenn man auf Socken die enge, mit Teppichboden belegte Kellertreppe hinuntergeht, um das Rennrad zu holen. Meist stolpert man dann, stürzt, prellt sich die Ferse oder den großen Zeh.

 

 

Daher muss man bei allen drohenden Gefahren und Gesundheitsschäden durchs Rad immer bedenken: Wenn man einmal auf dem Rennrad sitzt, ist das Verletzungsrisiko bereits um 30 Prozent gesunken.


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