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BRD / DDR - Vergangenheit



1991 Deutscher Schwimmverband DSV zur Anstellung dopingbelasteter Ex-DDR-Trainer:
Trainer-Erklärungen und
Reaktion des DSV durch Harm Beyer



Bereits Ende 1990, in Hinblick auf die WM in Perth, Januar 1991, hatte der DSV versucht mittels Ehrenerklärungen Ruhe in die öffentliche und interne Diskussion zu bringen. So hatte er Eidesstattliche Erklärungen von Sportlern und Sportlerinnen, Trainern, Ärzten und Betreuern gefordert: Schwimmer und Schwimmerinnen mussten versichern, seit August des Jahres 1990 - Beginn der Trainingskontrollen in Ost und West - "wissentlich keine Dopingmittel" genommen zu haben. Trainer, Ärzte und Betreuer sollten unterscheiben: "Ich erkläre an Eides Statt, daß ich in der Vergangenheit wissentlich meinen mir anvertrauten Sportlerinnen und Sportlern keine Dopingmittel zur Einnahme gegeben und sie auch nicht verbal dazu aufgefordert habe. Auch habe ich dies nicht über Dritte getan oder versucht. Mir ist bekannt, daß die Abgabe einer falschen eidesstattlichen Erklärung rechtliche Schritte nach sich ziehen kann."(FAZ, 22.12.1990) Diese Erklärungen erweisen sich jedoch weitgehend als wertlos. Die Diskussion um das DDR-Erbe entbrannte 1991 erst richtig.

 

Ende 1991 veröffentlichte das Präsidium des Deutschen Schwimmverbandes eine Erklärung zum weiteren Umgang mit ehemaligen dopingbelasteten DDR-Trainern. Man habe eine Überprüfung vorgenommen und einen Beschluss gefasst. Danach wolle man der Reiter-Kommission folgen, und Trainer einzeln überprüfen (>>> Abschlussbericht der Reiter-Kommission). Angestellt würden nur Personen, bei denen sichergestellt sei, dass sie eine Garantie für einen dopingfreien Sport böten.

Eingeflossen in diesen Beschluss ist eine Erklärung, die am 18.11.1991 von 25 ehemaligen DDR-Trainer unterschrieben worden war. Darin geben sie zu, in das Dopingsystem integriert gewesen zu sein, wenn auch in unterschiedlichem, aber meist geringem Ausmaß. Zudem hätten sie keine Möglichkeit gehabt 'ohne Gefährdung der eigenen Existenz', die Beteiligung zu verweigern.

 

Das DSV-Präsidium hielt nun fest, dass diese 25 Trainer die geforderte Garantie böten, eine weitere Überprüfung fände nicht statt.

 

Ehemalige Cheftrainer der DDR sowie ehemalige Verbands-Chef- und Sektionsärzte würden bis auf Weiteres keine Aufgaben übernehmen können.

 

Auf die Erklärung der Ost-Trainer reagierten einige (14?) Westtrainer auf Initiative von Georg Weinzierl, München, mit einem Offenen Brief, in dem sie u.a. dem DSV Unfähigkeit vorwarfen, das Doping-Problem so zu behandeln, 'wie es sein müsste, um nicht als Dopingverband abgestemperlt werden zu können und um den Schwimmsport nicht reslos kaputtzumachen.'

 



die Erklärungen von DSV, Ost- und Westrainern









Offener Brief der West-Trainer im DSV 1991






 

 

 

 

 

 

 



Harm Beyer:
Von der "Quadratur des Kreises" zum notwendigen Handlungsrahmen

Harm Beyer schrieb zu den Erklärungen unter obiger Überschrift im Schwimm-Magazin 26/91 Folgendes:

 

- Da das DSV-Präsidium an einem Zusammenwachsen der beiden deutschen Schwimmverbände 'drängend' interessiert sein, sei eine 'wirkungsvolle Zusammenarbeit' zwingend.

 

- man möchte der Reiter-Kommission folgen und nur Trainer einstellen, die eine Garantie für dopingfreien Sport darstellten.

 

- der Bundesminister des Inneren stelle "Anschubmittel" zur Verfügung für Trainer der ehemaligen DDR, die aber zu DDR-Zeiten innicht in unerlaubte Praktiken verwickelt gewesen sein durften

 

- die Richthofen-Kommission habe aber festgestellt, dass so praktisch jeder ehemalige DDR-Trainer in Dopingpraktiken verwickelt gewesen sei, da das Doping in der DDR flächendeckend war. Beyer: "Soll man auf eine künftige Mitarbeit all dieser Trainer völlig verzichten? Es kann doch auch nicht gewollt sein, als gäbe es im vereinigten DSV keinen Ostteil."

 

Um diese sich widersprechedne Anforderungen zusammen zu fügen, macht Beyer folgende Vorschläge:

 

"Der ausschließlich nach vorn gerichtete Blick, ohne Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung von Geschehnissen in der Vergangenheit, kann die erwünschte Lösung nicht bringen. Solange die Vergangenheit nicht aufgearbeitet ist, ist der Aufbau einer effektiven zukünftigen und erfolgreichen Arbeit nicht möglich.

Es galt daher, die Betroffenen zu überzeugen, sich der Vergangenheit zu stellen, ein Unterfangen voller Problematik, denn der Versuch, eine DSV-eigene Untersuchungskommission zu bilden und kompetent zu besetzen, um so eine Aufarbeitung von Einzelfällen zu erreichen, war kläglich gescheitert."





Harm Beyer
redet 1993 Klartext.
Er "wähnte 1993 ein Potenzial von deutschen Athleten im Anmarsch, "daß in seinem Ausmaß unübertroffen sein dürfte". Der Fehler vieler Sportfunktionäre sei es, "den Spitzensport wie die übrigen Bereiche des Sports unter Beachtung idealistischer Prinzipien wie Ethik, Moral, Fairness, Edelmut, Sauberkeit, Ehrlichkeit etc. führen zu wollen. ... Nur der Beste ist erfolgreich, und um Bester zu sein, muss alles ausgenutzt werden, was das Erreichen dieses Ziels ermöglicht.""
(Stuttgarter Zeitung, 26.3.1993, zitiert nach U. Müller/ G. Hartmann, Vorwärts und Vergessen 2009, S. 210)

siehe hierzu auch den
Briefwechsel zwischen DSV und DSLV, 1993

Doch schon 1992 ist klar, wie wandlungsfähig der Schwimmfunktionär ist:
"Wir müssen mitbetrügen", der Spiegel, 5.10.1992

Weiter schreibt er, es gäbe keine überzeugenden 'Beweise' für Schuld oder Mitschuld einzelner Trainer. Zudem hätten Geständnisse noch nie dazu geführt, dass die Trainer hinterher akzeptiert worden wären, im Gegenteil, sie würden sich nachteilig auswirken. Zudem würde aus dem Kreis der ehemaligen DDR-Trainer immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, dass auch im Westen gedopt worden sei und dass eine Aufarbeitung der Vergangenheit beide Teile Deutschlands betreffen müsse.

 

Daher könne nach Beyer die Erklärung der 25 Ex-DDR-Trainer nicht hoch genug wert geschätzt werden. "Wichtig scheint mir nur, daß überall richtig erkannt wird daß [mit der Erklärung] nur ein erster Schritt gemacht ist. Was dringend folgen muss, ist jetzt die offene und von allen ehrlich betriebene Diskussion über die Vergangenheit und die Zukunft des Schwimmsports in Deutschland mit allen Trainern aus Ost und West, die den Leistungssport Schwimmen künftig mit tragen und gestalten sollen."

 

Mit der Akzeptanz der Erklärung hatte das DSV-Präsidium auch für den Bundesinnenminister den nötigen Handlungsrahmen geschaffen, "um die Saison 1992, die in dem Höhepunkt der Olympischen Spiele von Barcelona gipfeln soll, inhaltlich, personell und auch finanziell so zu planen, daß sie erfolgreich verlaufen kann."

 

Die Erklärung von Trainern aus den alten Bundesländern findet Beyer empörend und völlig unbegreiflich. Er unterstellt ihnen 'ausschließlich egoistische' Ziele. Hofften sie, in Barcelona die freiwerdenden Stellen zu bekommen? "Jeder vernünftige Trainer in Deutschland weiß, daß die Auswahl, die den DSV bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr vertreten wird, etwa je zur Hälfte aus Schwimmern aus den neuen Bundesländern und den alten Bundesländern bestehen wird. Jeder vernünftige Trainer weiß auch, daß eine weitere Polarisierung der Trainer West und der Trainer Ost alles andere als förderlich für ein erfolgreiches Abschneiden der Nationalmannschaft in Barcelona sein kann." (...)

Diese Trainer, die jetzt selbstherrlich mit dem Finger auf andere zeigen, übersehen auch, daß es zahlreiche Hinweise darauf gibt, daß auch im Bereich der alten Bundesländer und auch im Schwimmsport Mißbrauch mit dem Einsatz von anabolen Steroiden betrieben worden ist. Wer sich so verhält wie diese (West-)Trainer, provoziert weitere Untersuchungen, die sich dann ausschließlich auf Doping-Mißbrauch durch Trainer aus dem Bereich der alten Bundesländer konzentrieren werden, da ja aufgeklärt ist, was sich Bereich der ehemaligen DDR abgespielt hat." Um aber mit seiner Nationalmannschaft erfolgreich sein zu können, brauche der DSV jetzt eine 'vertrauensvolle, harmonische und effektive Zusammenarbeit' aller Trainer. Den West-Trainern, die den Offenen Brief unterzeichnet haben, sollte daher nach Meinung Beyers eindeutig und konsequent entgegen getreten werden.


Gazzetta durchsuchen:




Dokumente

1959 Prokop, Ludwig: Doping
1967 Ziegler, Karl: Doping im Sport
1968 Prokop, Ludwig: Chemische statt Olympische Spiele?
1969 Steinbach, Manfred: Doping
1969 Berendonk, Brigitte: Züchten wir Monstren?
1970 Rosseck/Mellerowicz: Nebenwirkungen der Anabolika
1970 / 1977 Rahmenrichtlinien des DSB zur Dopingbekämpfung
1972 Dopingempfehlungen in der ehemaligen Sowjetunion
1973 Bauersfeld et al. Anabolika-Studie
1977 Berendonk, Brigitte: Der Sport geht über den Rubikon
1977 Franke, Werner: Anabolika im Sport (u. Antwort Keul/Kindermann)
1977 Dotzert, Ludwig: Ein Geruch von Apotheke
1977/1983 DSB/NOK Grundsatzerklärung für den Spitzensport
1978 Berendonk, Brigitte: Brutalisierung im Frauensport
1986 BISp Antidoping-Broschüre
1987 Sportler/innen Umfrage
1988 DGSP: Erklärung zur medikamentösen Behandlung von Sportlern
1987/1988/1989 Beschlüsse Sportministerkonferenz
1989 Neues Forum Leipzig: Zur Ethik und Moral des Sports
1990 BAL-Antidoping-Erklärung
1991 Bericht der Unabhängigen Dopingkommission (Reiter-Kommission)
1991/2007 Erklärungen der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft
1991 DSV Erklärungen zur Anstellung dopingbelasteter Ex-DDR-Trainer
1991 ad-hoc-Kommission, Empfehlung Trainer Biathlon
1993 Franke, Werner: Verantwortung und Schuld der Forscher, Runder Tisch DLV
1993 Rahmen-Richtlinien des DSB zur Bekämpfung des Dopings
1994 Dopingkontrollsystem ADK von DSB/NOK
1998 ad-hoc-Kommission: Nachwehen Franke - von Richthofen
2000 Kölner Erklärung "Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler gegen Doping"
2002 Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz - Diskussion, Texte
2007 Wüterich/Breucker Streichung Dopingrekorde
2007 BMI ABSCHLUSSBERICHT PROJEKTGRUPPE SONDERPRÜFUNG DOPING
2009 Abschlussbericht Freiburger Expertenkommission
2009 Laudatio Digel Ehrendoktorwürde Schäuble
2009 DSV: Abschlussbericht der Kommission „DDR-Doping"
2009 Zentrale Ethikkommission: Doping und ärztliche Ethik
2011 / 2007 DGSP: Doping im Leistungssport in Westdeutschland
2010/2013 Forschungsprojekt Doping in Deutschland
2013 Braun, Jutta: Brandenburg Aufarbeitung der Geschichte...
2013 Geipel, Ines: Der Sport in Brandenburg...
2007-2013 Doping-Opfer-Rente
1977-2013 Doping-Beschlüsse Sportministerkonferenz
2014 DOSB Abschlussbericht Steiner-Kommission


Dt. Bundestag

2014 Kleine Anfrage 'Doping in Deutschland...', Drucksache 18/ 683
2013 BMI Expertengespräch zur Dopinggesetzgebung am 26. September 2013
2013 Antrag Doping-Opfer-Rente
2012 Evaluierungsbericht Gesetz Doping im Sport (DBVG)
2011 Kleine Anfrage 'Die Bedeutung des Sports ...'
2011 BMI Sportausschuss, Arbeitsschwerpunkte der WADA, Antidoping im intern. Vergleich
2010 Dt. Bundestag 12. Sportbericht
2009 Nationaler Dopingpräventionsplan
2009 BMI Sportausschuss „Medikamentenmissbrauch im Freizeit- und Breitensport“
2008/2009 Dt. Bundestag 'Gendoping'
2008 BMI Sportausschuss, Fördermittel BDR
2007 BMI ABSCHLUSSBERICHT PROJEKTGRUPPE SONDERPRÜFUNG DOPING
2006 BMI Maßnahmenpaket der Bundesregierung gegen Doping im Sport
2006 Dt. Bundestag 11. Sportbericht
2006 BMI Sportausschuss, Öffentliche Sachverständigenanhörung Doping
2002 Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz - Diskussion, Texte
2002 Dt. Bundestag 10. Sportbericht
2001 BMI Sportausschuss, Anhörung Dopingopfergesetz
1999 Dt. Bundestag 9. Sportbericht
1999 Dt. Bundestag 'Doping im Spitzensport und Fitneßbereich'
1995 Dt. Bundestag 8. Sportbericht
1994 Anti-Dopingbericht der Bundesregierung
1993 Sportausschuss/Enquete-Kommission, Öffentl. Anhörung: Sport in der DDR
1991 Testosteronforschung 1985-1990
1990 Dt. Bundestag 7. Sportbericht
1990 Dt. Bundestag 'Situation der Mädchen und Frauen im organisierten Sport'
1988/1989 Dt. Bundestag 'Entwicklung und Förderung des Spitzensports'
1987/1988 Dt. Bundestag 'Maßnahmen zu Doping im Sport'
1987 Sportausschuss, Öffentliche Sachverständigen-Anhörung 'Humanität im Spitzensport'
1987 Dt. Bundestag 'Humanität im Leistungssport'
1982/1986 Dt. Bundestag 5. und 6. Sportbericht
1981 Dt. Bundestag ''Ergebnisse des XI. Olympischen Kongresses in Baden-Baden...'
1979 Dt. Bundestag 'Leistungssportförderung und Dopingmißbrauch...'
1978 Dt. Bundestag 4. Sportbericht
1977 Sportausschuss, Öffentli. Sachverständigen-Anhörung (Doping)
1977 Dt. Bundestag, Fragestunde - Antworten zu Montreal und Doping, 17.3.1977
1976 Dt. Bundestag 3. Sportbericht
1973 Dt. Bundestag 2. Sportbericht


Dopingaufarbeitung Ost/West

Diskussion Dopingaufarbeitung, Texte
Hansjörg Kofink, Portrait und Texte


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