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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser



Armando Basile, der ewige Fahrradpilger

Ein strahlender Tag Ende Oktober, eine Ausfahrt mit dem Rennrad im Flachen. Bei Schliengen fuhr ich, gegen meine ursprüngliche Absicht, ein kleines Stück weiter in Richtung Süden. An einem Anstieg sprach ich einen Fernradler mit schwerem Gepäck an. Woher er komme? „Italiano“, sagte er. Er wolle nach Rom. Dann lachte mich der Radfahrer von der Seite an und sagte: „Sono Armando.“ Ich bin Armando! Wir kennen uns gut. Armando Basile ist 63 Jahre alt, geboren in Lecce an der Adria (Apulien, ziemlich weit unten), wohnhaft in der Malteserstadt Heitersheim 20 Kilometer südlich von Freiburg. Er ist in der ganzen Gegend bekannt; ja, man muss eigentlich sagen: Armando ist weltbekannt.

 




So kennt man Armando Basile:
unterwegs mit schwerem Gepäck



Ich hätte ihm dieses Jahr in Cordoba, Kopenhagen oder Cleveland begegnen können, wenn ich dort gewesen wäre. Bei Kopenhagen war ich ja, doch Armando war vermutlich gerade in Kansas. Am Nordkap stieß ein Reisebus aus Badenweiler auf ihn. Armando war dort. Unser unvermutetes Treffen nach fünf Jahren Pause fand jedoch vor Bad Bellingen statt, ganz in unserer Nähe. Armando sieht aus fast wie vor zehn Jahren, drahtig wie eh und je, braungebrannt und mit seinem verhaltenem Lächeln. Er spricht leise und überlegt.



Januar bis Oktober: 35 000 Kilometer

Ihn zu treffen ist elektrisierend. Er ist wie ein Mann von einem anderen Stern. Er ist der, der man, wenn man gern Rad fährt, auch hätte sein wollen. Der man gern in einem anderen Leben wäre, im sechsten oder siebten, wenn man ein Dutzend zur Verfügung hätte. Nun zu den Fakten: Dieses Jahr ist er schon 35.000 Kilometer gefahren. Von Gibraltar hoch zum Nordkap; von New York nach Alaska und zurück, also 12.000 Kilometer in 80 Tagen. Auf diesem Trip wogen Rad und Gepäck zusammen 60 Kilogramm, so viel wie er selbst!

 




Der Fernradler auf einem nordamerikanischen Highway



Seit 7. November sollte er in Australien sein, will vom äußersten Norden hinunter nach Adelaide an der Südküste, und dann ist Neuseeland das Ziel. Ein 70-jähriger schwäbischer Radler sagte mir einmal in Florenz, Neuseeland sei das Größte, was man als Radfahrer erleben könne. Im vergangenen Jahr hat Armando ganz Australien umrundet, das machte 12.000 Kilometer. Vor vier oder fünf Jahren fuhr er in drei Monaten ums Mittelmeer, 11.000 Kilometer.

 

Auf seinen Straßenkarten malt Armando mit Filzstift jede Strecke auf, dann dort, wo er geschlafen hat, ein Zelt-Symbol und die Zahl der Tageskilometer darüber. Alles wird genau dokumentiert. Manchmal malt er Wolken und Regentropfen auf die Karte, dann eine lachende Sonne. In unserer Gegend lässt er sich in Bäckereien und anderen Läden seine Karte abstempeln. Da ist er ein echter Deutscher. Aber für sein Unterfangen ist es unerlässlich, genau zu sein.

 




Die Nordamerika-Karte von Armando – fast ein Kunstwerk!



Armando Basile will nämlich als erster Mensch eine Million Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen. Nun hat er 950.000 geschafft, in 27 Jahren. Ende 2011 will er die Traummarke überwunden haben. Dann wird er seine Dokumente wohl dem Guinness-Buch vorlegen. Er hat immer Karten, Fotos von sich und allerlei Schreibkram bei sich – in seinem „Büro“, das sich in der linken vorderen Ortlieb-Satteltasche (der Frontroller) befindet. Die andere vordere Tasche ist die „Küche“, mit Kocher und Proviant, die beiden hinteren sind „Kleiderschrank“ und „Werkstatt“. Dazu: Zelt und Schlafsack auf dem Gepäckträger.



Jede Nacht im Zelt

Armando schläft immer draußen. Manchmal zeltet er in der Nähe der Monster-Lastwagen an den Raststätten; manchmal fragt er, ob er sein Zelt in einem Garten aufbauen dürfe. Das darf er meist. Die Menschen in den USA seien supernett gewesen, an den großen Tankstellen sammelten sie sich um ihn und machten ihm sogar Geldgeschenke. In die Städte hinein fährt er ungern; er übernachtet immer davor oder dahinter. Seine Sachen wäscht er an Tankstellen. Man sieht ihm das anstrengende Leben mit 130 oder 140 Kilometern Tagespensum und das Schlafen im Zelt nicht an. Er sieht aus wie das blühende Leben.

 

Als alles angefangen hat, ich erinnere mich an seine Geschichte, war er Mitte dreißig. Er hatte auf dem Bau gearbeitet und starke Rückenschmerzen. Ein Arzt empfahl ihm das Fahrrad: Die Schmerzen verschwanden. Wie er auf den Gedanken kam, nur noch Rad zu fahren, weiß ich nicht. Damals war er verheiratet mit Gisela (er hat einen Sohn, Dirk) und arbeitete in einem Werk in Müllheim, im Schichtdienst. Wie er es schaffte, nebenbei täglich seine 150 bis 200 Kilometer zu fahren, weiß ich auch nicht. Gisela hat er manchmal mitgenommen, und kürzlich fiel mir im Keller ein Bild der beiden mit ihren Rädern vor dem Kolosseum in die Hände. Es war im Jahr 2002.

 




Armando und Gisela vor dem Kolosseum. Damals lebte ich auch in Rom.



2005 ist Gisela gestorben, mit Anfang fünfzig. Da fuhr Armando lange Zeit immerzu, auch im Januar bei rieselndem Schnee durchs Elsaß, und langsam kam er wieder zu sich. Die Touren außerhalb Europas – was sich wegen des Wetters im Winter anbietet – macht er erst seit kurzem. Zuerst bereiste er alle Länder Europas, und für eine Russland-Reise (irgendwann um 1996) lernte er sogar schnell etwas Russisch. Dann kam immer mal wieder eine Postkarte bei mir an, aus den USA oder Südfrankreich oder der Türkei, auf der stand: „ Gruß Armando.“ Nett, dass er an mich gedacht hat.

 

Ich glaube, nur Afrika südlich der Sahara und Ostasien kennt er nicht. Was für eine Welt sieht er? Es wird die Welt sein, die wir, die wir Radtouren machen, auch kennen: Straßen, Tankstellen, die vorüberziehende Landschaft, Wind und Regen und grelle Sonne, Begegnungen mit freundlichen Menschen, mit weniger freundlichen Autofahrern, mit Vögeln und größerem Getier, umbrummt von Flugzeugen und Trucks. Der Abend ist ein Ausklang. Jeden Abend woanders.



Seid stets im Flug

Aber immer unterwegs sein bedeutet, ein Pilger auf zwei Rädern zu sein. Jeder Halt ist vorübergehend: Zelt auf, Zelt ab, aufpacken, weiterfahren. Ganze Völker waren Nomaden, und unsere Sesshaftigkeit ist noch jung, gerade einmal dreitausend Jahre alt. Sicher sind der kongolesische Viehhirt und der afghanische Wanderprediger Armando näher als der Webdesigner mit kleinem Apartment in München-Haidhausen, vor dem der weiße BMW steht.

 




Seid stets im Flug! (Bild: H. Krämer)



Armando ist immer unterwegs wie ein Vertriebener, ist überall im Exil oder überall zu Hause. Der arabische Mystiker Avicenna, der vor tausend Jahren lebte, schrieb in seiner „Erzählung über den Vogel“: „Seid stets im Flug. Sucht euch nicht ein bestimmtes Nest, denn im Nest werden die Vögel gefangen.“ Damals gab es Sufi-Mönche und Derwische, die kreuz und quer durch den Orient unterwegs waren, von Almosen lebten und Gott suchten, der ihnen, wie sie meinten, auch in Gestalt eines freundlichen Kameltreibers (heute: eines Lastwagenfahrers) erscheinen konnte.

 

Mir fiel ein Zitat von Vilém Flusser (1920-1991) ein, und in seinem Aufsatz „Nomadische Überlegungen“ habe ich ihn gefunden. „Sesshafte sitzen und Nomaden fahren ... Bei Sesshaften genügt es, Ecke 4. Avenue / 52. Straße, New York anzugeben; bei Nomaden muss 10. April 1990 16 Uhr hinzugefügt werden.“ Er schreibt, „dass der Sitzende besitzt und der Fahrende erfährt, dass der Sitzende in der Gewohnheit wohnt und der Fahrende Gefahr läuft“. Flusser, der Medientheoretiker und Visionär, sah eine neue Zeit kommen, in der nicht mehr Besitz, sondern Information Macht ermögliche und in der nicht mehr Ökonomie, sondern Kommunikation der Unterbau der Gesellschaft sei.

 




Der Philosoph Vilém Flusser (1920–1991)
(Verlag Orange-Press)



Doch Veränderungen von Gesellschaften gehen langsam vor sich. Heute, 20 Jahre später, ist unsere Welt nicht viel anders, aber Flusser hatte die Grundbewegung erkannt. Das Internet hat tatsächlich alles beschleunigt und vor sich hergetrieben. Dennoch (vielleicht auch deswegen) sind die Leute rastlos unterwegs und pendeln und reisen. In der Liebe zu den Autos, schrieb einmal Theodor W. Adorno, schwinge „psychische Obdachlosigkeit“ mit. Vilém Flusser übrigens starb als Nomade: auf dem Weg zu einer Vortragsreise, bei einem Autounfall 1991 in der Nähe von Prag.



Armandos Schutzengel

Einmal äußerte Armando, er wolle gern anderen ein Vorbild sein. Das ist er in der Tat, und bei unserem Treffen habe ich es ihm auch gesagt. Manchmal denkt man, ob einen nicht langsam unmerklich das Alter packt – dann trifft man Armando und wischt diese Gedanken beiseite. Wenn jemand mit 63 Jahren 40.000 Kilometer im Jahr fährt und putzmunter wirkt, schaut man gleich noch optimistischer in die Zukunft. Dass einer so locker über die befahrensten Straßen dieser Erde radelt – in den USA und Australien schön am Rand, und wenn ein Truck kommt, ganz außen bleiben – und weiterradelt, gibt einem Mut.

 

Das klänge alles wie ein Märchen, hätte ich nicht in einem Artikel des „Daily Globe“ aus Worthington/Minnesota gelesen, dass Armando 2009 in Kanada einen schweren Unfall hatte, am Rückgrat operiert werden musste, vier Wochen im Krankenhaus lag und erst drei Monate danach wieder radfahren konnte. Im Juni stattete er der Klinik, einen Jahr später, wie versprochen einen Besuch ab. Ja, er ist ein Harter, „un tosto“, wie der Italiener sagt.

 

Armandos Schutzengel möge nun besser aufpassen und mithelfen, dass sein Klient uns die Million Kilometer schafft. Es geht um den Endspurt! Nun freue ich mich richtig auf den nächsten Mai und meine Italien-Tour von Rom in den Süden, wobei ich auch Lecce sehen will. Was ich da vorhabe, ist ja ein Klacks, wir können mehr schaffen, als wir meinen, denn es gibt Armando Basile, und er ist einer der unbekannten Helden dieser Welt.



 

Text Manfred Poser, Fotos privat, November 2010


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