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Doping und Suchtgefahr



ergänzende Artikel / Zitate



1974 Wolfgang Wolf: Zur Frage des Dopings (S. 10 und 11)

"Viele der in der Folge zu behandelnden Dopmittel führen auf Grund ihrer pharmakodynamischen Wirkung nach wiederholter Einnahme, insbesondere bei Personen mit entsprechender Konstitution ("Psychological make up" .s. Bericht des "Expert Comitee on Drugs Liabel to Produce Addiction" 1952), zudem noch zur "Gewohnheitsbildung" (habituation), einige sogar zur "Sucht" (addiction).

 

a) "Gewöhnung" (Gewohnheitsbildung) ist ein durch wiederholte Anwendung eines Arzneimittels erzeugter Zustand ...
b) "Sucht" ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, der durch wiederholte Zufuhr eines Pharmakons hervorgerufen und charakterisiert wird

1. durch den Wunsch, ein Pharmakon wegen seiner euphorischen Wirkung fortgesetzt einzunehmen,

2. durch das Fehlen einer Tendenz zur Dosissteigerung,

3. durch psychische Abhängigkeit von der Substanzwirkung bei fehlender physischer Abhängigkeit und fehlenden Abstinenzerscheinungen und

4. durch Beschränkung allfälliger gefährlicher Auswirkungen des Zustandes auf das Individuum.

 

b) "S u c h t« ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, der durch wiederholte Zufuhr eines Pharmakons hervorgerufen und charakterisiert wird

1. durch das unwiderstehliche Verlangen bzw. den Zwang, die Einnahme des Stoffes fortzusetzen und ihn sich mit allen Mitteln zu verschaffen,

2. durch die Tendenz zur Steigerung der Dosis,

3. durch psychische und physische Abhängigkeit von der Substanzwirkung und

4. durch gefährliche Auswirkung des Zustandes auf Individuum und Gesellschaft.

 

Der Ausdruck "Gewöhnung" wird im medizinischen Sprachgebrauch nicht nur im Sinne von "Gewohnheitsbildung" (habituation), also zur Charakterisierung des durch chronischen Gebrauch verschiedener Pharmaka und Genußmittel wie z. B. Coffein, Nikotin, Salizylaten, Azetanilid, Bromiden, Tranquilantien etc. herbeigeführten, oben definierten Zustandes angewendet, sondern, insbesondere in der Pharmakologie, auch zur Bezeichnung zweier verschiedener Reaktionsformen des Organismus auf wiederholte Zufuhr eines Pharmakons, die im folgenden als aktive und als passive Toleranz bezeichnet

werden ... (W. R. KUKOVETZ11).

 

In neuer Zeit hält die WHO wegen der fließenden Übergänge zwischen den Begriffen Gewohnheitsbildung und Sucht den übergeordneten Begriff "Arzneimittelabhängigkeit « (drug dependence) für geeigneter (zit. nach G. KUSCHlNSKY und H. LÜLLMANN22). Darunter versteht man den psychischen Zwang zur Wiederverwendung einer bestimmten Substanz, die auf Grund früherer angenehmer Wirkungen auf das Individuum den Wunsch nach ihrer Wiederverwendung bis zur Triebhaftigkeit intensiviert. Auch für unsere folgenden Betrachtungen fände diese Definition sinngemäß Anwendung.

Ferner kommt es bei einer Zahl von Dopsubstanzen oft auch zu Schädigungen im Sinne einer Hirnleistungsschwäche, d. h. zu einer (prinzipiell zuerst noch reversiblen) Desintegration der höheren Hirnleistungen, vor allem der intellektuellen Funktionen, oder es kann ein sogenanntes organisches Psychosyndrom entstehen, das durch eine Verminderung von Auffassung und Aufmerksamkeit, durch Abstumpfung von Affekten, Störung der Emotionen im Sinne deren Verflachung, durch Verminderung des Assoziationsbetriebes und durch schwere Störungen der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses charakterisiert ist. Die beiden letzteren Symptome weisen bereits zur organischen Demenz. EEG-Veränderungen können nachweisbar werden. Körperliche Belastungen im Sport - normalerweise ohne Konsequenz für die Hirnfunktion - können bei gleichzeitiger Einwirkung solcher Medikamente eine zusätzliche Noxe darstellen. (H. HOFF und W. SLUGA23 und persönliche Mitteilung von W. SLUGA.) Diese Erscheinungsbilder gesellen sich noch zu den übrigen somatischen Schädigungen, womit sich ein verhängnisvoller Kreis schließt."



2001 Jean-Pierre Escriva: Le Chalet de Thianty - Entzug abhängiger Sportler



Ist die Grenze zwischen Doping und Sucht schmal?
Warum soll man, wenn man schon gewisse Substanzen konsumiert, nicht noch andere nehmen? Sobald ein Sportler seinen Konsum nicht mehr unter Kontrolle hat, wird er abhängig. Es gibt hohe Risiken für psychiche Notlagen und damit steigt das Bedürfnis nach zusätzlichen Substanzen zu greifen um sich anzuregen. Darauf folgt eine weitere Depression. Es ist ein Teufelskreis. Das sind für uns die schwierigsten Fälle, die wir zu behandeln haben.
(Dr. Sabine Afflelou, Centre d'addictologie et de psychopatologie des sportifs de Bordeaux, 18.2.2004)

Der im Folgenden herausgestellte Textauszug ist Teil einer Untersuchung auf der Basis einer soziologischen Dissertation von Jean-Pierre Escriva "Intensivsport und Sport zwischen Norm und Abhängigkeit".

Mit Hilfe von Intensivinterviews wird folgende These überprüft:

Intensiv-Sport ist ein Abhängigkeits-/Suchtverhalten, ob mit oder ohne Substanzmissbrauch, der gedopte Spitzensportler ist eher ein überangepasstes Individuum als ein Mensch mit abweichendem Verhalten.

Der Text erschien in Sociétés contemporaines 4/2001 (no 44), p. 129-147.

 

Die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Sport und Sucht, seien es Drogen-/Medikamentensucht, Essstörungen oder Abhängigkeit von sportlichen Tätigkeiten an sich, wird in Frankreich schon seit längerer Zeit gestellt und erforscht. Es gibt einige Hinweise darauf, dass entsprechende Beziehungen bestehen, wobei Ursachen und Wirkungen vielfältig und nicht eineindeutig zu bestimmen sind. Es gibt aber Hinweise darauf, das leistungsstarke, leistungswillige Sportlerinnen und Sportler einem hohen Suchtrisiko ausgesetzt sind.

 

>>> Sport intensif et dopages entre normes et déviances

 

Inhalt:

 

1. LE SPORT INTENSIF COMME CONDUITE ADDICTIVE

TOXICOMANIES AVEC ET SANS DROGUE

ADDICTIONS AU SPORT

DÉPLACEMENT DES ADDICTIONS

 

2. INCIDENCES DE L’INSTITUTION SPORTIVE

LE CAS DE PASCALE OU L’ABSENCE DE CAUSES APPARENTES

LE CAS DE MANU, OU L’ENGRENAGE

 

3. L’ADDICTION COMME SURADAPTATION AU SPORT INTENSIF

DES CONTRAINTES STRUCTURELLES DE L’INSTITUTION

DIALECTIQUE DES STRUCTURES ET DES DISPOSITIONS

 

4. UNE NORMALITÉ DÉVIANTE ?

 

Eine Übersetzung oder eine Zusammenfassung auf deutsch ist geplant, aber momentan zeitlich nicht möglich. Maki

 

 

Zitat:

Le Chalet de Thianty

Der Verein « Le Chalet de Thianty » wurde 1985 als Zentrum zur Nachsorge von Patienten verschiedener Suchtrichtungen gegründet. Neben der Arbeit mit Drogensüchtigen liegt ein Schwerpunkt auf der Arbeit mit ehemals gedopten Sportlern. Pierre Dolivet (Psychosoziologe) ist Leiter eine Gruppe (spezialisierte Erzieher, Animateure, Krankenschwester, Koch, Sekretärin), die sechsmonatige Aufenthalte für jeweils 9 Patienten organisiert, davon 15% Spitzenssportler. Autonomie/Mündigkeit ist die Grundlage des Projekts, das in drei Phasen à 2 Monaten abläuft.

 

Phase 1: Abschottung gegenüber der familiären Umgebung, um zu sich selbst finden zu können und den jahrelang durch Sucht misshandelten Körper zu behandeln/pflegen.

Phase 2: Psychologischer Schwerpunkt mit Behandlung von verschütteten Traumatismen, Konfrontation mit Psychologen anstatt seelischen/psychischen Verletzungen mit Substanzen zu behandeln.

Phase 3: Phase der sozialen Wiedereingliederung mit Vorbereitung auf die Rückkehr in das aktive Leben.

 

Seit 1985 ist dies bei 70% gelungen (soziale und berufliche Integration). Der Autor war mehrmals zu längeren Aufenthalten in dem Zentrum. Zunächst scheinen Exsportler den anderen Patienten zu ähneln. Die meisten haben als Ursachenbeginn den elterlichen Wunsch nach Erfolg im Sport. Die Eltern investieren viel in die sportliche Zukunft ihrer Kinder. Wenn sie dann abstürzen, dann sowohl hinsichtlich des Sports, über den sie sich für die Eltern wertvoll gemacht haben, aber auch für ihr Selbstbild. Zudem haben die ehemaligen Spitzensportler ein spezifisches Verhältnis zu ihrem Körper. Die Originalität des Chalet de Thianty besteht darin, dass die Sportler einen anderen Umgang mit ihrem Körper über andere sportliche Aktivitäten in den Bergen lernen, inklusive Risikosportarten. (Klettern, Rafting). Die Ex-Sportler sind meist die schwierigsten Patienten, da sie einige Dinge im Umgang mit Sport neu lernen müssen, die Konzentration auf das Hier und Jetzt, die Akzeptanz des anderen als Partner, die im Gebirge lebensnotwendige Solidarität.

 



Ralf Meutgens: Gesundheitsrisiko Doping - Krank, süchtig, durchgedreht?, 5.2004

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Ein anderes großes Thema hinsichtlich der gesundheitsschädlichen Wirkungen des Dopings sind Depressionen ­ und zwar nicht erst, seit José-Maria Jiménez und Marco Pantani damit in Verbindung gebracht werden. Andere Radsportler erlitten ähnliche Schicksale, Selbstmordversuche und Selbstmorde hat es schon bei früheren Generationen gegeben. Auch für ein Abgleiten in die Sucht nach der Karriere gibt es viele Beispiele.

 

1999 berichtete Hans Michalsky, 1972 und '76 Olympiateilnehmer im 1.000-Meter-Zeitfahren und heute erfolgreicher Geschäftsmann, im Deutschlandfunk: "Ich kenne viele Fälle. Die Leute leben heute schon nicht mehr, sind durchgedreht, rauschgiftsüchtig oder alkoholabhängig." Seiner Meinung nach waren psychische Erkrankungen schon damals ein Problem im Zusammenhang mit Doping.

 

Depressionen oder verschiedene Formen einer Sucht als Spätfolge einer Doping-Karriere? Wolfgang Stockhausen spricht von einer Suchtverlagerung, die besonders durch das Hormon-Doping dramatisch zugenommen habe. "Amphetamine und auch Peptidhormone wie hGH, EPO und andere, haben ein unmittelbares Dosis-Wirkungsprinzip. Das heißt, man erlebt die Leistungsverbesserung in direktem Zusammenhang mit der Einnahme. Das unterscheidet die Peptidhormone von den Anabolika." Der Mediziner kennt Äußerungen von Radsportlern, die nach Einnahme von hGH am nächsten Tag "fuhren wie ein Moped". Im Umkehrschluss bedeute dies, so Stockhausen, dass man ohne diese Medikamente "ein Insuffizienzgefühl erleidet. Man fühlt sich einfach schlapp, schlecht und damit minderwertig. Für einige beginnt damit der Einstieg in eine Drogenkarriere".

 

Ähnliches schildern aktive Radprofis, wenn sie sich beim harten Training schlecht fühlen. Da wird schnell mit Amphetamin nachgeholfen. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass Erfolge offenbar nur noch mithilfe von Medikamenten möglich sind ­ lässt man die Mittel weg, ist der Misserfolg vorprogrammiert. Ein Teufelskreis, der sich im Leben nach dem Sport fortsetzt.

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the guardian: Dopers warned of 'addict' lifestyles, 5.3.2004

The death of Italy's popular cyclist Marco Pantani from what appeared to be a cocktail of cocaine and anti-depressants shows a link between performance-enhancing drugs and recreational drugs that society cannot ignore, say leading campaigners against doping in Italy and France.

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"The distinction between doping [in sport] and recreational substances is only a formal one," Sandro Donati, a member of Italy's National Olympic Committee who has been at the forefront of the fight against drugs in sport for 25 years, told the Guardian.

"The sports world likes to make the distinction because they don't want to be in the same bracket as people involved in narcotics. The effects on the nervous system of using steroids, testosterone or stimulants are very similar."

He is echoed by Dr Gérard Dine, who devised the health monitoring system that was brought into French cycling following the Tour de France drugs scandal of 1998.

"Everyone knows that there is a massive over-consumption of medicines in high-level sport," Dine told the French magazine Vélo this week. "If an athlete functions during his career with sleeping pills to sleep, anti-depressants to reduce stress and stimulants to make his muscles respond, we should not be surprised that he ends up a drug addict."

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Donati concurs: "Pantani's death says to me that the use of doping for many years brought him a level of performance that was higher than nature intended, which meant that he created a dream world around himself."

Both men feel that society needs to become more aware of the demands made on high-level performers. "Trainers, managers, journalists and television see athletes as machines," said Donati. "There are natural limits and we must teach athletes to accept those limits, but we are a long way from doing that."

 



FAZ: Suchtpotential in Fußball und Handball, 2.3.2007

Mit Doping kann man die Ergebnisse von Untersuchungen, wie sie in diesem Artikel beschrieben werden, nicht direkt verbinden. Der verbreitete Alkoholkonsum unter Jugendlichen in Sportvereinen, insbesondere im Fußball und Handball lässt jedoch ein Verhalten sichtbar werden, welches unter Umständen die Hinwendung zum Doping im Sinne der Leistungssteigerung begünstigt.

 

 


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