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die Rolle der Ärzte im Dopingkomplex und Suchtproblematik



Perikles Simon:
Keine Angst vor Risiken und Nebenwirkungen: Ein Plädoyer für mehr Transparenz und freiwillige Selbstkontrolle in der Sportmedizin




Prof. Dr. Dr. Perikles Simon ist seit 2009 Leiter der Abteilung für Sportmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Mitglied im Gene Doping Pannel der WADA. Sein Schwerpunkt der Labortätigkeit liegt in der Erforschung der molekularen Mechanismen und genetischen Vorraussetzungen die sowohl unserer körperlichen Leistungsfähigkeit als auch unserer Trainierbarkeit zu Grunde liegen.

 

Hochleistungssport ohne intensive Betreuung durch Sportmediziner ist heute nicht mehr denkbar. Gleichzeitig werden in der Öffentlichkeit Höchstleistungen in fast allen Sportarten mit Doping in Verbindung gebracht - eine Sichtweise, die durch eine Vielzahl von Affairen unterstützt wird. Doch die Sportmedizin gab und gibt sich häufig unschuldig, auch unwissend oder schaut weg. Perikles Simon will das so nicht hinnehmen.

 

Der vollständige Text erschien Anfang 2011 in

>>> Dannemann, F./Meutgens, R./Singler, A.,

Sportpädagogik als humanistische Herausforderung, Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Gerhard Treutlein, Inhaltsverzeichnis.

Der Autor erlaubte die Veröffentlichung der Textauszüge - vielen Dank.



Vorwort

Großer Sport im Fernsehen

Momentan dürfen in der Sportmedizin in Freiburg angeblich keine Profiradsportler mehr untersucht werden. Warum das so sein soll und warum man sich auf den Profiradsport fokussieren kann, ist für machen Fachkundigen sicher schwer nachzuvollziehen. Eventuell handelt es sich hier um eine PR-Kampagne, mit der man Signale setzen möchte. Hinter diesen Signalen dürften aber selbst die, die sich die Kampagne ausgedacht haben, nicht mehr stehen. Sprich es mag um das am „Anti-Doping“ Kampf gehen, was Werner Franke mit dem Begriff „Volksverdummung“ belegt hat. Man müsste sich längst anhand dessen, was in den letzten Jahrzehnten in der deutschen Sportmedizin in Punkto Doping in Ost und West belegt ist, fragen: warum fokussiert man sich allein auf Freiburg und warum auf den Radsport?

 

Der Radsport soll angeblich besonders dopingverseucht sein. Ein Märchen, wenn man den bisherigen Dopingstatistiken des Jahres 2010 glauben darf. In diesen erreichen Sportarten wie Football, Baseball und Basketball plötzlich Spitzenplätze. So mancher Sportmediziner hat uns jahrelang erklärt, dass Doping in diesen „komplexen Sportarten“ und insbesondere, bei den Nachfolgern der Helden von Bern, nichts bringen würde. War das damals auch eine PR-Kampagne, oder haben wir das wirklich geglaubt? Ist es möglich, dass diese sogenannten komplexen Sportarten zur Zeit nur deshalb besonders viele Sperren zu beklagen haben, weil die US-Amerikaner einmal mehr die Zeichen der Zeit am schnellsten erkannt haben und anfangen Doping zu bekämpfen, wo es vordergründig betrachtet zunächst am meisten weh tut? Nämlich dort, wo der Sport ein zum Selbstläufer gewordenes Multimilliarden Dollar Geschäft ist, dem aber in folge dessen eigentlich nur noch Betrug (Wettskandale, Bestechung und Doping) die sichere jährliche Wachstumsrate verhageln könnte?

 

Es muss etwa Ende der Achtziger Jahre gewesen sein, als man den Aufstieg von Andre Agassi im Herrentennis mitverfolgen konnte. Es war eine Zeit der langen Matches. Häufig wurden noch die Sätze komplett ausgespielt bis ein Spieler 2 Spiele Vorsprung hatte und nur in Ausnahmefällen kam der unbeliebte Tie-Break zum Einsatz. Agassis stärkster Schlag war der Return, mit dem er auch 200 km/h schnelle Aufschläge präzise in das gegnerische Feld zurück drosch. Mein Vater – kein spanischer, sondern lediglich deutscher Gynäkologe – schaute Agassi während der Seitenwechsel in die Augen und bemerkte „Der ist auf Speed, auf Koks, oder auf Amphetamin, das sieht doch wirklich jeder!“ Als Agassi dann nach 3 Sätzen mit Handgepäck (Handtuch in der Hand) eine Toilettenpause nehmen musste, komplettierte mein Vater den Crash-Kurs Physiologie noch durch ein bisschen Pharmakodynamik. Da war unter anderem die Rede von der recht kurzen biologischen Halbwertszeit dieser Substanzen und „dem Leistungsloch“ in das man unweigerlich fällt, wenn die Wirkung nachlässt. ... Es brauchte dann auch noch bei leeren Magen einer kurzen Resorptionszeit von sicher 5 min nach der Toilettenpause, bis Agassi allmählich zu seiner alten Reaktionsgeschwindigkeit zurückfand.

Es wird einem schnell klar, dass damals grade hunderttausende Hobbytennis spielende Ärzte vor dem Fernseher ähnliche Assoziationen entwickelten und es am nächsten Tag im Verein den Trainern, den Masseuren, den Spielern und wahrscheinlich auch dem Platzwart erzählt haben dürften – ohne, dass Agassi jemals wegen Dopings gesperrt wurde.

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Mit dem Schild

Man trägt Adler und wird mit Blindheit geschlagen oder gesegnet

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Wir [Sportmediziner] sind direkt dran am Sportler. Wir sehen so manchen Spitzensportler mehr als 10mal im Jahr in unserer Ambulanz. Wir führen aufwendige Leistungstests durch, um die sportliche Entwicklung unserer Schützlinge präzise zu monitoren. Athlet und Trainer sollen wichtige Empfehlungen an die Hand gegeben werden, die dann mittels geeigneter Strukturierung von Trainingsplänen die optimale Nutzung von Leistungsreserven ermöglichen. Hat der Athlet einen Schnupfen, so kommt er mitunter zu uns, um die Bedeutung dieses Events für sich und seine weitere sportliche Karriere zu diskutieren. Gibt es neue Methoden in der Sportmedizin, die die Leistung unserer Athleten unterstützen könnten – von der begehbaren Tiefkühlkammer über den Stützstrumpf bis zur, wie wir wissen, unwirksamen Injektion von 250mg Testosteron im Trainingsaufbau des Ausdauersportlers im 10-Tage oder auch im Wochenrhythmus – so sind die Athleten meist dankbare Probanden.

 

Manche von uns sind sogenannte Teamärzte oder gar Verbandsärzte und damit noch dichter dran am Athleten als man sich gemeinhin vorstellen kann oder vielleicht sogar wünschen sollte. Fährt das Team ins Trainingslager – oftmals ins Ausland - so wird es vom Teamarzt begleitet ... [und steht] dem Team quasi rund um die Uhr mit Rat und Tat zur Verfügung.. ... In manchen Disziplinen, wie dem Profifußball ist das Verhältnis ein noch intensiveres, da diese Sportler auch im Training und bei jedem Spiel ständig von einem Teamarzt begleitet werden. Gerade zu intim wird das Verhältnis dann auf Wettkämpfen, wo es mitunter zu Jubel aber auch Knuddelorgien kommen kann, was in der Tat in erster Linie am Phänomen Sport liegen mag und weniger an der Anlehnungsbedürftigkeit von uns Sportmedizinern. ... wir sind pars pro toto des Wettkampfs, samt Adler oder sonstigen Identifikationsutensilien und allem, was dazu gehört. Den Siegen, den Niederlagen, den Doping-Praktiken. Es dürfte in so einer Situation schwer zu vermitteln sein, dass wir lediglich für die positiven Aspekte des Sports stehen und eben mit Doping, so es denn stattfinden sollte, nichts zu tun haben. In diese Situation haben wir Sportmediziner uns selber gebracht. Es steht außer Frage, dass man theoretisch medizinische Leistungen neutral und unabhängig erbringen könnte, man aber dafür auf sehr weitreichende strukturelle Änderungen der Betreuung von Athleten im Spitzensport angewiesen wäre. ...

 

Ein Betriebsarzt, der wie ein Teamarzt oder Verbandsarzt eine Leistung im Auftrag, nicht eines Individuums selber, sondern eben im Auftrag einer dritten Partei erbringt, weiß, dass solche Konstellationen ärztlichen Handelns, so sie sich nicht wirklich strukturell verhindern lassen sollten, zumindest einer starken Normierung, Regulation und Kontrolle bedürfen. Ein Betriebsarzt unterliegt ganz klaren gesetzlichen Auflagen. Verhindert werden soll, dass ein Betriebsarzt auf Grund eines offensichtlichen Interessenkonfliktes mehr das Wohl seines Arbeitgebers, denn das Wohl seines Patienten im Auge hat. Beim Teamarzt wird dieser Bedarf an Regulation sicher noch viel vorrangiger sein, zumal er über das Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber hinaus, 1. sich offensichtlich emotional mit einem gemeinschaftlichen Ziel befasst und 2. am Athleten evtl. ohne ausführliche und fachlich suffiziente Diagnostik Behandlungen durchführen, sowie gesundheitlich höchst relevante Entscheidungen unter Zeitdruck treffen muss. In der Folge muss es darum gehen als Teamarzt eine möglichst effektive conflict of interest policy zu haben und diese auch rigoros umzusetzen. Genau eine solche gibt es für Verbands- und Teamärzte nicht und das wird durchaus schon seit Jahren sehr kritisch angemerkt (Dunn et al. 2007). Die internationalen Richtlinien für Team Ärzte sind grade zu lächerlich simpel, gemessen an dem Drahtseilakt den ein Teamarzt im Spitzensport vollführt (www.aoasm.org).

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Teamärzte [wie Dr. Huber, Prof. Dr. Keul, Prof. Dr. Klümper] haben immer wieder gedopte Sportler über Jahre hinweg betreut, aber haben vom Doping ihrer Athleten angeblich gar nichts mitbekommen oder zumindest haben sie davon nichts mitbekommen wollen. Gleichzeitig halten sie sich aber für kompetent, Leistungssportler weiter zu betreuen.

 

Alleine schon in Anbetracht solcher Schräglagen finde ich, dass man sich Gedanken machen sollte, wie sich die Sportmedizin zukünftig im Bereich der Betreuung von Hochleistungssportlern effektiver vor Implosionen und Erosionen schützen will. Mit den Möglichen Maßnahmen meine ich nicht das schnelle Aufsetzen von Good-Will Schriftsätzen und das Leisten von Unterschriften, das bereits bei dopenden Sportärzten zum guten Ton im Anti-Doping Kampf gehört hat, sondern das Schaffen von Transparenz und die Erstellung von effektiven Conflict of Interest Policies für unsere unterschiedlichen Kernbereiche.

Es kommt nicht von ungefähr, dass unsere Kollegen aus den klinischen Disziplinen unsere Leistung im Einsatz am Athleten mitunter in Frage stellen und als „Medizin zweiter Klasse“ bezeichnen (Gorris und Ludwig 2007). Haben wir in den letzten Dekaden unsere Hausaufgaben genau in den Bereichen gemacht, wo es zum Wohle der uns anvertrauten Sportler dringend Not getan hätte? Wie schütze ich mich davor die Gesundheit meiner Sportler nur noch als Gut zweiter Klasse zu sehen?

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Auf dem Schild

Die Karawane zieht weiter und wir bekämpfen seit 50 Jahren den plötzlichen Herztod – maximal extensiv

 

Wer kommt beim Betrug im Spitzensport zu Schaden? Eigentlich erst einmal nur der Sportler, sofern sich gesundheitliche Konsequenzen ergeben, oder sofern man das Prinzip der fairen Chancengleichheit unter Sportlern betrachtet. ... möglicher Weise [könnten] auch die Sportverbände am Doping im Sport Schaden nehmen.

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Nehmen wir [Sportmediziner] Schaden am Betrug im Sport durch Doping? Für die o.g. Personen kann man das als Externer wohl kaum beurteilen. Wer will beurteilen, in wie vielen Fällen die genannten Ärzte gesundheitliche Schäden von ihren Sportlern abgewendet haben und hierbei auf den eigenen Vorteil und den Vorteil ihres Auftrag- und Geldgebers verzichtet haben? Wir verzichten ja unsererseits bereitwillig auf Transparenz und auf Richtlinien um jeglichen potentiellen Anflug von Altruismus hinreichend dokumentieren zu können.

 

Waren wir ein Kernbestandteil des kalten Krieges im Sport, der sich jetzt zu einem Kernbestandteil der Profitmaximierung im modernen Hochleistungssport gemausert hat? Falls dem so wäre, ist für mich klar, dass wir als Täter und nicht als Opfer einzuordnen sind. Täter an unseren Sportlern, deren Gesundheit wir mehr oder weniger wider besseres Wissen, eigenständig, oder im Rahmen einer Befehlskette aktiv, oder passiv ausbeuten.

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Solange wir aber nicht Willens oder in der Lage sind, unsere Interessenskonflikte gegenüber unseren Sportlern offenzulegen, diese immer wieder zu reflektieren und mit den Punkten, die die Gesundheit unserer Athleten bedrohen offen und ehrlich umzugehen, sind wir nach meinem Verständnis eben Täter oder wenn man es unbedingt bestmöglich in unserem Sinne auslegen mag, selbstverschuldet in eine missliche Lage gekommen. ...

 

Mitunter befällt mich ... das Gefühl, dass wir statt zur Offenheit oder zum sibyllinischem Schweigen, eher zum Vertuschungsversuch neigen. Wie viele unserer Sportler sterben jährlich am plötzlichen Herztod und wie viele ruinieren ihre Gesundheit, oder Aspekte derselben, wie die Fertilität, die Stoffwechsellage oder das Herz-Kreislaufsystem nachhaltig durch die Einnahme von Dopingmitteln oder die Anwendung von medizinisch nicht indizierten Behandlungen, oder Medikamenten, um fraglich die Leistungsfähigkeit zu steigern? Das erste fragen wir uns ständig und seit über 50 Jahren. Das zweite findet ja gar nicht statt - oder doch? Das erste Thema ist sogar unser Dauerbrenner. Auch in den kommenden Jahren plant das BISp beachtliche Forschungsmittel zu mobilisieren, um dieses brandneue und hochaktuelle Forschungsthema endlich einmal umfassender abzuklären. Auf Geheiß von wem eigentlich?

 

Der plötzliche Herztod im Sport und die kardiale Schädigung durch Sport im Allgemeinen ist bereits unser erklärter, von uns maximal extensiv und intensiv bekämpfter Feind. Hingegen, wer von uns klärt schon seine Kaderathleten und die Eltern bei der Jahreshauptuntersuchung über die Risiken der Einnahme von verschiedenen leistungssteigernden Substanzen und Methoden auf? Wer erklärt den Athleten in welchen Situationen und wie sie auf das Thema Doping angesprochen werden und was sie machen können, wenn der Trainer oder Betreuer oder Ärzte ihnen, falls sie sich vor dem Wettkampf nicht so wohl fühlen, eine Tablette anbietet und sie danach dann plötzlich eine ungeahnte Bestleistung erreichen?

 

Sicher, das wären ganz unangenehme Themen. Stattdessen führen wir lieber bei unseren Kaderathleten eine orthopädische, oder eine echokardiographische Untersuchung durch. Auch dann, wenn auf der Basis der körperlichen Untersuchung und des Ruhe-EKGs der diagnostische Nutzen hierfür nicht evidenzbasiert zu belegen wäre. Irgendetwas müssen wir ja für die Gesundheit unserer Sportler tun.





2009 veröffentlichten Heiko Striegel, Rolf Ulrich, Perikles Simon) eine Studie, die mit jungen Kaderathleten (Durchschnittsalter 16 Jahre) aus 43 verschiedenen Sportarten durchgeführt wurde. Danach hatten bereits 6,8% zu Dopingsubstanzen gegriffen.
Randomized response estimates for doping and illicit drug use in elite athletes

Aus meiner Sicht sind wir nach wie vor sehr selektiv in unserer Zuwendung zu Gesundheitsthemen im Spitzensport und haben in Anbetracht der Tatsache, dass rund 7% der Nachwuchskaderathleten Doping zugeben, eine etwas fragwürdige Prioritätensetzung hin zur Apparatemedizin und zur ausufernden Diagnostik. Wenn man dann noch den sportärztlichen Betreuungssektor mit o.g. Problematik betrachtet, finde ich es wichtig und legitim zu fragen, welches Ziel man genau mit dieser medizinischen Überversorgung kerngesunder junger Menschen verfolgt. Womit, wodurch und aus welchem Grund wollen wir diese gesunden Menschen an uns binden? Damit sie mündige Sportler sein können?

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Katharsis: Leere in der Sportmedizin oder Transparenz in der Lehre

Ich selber fühle mich auch als Täter, oder zumindest einmal als Mitläufer im oben genannten System. ... Besonders schuldig fühle ich mich nämlich, wenn jedes Jahr wieder die Erstsemester - rund 200 Bachelor of Arts Sportwissenschaft - vor mir sitzen, denen ich Sportphysiologie unterrichten soll. Eine Sportphysiologie des ungedopten Sportlers, von der wir nicht so richtig zu wissen vorgeben, in welchem Umfang und in welchen Disziplinen es sie da draußen im rauen Spitzensport überhaupt gibt. Wenn sich Sportstudierende anschauen, welche 100m Endlaufsieger bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften später dann des Dopings überführt, oder zumindest mal eindeutig mit Doping assoziiert wurden, wird ihnen schnell klar, dass ich eine Parasportphysiologie unterrichten soll. Eine Sportphysiologie, die ohne Medikamenteneinnahmen und leistungssteigernde Methoden auskommt. ... . Die Welt des organisierten Sports wird nicht auf sie warten. Denn im Spitzensport gibt es Bundestrainer, die in der rauen Welt des Spitzensports alles durchlebt haben. Von infektbedingten Schlaganfällen, ... über die Inkorporation von Nandrolon und eine nachfolgend erfolgreich durchgezogene Klage vor dem CAS mit Reduktion der Sperre, hat mancher Bundestrainer auf jeden Fall vieles durchlebt, was die Selbstrealisation von Spitzensport so mit sich bringen kann. Gute Beispiele für Bundestrainer, die über die parasportphysiologischen Inhalte meiner Standardvorlesung erhaben sein dürften, sind die erfahrenen ehemaligen Trainer der DDR, über die aus Dokumenten hervorgeht, dass sie in ihrer Trainerentwicklung im Hochleistungssport praktisch nur Umgang mit steroidgedopten Athleten gehabt haben dürften.

 

Viele von ihnen bekunden, dass sie das gar nicht wussten. In der Folge können sie eigentlich auch nicht wissen, welche von ihren Sportlern sauber gewesen sind. Doping fing im DDR-Spitzensport recht flächendeckend mit 16 Jahren an. Manchmal früher. Selten später. Die armen, unwissenden ehemaligen und jetzigen Spitzentrainer haben also eine Sportphysiologie in der Praxis erlernt und gelehrt, die mit dem, was ich unterrichten soll – aber somit auch mit den physischen Voraussetzungen eines nicht-steroidgedopten Athleten – mitunter nicht kompatibel ist. Das erscheint mir sehr überdenkenswert.

 

Während ich beispielsweise solch rein theoretischen Unfug erzählen muss, wie dass man mehr als 2,5 g/kg Körpergewicht an Proteinzufuhr pro Tag auch als formal übergewichtiger Gewichtheber, Diskuswerfer, Hammerwerfer oder Kugelstoßer gar nicht verstoffwechseln kann und dass ein Mehr an Zufuhr sogar leistungshemmend sein könnte, dass man als Mittelstreckenläufer nur 2-3 intensive Tempolaufeinheiten pro Woche trainieren sollte, weil man sonst nicht in die Superkompensation kommt, ... . Es reicht, wenn meine Studierenden in Gianni’s Gym vorbeischauen, oder sich bei einem Bundestrainer erkundigen, um zu erfahren, dass das was ich da erzähle mit der gängigen Sportpraxis und der Lebenswirklichkeit im Sport gar nichts zu tun hat. ... „Dein Prof. ist eben Theoretiker“, dürfte es dann heißen.

 

Das schlimme ist, dass womöglich sehr viele meiner Kollegen, die sich eben an dem orientieren, was evidenzbasiert ist, „Theoretiker“ sind. ... Ich frage mich manchmal in Anbetracht solcher eklatanten Differenzen zwischen Sportwirklichkeit und theoretischer Sportwissenschaft, ob es sein kann und sein darf, dass der DOSB Bundestrainer beschäftigt, die nach dem, was sie selber bekunden ja gar nicht wissen können, ob sie schon einmal einen nicht-steroidgedopten Athleten trainiert haben. Haben diese Trainer eine Ahnung davon, welche Belastungen im Hochleistungssport bei einem Ungedopten überhaupt möglich sind, ohne diesen akut gesundheitlich zu gefährden? ... Eigentlich dürften sie dieses Wissen zu Zeiten der Wende nicht gehabt haben, denn sonst wären sie doch Wissende oder Täter des Sportsystems Ost gewesen?

 

Ich würde mir nie anmaßen diese Trainer ethisch oder moralisch zu hinterfragen. Das sollen andere tun. Aber ich muss mich fragen, ob diese Trainer überhaupt die Kompetenz haben können, Athleten, die angeblich „sauber“ sein sollen, zu trainieren. Hoffentlich hat der DOSB das schon einmal geprüft, oder sich diesbezüglich bei den Trainern erkundigt.

Wenn ich vor meinen Studierenden stehe, blicke ich in die Augen von 200 potentiellen Opfern meiner sportpraktischen Ahnungslosigkeit. Längst schon hat der DOSB seinen eigenen Elitestudiengang für verdiente Menschen des Gesamt- oder Teildeutschensports in Köln aufgemacht.

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In gewisser Weise wäre ich doch in Anbetracht sportpraktischer Machtlosigkeit zu deutlich mehr Transparenz auch in der sportmedizinischen Lehre verpflichtet. Hierfür ist allerdings mein alter Standardlehrplan für Sportphysiologie wie nachfolgend angeregt, ein wenig zu erweitern.

 

Ich erkläre meinen Studierenden, wie man einen Trainingsplan, den so mancher Mittelstreckenläufer angeblich in Trainingslagern in Bulgarien absolviert hat, am besten überleben kann. Ich erkläre, wie man als „Leicht“-athlet in 2-3 Monaten 10kg „Gewicht machen“ kann – allerdings Positivbilanz und reine Muskelmasse. Welche Substanzen eignen sich hierfür mehr oder weniger unter Einsatz von welchem Verabreichungs- und Trainingsprotokoll? Wann muss man mit einer Blutprobe und wann nur mit einer Urinprobe rechnen? ... Wer verwendet noch gedankenlos Wachstumshormon in Kombination mit synthetischen Insulinen, wenn die Kombination GH / Humaninsulin in Abstimmung auf das neue ADAMS Meldesystem und die dort anzugebenden Anwesenheitszeiträume für Tests ganz passabel längerfristig angewandt werden kann? ... Manchmal könnte man dann auch automatisch Diabetiker auf Zeit, oder für immer werden, wenn man (zu) viel Wachstumshormon (GH) nimmt. Kann sein, dass einem der Arzt dann Humaninsulin verschreibt und wir eine Ausnahmegenehmigung bei der NADA beantragen könnten. ... Andererseits, warum sollten Sportler das so überhaupt noch machen, wo es doch auch die nicht ganz so diabetogene Variante der Verwendung von IGF1 gibt, das man zur Zeit noch nicht nachweisen kann?

 

Braucht der Sportler aus therapeutischen Gründen ein Medikament, oder eine Behandlung, die sich potentiell leistungssteigernd auswirken könnte, nennt sich das auf sportneudeutsch Therapeutic Use Exemption „TUE“ und wird von den zuständigen Verbandsärzten scharf auf seine Notwendigkeit kontrolliert. Wie bestehe ich so eine TUE-Prüfung? Warum gibt es in den letzten Jahren im Baseball so viele aufmerksamkeitsdefiziente Spieler, wo man doch seit früher Kindheit so viel Aufmerksamkeit auf diesen kleinen runden Ball verwenden musste, um den überhaupt treffen zu können? Wie schwer muss die Verletzung eines Fußballers grade noch sein und wann im Jahr muss diese auftreten, damit der Spieler weder richtig vom Testpool der NADA noch vom Verband erfasst wird? ... Selbst komplizierte Rechenaufgaben, die man vor 10 Jahren gedanklich noch gar nicht lösen konnte, werden dann von uns spielerisch gelöst. Z.B. 10 Fußballfeldspieler haben nach einer initialen Boosterungsphase mit einem EPO-Gemisch (unterschiedliche Generationen, da diese in der IEF jeweils unterschiedlich laufen) im Privaturlaub oder einer initialen autologen Bluttransfusion und nachfolgender intravenös verabreichter Mikrodosierung einer Mischmedikation unterschiedlicher erythropoetischer Substanzen über einige Monate hinweg pro Person 10% mehr Laufgeschwindigkeit an der Ausdauerleistungsgrenze, ohne dabei das Schnelligkeitstraining vernachlässigen zu müssen. Um wie viel kann dann (maximale Motivation mit oder ohne Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung vorausgesetzt) die durchschnittliche Laufleistung im Team in Feldspielerstärke gemessen günstigstenfalls ansteigen? Hier bieten sich interdisziplinäre Anschlussfragen an, wie: Welche Taktiken unter besonderer Berücksichtigung der Feldaufteilungsstrategien im modernen Spitzenfußball, sollte der Trainer eines derart „behandelten“ Fußballteams überwiegend zum Einsatz bringen. All das wird natürlich von den gruseligen Risiken und Nebenwirkungen begleitet, die derlei Verhalten und Substanzmissbrauch sofern überhaupt wissenschaftlich belegbar mit sich bringt. ...

 

Sicher, ein bisschen wie das Privatfernsehen fühle ich mich dann bei dem ganzen schon. Was dort die Quote ist, sind dann bei mir die Hörerzahlen. Dabei könnte ich an der Universität Mainz, wo zur Zeit im Bereich Sport 1500 Studierende auf 4 Professoren kommen genau die gegenläufige Strategie fahren und weiter einfach über so seltene Ereignisse wie kardiale Zwischenfälle im Sport referieren. Ehrlich gesagt, ist mir momentan ein bisschen mehr Transparenz in der Sportmedizinischen Lehre aber lieber. Einige Kollegen sollen ja auch Sportler gedopt haben, damit es kein anderer macht. Meine Studierenden müssten dann eben nicht mehr bei Gianni im Gym vorbeischauen, um einen Eindruck zu bekommen, was angewandte Sportphysiologie ist.


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