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Benjo Maso: Der Schweiß der Götter

Autor: 
Benjo Maso 
Titel: 
Der Schweiß der Götter 
 
Die Geschichte des Radsports 
Verlag: 
Layout: 
Broschur, 288 Seiten 
 
zahlreiche Fotos und Abbildungen 
ISBN: 
978-3-936973-60-0 
Preis: 
14,80 € 
 
 
Originaltitel: 
Het zweet der goden 
 
Legende van de wielersport 
 
Auflagen 1990, 2003, 2008, (Oktober 2012) 


 





>>> Leseprobe

Zitat: "Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Zitat, das nach Hugo Koblets vermeintlichem „Jahrhundertsolo“ auf der Etappe Brive‒Agen bei der Tour 1951 fiel. Obwohl der adrette Schweizer doch immer ein Schwämmchen dabei hatte, um sich rechtzeitig vor der Zielankunft ein wenig frisch zu machen, wollte Pierre About von der Veranstalterzeitung L’Équipe an diesem Tag wenn nötig zugeben, dass ausnahmsweise einmal ein paar Schweißtropfen auf Koblets Stirne zu sehen waren. Aber nicht, dass sie unangenehm gerochen hätten, denn: „Der Schweiß der Götter enthält kein Urea!“"

>>> c4f-Portrait Hugo Koblet

Die Bezeichnung Götter für die Helden des Radsports und besonders der Tour de France beschreibt wohl immer noch am besten die Verehrung und Hochachtung, die vielen Siegern, besonderen Kämpfern und auch Pechvögeln über viele Jahrzehnte entgegengebracht und durch rege Wiederholungen am Leben gehalten wurden und werden. Auch wenn es scheint, dass in den vergangenen Jahren Aufstieg von Fahrern in den Olymp und vor allem deren Verbleib darin etwas schwieriger geworden sind, besteht der Mythos bekannter Rennen immer weiter und lässt die Fahrer davon profitieren. Die klassischen Götter waren eben auch nicht ohne Fehl und Tadel und lebten häufig in Clinch mit sich und der Welt.

 

Der niederländische Soziologe Benjo Maso zeichnet viele dieser (Radsportgötter-)Legenden nach. Der Schwerpunkt seiner Geschichte des Radsports liegt dabei auf der Tour de France. Die Tour als zentrales Thema zu wählen lag nahe, da sie die Hauptrolle in der Entwicklung des europäischen Radsports spielte und sich an ihrem Beispiel und durch ihren Einfluss die vielfältigen Entwicklungen gut wenn nicht gar am besten darstellen lassen. Er beginnt mit den ersten Rennen 1868, das nicht wie allgemein behauptet von Charles Moore gewonnen wurde - er gewann das zweite Rennen - und zeichnet auf, wie und warum es von Anbeginn an nicht um den rein sportlichen Wettstreit ging, sondern sich bereits damals ein Symbiose zwischen Rennfahrern, Kommerz und Medien zu entwickeln begann, die maßgeblich das Geschehen beeinflusste. Es war eine Verbindung, die sich verfestigte und dauerhaft Bestand erhielt, ohne die sich die bekannten großen Rundfahrten und Klassiker nicht entwickelt hätten und ohne die der heutige Radsport anders aussähe.

Benjo Maso beweist mit seiner Darstellung und seinem thematischen Schwerpunkt Mut zur Lücke. Wer eine ausführliche umfassende Radsportgeschichte erwartet, dürfte enttäuscht sein. So wird der Bahnradsport nur am Rande erwähnt, auch deshalb, weil in Frankreich, Belgien folgte, die Straße bis auf wenige Ausnahmen im Laufe der Jahrzehnte die wichtigste Rolle spielte. Auch wer Informationen über die Entwicklungen des spanischen und deutschen Radsports sucht, findet kaum etwas. Das ist allerdings nicht sehr kritisch zu bewerten, da beide Länder grenzüberschreitend keine allzu große Rolle spielten sieht man vom deutschen Bahnradsport Anfang des 19. Jahrhunderts ab. Italiens Einfluss in Hinblick auf die Europäisierung des Straßenradsports wird von Maso dann entsprechend aufgegriffen und gewürdigt.

 

Dem Autor gelingt es überaus kenntnis- und faktenreich diese Geschichte(n) vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit und gesellschaftlichen Gegebenheiten darzustellen und einzuordnen. Damit erfährt so manche uns lieb gewonnene Anekdote durch historisch belegbare Fakten eine neue Wendung und Interpretation. Maso demontiert meiner Meinung nach nicht, sondern schafft Raum für eine komplexere Sichtweise. Die Gegenüberstellung der Versionen vermittelt ein interessanteres, vielschichtigeres und sensibleres Bild der Ereignisse, das mir letztlich spannender vorkommt, als die eher bekannten, eindimensionalen Mythen. Z. B. wird nachvollziehbar, warum Tour Direktor Desgrange so manche für uns heute seltsam anmutenden Regelungen geschaffen hatte. Aus der Zeit heraus und vor dem Hintergrund der finanziellen Forderungen, Unterstützungen und Zwänge, die von Seiten der Fahrradindustrie kamen oder auch dem eigenen Zeitungsverlag geschuldet waren, muten manche seiner Regelungen durchaus sinnvoll an und es hat den Anschein als habe er gelegentlich die Quadratur des Kreises versuchen müssen. Dass dabei etliche Rennverläufe und Ergebnisse tatsächlichen oder vermeintlichen Notwendigkeiten angepasst wurden, gehörte dazu. So mancher Fahrer blieb damit in früheren Zeiten auf der Strecke, andere wiederum wussten die Gegebenheiten zu ihrem Vorteil zu nutzen.

 

Majos Darstellungen und Analysen der Radrennsportentwicklung nach dem zweiten Weltkrieg, als es gelang die meist national ausgerichteten Radsportszenen zu einer europäisch verbundenen zu entwickeln, sind ebenfalls lesenswert. Es waren maßgeblich die sozialen und ökonomischen Bedingungen, die diese Entwicklung förderten, sichtbar u. a. in dem Hin und Her zwischen Firmenteams und Nationalmannschaften, das jahrelang das Fahrerfeld der Tour de France bestimmte.

Auch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts schuf der Radsport Helden und Mythen. Duelle und Rivalitäten wie zwischen Bartali und Coppi, Anquetil und Poulidor bewegten Nationen, wobei auch hier so manches herzzerreißende Detail mehr Dichtung als Wahrheit war. Maso zeichnet vieles nach und schildert u.a. die Veränderungen, die sich durch das Aufkommen des Fernsehens ergaben und durch die sich ändernten Sponsorengruppen und den damit verbundenen Anforderungen und Forderungen, die nicht immer getragen wurden von der Liebe zum Radsport.

 

Maso beendet sein Buch in der deutschen Ausgabe mit den aktuellen Entwicklungen 2011, mit den Veränderungen, die sich durch die anhaltenden Dopingskandale ergaben und mit dem weltweiten Engagement der UCI - und letztlich mit der Zeit, in der die Radsportgötter sehr rar geworden sind. Aber nichtsdestotrotz, Hoffnung besteht für ihn. Als Beispiel hierfür nennt der Autor ausgerechnet die beiden wohl legendärsten Rennen Paris-Roubaix und Flandern-Rundfahrt. Geschaffen wurde Paris-Roubaix eigentlich als Gegenstück zu den bestehenden harten unendlich langen Rennen ("losgelöst von der Heroik der Monsterstrecken"), ohne große Schwierigkeiten und ohne Bedeutung des Kopfsteinpflasters, auch der Flandern-Rundfahrt fehlten besondere die heute so wichtigen kleinen aber giftigen bergskes.

"Der heutige Klassiker Paris-Roubaix ist die Rekonstruktion einer Vergangenheit, die so niemals existiert hat. Das Gleiche gilt für die Flandern-Rundfahrt ... . Dass zwei der erfolgreichsten Klassiker der heutigen Zeit ihren Ruf zum großen Teil einer Illusion verdanken, ist aber keinesfalls negativ, sondern gerade sehr positiv. Was den Straßenradsport seit den Rennen von Saint-Cloud im Jahr 1868 bis in die heutige Zeit so besonders gemacht hat, ist nie seine Geschichte gewesen, sondern immer das legendarische Bild, das von ihm gezeichnet wurde. ... Es gibt keinen Sport, in dem die Tradition eine solch wichtige Rolle spielt. Doch diese ist alles andere als festgelegt. Im Gegenteil, sie wird immer wieder neu erfunden."



 






Von Benjo Maso liegt auch das Buch

Wir alle waren Götter, Die berühmte Tour de France von 1948 vor. Darin ordnet er die Tour in die gesellschaftliche Realität, die harte Nachkriegszeit, ein und arbeitet ihren hohen Stellenwert für den kommenden Radsport heraus. Es ist ein komplexes und sehr spannendes Buch.

"Im Jahr 1990 habe ich ein Buch geschrieben, das einen Überblick über die 120-jährige Geschichte des Radsports vermittelt:Het zweet der goden - Der Schweiß der Götter. Es versteht sich von selbst, dass ich mich dabei hauptsächlich auf die groben Entwicklungslinien konzentriert habe und nur hier und da auf Details eingegangen bin. Ich nahm mir jedoch damals schon vor, mich bei einem eventuellen zweiten Buch auf ein einzelnes Jahr, eine Saison oder sogar ein einziges Rennen zu beschränken." (Vorwort zu Wir alle waren Götter)

 

Podium Cafe-Interview mit Benjo Maso über seine beiden Bücher, 16.9.2010

 



 

Text Maki, Mai 2012


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