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Doping im Radsport



>>> Doping im Team Telekom / Team T-Mobile

>>> Doping-Geschichte: der EPO-Nachweis

 



1999 Interview mit Lothar Heinrich, Mannschaftsarzt des Teams Telekom

Nach dem Festina-Skandal 1998 war es um die Reputation des Radsports schlecht bestellt. Das Team Telekom war zwar relativ unbeschadet aus den Turbulenzen heraus gekommen, doch der Generalverdacht war allgegenwärtig.

EPO-Doping gehörte in den 1990er Jahren zum Allgemeingut des Fahrerfeldes. Ein Nachweisverfahren gab es nicht, aber da die gesundheitlichen Gefahren hoch waren, sah sich die UCI gezwungen den Hämatokrit der Fahrer regelmäßig zu überprüfen und bei Überschreiten einer Grenze von 50% ein Fahrverbot für 14 Tage zu verhängen. Dies war zwar kein Beweis von EPO-Doping, doch es lag in der Natur der Sache, dass ein Bekanntwerden solch einer Sperre den Verdacht auf EPO nährte. Daher wurde von Seiten Dopender immer wieder Wert darauf gelegt, die Relativität der Blutwerte in Bezug auf Doping hervor zu heben. Gleichzeitig war bekannt, dass auch in den Teams regelmäßig getestet wurde um im Ernstfall Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Dies war auch im Team Telekom bereits seit Jahren Usus, wie es Abschlussbericht der Expertenkommission zur Aufklärung von Dopingvorwürfen gegenüber Ärzten der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg ausführlich beschrieben wird.

 

Teamarzt Lothar Heinrich gab am 11.3.1999 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview, in dem er diese Zusammenhänge, den Stand der Nachweisverfahren erläuterte und auch Wertungen über Dopende vornimmt ohne allerdings die Praxis in dem von ihm selbst betreuten Team damit in Verbindung zu bringen.

 

cycling4fans wurde von Seiten der FAZ erlaubt, das Interview in Gänze zu veröffentlichen - vielen Dank dafür!

 



Nachgefragt bei: Lothar Heinrich, Mannschaftsarzt des Teams Deutsche Telekom
"Wenn jemand betrügen will, dann betrügt er"

Lothar Heinrich ist Mannschaftsarzt des Teams Deutsche Telekom. Der Zweiunddreißigjährige ist Assistenzarzt in der Abteilung für Prävention, Rehabilitation und Sportmedizin der Universitätsklinik Freiburg und begleitet nun im fünften Jahr die Radprofis im Training und bei Rennen.

 

Sie haben doch einen Computer. Waren Sie schon bei Amore e Vita auf der Website?

Ich habe es bisher noch nicht geschafft. Aber ich habe mir mitteilen lassen, was darauf zu sehen ist. Das sind die Hämoglobin- und Hämatokritwerte von Fahrern des Amore-e-Vita-Teams. Ich darf solche Laborwerte nicht öffentlich machen, weil ich einer Schweigepflicht unterliege.

 

Raten Sie nicht Profis wie Bjarne Riis zur Veröffentlichung, wenn sie unter schwerwiegenden Verdacht geraten wie er im Januar durch die Vorwürfe des dänischen Fernsehens - zumal die Werte ja vorliegen?

Die Zahlen liegen vor. Es muß genügen, wenn man sagt: der Fahrer hatte Werte, die im Bereich des Normalen liegen. Es bringt der Öffentlichkeit kein Mehr an Information, wenn die Hämatokritwerte detailliert vorliegen. Der Wert an sich ist sehr labil und hat an sich nur eine beschränkte Aussagekraft, etwa über Doping. Viel wichtiger ist, daß ein adäquater Test gefunden wird, um Erythropoietin-Mißbrauch zu erkennen. Daran sollte man arbeiten, anstatt publicityträchtig irgendwelche Laborwerte zu veröffentlichen.

 

Die Werte von Amore e Vita sind so, wie sie im Internet stehen, wertlos?

Das ist meine Meinung. Zum einen sind sie nicht autorisiert, zum anderen weiß keiner, unter welchen Bedingungen sie zustande gekommen sind.

 

Das Team sagt, dies seien die ersten der obligatorischen Blutuntersuchungen, zu denen der Weltverband UCI jeden Radprofi viermal im Jahr verpflichtet hat. Müßte die UCI nicht widersprechen, wenn jemand Phantasiewerte veröffentlichte?

Der Weltverband kennt die Werte gar nicht. Ihm wird nur mitgeteilt, daß die Untersuchungen gemacht sind. Er hat aber einen Gerichtsmediziner eingestellt, der die Mannschaften zweimal im Jahr besucht und mit dem Arzt die Werte durchgeht, die bis dahin erstellt worden sind. Wenn Unklarheiten bestehen und sich nicht ausräumen lassen, werden die betreffenden Fahrer nach Lausanne ins Labor der UCI eingeladen zu einer genaueren Untersuchung.

 

Der Mannschaftsarzt nimmt die Probe und gibt deren Ergebnis durch?

Der Arzt kann die Probe nehmen. Untersucht wird sie aber in einem von der UCI akkreditierten Labor. Wer da Werte veränderte, beginge Urkundenfälschung.

 

Ist das bei den anderen Werten für den Gesundheitspaß genauso?

Ja. Ich halte das für sinnvoll, denn jeweils einen weiteren, unabhängigen Arzt zu verpflichten würde auf der Kostenseite enorm zu Buche schlagen. Warum sollte auch ein Mannschaftsarzt ein EKG oder eine Herzechokardiografie nicht machen? Er hat ja ein Interesse daran, nur gesunde Fahrer starten zu lassen. Der UCI-Arzt kann jederzeit nachprüfen, ob die Tests gemacht worden sind.

 

Was ist für den Gesundheitspaß noch relevant?

Nieren- und Leberwerte, einige Hormonwerte, das gesamte Blutbild, auch Ferritinwerte für den Eisenstoffwechsel. Also die gesamte große sportmedizinische Routine, viermal im Jahr. Jede solcher Untersuchungen kostet in Deutschland etwa 1300 Mark pro Fahrer; das ist für kleine Mannschaften eine erhebliche Belastung. Zusammen mit den ganzen Dopingkontrollen werden die Radfahrer die am meisten kontrollierten Sportler sein.

 

Seit der Tour de France 1998 wissen wir, daß das nicht viel bedeutet. Es werden Mittel eingesetzt, die entweder kaschiert werden können oder gar nicht nachweisbar sind.

Das Hauptproblem sind die Mittel, die man nicht nachweisen kann: Erythropoietin und Wachstumshormone. Da muß man schnell Erfolg haben bei den Kontrollmaßnahmen. Bei Wachstumshormonen scheint es gelungen zu sein; Endokrinologen in München haben einen vielversprechenden Test entwickelt. Ich hoffe, daß der schnell zur Serienreife entwickelt wird. Das ist für viele Sportarten entscheidend schon für Sydney 2000. Bei Erythropoietin scheint es nicht ganz so einfach zu sein mit dem Test, weil es nicht so viele Subfraktionen hat. Es wird wohl auf indirekte Verfahren hinauslaufen. Der Hämatokritwert ist ein erster Anhalt, Hämoglobin kommt dazu, die Eisenstoffwechselparameter, die Reticolozyten, das sind die jungen roten Blutkörperchen, auch Blutvolumen und Knochenmark. Da gibt es mehrere Ansatzmöglichkeiten. Dadurch kann der Mißbrauch von Epo wesentlich eingeschränkt und zum Teil völlig verhindert werden.

 

Welche Parameter des Gesundheitspasses zielen auf den Epo-Nachweis ab?

Die genannten Blutbildwerte. Und zum Beispiel Transferrin und Ferritin. Es geht darum, einen medizinischen Fingerabdruck zu erstellen und eine individuelle Schwankungsbreite der Werte festzulegen. Wenn er daraus ausbricht, wird der Fahrer zu genaueren Kontrollen herangezogen. Aber es geht natürlich auch um Gesundheitskontrolle, um plötzliche Todesfälle wie jüngst im Eishockey zu vermeiden.





Brief der UCI an die Sportgruppen und Nationalen Verbände, zum Verteilen an die Fahrer, 28.Mai 1998:
Die Frist zwischen der Benachrichtigung der Fahrer und deren Präsentation im Kontrollraum beträgt 20 Minuten. Im Allgemeinen sind die medizinischen Inspektoren der UCI und die Verantwortlichen der Laboratorien zufrieden mit der Art und Weise in der die Tests ablaufen und wissen den Respekt zu schätzen, der diesen entgegengebracht wird.
Dennoch wissen wir, dass 20 Minuten einem Fahrer oder einem Pfleger, die schlechte Absichten haben, genügen, um das Blut zu manipulieren und den Hamatokrit zu senken. Eine Infusion mit Albumin-Lösung und /oder eine physiologische Lösung verdünnen das Blut vor den Tests. Nach der Blutentnahme ist es möglich, die überschüssige Flüsigkeit mittels Diuretika auszuscheiden.

Léon Schattenberg
(de Mondenard, Dictionnaire, S. 740)

>>> Hintergrund-Infos

Ist dieses Verfahren gerechter für Fahrer, die den Grenzwert von Natur aus überschreiten?

Man kann die Grenzwerte individuell festlegen. Im klinischen Alltag überschreiten bis zu zehn Prozent der Patienten das Limit von fünfzig Prozent. Bei Ausdauersportlern fällt der Wert, weil durch das Training das Blutplasma zunimmt. Fünfzig Prozent ist dennoch eine relativ strenge Grenze, so daß es Fahrer gibt, die sie überschreiten können und sich deshalb regelmäßig in Lausanne vorstellen und von der UCI ein Attest ausstellen lassen.

 

Gibt es bei der täglich möglichen Kontrolle des Hämatokritwertes durch den Verband ein neues Prozedere?

Die UCI untersucht die Werte von 47 bis 50 Prozent Hämatokrit jetzt gesondert. Diese Proben werden in Lausanne auf Reticolozyten und Hämoglobingehalt untersucht.

 

Folgen für den betroffenen Rennfahrer wird eine solche Untersuchung nicht haben . . .

Sie dient der wissenschaftlichen Forschung. Ohne die Definition von Normen kann man Fahrer natürlich nicht von Rennen ausschließen. Aber man kann feststellen, ob ein Fahrer, der etwa bei den vierteljährlichen Untersuchungen einen Hämatokritwert von 42 Prozent hat, nun plötzlich bei 49,5 Prozent und hohen Hämoglobinwerten liegt. Dieser Fahrer würde nach Lausanne eingeladen und einer eingehenden Untersuchung zugeführt werden.

 

Wenn er Zeit dafür hätte! Niemand dürfte ihn doch am Start hindern . . .

. . . weil er gegen kein Reglement verstoßen hat. Aber er wird weiter beobachtet. Man muß abwarten, wie das im nächsten Jahr läuft. Man muß jetzt erst einmal eine Datenbank schaffen, um beurteilen zu können, was normal und was nicht normal ist. Ein Epo-Nachweis ist nur möglich, wenn man sicher sein kann.

 

Der Radsport steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. In Italien wird gegen die Ärzte Ferrari und Conconi ermittelt, von denen letzterer Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Italienischen Olympischen Komitees war. In Frankreich war der Festina-Arzt Ryckaert in Haft, Mitglied der Anti-Doping-Kommission des belgischen Verbandes. Wenn man es solchen Leuten überträgt, Daten für die Dopingkontrollen zu erheben, macht man da nicht den Bock zum Gärtner?

Wie kann man es anders machen? Wenn jemand betrügen will, dann betrügt er. Dagegen ist man nie gefeit. Der Gerichtsmediziner der UCI ist ja auch eingestellt worden, um die Ärzte zu kontrollieren.

 

Ich sehe keine andere Lösung, wenn man nicht die Kosten derart in die Höhe treiben wollte, daß es auch nicht gerechtfertigt ist.

 

Bei ausreichender krimineller Energie ist es also vorstellbar, daß der Mannschaftsarzt eines Teams in den Gesundheitspaß eines seiner Profis seine eigenen Werte oder die seiner Frau einträgt?

Sicher. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß er damit irgendwann auffällt. Die UCI macht jetzt besonders viele Blutkontrollen vor den Rennen. Und dabei würden Schwankungen auffallen, die nicht tolerabel sind. Während die Fahrer irgendwann aufhören mit ihrem Sport, sind Mediziner ja häufig länger dabei. Und so einer würde seine Glaubwürdigkeit verlieren. Das passiert gerade in Italien. Irgendwann fällt jeder auf.

 

Halten Sie die Epo-Menschenversuche in Australien für hilfreich?

Solch eine Studie mit freiwilligen Probanden kann hilfreich sein, Erkenntnisse über die Wirkungsweise bei Sportlern zu erlangen. Die ist wissenschaftlich ja auch noch nicht nachgewiesen. In Deutschland ist das nicht möglich. Die Ergebnisse sollen 2000 vorliegen.

 

Was machen Sie denn eigentlich mit den 900000 Mark, die die Telekom bis 2001 nach Freiburg überweisen will, damit Sie ein Epo-Nachweisverfahren entwickeln?

Das Geld geht nicht an unser Institut, sondern an den Förderkreis dopingfreier Sport. Dessen Vorsitzender ist Professor Keul.

 

Der Leiter Ihres Institutes an der Uni Freiburg.

Im Förderkreis sitzen aus den Anti-Doping-Labors in Köln und in Kreischa Professor Schänzer und Professor Müller sowie Professor Tröger, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, und der Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission, Professor Haas. Sie entscheiden über die Förderung von Projekten. Köln und Kreischa, mit die führenden Anti-Doping-Labors weltweit, haben bereits Projekte. Denen finanziert der Förderkreis dann zum Beispiel eine zusätzliche Laborkraft.

 

Werden auch Projekte in Freiburg finanziert?

Die Gelder sind noch nicht da und noch nicht raus. Aber wir werden ein Projekt beantragen.

 

Haben Sie den Eindruck, daß sich durch den Skandal im vergangenen Jahr und durch Berichterstattung und Aufklärung seitdem die Mentalität gegenüber Doping verändert?

Ich glaube schon. Das Risiko, das Sportler und Leute im Umkreis eingehen, wenn sie beim Dopen erwischt werden, ist heute größer als vor einem Jahr. Seit dem Skandal Festina ist die Sensibilisierung viel höher, das Fachwissen leider nicht. Viele Sponsoren und viele Teams haben Klauseln in ihre Verträge aufgenommen, daß gedopten Fahrern sofort gekündigt wird. Beim Team Deutsche Telekom war das schon vorher der Fall.

 

(Die Fragen stellte Michael Reinsch.)


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