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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



Drei Jahre, drei Fahrradsammlungen



Es gibt mehr Fahrrad-Museen, als man meint. Und Privatsammlungen auch, das sind kleine Museen, ähnlich professionell und vielleicht mit noch mehr Liebe ausgestaltet. Leider sind sie oft nur Sammlern bekannt, und so besuchen sich die Fahrrad-Sammler gegenseitig. Die Besitzer schließen gern ihre alte Scheune auf und zeigen stolz ihre Schätze. Ich habe in den vergangenen drei Jahren drei kleine, feine Sammlungen in Deutschland und der Schweiz gesehen und Fotos gemacht.



 

-- Viktor Vontobel, Rüti (ZH) -- Michael Faiß, Weilheim bei Tübingen -- Urs Schuler, Arisdorf (BL) -



Viktor Vontobel, Rüti (ZH)

Es muss im Herbst 2010 gewesen sein, als wir nach Rüti (Kanton Zürich) fuhren zu Christian Vontobel. Mein Foto-Programm hat sogar das genaue Datum: 26. September. Im Mai 2009 bei der IVCA-Rallye in Neuchâtel hatte ich Christian schon auf einem Rad von 1920 abgelichtet und ihn als „Schweizer Teilnehmer“ apostrophiert, und nun stand er in Lebensgröße vor uns und seinem Anwesen.




Das Foto von 2009



Christian Vontobel, der Eigner der Sammlung



Ich lasse meine Erinnerungen ablaufen und sehe eine Menge Kinderfahrräder herumstehen, ein Postrad, und dann ging es hinein in den Schopf (die Scheune), und das war beeindruckend. Es gab einige Puppen auf Rädern, die immer die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und dahinter eine Wand mit kleinen Abzeichen: fast die gesamte Sammlung der kantonalen Plaketten. Man muss viele Jahre veranschlagen, um solche eine fast vollständige Kollektion zusammenzubringen.




Ein Tandem
und viel dahinter



Ein Schreibset für den Radfahrer






Eine filigrane Schönheit, vermutlich um 1910



Der Schmuck der privaten Sammlungen liegt in den Details. In Vitrinen lagen Schaltaugen und Bremshebel, aber auch unerwartete Fundstücke wie ein Schreibset mit einem Radfahrer und andere Gebrauchsgegenstände, die als Geschenk für Fahrrad-Enthusiasten gedacht waren. Historische Fotos und Plakate hingen aus. Alles war liebevoll hergerichtet, und man dachte: Schade, dass nur Eingeweihte den Weg hierher finden. Andererseits wäre der Aufwand zu groß, das Vontobel-Museum bekannt zu machen.

 

Fahrradsammler sind Liebhaber, sie kaufen erst einmal für sich und freuen sich daran. Hier haben wir eine Disziplin, deren Protagonisten sich „dem bürgerlichen Verwertungszusammenhang entziehen“, wie Adorno gesagt hätte. Danke, Christian Vontobel!

 



Michael Faiß, Weilheim bei Tübingen




Im Juli 2011 hatte mich Michael Faiß zu seinem runden Geburtstag nach Weilheim bei Tübingen eingeladen. Es sollte ein Fest geben mit Einweihung seines kleinen privaten Museums. Auch hier weiß ich es genau: Der 31. Juli war es. Auch hier eine Scheune, rund 200 Jahre alt, und wenn man in den Garten tritt, sieht man in der Ferne eine Kapelle, der Ludwig Uhland ein Gedicht gewidmet hat. Selige schwäbische Landschaft!



Wir aßen und tranken in vielköpfiger sympathischer Gesellschaft, ich las sogar eine Passage aus meinem Buch „Radsport kurios“ vor, und dann wurde das Band durchschnitten und der Weg in das obere Stockwerk mit den Ausstellungsstücken war frei. Schön standen sie da, die Exponate, gut beschriftet waren sie. Ich sehe noch das Rad „Vaterland“, das man anscheinend in den 1950-er Jahren fahren konnte, ein Tandem und an einer Wand ein Rad aus der Wahlkampfaktion eines Lokalpolitikers, das Michael aus einem Bach befreite. Hier ein kleiner Blick in die Sammlung:










Die Prunkstücke sind die zwei Rennräder von Willy Maurer: ein Köthke BSA Bahnrennrad von 1930, mit dem seine Karriere begann (auf dem Bild unten); und ein Peugeot-Rennrad Typ PH 10 von 1947 (hängend). Mit diesem zeigte Maurer 1952 bei einem Rennen in Düsseldorf dem amtierenden Straßenweltmeister Heinz Müller und Gino Bartali, wie Maurer selber sagte, „das Profil seines Hinterrades". Er wurde zwei Mal Württembergischer Meister und einmal hatte er den 2. Platz der Süddeutschen Meisterschaft im 4rer.




Renner von W. Maurer



Michaels Lieblingsrad ist eine Talbot-Rotsiegel Rennmaschine von 1937 (mit F&S-3-Gang-Kettenschaltung) aus Berlin. Es ist das einzige seiner Art.

 




Talbot in den Weinbergen



Das Museum in Weilheim wird gut genutzt, etwa bei Kindergeburtstagen. Das Museumskino ist dabei besonders beliebt.




Museumskino



Beim Herrichten der Örtlichkeit halfen seine lieben Nachbarn, die alle Wände mit Stroh und Lehm verputzten und die Holzarbeiten erledigten. Dafür wurden sie stets mit einer Ration Most entlohnt. In Tübingen wird übrigens im Jahr 2013 die Velozipediade stattfinden. Darf man nicht verpassen!

 



Urs Schuler, Arisdorf (BL)

Ein Jahr verging, und Ende Juni 2012 hatte der Old Bicycle Fan Club aus Rehetobel einen Besuch bei Urs Schuler in Arisdorf (Kanton Basel-Land) anberaumt. Auch er ist beneidenswerter Besitzer einer alten Scheune, in die ein extra Boden eingezogen wurde. 80 Räder hat Urs zusammengetragen, und mit einem fängt es immer an. Er war 15 Jahre alt und fand bei einem Bauern ein altes Condor-Tandem, dem noch die Räder fehlten; aber als die dran waren, fuhr er mit ihm ans Meer. 1936, erzählt er, bekamen die Franzosen erstmals „congé payé“, bezahlten Urlaub, und viele kauften sich ein Tandem mit Anhänger und fuhren los zum Zelten.




Der Sammler Urs Schuler, Lehrer in Arisdorf



Das berühmte schwere Condor-Tandem



Das Prunkstück Urs Schulers ist ein 1880 von Moritz Fischer gebautes Rad. Fischer könnte auch mit den Pedalen angefangen haben, auch wenn Pierre Michaux oder die Gebrüder Olivier aus Lyon in der Geschichte verzeichnet sind. Dann gibt es noch, hängend an Wänden, herrliche Rennräder, darunter ein Colnago, mit dem Urs Jaermann 1992 bei der Tour fuhr, ein Bartali-Rad, das Gino 1938 in Frankreich bewegte und alte Renner mit Freilauf und Fixkranz, die vor dem Berg umzutauschen waren.

 

 




altes Ding



Die Rennräder an der Innenwand der Scheune



Unsere Truppe beim Besuch in Arisdorf.



Accessoires gehören immer dazu, und die Detailansicht macht Freude. Was für ein Einfall, eine Fahrradlampe „Lucifer“ zu nennen nach dem von Gott abgefallenen Erzengel, der den Menschen das Licht bringt!




Eine Schaltung.






Eine Bremse



Lucifer



Auch die Schuler-Sammlung hat Besucher verdient, und vielleicht ist jemand einmal in der Nähe von Rüti, Weilheim oder Arisdorf und entsinnt sich, dass dort etwas Schönes zu entdecken ist. Da sind alles überschaubare Dörfer, einfach jemanden nach dem Fahrradsammler fragen!



 

© Text und Fotos Manfred Poser, November 2012


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