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Antidoping



Dossier Reform Antidoping



• Dossier Reform Antidoping • Kontrollsystem: Schwächen 
• Artikel Reform Antidoping • Kontrollsystem: Verschlankung Dopingliste 
• Doping-Prävention • Kontrollsystem: Medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE) 
• Whistleblowing • Kontrollsystem: Führungszeugnis 
• Athletenrechte  
• Legalisierung von Doping 
Ergänzungen folgen  


Schwächen des Dopingkontrollsystems

Über Mängel des internationalen Dopingkontrollsystems wird mittlerweile viel diskutiert und einige werden auch nur noch selten weg diskutiert.

 

Mängel sind vor allem:

zu geringe Kontrolldichte insgesamt; zu unterschiedliche Kontrolldichte im Vergleich der Sportarten und im Vergleich der Nationen; mangelhafte Qualität der Kontrollauswahl; hoher finanzieller Aufwand bei unterfinanzierten Organisationen; die Dopinganalytik hinkt der Dopingpraxis hinterher; uneindeutige Ergebnisse und damit Gefahr falscher Beurteilungen wie z.B. falsch positive Ergebnisse. Im Ergebnis akzeptieren die meisten Anti-Doping-Experten die Erkenntnisse, wonach die Zahlen der überführten Sportler*innen verschwindend gering sind gegenüber Zahlen, die die Dopingforschung schon seit Jahren bereit hält, somit die Ergebnisse des Anti-Doping-Kampfes nicht die Realität abdecken.

Die Ursachen dieser ungenügenden Zustände gemessen am propagierten Anspruch des Sportsystems sind komplex, strukturell bedingt und ziehen sich durch alle Ebenen. Dazu gehören Widerstände aus Sportverbänden, der Politik und auch von Seiten der Sponsoren, fehlende oder mangelhafte nationale Kontrollstrukturen, fehlendes Problembewusstsein, sowie intelligente Vermeidungsstrategien auf Seiten der Dopingwilligen. Insbesondere im finanziell gut ausgestatteten Kreisen lassen neue Dopingsubstanzen und -methoden die Kontrollinstanzen weit hinter sich.

Als Beispiel dafür, dass das Kontrollsystem komplett versagte, kann der Russland-Skandal gelten: Seit vielen Jahren wurde systematisch gedopt, doch selbst die Manipulationen an den Urinflaschen in Sotschi wurden nicht entdeckt. Es waren die Whistleblower, die mit Hilfe von Journalisten aufdeckten. Andere Dopingnetzwerke flogen durch polizeiliche Ermittlungen auf.

 

Um etwas ändern zu können, muss umfassend angesetzt werden. Daher betrifft die Diskussion Themen wie Transparenz, Unabhängigkeit, Demokratisierung, Korruptionsbekämpfung bis hin zur Entschlackung der Doping-Verbotsliste und radikal verändertem Kontroll-Management. Aber auch die Rechte der Sportler*innen sind betroffen, denn nur wenn deren Einverständnis und Mitarbeit vorhanden ist, stimmen die Voraussetzungen.



WADA-Studie 2012

Die WADA selbst legte die Defizite des Kontrollsystems offen. Eine Expertengruppe unter Richard McLaren veröffentlichte 2012 eine Analyse vorliegender Dopingkontrollstatistiken. Ihre Erkenntnisse waren ernüchternd. Das Kontrollprogramm habe versagt und damit alle Beteiligten Gruppen und Organisationen.

The primary reason for the apparent lack of success of the testing programs does not lie with the science involved. While there may well be some drugs or combinations of drugs and methods of which the anti-doping community is unaware, the science now available is both robust and reliable. The real problems are the human and political factors. There is no general appetite to undertake the effort and expense of a successful effort to deliver doping-free sport. This applies (with varying degrees) at the level of athletes, international sport organizations, national Olympic committees, NADOs and governments. It is reflected in low standards of compliance measurement (often postponed), unwillingness to undertake critical analysis of the necessary requirements, unwillingness to follow-up on suspicions and information, unwillingness to share available information and unwillingness to commit the necessary informed intelligence, effective actions and other resources to the fight against doping in sport.

Empfehlungen gehen folgerichtig an die WADA, die Internationalen Sportorganisationen, die Nationalen Anti-Doping-Agenturen, die Regierungen, die Athleten und deren Umfeld. Empfehlungen werden auch zu den Doping-Tests ausgesprochen und richten sich an die Laboratorien und die Sportevent-Veranstalter.

WADA: REPORT TO WADA EXECUTIVE COMMITTEE on LACK OF EFFECTIVENESS OF TESTING PROGRAMS

 



Olivier de Hon, Niederländische Anti-Doping-Agentur

 

Olivier de Hon von der Niederländischen Anti-Doping-Agentur fasste in einer Power-Point-Präsentation das Missverhältnis zwischen den Ergebnissen der offiziell durchgeführten Dopingkontrollen und den Ergebnissen zur Doping-Wahrscheinlichkeit aus Studien zusammen.

 

Die Durchschnittsrate der offiziellen Nachweise liegt seit 1987 zwischen 1 und 2,5%, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Kontrollen und Mittel in dieser Zeit starken Änderungen unterlagen.

Studien, die zwischen 2007 und 2017 durchgeführt wurden, zeigen meist wesentlich höhere Dopingwahrscheinlichkeit, teils über 50 %.

Olivier de Hon: 29.11.2017, Olivier de Hon, 2016

 

Ein Beispiel ist die Studie, die 2013 von der WADA zum Doping unter Hochleistungs-Leichtathleten zum Zeitpunkt der Leichtathletik WM 2011 in Daegu und den 12. Pan-Arab Games in Doha in Auftrag gegeben wurde. Auf Betreiben der IAAF wurde sie zurück gehalten. Die Studie erbrachte eine mögliche Dopingrate von 29%+ in Daegu bis 45 % in Doha. Erst hartnäckige Berichte von Journalisten und eine Untersuchung durch das Culture, Media and Sport Committee des Britischen Parlaments führten 2017 schließlich dazu, dass die Studie vollständig veröffentlicht wurde:

Universität Tübingen: Dopingstudie: Hohe Dunkelziffer im Spitzensport, 29.8.2017

 



Empfehlungen

Zu den häufigsten Forderungen hinsichtlich einer Erneuerung des Doping-Kontrollsystems gehört die Forderung nach der Unabhängigkeit der Kontrollinstanzen wie NADO, Labore, Kontrollunternehmen aber auch der WADA selbst. Zwei Beispiele der Forderungen:

Um glaubwürdig und effektiv zu sein, muss die Anti-Doping Arbeit völlig unabhängig vom Sportestablishment organisiert werden. Echte Gewaltenteilung in der Organisation der internationalen Anti-Doping Arbeit beinhaltet die Einrichtung eines „Internationalen Anti-Doping-Service“ (IADS) als fehlendes Glied neben der World Anti-Doping Agency (WADA) und dem Court of Arbitration for Sport (CAS). Die WADA muss gestärkt werden, um Organisationen und Länder, die gegen die Regeln verstoßen, zu sanktionieren, basierend auf Akkreditierungs- und Reviewprozessen, Benchmarking und Qualitätskontrollen. (David Müller, How to protect the clean athletes? 2017)

 

Hajo Seppelt: In Dopingkontrollen, die es in vielen Ländern nicht oder kaum gibt. In eine internationale Einheit von Ermittlern, die nicht ins Dopingkontrollsystem involviert ist – das ist ein möglicher Schlüssel zum Erfolg. Und, auch wenn es keine Sache des Sports ist, sondern der weltweiten Medienunternehmen: Der investigative Journalismus im Sport muss gestärkt werden. (link https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.spitzensport-neue-ideen-fuer-den-kampf-gegen-doping-page4.91186bbd-ac17-4fba-a457-eab537d7d2da.html>Stuttgarter Nachrichten, 17.7.2017)

 

 

Weitere Beispiele entsprechender Forderungen werden an anderer Stelle mit Zitaten noch belegt werden.

 

Im Folgende verweise ich auf einige praxisnähere Vorschläge.

 



WADA-REPORT port (s.o.)

In dem Bericht werden Empfehlungen an die WADA, Internationalen Sportorganisationen, Nationalen Antidoping-Agenturen, Regierungen, Athleten und deren sportliches Umfeld, Laboratorien, Veranstalter und das Internationale Sportschiedsgericht ausgesprochen.

WADA: REPORT TO WADA EXECUTIVE COMMITTEE on LACK OF EFFECTIVENESS OF TESTING PROGRAMS

 

Der Bericht beschäftigt sich auch der Testpraxis. Die rauf bezogenen Mängel werden auf den Seite 6/15ff dargestellt. Daraus wurden folgende sehr konkreten Empfehlungen entwickelt:

63. Full menu testing shall be required unless WADA specifically agrees otherwise.

64. Required testing shall forthwith include EPO.

65. Retroactive TUEs should be permitted only for gluco-corticosteroids and asthma medications and may be reported as negative only with the written approval of WADA.

66. No advance notice of or contact with respect to any OOC test shall be permitted.

67. Front-loading of tests (ie. more testing before competition rather than after competition) connected with major events should become a more regular feature of effective testing programs.

68. No communication shall occur between any laboratory and the ADO before the sample analysis has been completely concluded and documented.

69. Application of random testing should be limited to in-competition testing.

70. CIR (IRMS) testing for artificial testosterone should be increased forthwith for samples provided by male athletes.

71. RTP whereabouts requirements shall be enforced in all countries and sports.

72. “Watering down” of the RTP provisions should not be permitted, especially for team sports.

73. The entire RTP concept and related whereabouts obligations should be reassessed in the context of improving the fight against doping in sport. (It is not credible that in some team sports there are fewer than 10 athletes in their entire international RTP.)

74. For in-competition testing, pre-emptive target testing should be allowed in team sports, in addition to random tests.

75. ADOs should accelerate the use of intelligence-based testing.

76. Because of micro dosages, rules should be established to permit testing during the periods when detection is possible.

77. NADOs should be reminded that testing of persons not in the RTPs is important for purposes of aximizing the fight against doping in sport.

 

 



Perikles Simon, Sportwissenschaftler und Mediziner, Universität Mainz



Olivier de Hon:
STRIKING THE RIGHT BALANCE:

The exact amount of the costs of the anti-doping framework is difficult to quantify. The costs of testing and analysing alone can be estimated to total at least 125 million euros per year (based on a minimum of 250,000 annual global doping controls which cost approximately 500 euros each to perform and analyse). An estimate of 300-400 million American dollars per year has been put forward in the past (Møller et al. 2015) and the president of the IOC, Thomas Bach, has mentioned an estimate of $500 million (Maennig 2014). This is obviously a large amount of money, but at the same time it is just a fraction of the global sports economy, which is estimated to be $150,000 million to $620,000 million by two different consultancy firms (Collignon et al. 2011, PwC 2011). Apparently, anti-doping should not cost more than 0.33% of the total amount of sport-related revenues and may in fact cost a much lower percentage of available funds. No matter what the exact figures are, this also brings the limits of anti-doping policies into the limelight: no matter what the exact costs are, the total budget will always be limited which calls for an optimal efficiency in spending the budget.
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Perikles Simon engagierte sich viele Jahre im Anti-Doping-Kampf insbesondere nahm er an verschiedenen Forschungsprojekten teil. 2017 stieg er aus und wandte sich desillusioniert ab. Es waren letztlich die strukturellen kaum zu überwindenden Hindernisse und das damit verbundene Falschspiel, die zu seinem Entschluss führten.

Die Jahre zuvor analysierte er immer wieder die Schwächen des Kontrollsystems und legte Verbesserungsvorschläge vor. Unter anderem betonte er die finanziellen Restriktionen, die eine optimale Dopinganalytik und ein effektive weltweites Kontrollmanagement verhindern. Auch wenn die Dopinganalytik weitgehend unabhängig agieren könnte wäre es nicht möglich, die vorhandenen Techniken anzuwenden. So stünden der Medizin Diagnoseverfahren zur Verfügung, die auch im Anti-Doping-Kampf anwendbar wären aber den finanziellen Rahmen der Anti-Doping-Organisationen sprengten. (3sat, 17.6.2016)

 

Perikles Simon vertrat jahrelang die Ansicht, mit der Weiterentwicklung der Dopinganalytik könnten Erfolge erzielt werden (Perikles Simon, 10.11.2010). Heute hat er resigniert und sieht im Ausbau und der Weiterentwicklung der Kontrolltätigkeiten keine Lösung mehr (Perikles Simon, 15.12.2018):

SPIEGEL: Weltweit werden jährlich gut 350 Millionen Dollar ausgegeben, um Athleten auf Doping zu testen. Alles umsonst?

Simon: Viele Jahre dachte ich, das Testsystem sei eigentlich ganz in Ordnung. Dann ergab unsere Studie, wie viele Athleten dopen; erwischt wird davon nur ein Bruchteil. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel für die Schwäche des Systems: Die Trainingskontrollen sind angeblich das schärfste Schwert des Anti-Doping-Kampfs. Doch zuletzt wurden damit viel weniger Sportler überführt als durch Wettkampfkontrollen. Da läuft doch irgendetwas massiv falsch. Statt diesem Aspekt ernsthaft nachzugehen, schönt man jetzt indirekt die Daten, indem man die genauen Vergleiche der beiden Kontrollarten nicht mehr veröffentlicht.

... Die Athleten werden durch die Trainingskontrollen extrem in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt, weil sie zum Beispiel im Vorhinein ihre Aufenthaltsorte angeben und umfangreich für Kontrollen zur Verfügung stehen müssen. Wenn bei diesem gigantischen Aufwand unverhältnismäßig wenige überführt werden können und keine Sorgfalt im Umgang mit den Daten der Athleten besteht, gibt es nur eine Konsequenz: Die Trainingskontrollen gehören bis auf Weiteres abgeschafft.

 

SPIEGEL: Anti-Doping-Kämpfer rufen bisher eher nach immer mehr und immer feineren Kontrollen.

Simon: Ich habe mich auch viele Jahre damit beruhigt: Wir können alles nachweisen. Aber Laboranalysen allein sind sinnlos, obwohl dort das meiste Geld hinwandert. Ich komme damit zum Beispiel nicht an die Hintermänner heran und schon gar nicht an die korrupten Funktionäre. Alle Kontrollen gehören auf den Prüfstand ... Ein Großteil des Geldes sollte lieber für präventive Maßnahmen unter jungen Sportlern verwendet werden. Aus Studien haben wir Anzeichen dafür, dass die Dopingquote unter Jugendlichen sinkt, wenn es klare pädagogische Konzepte gibt. ... Ich denke, die Nationale Anti-Doping-Agentur hat durch die Bereitstellung von Informationsmaterial zur Dopingprävention für ein paar Hunderttausend Euro mehr erreicht als die Anti-Doping-Forschung und die Kontrollen.

 

 





Monika, Februar 2018


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