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Lieber ein Karriereende mit Party als eine Karriere ohne Ende...

von Zülli-HCfan, 10.11.2004

 

Heute bin ich ein VIP. Mit persönlicher Einladung (Danke vielmals, Beda!), eigenem Hotelzimmer, kostenloser Verpflegung und so. Es ist Samstag, der 30. Oktober 2004, Münchwilen, Kanton Thurgau, Schweiz - der Tag an dem Alex Zülle im Kreise seiner Familie, Freunde und Fans sein offizielles Karriereende verkünden wird. Der krönende Tag in meinem secheinhalbjährigen Zülli-Fanleben sozusagen. Die Genugtuung, dass fünf Jahre freiwilliger Online-Publicity doch nicht unbeachtet am Meister vorbeigerauscht sind. Ja, quasi die Belohnung dafür, viereinhalb Jahre in glutheißen Sommern auf den europäischen Strassen nur dem Einen treudoof hinterhergerannt zu sein! Er ist zu mir gekommen, mein Schaaaatzzzzzz. Na gut, es war eher anders rum, ich will nicht wissen, wie oft der Meister innerlich gestöhnt hat: Oh Gott, nicht die schon wieder. Obwohl, so traumatisch können die Begegnungen mit mir auch wieder nicht gewesen sein, sonst wäre ich wohl heute nicht hier.



Oh, die Dame von der Website!

Jetzt muss ich mich aber aufraffen, es ist gleich halb zwei - the party is about to begin! Unten im Speisesaal stehen schon eine ganze Menge Leute rum, viele Gesichter kenne ich und Gott sei Dank sehe ich Murphy, den Photographen, der auch mich kennt. Du auch hier?, fragt er grinsend. Natürlich, was für eine Frage! Walter Zülle, Alex Vater, kommt auf mich zu: Hallo...Beate oder Anne? Die Anne bin ich und Zülle senior erzählt mir noch kurz was, leider sind meine Kenntnisse in Schweizerdeutsch nicht die Besten. Inzwischen ist auch Alex nebst seiner Freundin Andrea eingetrudelt und nimmt Glückwünsche und Geschenke entgegen. Photos werden gemacht, Worte gewechselt, es geht recht turbulent zu. Alex kommt auf mich zu, drückt mir freudestrahlend die Hand: Hallo, Anne! Ich bin baff, wusste ich doch bis heute nicht, dass der Meister weiss, wie ich heisse. Walter Zülle versucht unterdessen, die Leute zu bewegen, sich doch hinzusetzen, er fürchtet wohl um seine Programmplanung. Murphy und ich setzten uns dann auch an den Tisch mit einer ganzen Riege Phonak-Profis. Neben mir sitzt Fabian Cancellara mit seinen Schwestern, mir gegenüber Oscar Pereiro und Freundin sowie Dani Schnider, ebenfalls in Begleitung seiner Freundin. Ans Essen ist immer noch nicht zu denken, da alle Neuankömmlinge sich die Mühe machen, die gesamte Tafel abzuschreiten und alle persönlich zu begrüßen. Um meinen Bekanntheitsgrad kann es nicht schlecht bestellt sein, Wil Zülle, Alex' Mutter, drückt mir die Hand: Oh, die Dame von der Website. Und Achim, seines Zeichens Ex-Coast und jetzt Phonak-Masseur, begrüßt mich mit den Worten: Ach, da ist ja die ganze Familie da! Ich grinse in mich hinein. Walter Zülle ergreift das Wort und gibt die Marschrute für den restlichen Nachmittag und den Abend aus. Zuerst wird gegessen, dann geht es zum Eishockey mit dem Bus. Danach werden die Radprofis und alle anderen mitspielenden Sportler eine Autogrammstunde geben: Gell Alex, die liebst du ja so! Ein undefinierbarer Stöhnlaut ist die Antwort aus der Tischgegend, an der der Ex-Radler in spe sitzt. In der Pause des echten Eishockeyspiels wird dann die offizielle Verabschiedung stattfinden und danach ist Party angesagt. Offiziell ist die Rückfahrt ins Hotel auf ein Uhr angesetzt. Dann wird die Schlacht ums Büffet eröffnet. Es gibt - die Profis werden gejubelt haben - Spaghetti. Sie sind nicht übel, ich will mein Glück aber nicht weiter herausfordern (Tomatensoße und weiße Bluse!), esse nur einen Teller und hole meine Jacke und die Kamera, denn es herrscht schon Aufbruchstimmung.

 



Spiel und Spaß beim Eishockey...

Von "Aufbruchstimmung" bis "Abfahrt" ist es aber ein weiter Weg. Sporttaschen und Hockey-Ausrüstungen werden im Bus verstaut, es wird an jeder Ecke gequatscht und bis alle endlich einen Sitz haben, vergeht nochmal eine gute halbe Stunde.Michael Albasini kann sich von seinen Schläger nicht trennen, nimmt ihn mit in den Bus und sorgt damit für allgemeine Begeisterung, denn fast alle Teamkollegen müssen den Schläger mal anfassen und probeweise auf den Boden des Busses stoßen. Wie aufregend. Die Fahrt dauert nicht lange, aber es wird nach Kräften rumgeblödelt. Martin, wann kommt deine Freundin?, wird Elmiger gefragt. Die kommt später - wie immer... Wir kommen an der Eishalle an, alle springen raus und suchen ihre Taschen. Alex, der schon die ganze Zeit wie ein kleiner aufgeregter Junge herumrennt, klettert kurzerhand in die Kofferraum des Busses und schmeisst die Taschen raus: Alex, das wird dein neuer Job bei Phonak! ist man sich einig. Die Hockeyspieler gehen sich umziehen, alle anderen, inklusive ich, stehen ein bisschen dumm rum und auf Vorschlag von Andrea, ihres Zeichens Alex' Freundin, begeben wir Frauen uns in die sogenannten "VIP-Lounge". Wenn schon VIP, dann aber auch richtig... Da ich sowieso neben ihr sitze, frage ich Andrea ein bisschen aus, was die baldige Geburt des Kindes angeht. Kurz darauf erscheinen auch die ersten Hockeyspieler. Michael Albasini, Martin Elmiger und Niki Aebersold kurven wie die Blöden auf dem Eis rum und versuchen sich gegenseitig umzurammen. In Gedanken bin ich beim armen Oscar Pereiro, der beim Essen noch erklärt hatte, zum ersten Mal auf Schlittschuhen zu stehen. Viel Spass, aber er hat sich schlauerweise freiwillig als Torhüter gemeldet. Als die Fläche immer voller wird, gehen wir wieder herunten, um das Spiel auch akustisch genießen zu können. Es gibt zwei Mannschaften: "Stars and Friends" die aus Freunden und Radkollegen aus anderen Teams besteht sowie aus Schweizer Sportlern, die mir als Mitteldeutsche jedoch herzlich wenig sagen. Das andere Team besteht aus Mannschaftskollegen (Fahrer, Masseure, Teamleitung) von Alex. Beim Spiel wird sich nichts geschenkt, allerdings domiert die gelb-grün-weisse Phonak-Auswahl von Beginn, obwohl die gegnerischen Blau-Roten zeitweilige stark dagegen halten. Aber Widerstand ist zwecklos, auch die von Ösi Camenzind angezettelte Massenschlägerei kann die Dominanz der Grün-Gelben nicht mehr brechen.





Alex auf dem Eise

 Als ein Phonakler gefault wird, gibt es Penalty. Der Meister selbst will es richten, aber er kommt am Torhüter, der sich kurzerhand vor seinen Kasten gelegt hat, begreiflicherweise nicht vorbei. Fairerweise muss man aber sagen: Auch Oscar Pereiro geht jedesmal auf die Knie und verkriecht sich in seinem Gehäuse, wenn der Puck in seine Nähe kommt. Dann kommt Alex aber doch noch zum Schuss und macht den letzten Treffer - 10:7 gewinnt die Phonak-Auswahl. Alex' Begeisterung über diesen sauber versenkten Puck kennt keine Grenzen, er reisst die Arme hoch und schmeisst sich wie ein Käfer auf den Rücken, bevor er von einem Berg Menschen begraben wird. Dann ist das Spiel aus, Alex dreht eine Ehrenrunde und ab geht's zum Festzelt, was ganz in der Nähe aufgebaut ist.

 



Autogramme für kleine und große Fans

Ich inspiziere erstmal die Lage, da aber von uns VIP's (*höhö*) noch keiner da ist, laufe ich noch ein wenig draussen rum und setze mich erst später wieder an einen dieser reservierten Tische, als dieser schon etwas gefüllt ist. Ich treffe Sina von Cycling4fans, wir plaudern ein bisschen über unsere Radler bis dieselbigen zur angekündigten Autogrammstunde erscheinen. Es herrscht dichtes Gedränge, auch wenn die Groupies hauptsächlich der Alterklasse U12 angehören. Den Dreh haben sie aber raus, wie ich staunend beobachte. Die kleinen Mädels lassen sich Autogramme auf die Wangen (...noch!) geben und einige kleine Jungs sind schon ganz verzweifelt, weil sie die Mauer aus XS-Phonak-Trikots und Pferdeschwänzen nicht durchdringen können. Nachdem alle Kinderwünsche erfüllt sind, kann ich es mir dann doch nicht verkneifen, auch ein paar Karten signieren zu lassen. Da ich ja von Alex auch gar keine Autogramme habe, frage ich ihn danach. Er will mir eine Karte in die Hand drücken, schaut kurz hoch, nimmt sie mir wieder weg und schreibt drauf: Vielen Dank für alles! Das Ausrufezeichen malt er ganz besonders sorgfältig hin. Oh, wie süss, ich bin ehrlich gerührt. Mit dieser Jagdtrophäe in der Hand gehe ich zu meinem Tisch zurück, wo Achim dabei ist, eine rote Mixtur ans Volk zu bringen. Irgendwas mit Wodka. Seit meiner Russifizierung vor ziemlich genau fünf Wochen ist Wodka ein echtes "action word" für mich, ich will also auch sowas haben. Ob ich denn das schon trinken dürfe, werde ich augenzwinkernd gefragt, wenige Minuten halte ich dann aber ein Plasteweinglas mit rotem Inhalt in der Hand und wir stoßen an. Dann geht es wieder rüber in die Eishalle, die offizielle Verabschiedung steht an. Allerdings sind die echten Eishockeyspieler noch schwer beschäftigt und angesichts ihrer Spielweise verblassen die Künste der Radler doch etwas. Neben mir steht Sascha Usov. Ich überlege kurz und entschliesse mich, ihn anzusprechen. Auf Russisch natürlich, für irgendwas müssen die drei Wochen Petersburg ja gut gewesen sein. Vor lauter Überlegen mache ich natürlich gleich im Anfangssatz einen dämlichen Fehler aber immerhin, er scheint mich verstanden zu haben und antwortet auf Russisch. Ich verstehe es sogar, bin ganz stolz. Aus Vokabelmangel meinerseits müssen wir das Gespräch aber bald auf Französisch fortsetzen, zwar auch nicht meine Stärke, aber es geht.

 



Abschlussprüfung

Dann ist endlich die Pause. In der Mitte des Spielfeldes steht ein kleiner Tisch mit verschiedenen Sachen drauf und Alex wird aufs Eis zum Präsidenten des ansässigen Eishockeyvereins EC Wil gerufen. Nach kurzer Rede wird der Sinn der Sachen klar: Einige Sachen, die Alex in seiner Profikarriere nicht wirklich konnte, müssen nachgeholt werden: Siegerpokal stemmen und Champagnerflasche öffnen. Beide Sachen spielen auf Situationen in der Vuelta an. Einmal hat er den Siegerpokal auf der Bühne zerdeppert und unvergessen auch die Szene, wo er sich bei der Vuelta 1999 minutenlang mit einem störrischen Sektkorken abquälte. Zu guter Letzt muss er dann noch seinen Trainingsfortschritt im Gebiet "Ich werde Papa" unter Beweis stellen und vor ca. 400 kritischen Augenpaaren einen ziemlich grossen Teddybären windeln. Ich glaube, Andrea wird innerlich beschlossenen haben, diese Aufgabe dem Vater ihres Spösslings nicht zu überlassen. Trotzdem, unter den Gejohle der Zuschauer besteht irgendwie alle drei Prüfungen und wird mit mehreren La-ola-Wellen begeistert vom Publikum gefeiert. Dann führen die Jüngsten des Vereins noch 20 seiner wichtigsten Trikots vor und dann heisst es also wirklich: Danke und Tschüß, Radprofi Alex!

 

Hier gehts weiter zur anschließenden Party...


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