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Checker beim Henninger Turm 2002

Cycling diaries - In den Strassen den Taunus

 

Mittwoch, 1.Mai 2002, 6:00 Uhr früh: fünf Stunden höchst unruhigen Schlafes werden durch den erbarmungslosen Wecker endgültig beendet. Im Dunkel des Hotelzimmers denke ich mir: ‚Verdammt, warum machst du den ganzen Mist eigentlich?! Heute ist Feiertag, du könntest schön gemütlich ausschlafen - aber nein, du musst beim Henninger-Turm-Jedermannrennen an den Start gehen, noch dazu mit einer Erkältung!'

 

Der Blick aus dem Fenster lässt mich vollends verzweifeln: Dauerregen, alles grau, trostlos. Toll: die letzten Jahre gab es am 1.Mai stets Kaiserwetter, und bei der ersten Austragung des Jedermann-Rennens macht uns neben diversen organisatorischen Fehlgriffen (auf die ich nicht näher eingehen will, sonst schreibe ich in drei Wochen noch an diesem Beitrag) auch noch das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Aber ich MUSS fahren! Leute wie Michelin könnten es sich vielleicht leisten, 42 EURO in den Wind zu schiessen - ich armer Student nicht.

 

Und so stehe ich knapp drei Stunden später vor der Frankfurter Eissporthalle am Start zusammen mit Msteil, seiner Frau, Michelin, (dem sich ganz bestimmt bald im Forum angemeldet habenden) Thorsten und Gulaschkanone, den wir quasi im vorabendlichen Suff noch zur Teilnahme überredet hatten (was sich später als Fehler herausstellen sollte). Über das Fehlen von "Blauer Helm, rotes Fahrrad"-Rino gab es diverse Theorien, die von "Der blufft!" bis "Der ist in Wirklichkeit eine Frau!" reichten.

 

Naja, jedenfalls starteten wir punkt 9:00 Uhr bei konstant anhaltendem Regen und fuhren neutralisiert in Richtung Start/Ziel auf der Darmstädter Landstrasse. Die glatten Strassenbahnschienen ließen bereits einige Teilnehmer Bekanntschaft mit dem Frankfurter Asphalt machen (es sollten nicht die letzten gewesen sein). An der Darmstädter gab es sinnvollerweise eine halbe Stunde Aufenthalt, was bei Regen und Temperaturen um 10 Grad nicht unbedingt Begeisterungsstürmen auslöste. Viele nutzten die Zeit zum Sich-Erlösen, Bananenessen, Bananenschalen-in-Vorgärten-Werfen und Schimpfen. Irgendwann ging es schließlich weiter.

 

Der eigentliche Start erfolgte noch einmal 17 Kilometer später in Frankfurt-Höchst. Wie nicht anders zu erwarten, gaben die zahlreichen Kamikaze-Biker vorn gleich richtig Stoff, so dass ich erst einmal froh war, im Windschatten mitradeln zu können. Die ersten Kilometer hielt ich mich immer in der Nähe von Gulaschkanone auf, von den anderen war nicht viel zu sehen. Wir fuhren schätzungsweise mit einem 40er Schnitt durch die Gegend, und man muss sich vorstellen, dass sich der eigene Horizont zumeist auf das Hinterrad deines Vordermannes beschränkt. Volle Konzentration war erforderlich, um bei diesem Tempo unfallfrei durchzukommen.

 

Dass Stürze jedoch nicht nur aufgrund mangelnder Konzentration, sondern auch durch stümperhafte Streckensicherung passieren, zeigte sich leider nur kurze Zeit später. Das Feld fährt mit vollem Tempo in eine kurze, steile Abfahrt hinein. Vor mir wird gebremst, und plötzlich scherbelt es, Fahrer liegen auf dem Asphalt, ihre Räder daneben. Ich sehe ein rotes Rad durch die Luft wirbeln. Gulaschkanone?? Ich kann niemanden erkennen, denn auch ich rutsche wie auf schmierseifebehandeltem Eis und habe größte Mühe, mich auf dem Rad zu halten. Irgendwie klappt es, ich kann weiterfahren. Gulaschkanone leider nicht, wie ich später erfahren sollte.

 

Ich treffe ihn nach dem Rennen in der Eissporthalle wieder. Sein rechter Unterarm hat inzwischen die Farbe seines Rades angenommen, sein Gesäß nach eigener Aussage auch (das wollte ich aber nicht nachprüfen). Wenigstens das Rad war einigermaßen heil geblieben, andere Maschinen dagegen wurden schrottreif gefahren. Kleiner Trost: in der Freiburger Innenstadt eine Nacht zuvor hätte das genauso gut passieren können...

 

 

Trotz allem, Leben und Rennen gehen weiter. Ich finde mich neben Msteil wieder, als es nach etwa 25 Kilometern in den ersten kleinen Anstieg geht. Ich fühle mich ganz gut, fahre relativ weit vorn, hinten bröckelt es bereits. Als ein paar Kilometer später der erste richtig schwere Berg auf dem Plan steht und alle um mich herum wie vom Affen gebissen die ersten Rampen in Angriff nehmen, denke ich mir: ‚Na gut, bis hierher konntest du mitfahren, ab jetzt musst du dein eigenes Tempo gehen.' Ich fahre also meinen Rhythmus - und siehe da: ich überhole einen nach dem anderen, lasse die Heissporne hinter mir, die jetzt fast im Sekundentakt ihre Übersetzung nach unten korrigieren müssen. Und nur 15 Meter vor mir fährt die Spitze! In der folgenden Abfahrt schaffe ich wieder den Anschluss und ziehe dabei ein ganzes Rudel Belokis hinter mir her. Egal, ich bin vorn dabei, klasse!

 

Im folgenden stellen sich uns immer wieder kurze, ruppige Steigungen in den Weg. Ich versuche zu essen, doch bei dem Tempo und Parcours stellt das ein echtes Problem dar. Irgendwie kann ich einen halben Energieriegel hinterwürgen, für mehr reicht es nicht. Zum Glück komme ich wenigstens noch zum Trinken!

 

Etwa 35 Kilometer sind vorbei, wieder ein längerer Anstieg. Die Besten können sich etwas absetzen, ich fahre in der zweiten Gruppe, und ich fahre schon relativ nahe am Limit. Sollte ich nicht ein wenig rausnehmen, vielleicht auf die nächste Gruppe warten? Immerhin liegen noch 45 Kilometer vor mir, inklusive Ruppertshainer Berg. Allerdings: der Typ neben mir keucht bereits wie Jan Ullrich ohne Kortison, dem täte das Sauerstoffzelt von Grischa Niermann jetzt bestimmt ganz gut. Dagegen nehme ich mich noch recht entspannt aus!

 

Glashütten, Verpflegungsstation: keiner hält an, keiner nimmt sich etwas im Vorbeifahren - warum dieser Ehrgeiz, frage ich mich? Es ist doch nur ein Jedermann-Rennen! Aber jeder in der Gruppe will wieder zu den Führenden aufschließen. Ich ja auch. Nebenbei gesagt, hätte das Angebot der Verpflegungsstation vielleicht für ein zwanzigstel aller Teilnehmer gereicht. Symptomatisch für die ganze Organisation.

 

Knapp 40 Kilometer sind zurückgelegt. Die Spitzengruppe ist nach wie vor in Sichtweite, wir versuchen hinzufahren. Doch plötzlich spüre ich in meiner rechten Wade: da krampft sich was zusammen! ‚Mist, auch das noch!' Ich versuche, das ein wenig zu kaschieren, massiere ein bisschen, doch keine Chance: wenig später fährt es mir wie ein Blitz in meine Wade! Sch***, tut das weh! Ich muss abreißen lassen, rolle rechts an den Strassenrand, halte an, schreie vor Wut und Schmerz. Dehnversuche scheitern - zu schmerzhaft! Ich massiere meine Wade, zwei, drei Gruppen fahren vorbei - und der Krampf löst sich einfach nicht! Irgendwann sitze ich wieder im Sattel, fahre langsam weiter, aus Angst, es könnte gleich wieder losgehen.

 

Die nächsten Kilometer bis zum Ruppertshainer fahre ich isoliert zwischen zwei Gruppen, am Fuss des Anstieges holen mich die Verfolger erst einmal ein. Einer sagt: "Jetzt noch ein Stossgebet!" Die Steigung beginnt, 14 Prozent gleich am Anfang. Ich kann meine Mitstreiter wieder abhängen, fahre an einigen anderen vorbei. Trotzdem lege ich mich nicht voll ins Zeug wegen meiner Wade. Noch 500 Meter bis zur Bergwertung, es wird flacher. Ich fahre einen guten Rhythmus, besser als an den Bergen zuvor. An der "300 Meter"-Marke schaue ich nach links - und da stehen Mawi, Zilpzalp, KitKat und Spanni! Ich grüße sie kurz, sie jubeln mir zu - das tut gut! Ich schalte auf 39:21, gehe noch einmal aus dem Sattel - und bin oben. War eigentlich gar nicht so schlimm, dieser Ruppertshainer. Und meine Wade "hat gehalten".

 

 

In der folgenden Abfahrt finde ich mich in einer Gruppe wieder. Zuerst sind wir zu sechst, nach und nach kommen Fahrer von vorn und hinten dazu, bis wir fast 20 Leute sind. Ich komme mir vor wie in der Spitzengruppe einer TdF-Etappe, werde angeraunzt, "Reihe dich hinten ein, man! Was guckst du da so?!" - kann es sein, dass einige die Sache zu ernst nehmen? Die Spitzengruppe ist in weiter Ferne, nach vorn geht nichts mehr. Und trotzdem diese Verbissenheit!

 

Etwa 50 Kilometer sind vorbei, Fahrt durch Kelkheim. Da kommt doch noch etwas, oder? Richtig, ein kleiner Kopfsteinpflasteranstieg, den ich aus dem Fernsehen kenne. Klein? Hinter einer Rechtskurve baut sich eine regelrechte Mauer auf! Ich habe einen viel zu großen Gang aufliegen, fahre mit etwa 40 u/min hinauf - und bin trotzdem zuerst oben. Kleine Erholungspause, bis die anderen wieder aufgeschlossen haben.

 

Über Autobahnen geht die rasante Fahrt weiter, 60, 65, 70 Kilometer. Eigenartig: hatte ich im ersten Teil des Rennens noch Angst vor einem Reifenschaden, so umgibt mich jetzt ein Gefühl der Unverwundbarkeit: 'Du hast deinen festen Platz in dieser Gruppe, daran kann nichts geändert werden. Reifenschaden? Undenkbar.' Weiter geht es, wir fahren in die Stadt ein, nähern uns mal auf kleinen, winkeligen Strassen, mal auf der Autobahn dem Ziel. Alles abgesperrt, Polizeimotorrad als ständige Eskorte vor uns - man kommt sich regelrecht wichtig vor! Daran kann man sich gewöhnen...

 

78 Kilometer zeigt der Tacho an. Jetzt muss doch bald die Brücke kommen, die uns über den Main zur Darmstädter führt! Und jetzt wiederholt sich ein wahrhaft nervenaufreibendes Spiel: hinter jeder Kurve vermutet man die Brücke, und immer hat man nur den Blick auf tiefe Häuserschluchten in der Frankfurter Innenstadt. 80 Kilometer, wir müssten eigentlich da sein, doch kein Ziel in Sicht. 82 Kilometer, wieder eine Kurve - keine Brücke, nur eine lange, breite Strasse mit Gegenwind. Ätzend! Rechtskurve, endlich die Brücke, gleich ist es geschafft. Linkskurve hinter der Brücke - doch was ist das: Kopfsteinpflaster! Auch das noch! Mich schüttelt es durch wie einen Cocktail, ich habe Angst um mein Rad. 400 Meter, die mich kurzzeitig der Hoffnung berauben, ich könnte jemals Kinder bekommen. Als die Katzenköpfe hinter uns liegen, sind meine Arme so taub wie Albergos Rino nach einer dreistündigen Trainingsfahrt.

 

Nach einer weiteren Rechtskurve ist das Ziel in Sicht. Und ich erfahre zum ersten Mal, wie brutal eine ansteigende Zielgerade ist. Ich will sprinten, doch die Kraft reicht nicht. Als Dritter oder Vierter unserer Gruppe fahre ich nach exakt 87,5 Kilometern über den Zielstrich, vollkommen ausgelaugt von diesen letzten 300 Metern. Zum Glück erhole ich mich recht schnell wieder.

 

Nach dem Rennen kommt dann noch so ein komischer Typ zu mir und fragt: "Roter Helm, blaues Rad?" Gut erkannt, Rino. Er hat doch nicht geblufft, und eine Frau ist er auch nicht. Und schlau ist er, da er erst am Darmstädter Start zum Feld gestossen ist, als wir anderen schon bildschön durchweicht waren.

 

Da war es also schon wieder vorbei, das erste Henninger-Turm-Jedermannrennen! Schwer war es, hektisch, schmerzhaft - aber auch eine schöne Erfahrung. Ich konnte mich im Vorderfeld behaupten, das Ergebnis stellt mich sehr zufrieden. Ob ich wiederkommen will? Sicherlich, der 36. Platz muss doch zu toppen sein! Genauso wie die Qualität der Organisation...

 

Beitrag von Checker


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