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Blahos's GP Schwarzwald 2003

 

Samstagmorgen, 4:30 und der Wecker klingelt. Ich schalte das Radio ein und suche nach dem Lichtschalter. Nachdem ich ihn gefunden habe, starte ich den Versuch, ein Augenlid anzuheben, was um diese Uhrzeit extreme Körperbeherrschung und Willensstärke voraussetzt. Aber ich schaffe es und quäle mich dann auch aus dem Bett und durch das Bad. Danach geht es mir deutlich besser und der folgende Kaffee tut den Rest, um mich auf Betriebstemperatur zu bringen.

 

Nur feste Nahrung will nicht an mich gehen. Allerdings habe ich mir am Vorabend den 5 Portionen Pack Miracoli alleine einverleibt und das sollte noch ein wenig vorhalten.

 

Um 5:30 Uhr geht es ins Auto, das schon am Freitag vollgeladen wurde und dann ab Richtung Schwarzwald. Die Fahrt läuft stau- und stressfrei. So bin ich dann auch schon um 8 Uhr in Triberg und der erste Gedanke, der mir hier kommt ist „Die ticken nicht richtig!“ Wo man hinschaut Uhrenläden. Kuckucksuhren in jeder Variation von normal bis zur grössten Kuckucksuhr der Welt. Ich wette die tragen hier noch Kuckucksarmband-uhren.

 

Um diese Zeit ist es noch ein Kinderspiel, einen Parkplatz in Start- Zielnähe zu bekommen und dort schlage ich dann die Zeit bis zur Startunterlagenausgabe mit dem lesen von Comics tot.

 

 

Um 9 Uhr hole ich mein Shirt, Startnummern und gehe direkt zum Pastafrühstück. Die Nudeln sind okay und während des Essens lese ich noch das Tourtagebuch von Jörg Ludewig. Danach geht es zum Auto, das Rad wird zusammengebaut, die Trinkflaschen gefüllt und alles soweit vorbereitet. Leider sind es immer noch 2 Stunden bis zum Start. Also liege ich faul auf der Ladefläche des Autos herum und schaue mir die Leute an, die sich auf dem Parkplatz umziehen. Schade, aber die Frauen sind offensichtlich nur zur Begleitung da.

 

Dafür wird es mir echt mulmig, wenn ich mir die Kerle so anschaue. Perfect gestylt, Räder vom feinsten und offensichtlich sehr erfahren.

 

Für mich ist es das erstemal, dass ich vor dem Start ernsthaft Bammel habe. Keine Ahnung, ob ich überhaupt ankomme. Und wenn, dann wann. Der Anfangsanstieg von Zürich hat mich doch ziemlich erschreckt. Deshalb fahre ich mich erst ein wenig locker warm und fahre dann 2 Sprints bergauf. Jetzt sollten die Beine wissen, was ich heute von ihnen will.

 

Um 11:45 Uhr rolle ich dann langsam zum Start und stelle fest, dass die Horde schon an der Startlinie steht und mit den Schuhplatten scharrt. Ich setze mich auf den Mauervorsprung am Fenster der Volksbank und sehe mir das aus der Entfernung an. Erst 2 Minuten vor dem Start reihe ich mich recht weit hinten ein.

 

Als es dann endlich losgeht, scheint es ewig zu dauern, bis ich über die Startlinie komme, aber die ersten Kilometer bergauf habe ich dafür meinen Rhythmus und bei dem familiären Starterfeld von 500 Leuten gibt es auch keine Probleme mit dem überholen. Und es läuft unglaublich gut. Mal abgesehen davon, dass sich das Feld bis zum scharfen Start schon irrsinnig in die Länge gezogen hat und dieser scharfe Start wohl ungefähr 500 Meter vor mir stattfindet. Aber jetzt habe ich es (noch) nicht eilig.

 

Als der höchste Punkt der ersten Steigung erreicht ist, habe ich einige Leute überholt und fühle mich relativ frisch.

 

Die folgende Abfahrt ist genial. Vor mir freie Strasse und die Jungs hinter mir machen keine Anstalten aus meinem Windschatten herauszugehen, so nutze ich die Ideallinie und es macht einen Heidenspass. Bis zu dem Moment als rechts einer im Graben liegt und die linke Spur (auf der ich gerade mit etwas über 70 km/h) ankomme von einem Transporter blockiert wird. Es reicht gerade noch mit der linken Hand ein Warnzeichen an die Gruppe hinter mir zu geben und knapp am Auto vorbeizufahren.

 

Okay, Adrenalin haben wir jetzt genug, das gibt Kraft für die nächsten Kilometer.

 

 

Am Ende der Abfahrt kommt ein flacher Streckenteil, der mich wieder einmal am Verstand von Jedermännern zweifeln lässt. Es wird zügig gefahren, also generell wirklich über 40 km/h. Aber interessanterweise ist immer ein Fahrer ewig an der Spitze und gewechselt wird erst, wenn dieser wegplatzt. Nachdem ich sowohl in Hamburg als auch in Zürich den Fehler gemacht habe, Führungsarbeit zu leisten, lasse ich erstmal die Finger davon. Durch dieses hohe Tempo holen wir Gruppe um Gruppe auf und es bildet sich ein riesiger Haufen. Die Art des Führungswechsels beeinträchtigt das nicht.

 

Als es dann endlich wieder bergauf geht, zerfällt die Gruppe ziemlich schnell. Ich finde meinen Rhythmus und es geht in nettem Tempo bergan. Gelegentlich werde ich überholt, kann zu meiner Überraschung aber mindestens genauso oft andere überholen.

 

Leider habe ich die Verpflegung bei km 43 verpasst. Das heisst eigentlich war ich so damit beschäftigt einem Blitzmerker auszuweichen, der von ganz links durch die Gruppe an den rechten Rand wollte, dass die Verpflegung vorbei war, bevor ich irgendetwas erwischen konnte.

 

Mittlerweile hat der Anstieg angefangen, vor dem ich den meisten Respekt habe. Von 300 m Höhe geht es bis auf 1029 m. Aber auch hier werde ich kaum überholt, mache aber einige Plätze gut.

 

Irgendwann taucht Cipollini vor mir auf. Das geht mir ja nun schon gegen die Ehre. Diesen Berginvaliden vor mir zu haben kann ich nicht hinnehmen. Ich kämpfe mich heran, überhole und (nein, ich mache mir keine Kerbe in den Lenker) Cipo ruft hinter mir:

 

Cycling4Fans?“

 

Jahaaa?!“

 

Wer bist’n Du?“ (Cipo kann Deutsch)

 

Ich bin immer noch überrascht!!!

 

Ich bin der MiniMops!“

 

Ja Himmelhergott, das war gar nicht der Weltmeister.

 

Ich bin der blaho.“ Jetzt schaue ich genauer hin. Nee, wie Cipo sieht er nicht aus. Aber wie ein MiniMops auch nicht.

 

Wir unterhalten uns kurz, schätzen wie lange der Anstieg noch dauert und dann fährt jeder sein Tempo weiter.

 

 

Mittlerweile ist mir alles an Getränken ausgegangen und ich mache mir ernsthaft Sorgen. Die zweite Verpflegung bei km 93 erreiche ich so niemals. Aber bei km 64 steht eine Frau am Fahrbahnrand, die mich alles vergessen lässt. Ich sehe sie, fahre zu ihr, halte an und spreche sie an (das mache ich sonst nie!!!)

Hast Du Wasser?“

 

Ja klar."

 

Sie hat mehrere Krüge da stehen und füllt meine Flaschen, gibt mir noch aufmunternde Worte mit und ich bin wieder auf dem Weg.

 

Wenn ich Namen und Adresse hätte, könnte sie sich sicher sein, einen Blumenstrauss von mir zu bekommen.

 

Kurz danach ist die Steigung geschafft und es geht in eine ziemlich ruppige Abfahrt. Die Lichtverhältnise sind diffuser als in mancher Kneipe am Frankfurter Hauptbahnhof. Am schlimmsten die scharfe Rechtskurve am Ende und davor Schlaglöcher, bei denen ich mir sicher war, dass ich mir beide Reifen durchgeschlagen habe. Bei diesem Tempo hat nicht viel für einen ordentlichen Abflug gefehlt.

 

Von da an lief eigentlich alles recht normal. In einer Vierergruppe hielten wir das Tempo verdammt hoch. Bei Rückenwind um die 50 km/h. Allerdings fand sich in dieser Gruppe auch nur ein Fahrer, der sich mit mir in der Führung abwechselte. Das beim erstenmal aber auch erst als ich aufhörte zu treten. Von 50 runter auf 30, links raus und alle 3 hinter mir aufgereiht. Einer hat’s dann zum Glück begriffen. Die anderen beiden würden heute noch dort hinter mir stehen und warten, dass es weitergeht.

 

Als mir dann der Kragen platzte und ich nach hinten deutlich machte, dass die beiden auch mal was tun könnten, kam gerade die nächste Steigung und die Jungs taten was. Raus aus’m Sattel, rein in den Berg und weg. Hätte ich die Luftpumpe nicht für Bergkoenigs Vorderrad aufheben wollen, hätte ich die beiden damit verdroschen. 

 

Wir haben sie dann doch wieder eingeholt und dann waren die auch soweit alle. (Ihr Glück!) Kurz vorm höchsten Punkt hat sich wohl der Kreislauf eines Fahrers verabschiedet. Er liegt am Fahrbahnrand, wird aber zum Glück schon verpflegt.

 

 

Interessante Begebenheit am Rande. Irgendwo bei Tannheim kommt so ein Vogel mit seinem Trekkingrad aus einer Seitenstrasse auf die Strecke und ist schreiend langsam. Es drängt sich der Gedanke auf, dass er nicht die komplette Strecke gefahren ist. Oder er muss mit diesem Rad ein Höllentempo gegangen sein und ist jetzt ziemlich am Ende. Was er allerdings abseits der Strecke gemacht hat...

 

Mein Wasserverbrauch ist immens. Die Flaschen sind schon wieder leer. Aber bevor ich mir Sorgen machen muss, taucht ein Dorf mit einem Brunnen auf. So muss die Tour de France 1903 gewesen sein. Ran an den Brunnen und Flaschen füllen. Plötzlich sehe ich hinter dem Brunnen eine volle Kiste Bier. Also beschwere ich mich erstmal beim Besitzer.

 

Das kann ja wohl nicht sein, dass wir das Wasser saufen und ihr habt das Bier versteckt!

 

Joohoo und dös isch gut gekühlt.“

 

Nix wie weg hier. Mit der Luftpumpe könnte ich heute ein Massaker anrichten.

 

Bemerkenswert nur noch der von mir völlig unterschätzte Schlussanstieg. Jedesmal wenn man meinte das war’s, ging es noch weiter hoch. Irgendwann habe ich die Schnauze gestrichen voll. Ein anderer auch. Er steigt ab.

 

Als ich ihn überholt habe, sehe ich, dass er nur ca. 200 m hätte durchhalten brauchen, dann ging’s bergab nach Triberg.

 

Ich gebe alles, ziehe nochmal den Zettel mit Notizen aus dem Trikot, um zu sehen ab wo es riskant wird und bin dann im Sturzflug nach Triberg. Die gefährliche Stelle ist gut markiert, sieht mir aber auch nicht sooo gefährlich aus. Bei Nässe wahrscheinlich tödlich, denn es ist ein Ablauf für Regenwasser aus Kopfsteinpflaster, der in der Kurve die Fahrbahn kreuzt.

 

Danach nur noch ein kurzes Stück bergab, eine Linkskehre und die letzten Meter auf der Zielgeraden bergauf.

 

Im Ziel bin ich echt im Eimer, aber von HEW, Züri-Metzgete und GPS war dies bestimmt die schönste Strecke.

 

 

Das Ergebnis in nackten Zahlen: 4:14:30, Platz 292 Gesamt, 141. M30, Schnitt 28,1 km/h.

 

Die Luftpumpe habe ich wieder mitgebracht, Bergkoenig hat ja offensichtlich Respektabstand gehalten. 

 

Die folgende Nacht wird im Zelt am Titisee verbracht (Camping Weiherhof, sehr zu empfehlen) und der nächste Mittag am See in der Sonne.

 

Es war ein wunderschönes Wochenende, aber Bergfahrer werde ich nie!

 

 

Beitrag von blaho


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