Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 

Tour de France 2005: Der Kampf um die rote Laterne

von Chris, Juli 2005



Wie bei jedem sportlichen Wettkampf gibt es einen ersten aber auch einen letzten. Was den Gewinner der Tour de France auszeichnet dürfte wohl jedem klar sein. Aber wie ist es um die Fähigkeiten des letztplatzierten bestellt?

 

Am Ende der Tour de France auf dem letzten Rang zu liegen ist gar nicht so einfach und man braucht eine Menge Qualitäten. So muss man zu Beginn der diesjährigen Frankreich Rundfahrt bereits am ersten Tag unter Beweis stellen, dass man doch gute Qualitäten im Schlecht-Zeitfahren-Können besitzt. Da zu Beginn der Grand Boucle ein 19 Kilometer langes Einzelzeitfahren auf dem Programm steht, kann man sich hier durch lustloses Fahren, einen Hungerast, Formlosigkeit oder Windschattenfahren bei einem Fahrer, der mehrere Minuten hinter einem gestartet ist und somit eine Zeitstrafe mit sich führt, bereits ein Polster auf die Konkurrenz verschaffen.



Tempohärte

Auf den nächsten  Etappen schlägt dann wieder die Stunde unserer Schlusslichter. Auf den Flachetappen versuchen sie der Konkurrenz gleich von Beginn an das Leben schwer zu machen und attackieren direkt nach dem Startschuss. Meistens verschleudern dann diese Fahrer auf zum Teil über 150km langen Solofluchten dann dermaßen ihre Körner, dass sie dann gut 20 Kilometer vor dem Ziel vom Feld gestellt werden und auf dem letzten Teilstück nochmals mehrere Minuten wegen Kraftlosigkeit auf das Hauptfeld verlieren. An den Folgetagen haben diese Fahrer entweder dermaßen an ihren Kraftanstrengungen vom Vortag zu leiden, dass sie schon recht früh vom Hauptfeld abreißen lassen und wieder einiges an Minuten kassieren. Es kann natürlich auch geschehen, dass ein Fahrer durch seine Soloflucht vom Vortag in der Sonderwertung „Fluchtkilometer“ führt und diese Wertung will der Fahrer natürlich verteidigen und startet gleich am nächsten Tag den nächsten hoffnungslosen Fluchtversuch, der am Ende durch das Feld erneut mit einem Zeitrückstand auf das Peloton bestraft wird.



Möchte man auf den ersten Flachetappen Zeit verlieren ohne in Fluchtgruppen zu fahren, dann macht man einfach den ganzen Tag das Tempo im Feld und fährt von vorne gegen zum Teil heftigen Gegenwind. Spätestens nach 100km sind auch dann die Kräfte verschlissen und man kann sich guten Mutes aus dem Feld herausfallen lassen. Hat der sportliche Leiter jedoch etwas dagegen, dass man Führungsarbeit leistet, gibt es noch einen ganz einfachen Trick um „Zeit auf seine Konkurrenten gut zu machen“. Man trainiert sich einfach eine Bergfestigkeit an, die nur Superfahrer wie Ivan Quaranta besitzen und lässt sich einfach an der ersten Autobahnbrücke abhängen, weil man dem hohen Tempo des bummelnden Hauptfeldes nicht mehr folgen kann.

 

Um in dieser Sonderwertung ganz vorne landen zu können, braucht man natürlich auch das entsprechende Team, denn am vierten Tag steht traditionell das Mannschaftszeitfahren auf dem Programm. Nun muss man hoffen, dass man keinen Fahrer für die Gesamtwertung in seinen Reihen hat beziehungsweise das Team ohne Zeitfahrspezialisten und nur mit Bergflöhen antritt, so dass man bei diesem Wettbewerb problemlos Zeit verlieren kann.



Unglücksrabe

Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, kann man sich auch wieder anders helfen. Entweder fügt man sich selbst mehrmals einen Schaden am Reifen zu (hierfür eignet sich hervorragend ein „Von der Straße abkommen und durch Gebüsch fahren“) oder man rutscht auf einer imaginären Ölspur aus und kann erst nach einer gewissen Zeit weiterfahren. Dieses Unterfangen kann jedoch sehr gefährlich werden, denn durch einen Sturz kann man alles verlieren und das Rennen vorbei sein.

 

An den folgenden Tagen bis zu den Bergen sollte man versuchen noch so viel Kraft wie möglich zu vergeuden. Hierzu eignen sich wiederum die Maßnahmen der ersten Tage.



Bergfestigkeit

Wenn am neunten Tag dann die erste richtige Bergetappe auf dem Programm steht, sollte man sich besonders gut vorbereiten. Vor allem bei großer Hitze sollte man vor dem Start wenig trinken und auch während der Etappe auf seine Ernährung achten und vor allem Fisch mit Milch zu sich nehmen, denn Magenkrämpfe bringen auf so einer Etappe bestimmt noch einmal 5 Minuten mehr Rückstand. Natürlich braucht man für so eine schwere Etappe auch besonderes Material. Von den Mechanikern würde sollte man sich die größtmöglichen Übersetzungen montieren lassen und in den Steigungen nur mit 55/11 fahren. Falls man diese Übersetzung dann nicht treten kann, einfach Absteigen und schieben.

 

Hat man Angst, dass man durch sein langsames Fahren eventuell aus der Karenzzeit fallen könnte, gibt es einen weiteren Trick. Man kann sich den ganzen Berg am Begleitfahrzeug festhalten und kassiert dafür dann eine mächtige Zeitstrafe.



Regenerationsfähigkeit

Nach den ersten Bergetappen steht meistens ein Ruhetag an. Die Fahrer, die jetzt noch im Kampf um den letzten Platz im Rennen sind, müssen genau darauf achten, was sie am Ruhetag unternehmen. Nur eines ist klar: Man darf sich so wenig wie möglich regenerieren. Hierzu könnte man eine 300km lange Ausfahrt durch die Berge machen und die 54/11 Übersetzung weiter testen, dazu darf der Energiespeicher nicht wieder gefüllt werden und vielleicht kann man sich noch bei einem Teamkameraden eine Erkältung einfangen. Denn nur wer geschwächt ist, kommt nicht auf die Gedanken mal vorne mitzufahren.

 

Auf den Flachetappen zwischen und nach den Bergetappen muss man besonders aufpassen, denn an solchen Tagen kommen meistens Fluchtgruppen ins Ziel. Also darf die Devise nur lauten: Nicht attackieren. Wird man von seinem Sportlichen Leiter allerdings dazu aufgefordert, hilft ein unspektakulärer Sturz oder man hofft, dass Tiere in das Feld laufen. Zur Not gibt man halt offen zu, dass man schlechte Beine hat und man nicht in der Lage ist, in der Fluchtgruppe mitzugehen.



Endspurt

Die Entscheidung über den Sieg in dieser zweifelhaften Wertung wird allerdings erst an den letzten beiden Tagen fallen, denn da stehen das lange Einzelzeitfahren und die Ehrenfahrt nach Paris an.

 

Im Zeitfahren muss man diesmal möglichst klein ketten, um so wenig wie möglich Raumgewinn zu bekommen. Bei starkem Wind hilft auch eine Scheibe im vorderen Rad. So wird die Fahrt garantiert zum Eiertanz. Man darf das Rennen nicht allzu schnell angehen, dann muss man etwas schwächeln und zum Schluss den Moralischen kriegen und stark abbauen. Natürlich muss man auch hier die Karenzzeit im Auge behalten.

 

Nun sollte das Klassement gemacht sein. Falls nicht, muss man eben noch einmal am Schlusstag in Erscheinung treten. Entweder man sorgt dafür, dass die Konkurrenten nicht mehr zur letzten Etappe antreten können oder man will auf der letzten Etappe besonders lustig sein und fährt die Etappe mit einem Hollandrad. Zur Not kann man auch eine Flasche Sekt trinken und sich zufällig verfahren. Nachher kann man das prima auf den Alkohol schieben.

 

Wer nach diesen Tipps nicht in der Lage ist den letzten Platz nach Hause zu fahren, der besitzt zu viel Renngeschick, Intelligenz oder einfach zu viel Talent.


Gazzetta durchsuchen:

 
 
 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum