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Henninger Turm 2005

von Checker



"Quäl Dich, du Sachse!"

„Liebes Tagebuch, heute war mal wieder Henninger Turm...“.

Naja, ganz so routiniert war ich auch bei der mittlerweile vierten Teilnahme am Jedermannrennen von „Rund um den Henninger Turm“ noch nicht bei der Sache. Zumal es auch in diesem Jahr einige Neuerungen zu akzeptieren gab. Zum Beispiel Start und Startunterlagenausgabe, die man ins kuschelige Main-Taunus-Zentrum verlegte. So kamen mein Vater und ich am Samstagnachmittag in diesem Einkaufsparadies an und fanden sogar noch eine Parklücke, die etwa 2 Zentimeter breiter als unser Auto war. Radsportatmosphäre war hier noch keine zu spüren, und auch der Weg zur Startunterlagenausgabe war nirgendwo ausgeschildert. Aber nach einer Anfrage bei der netten Dame an der Information, die die Frage „Wo ist hier die Startunterlagenausgabe für den Henninger?“ an diesem Tag bestimmt 9876,5-mal gehört haben dürfte, und einem Fußmarsch von nur wenigen Kilometern durch den Konsumtempel fanden wir endlich unser Ziel, verprassten unsere Ess-und-Trink-Bons bei der wie immer sehr üppigen Nudelparty (Vorsicht: Sarkasmus) und traten bald die Weiterreise in unser Hotel in Kelkheim an. Bei der dortigen Begutachtung meines Rades stellte ich fest, dass die vorderen Bremsschuhe ziemlich schmal geworden sind, im hinteren Reifen ein kleiner Kieselstein steckte und am Vorderreifen bereits leichte Fetzen zu erkennen waren. Was war doch eine Bedingung für den Start? „Verkehrssicheres Rad“. Ach, das wird schon alles halten...

 

Nach der Präparation der Räder fuhr ich dann gegen 19:45 Uhr noch allein zum kleinen Usertreffen bei Marcus (Blaho). Ich war bestimmt ein sehr pflegeleichter Gast, denn ich wollte weder etwas zu Essen, noch Leitungswasser.

Es war ein schöner Abschluss des Tages, aber kurz nach 21:00 Uhr sagte ich dann Adieu, denn ich wollte natürlich tiptop ausgeschlafen am nächsten Tag an den Start gehen.

 

Ich schlief wirklich schlecht in dieser Nacht. Das lag zum einen an dem bescheidenen Bett als auch am Schnarchen meines Vaters. Entsprechend war ich beim Frühstück am nächsten Morgen nicht gerade bester Laune und ziemlich einsilbig. Zudem machte ich mir Gedanken, ob ich nicht wieder zu spät zur Startaufstellung käme, welche ab 9:10 Uhr beginnen sollte. Wir kamen dann doch relativ pünktlich im MTZ an, welches im Vergleich zum gestrigen Tag wie leer gefegt wirkte. Ich wartete auf den Anruf von Henrike (Raktajino), die ihr Gepäck bei uns im Auto deponieren wollte, da sie auf der Rückfahrt mitfahren würde. Kurz vor 9 Uhr rief ich sie dann schließlich selbst an und sagte, unser Auto steht auf dem linken Parkplatz, direkt neben dem Heißluftballons. Danach fuhr ich zum Start, während mein Vater, der die 50-km-Runde fuhr, weiterhin am Auto wartete.



Das Rennen beginnt...



Mit guter Laune auf ins Gefecht...

Pünktlich um 9:05 Uhr war ich am Start – und konnte mich bereits an etwa 150. Position einordnen. Wie war das mit „Beginn 9:10 Uhr“?! Während der Warterei im Startblock telefonierte ich noch etwa 17mal mit Henrike, die unser Auto nicht fand. Naja, so ein Heißluftballon ist ja auch ziemlich leicht zu übersehen Augenzwinkern . Ich aß noch eine Banane, ließ mich von Sven (Gines) ablichten, bis es dann 9:40 Uhr losging – mit der 300 Meter langen Fahrt zur Startlinie. Dort quasselte ein Sprecher irgendetwas von „himmelblauem Sonnenschein“, Rudi Scharping zeigte sich vorn am Start, und ich erleichtere mich noch einmal. Um 9:58 fiel endlich der Startschuss.

 

In einer lang gezogenen Rechtskurve führte die Strecke aus dem MTZ hinaus auf die Königsteiner Strasse. ‚Geht ja wieder flott los’, denke ich mir und werde durch einen Blick auf den Tacho bestätigt: 62 km/h. Man beachte: das Rennen befindet sich bei Kilometer 1, und hier ist keine Abfahrt! Ich warte darauf, dass sich das Geschehen beruhigt – vergeblich, die Hetzjagd geht unerbittlich weiter. Was sind das bloß für Menschen, die da vorn das Tempo machen?! Das bekannte Henninger-Gefühl – schmerzende Beine, brennende Lunge...oder umgekehrt – stellt sich sofort wieder ein. Ich versuche immer wieder, mich in den Windschatten überholender Fahrer zu hängen und dadurch ein paar Positionen gutzumachen. Das gelingt nicht immer, aber rein gefühlsmäßig kann ich mich etwas nach vorn arbeiten. Wenn auch die Spitze in unüberwindbarer Entfernung zu sein scheint – bzw. ist, um der Realität mal ins Auge zu sehen.

 

Manchmal fällt das Tempo auch etwas nach unten, was weiter hinten wilde Rufe, hektische Bremsmanöver und Beinahe-Kollisionen zur Folge hat. Überhaupt scheint sich speziell vor Kurven JEDER dazu berufen zu fühlen, die jeweilige Richtung in die Welt hinauszuschreien. „Links!!“, „Rechts!!“ vom Vordermann, vom Hintermann, von den beiden Nebenmännern und von allen anderen auch. Oh man, das nervt! Die Hektik im Feld ist spürbar, die meisten nehmen das Rennen so ernst wie einen Frühjahrsklassiker bei den Profis.

 

Hinter Hofheim gibt es dann den ersten Sturz, zwei Positionen vor mir hängt sich ein Fahrer wunderbar am Hinterrad seines Vordermanns auf. Ich kann dem Kerl und seinem Rad zwar geradeso ausweichen, überfahre aber seine über die Strasse rollende Trinkflasche. Ich glaube, die war hinüber.

Eppstein naht, und die Spannung steigt. Direkt vor mir fährt eine junge Frau weiterhin in dieser ersten großen Gruppe mit. Hmm, gar nicht mal hässlich! Am Ende wird sie sogar Deutsche Hochschulmeisterin - und kommt ganze zwei Minuten nach mir ins Ziel (ja, ja, ich weiß: Frl. Checker könnte nächstes Jahr mit ihrem Dreifachkettenblatt auch bei den DHM der Damen starten, sie hat dort eine realistische Siegchance!...)



Eppstein und der Schulberg...

In Eppstein wird es dann zum ersten Mal ernst und ich bin froh, dass sich der riesige Pulk jetzt auflösen wird. Nach der altbekannten Kopfsteinpflastergasse, welche keine Probleme bereitet, wartet der schon jetzt mythische Schulberg mit seinen 20% Steigung. Unten hinein fahre ich meinen Rhythmus, überhole einige Fahrer, werde aber von einem anderen regelrecht stehengelassen (weiß er, wie steil das hier noch wird?). Dann steht die Schlussrampe an, ich schalte aufs kleine Blatt und wuchte das Rad nach oben. So ganz freie Fahrt habe ich nicht, bereits hier staut sich das Feld ein wenig. Ich schaue abwechselnd nach links und rechts, ob ich irgendwo Sven und Manuela (MrsFlax) erkennen kann. Konnte ich nicht, denn sie waren gar nicht da.

 

Die Abfahrt nach dem Schulberg, die gefühlte 35% steil ist, nehme ich etwas vorsichtiger als die anderen in Angriff (d.h. nur knapp 80 km/h…) und verliere postwendend ein paar Positionen, die ich im Anstieg gewonnen hatte. Als es wieder flach wird, folgen die so ziemlich schmerzhaftesten Minuten des gesamten Rennens, in denen ich versuche, den Anschluss an die Gruppe zu halten. Wo nehmen die diesen Druck auf der Ebene her?! Ich wünsche mir, es gäbe nur noch Anstiege und Abfahrten bis zum Ziel, und beiße mich (sprichwörtlich) an den Hinterrädern meiner Mitfahrer fest. Etwa 25-30 Sekunden vor uns fährt eine große Gruppe, davor eine weitere kleinere. Sind das die Spitzenfahrer? Eigentlich egal, die sehe ich sowieso nicht wieder.

 

Den kleinen Anstieg hinter Ehlhalten fahre ich hinauf wie einen Alpenpass, komme aber immerhin an dritter Position in unserer Gruppe drüber. Direkt nach der Steigung kommen wieder die Tiere von hinten vorbei geschossen, und ich würge mich an deren Hinterräder. Oh man, tut das weh! Jetzt müsste jemand mein Gesicht fotografieren – als Cover für die Zeitschrift „Mit Freude Rad fahren“ wäre dieses Portrait bestimmt nicht geeignet...



Idstein und Glashütten...

Im Folgenden beruhigt sich das ganze etwas, auf welligem Terrain geht es Richtung Idstein. Spaß macht das ganze aber nicht wirklich, und ich merke, dass ich mich heute irgendwie durchquälen muss. Zwei Kilometer vor dem nächsten Berg holen wir eine Gruppe ein, in der sich auch ein paar Fahrer im Budweiser-Trikot befinden. Einer dreht sich um – Volltreffer, es ist Ken (gulaschkanone)! Ich sage ihm kurz, wie schlecht es mir doch geht, und Ken entgegnet ganz lässig: „Ich lasse mich mal nach hinten zurückfallen.“ Wow, der König des Understatements ist wirklich mit allen Wassern gewaschen! Augenzwinkern Aber bei der D-Tour spielst du bitte nicht den treuen Helfer, da wollen wir dich vorn sehen!!

 

Am langen Anstieg hinter Idstein bin ich bereits nach 100 Metern wieder in den Beamtentritt verfallen, während diverse Mitfahrer versuchen, den Berg mit Suplesse hoch zu drücken. Glücklicherweise halten sie das auch nur 130 Meter durch und fallen schnell zurück, während sie mit dem Schalten gar nicht mehr hinterherkommen. Aber obwohl ich mich nach vorn arbeiten kann, muss ich richtig leiden an diesem Anstieg, der von Meter zu Meter steiler wird. Schon bald fahre ich hinten auf dem 25er Rettungsring, das Tempo fällt zeitweise auf 13 km/h. ‚Wie kriechst du denn hier hoch?’, frage ich mich selbst einigermaßen ratlos – und kann mich nicht erinnern, in den Vorjahren hier solche Probleme gehabt zu haben. Vielleicht liegt es an der Hitze, vielleicht ist die Form doch noch nicht so berauschend... Nach der Kuppe geht es zum Glück im einigermaßen gesitteten Tempo in die kurze Abfahrt nach Kröftel. Etwa 10 Mann haben sich zusammengefunden, aber der richtige Zug ist nicht in der Gruppe. Zeit zum „Erholen“. Als der Anstieg zur ersten Bergwertung beginnt (Btw: Frechheit, gerade diesen Hügel als Bergwertung auszuzeichnen!), falle ich sofort aus der Gruppe raus (Stichwort: Beamtentritt). Aber zum ersten Mal an diesem Tag finde ich so etwas Ähnliches wie meinen Rhythmus. Nicht, dass die Fahrerei plötzlich Spaß machen würde (wo kämen wir denn da hin?!), aber ich muss mich nicht mehr so quälen wir vorher. Am Ende der Steigung habe ich meine Mitstreiter wieder eingeholt und stelle erleichtert fest, dass es denen auch ganz schön dreckig geht.

 

Den folgenden langen Anstieg nach Glashütten nehme ich an der Spitze der Gruppe in Angriff und bin überrascht, dass niemand vorbeifährt. Zwei Mann fahren zumindest auf gleicher Höhe hinauf. Plötzlich sagt der eine: „Ach, hallo!“ Das war Christian, ein Bekannter aus Dresden, der zum ersten Mal beim Henninger mitfährt. Wir geben uns kurz die Hand und heulen uns gegenseitig vor, wie bescheiden wir uns fühlen, dann quält sich wieder jeder für sich allein den Berg hinauf. Aufgrund der großen Hitze greife ich mir an der Verpflegungsstelle im Vorbeifahren eine Flasche Wasser, und jetzt kommt richtiges Profi-Feeling auf: kurzer Schluck gegen den Durst, dann wird die halbe Flasche über den Kopf ergossen, noch ein kleiner Schluck – und der Rest landet am Strassenrand. Hey, das war toll, gleich fühle ich mich besser! Die letzte Rampe fahre ich wieder von vorn und kann mich zumindest an der Vermutung hochziehen, dass die anderen hinten ganz schön leiden müssen – es fährt ja keiner vorbei. Als Erster nehme ich die Schussfahrt nach Schlossborn in Angriff, lasse mich aber bald von einigen Leuten überholen – die sollen auch mal was machen! Obwohl wir nicht volles Rohr runterfahren, zeigt mein Tacho 81 km/h – das reicht auch!

 

Auf die scharfe Linkskurve in Schlossborn freue ich mich jedes Jahr, da sie zeigt, wer den Kurs noch nicht kennt – das sind diejenigen, die auf der großen Scheibe bleiben und somit an der kurzen Gegensteigung ganz ordentlich kämpfen müssen Augenzwinkern . Am Beginn des Ruppertshainer Berges fragt mich einer, wie lang der Anstieg ist. Ich gebe ehrliche Auskunft, aber das habe ich zum letzten Mal gemacht! Psychologische Spielchen sind bei einem solchen Rennen unerlässlich, und so werde ich den Berg in den nächsten Jahren wohl auf 3-4 Kilometer anwachsen lassen. Mit 22% Maximalsteigung, versteht sich... Augenzwinkern



Am Ruppertshainer...



Checker!!!

Der Ruppertshainer – für mich jedes Jahr eine besondere Motivation, da er das letzte ernstzunehmende Hindernis des Rennens darstellt. Hier kann man noch einmal alle Kräfte (besser gesagt: alle noch vorhandenen) in die Waagschale werfen. Mit einem Mitfahrer kämpfe ich um den Bergwertungssieg unserer Gruppe, und als 500 Meter vor dem Gipfel die steilste Rampe (14%) überwunden ist, kann ich ihn tatsächlich abschütteln. Kurz darauf sehe ich Sven und Manuela links am Strassenrand stehen. Arbeitsteilung: Sven feuert mich an, während Manuela fotografiert. Ich sage nur kurz: „Nix los heute!“ und fahre weiter. Immerhin habe ich oben die ungeteilte Aufmerksamkeit des Fotographen, der nicht weniger als 5 unheimlich tolle Action-Fotos von mir schiesst!






Fast schneller als die Polizei erlaubt...



Kelkheim und dem Ziel entgegen...

Nachdem ich mich auf der Abfahrt wegen des hohen Getränkekonsums, in Verbindung mit dem vollständigen Verzicht auf feste Nahrung, beinahe übergeben musste (zumindest fühlte ich mich wie „kurz davor“), rollte von hinten alles wieder zusammen. Die Gruppe füllte sich auf etwa fast 30 Leute, und in hohem Tempo ging es durch Kelkheim und in Richtung Höchst. Nachdem ich ausgangs Kelkheim noch um den Anschluss kämpfen musste, war die Fahrt nach Höchst fast als gemütlich anzusehen: man rollte mit Rückenwind und im Windschatten der vorn arbeitenden Fahrer über ganz leicht abschüssige Strassen, wechselte ein paar Worte – das hatte fast RTF-Charakter, allerdings bei Tempo 50-55.

In Höchst unterquerten wir die Autobahn, und mitten im Tunnel kracht es direkt hinter mir – Sturz. Oh man, jetzt bloß nicht umschauen! Weiter geht die Fahrt, vorbei an der Ballsporthalle und nach einer 180°-Kurve fast schnurgerade Richtung Frankfurt Innenstadt. An der Führungsarbeit muss ich mich nicht beteiligen, das machen andere. Aber ich versuche, nicht zu weit hinten in der Gruppe zu fahren. Immer wieder überholen wir Fahrer der 50-km-Runde, für die die Leute unserer Gruppe nicht viel mehr als ein zuckersüßes „Rechts fahren!!!!“, wahlweise auch „Verdammt, rechts fahren!!!“ übrig haben. Ja, ja, die Radfahrer – eine große Familie!





Nach der Zieldurchfahrt: "Wo ist das Bier?"

Eine positive Überraschung kurz vor Schluss: das ekelhafte Kopfsteinpflaster nach der Main-Überquerung bleibt uns erspart, so dass wir auf direktem Wege die Zielgerade auf der Darmstädter Landstrasse ansteuern. Und zum ersten Mal in vier Jahren kann ich einigermaßen mitsprinten und werde nicht wie ein nasser Sack stehengelassen. 30 Meter vor dem Ziel nehme ich dann aber doch die Beine hoch und rolle über die Ziellinie. Über den kleinen Stau bei der Transponderabgabe hätte ich mich bestimmt kein bisschen geärgert, wenn ich gewusst hätte, was sich weiter hinten für ein Chaos abspielen würde. Und das Radler im Ziel tat seeeehhhhhr gut...

 

 

 

 

 



Fazit...



Das Bier ward gefunden und auch das klasse Wetter und ein guter 39er Schnitt sind Anlaß zur Freude...

So schnell wie nie, aber auch so schlecht platziert wie nie. Aber dass man in einem bergigen Rennen für Hobbyfahrer mit einem popeligen 39er Schnitt nicht viel mehr als Platz 65 erben kann, sollte eigentlich jedem klar sein, der einen Start überhaupt nur in Erwägung zieht (Vorsicht: Sarkasmus). Die Organisation war...na ja, schon mal besser. Aber ich werde in Zukunft wieder am Start stehen – vielleicht zelte ich dann in meinem Startblock, um endlich mal pünktlich bei der Startaufstellung zu sein. ;)

 

Fotos: Mrs. Flax, Niniel


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