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Dreiländergiro 2005

von Checker



Vorgeplänkel...

Anreise am Freitag: praktisch während der gesamten Fahrt schüttet es von oben wie aus Kübeln, und ich beginne, an der erfreulichen Wetterprognose für Sonntag (Sonnenschein, etwa 20°C auf 1500 Meter Höhe) zu zweifeln.

 

Samstag: es nieselt noch ein wenig, und besonders warm ist es auch nicht. Ich fahre eine lockere, kleine Trainingsrunde rund um Nauders und über die Norbertshöhe, den letzten Anstieg des Dreiländergiro. 21 Minuten benötige ich für den Berg bei sehr entspannter Fahrweise - mal sehen, wie viele Minuten ich morgen, am Anschlag hochfahrend, langsamer bin... großes Grinsen



Der große Tag...

Sonntag: 4:50 Uhr klingelt der Wecker - ich bin echt bekloppt volltrottel . Anziehen, eine Kleinigkeit essen, eincremen, Verpflegung etc. einpacken... - die Zeit vergeht, bald ist es 5:30 Uhr, d.h. es ist Zeit loszufahren. Von unserem Quartier oberhalb von Nauders geht es erstmal 3 Kilometer steil bergab zum Start. Da es in der Nacht wolkig war, ist es am Morgen nicht ganz so kalt. 5:45 stehe ich, beinahe ganz vorn, am Start und harre in den folgenden 45 Minuten der Dinge. Nur langsam füllt sich der Startbereich, die meisten RadlerInnen treffen erst in den letzten 20 Minuten vor dem Startschuss ein. Auch sonst ist die Atmosphäre nicht so toll wie in den vergangenen Jahren. Der Sprecher weist noch nicht einmal darauf hin, dass man durch eines der beiden kleinen Starttore fahren muss, um den Transponder auszulösen. Und so fahren dann, als sich der Pulk von 3000 Fahrerinnen und Fahrern (beide Strecken starteten zusammen) 6:30 Uhr in Bewegung setzten, gleich mal einige an den Toren vorbei. Ob und wie die am Ende gewertet wurden, weiß ich nicht.

 

Die ersten 5 Kilometer bedeuten: Bergsprint hinauf zum Reschenpass. Der Puls schießt gleich einmal ordentlich in die Höhe, aber angesichts der spürbaren Kälte ist ja nicht verkehrt, gleich mal ein wenig Gas zu geben Augenzwinkern . Entlang des Reschensees fahre ich erstmal im Windschatten im Spitzenfeld mit und genieße den phantastischen Blick auf die verschneiten Gipfel der Ortlergruppe. Das Wetter scheint tatsächlich sehr gut zu werden, kaum eine Wolke trübt den Morgenhimmel.

Nach der Abfahrt vom Reschenpass (trotz Seitenwindes 76,5 km/h!) teilt sich hinter Glurns das Feld: geradeaus führt die kleine Runde direkt zum Ofenpass, ich hingegen biege wie die meisten anderen nach links ab Richtung Prad. Die Anfahrt zum Stelvio verläuft sehr ruhig, fast kommt es mir vor, als machen die vorn Fahrenden Stehversuche großes Grinsen . Gute Gelegenheit, sich vor dem endlosen Anstieg nochmal zu verpflegen.



Stilfser Joch...



Die letzten Serpentinen vor der Passhöhe (Foto: Kalmit)

Pünktlich mit dem Eintreffen in Prad wird das Tempo angezogen. Vor uns liegen 25 Kilometer und 1860 Höhenmeter zum Stilfser Joch. Gar nicht dran denken… Meine Vorgabe für den Stelvio: dosiert fahren, sich von niemandem verrückt machen lassen, stur den eigenen Rhythmus fahren. Und das klappte wirklich sehr gut. Hinter der Verpflegungsstation in Trafoi, wo im Bereich der Kehren 34 bis 30 die steilsten Rampen (15%) warteten, begann ich eine kleine „Aufholjagd“. Einige der überholten Fahrer keuchten teilweise schon wie eine Dampflok, wie wollen die eigentlich die restlichen 120 Kilometer überstehen? Zwei Kehren unterhalb des Hotels Franzenshöhe, etwa 7 km vor dem Pass, ergab sich dann zum ersten Mal der tolle Blick auf die Schlussserpentinen und die Passhöhe. Und die Bergkulisse war einfach atemberaubend, zumal sich das Wetter von seiner besten Seite zeigte. Anders als vor zwei Jahren war der Stelvio-Aufstieg in diesem Jahr Genuss pur, es hat wirklich Spaß gemacht. Und auch die Zeit war besser als gedacht: vom Ortsausgangsschild Prad waren es ziemlich genau 1:39 h. Oben hielt ich kurz an, um mir die Windjacke anzuziehen (wegen eines Motorradtreffens gab es dieses Jahr keine Verplegungsstation oben am Pass Webmistress Keule ), und dann ging es in die rasende Abfahrt nach St. Maria im Münstertal, über die Schotterstrecken am Umbrail-Pass. Alles ging gut, wenngleich ich bergab ein paar Positionen hergeben musste Augenzwinkern






Blick auf die letzten Kilometer (Foto: Harzer)



Panne am Ofenpass...

Unten in St. Maria - 80 km, knapp die Hälfte der Strecke, waren absolviert - habe ich erst mal an der Verpflegungsstation angehalten, gegessen, getrunken und meine Trinkflaschen auffüllen lassen. Dann ging es gleich in den nächsten Anstieg zum Ofenpass. Nach dem ersten Steilstück bildet sich eine Vierergruppe, auf dem Flachstück kommen wir gut voran.

 

Plötzlich knallt es - einem ist der Vorderreifen geplatzt. Das ist bitter! Die steile (bis 13%) zweite Hälfe des Ofenpasses fährt dann jeder für sich allein. Langsam wird es schwer, aber noch bin ich guter Dinge. Allerdings hoppelt mein Hinterreifen ganz merkwürdig. Ich schaue zwischen den Beinen hindurch nach hinten - sch***, direkt am Ventil ist der Reifen über die Felge gesprungen! Die Belastung der Stelvio-Abfahrt war wohl zu groß. Ich fahre weiter in der Hoffnung, dass ich noch bis zum Pass komme, wo ich das Problem beheben wollte. Pustekuchen: rund 2 km vor oben knallt es wieder - bei mir. Komischerweise bleibe ich einigermaßen gefasst, baue das Rad aus, hebe den Reifen ab, nehme den kaputten Schlauch raus, setze den Ersatzschlauch ein, will den Reifen wieder auf die Felge heben... plötzlich ist der Reifenabheber weg! Man, den habe ich doch gerade noch gehabt! Minutenlang suche ich den Boden und immer wieder meine Trikottaschen ab - das Ding bleibt verschwunden.

 

Ich bin kurz vor dem Nervenzusammenbruch, also plötzlich mein Schutzengel mit ihrem Auto neben mir hält: eine Schweizerin, die hier sozusagen als privater Begleitservice unterwegs war. Und sie hatte nicht nur einen Riefenabheber, sondern sogar eine Standpumpe! Ich hätte sie fast geküsst großes Grinsen ! So ging es dann doch schneller als befürchtet, dass mein Rad wieder einsatzfähig war. Ein Blick auf die Uhr verrät dennoch, dass ich mind. 15 Minuten verloren hatte.

 

In der Ofenpassabfahrt finden zwei weitere Fahrer zu mir, bei der Gegensteigung schließen weitere Fahrer auf. Plötzlich, kurz vor Ende des Gegenanstiegs: Oberschenkelkrampf! Nicht schon wieder! Ich rette mich über die Kuppe und erinnere mich an Danilo di Luca und dessen Dehnübungen. Die tun zwar verdammt weh, aber hinterher geht es mir tatsächlich besser, und ich mache mich auf die Verfolgung der Gruppe, die es unten im Tal in Zernez zum Glück erst mal etwas ruhiger angehen lässt, so dass ich wieder aufschließen kann. Bei der Verpflegunsstation fahren wir vorbei; ich habe noch genügend zu essen und eine volle Trinkflasche, das reicht zumindest bis zur letzten Verpflegung.



Dem Ziel entgegen...

Die knapp 50 Kilometer durch das Engadin verlaufen recht gut; es wird nicht ganz so hart Tempo gebolzt, und auch der Oberschenkel gibt weitgehend Ruhe Augenzwinkern . Um auch bis zum Ziel krampffrei zu bleiben, halte ich bei der letzten Verpflegung 8 km vor dem Ziel noch einmal an und trinke zwei Becher Elektrolytgetränk.

 

Und jetzt wartet noch die Norbertshöhe, 6 km mit 400 Höhenmetern als Dessert. Ich fahre gleich voll los und hole einen nach dem anderen ein: Fahrer der kurzen Strecke und etliche meiner ehemaligen Begleiter. Das pusht noch einmal! Es tut zwar nochmal weh und ich quäle mich mehr als am Ofenpass (erst recht mehr als am Stelvio), aber es rollt überraschend gut. Knapp einen Kilometer vor oben fühle ich aber dann doch meine Kräfte schwinden, erst 200 Meter vor dem Pass bekomme ich nochmal Motivation und lege einen kleinen "Sprint" *unschuldigtu* hin.

 

Geschafft, die 1,5 Kilometer Abfahrt ins Ziel sind Zugabe. Nach 6:13:52 bin ich da. Und hätte ich gewusst, dass Christoph Bieler nur etwa 20 Sekunden vor mir ins Ziel kam (nach Betrachtung der Fotos meine ich sogar, dass er die ganze Zeit im Engadin in meiner Gruppe war) , hätte ich bei der letzten Verpflegung vielleicht nicht gehalten... großes Grinsen

 

5:54 h war übrigens meine reine Fahrzeit.


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