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Neuseenclassics 2006 - "Rund um die Braunkohle"

von torte.

Fotos (4) © cycling4fans

 

"Ob ich mir das noch einmal antun möchte? Time will tell." So endete letztes Jahr mein Bericht vom Jedermannrennen der Neuseenclassics "Rund um die Braunkohle" im Südraum von Leipzig. Nun, die Zeit sprach zu mir. Kurz vor Jahresende warf ich die Frage in die Forumsrunde, ob nicht eventuell jemand Lust hätte, ein C4F-Team an den Start zu schicken? Erstaunlicherweise dauerte es gar nicht lange, und Henrike (rakta), Holger (checker) und Torsten (hawkeye) warfen todesmutig ihren Hut in den Ring.

 

Dabei blieb es denn auch, nicht einmal die Verleumdung der Strecke als "flach" und "reizarm" konnte das erste Team der "Gelben Seiten" auf ostdeutschem Boden aus der Ruhe bringen. Schließlich galt es ja auch, die C4F-Fahnen bei einem Klassiker des ostdeutschen Radsports hoch zu halten. Die erste Austragung von "Rund um die Braunkohle" ist datiert auf das Jahr 1955. Nicht nur wegen der damals schlechten Straßen galt das Rennen als ausgesprochen hart. Vor allen Dingen die recht hohe Luftfeuchtigkeit und die Windanfälligkeit der Leipziger Tieflandsbucht machten das Rennen schwer. Klaus Ampler erinnerte sich daran, dass er nach diesem Rennen seine Radklamotten stets komplett weggeschmissen hat - sie von Schmutz und Nässe zu befreien, wäre ein sinnloses Unterfangen gewesen.

Diesen reizvollen Aussichten konnten schließlich auch Peter (peso), Bernhard (crn) und Holgers Vater nicht widerstehen, so dass wir am 21. Mai fast ein kleines Usertreffen am Start hatten. Die Quantität stimmte schon mal.

 




Nomen est omen: Die Braunkohlelandschaft im Leipziger Südraum wird zur Sächsischen Seenplatte. ©: google earth



Die Neuseenclassics gewinnt man im Winter

"Wer übt, kann nichts!" Diese alte Musikerweisheit war im vergangenen Jahr mein Leid- und Leitspruch. Da mich meine von der Klein- zur Großversion upgedatete Familie ein klitzekleinwenig in Beschlag nahm, hielt sich mein Bewegungsdrang außerhalb der Kernarbeits- bzw. Familienzeit doch arg in Grenzen. Und wenn mein williger Geist denn doch mal mein schwaches Fleisch überzeugen konnte, sich ein wenig stählen zu lassen, war einfach keine Zeit. Oder es lag Schnee. Oder beides gleichzeitig.

Die zielgerichtete Vorbereitung auf ein solch wichtiges Rennen wurde zusätzlich durch eine konkurrierende Leidenschaft meinerseits torpediert: Wer gern und häufig kocht, der lässt auch selten was auf dem Teller liegen…

Das einzig richtig gute an meinem Wintertraining war, dass es nicht der Rede wert war. Also können wir hier schön Zeilen sparen und den freibleibenden Platz für das Wesentliche verwenden.

 



Wie jetzt?



Warten auf den Start und den Rest des Teams: Torsten und Henrike

Verabredet war eine Bushaltestelle im Gewerbepark Zwenkau, fünfundvierzig Minuten vor Beginn der Startaufstellung für die 108 km "Rund um die Braunkohle". Den Weg von Leipzig gen Süden teilte ich mir mit Peter, wobei wir uns ein wenig mit Radlerlatein auf das Kommende vorbereiteten und ich mir einen roten Kopf zuzog. Nein, Peter erzählte nichts übers Nacktradeln und ich wollte auch nicht demonstrieren, wie schlecht ich schwindeln kann. Hatte ich nicht erwähnt, dass ich seit einer Woche vor dem Rennen ordentlich erkältet war? Kurz: Ich war fix und alle, als wir am vereinbarten Treffpunkt ankamen. Waren ja auch schon knapp 20 Kilometer…

Meine zarte Andeutung, dass ich nicht starten wolle, entlockte Holger ein verständnisvolles "Wie jetzt?" Überhaupt machte Holger nicht den Eindruck auf mich, ein Mann vieler Worte zu sein. Ich fragte noch einmal nach, ob er als erfahrener Jedermann meine, mit Erkältung starten zu können. Holger erzählte daraufhin, dass er vor seinem ersten Henniger-Auftritt die halbe Nacht gehustet hatte. Ich glaubte mich zu erinnern, dass er damals in den Top-40 ins Ziel gekommen war? "Kann sein. Sechsundreißigster oder so." Seufzend strich ich ihn von meiner Liste der vertrauenswürdigen Ratgeber. Der wäre auch mit Gipsbein gestartet...

 

Trotzdem fühlte ich mich bei meiner sportlichen Ehre gepackt: War nicht Petacchi mit gebrochener Kniescheibe gefahren? Hatte nicht Hamilton mit gebrochenem Schlüsselbein die Tour beendet? Wollte ich also wirklich das Team im Stich lassen wegen eines läppischen, Kopf- und Gliederschmerzen verursachenden, nicht wegzubekommenden Infekts? Peter riet vehement, ich solle lieber nicht starten. Aber diese weisen Worte erreichten nicht mehr die Teile meines Hirns, welche normalerweise für rationale Entscheidungen zuständig sind… Und wir begaben uns geschlossen zur Startaufstellung.



Generation 50 Plus

Was ist der Unterschied zwischen einem flachen Profirennen und einem "Jedermann"? Beim Profirennen wird nur am Ende gesprintet. Aber das weiß der erfahrene Starter der "Neuseenclassics" selbstverständlich. Und daher wundert er sich auch kein bißchen, dass er sofort nach dem Startschuss von der "Generation 50 Plus" umzingelt ist. Was in diesem Fall jedoch nicht das Alter der Fahrer, sondern deren Geschwindigkeit betrifft. Überholt wird natürlich trotzdem, denn schließlich ist ja auch die "Generation 60 Plus" am Start…

Zu welcher auch Holger und Peter gehörten, die waren nämlich nach ca. 500 Metern absolvierten Rennens schon 2,5 km vor mir dabei, die Spitzengruppe mitzubilden. Henrike überholte ich in den Fahrermassen noch einmal, um ihr ein freundliches "Alles Gute!" zuzurufen. Von Bernhard war weit und breit nichts mehr zu sehen. Nach ca. fünf Kilometern rollte Torsten an mir vorbei und wir beschlossen intuitiv, beieinander zu bleiben. Was ca. zehn Kilometer – also vielleicht 15 Minuten lang – auch ganz gut ging. Dann allerdings ging es aufs freie Feld. In den Wind. Auf die Kante. Unsere Gruppe stand auf einmal wie ein Eimer, und wir versuchten, die vor uns Fahrenden zu erreichen. Ich würde gerne schreiben, dass "wir" das auch geschafft haben; die Realität allerdings sah so aus, dass Torsten mich an die Gruppe heranschleppte und mir justament da der Strom ausfiel. Mist.



Dust in the wind, all we are is...



Trotz (oder wegen?) Hungerstreiks gut im Rennen: Bernhard.

In diesem Moment zog plötzlich mein Leben an mir vorbei: Ich hatte dieses Jahr erst viermal auf dem Rennrad gesessen. Ich war an diesem Tag um kurz nach sechs aufgestanden. Ich hatte seitdem nur gefrühstückt. Ich erinnerte mich daran, die letzten Tage einen Mörderschnupfen gehabt zu haben… Wie zur Hölle konnte ich es eine gute Idee finden, doch zu starten? Ich schaute auf meinen Tacho: 24 km/h. Wind, stark und teilweise böig aus Nordwest. Im Moment bedeutete das Kante von vorne rechts. Doch Rettung nahte: Von hinten kamen Gruppen! Leider aber fehlten mir nicht nur die Jahreskilometer, sondern auch die Ausgebufftheit, was das Gruppenfahren angeht. Also wurde ich schön links überholt und rechts liegen gelassen. Als ich dann endlich eine Lücke fand und somit ein Hinterrad, musste ich feststellen, dass es das letzte der Gruppe war – und dieses fuhr praktisch schon im Straßengraben. Einordnen unmöglich…

 

Ich starb also ein wenig vor mich hin. Meine eingebaute Landkarte meldete sich und zeigte meinem inneren Auge die kürzesten Wege zurück nach Zwenkau. Ich schaute auf meinen Tacho: dreißig gefahrene Kilometer. Leider überlegte ich einen Wimpernschlag und eine Kurvendurchfahrt zu lang, denn beim nächsten Blick auf den Tacho betrug die Fahrtgeschwindigkeit plötzlich wieder 46 km/h! O linder Hauch von hinten! "Was denn, geht doch!", dachte ich bei mir. "Fahr ich halt weiter!". Eine Kurve später: 24 km/h. Verfluchtes Fauchen von vorn... "Ist ja schon gut, ich kehr um!". So ging es weiter. Auf dem Tacho wurde eine Geschwindigkeit angezeigt, die sich aus den Ziffern "4" und "2" zusammensetzte. Nur die Reihenfolge variierte je nach Fahrtrichtung.

Ich würde jetzt gern "kurz und gut" schreiben, würde aber nicht passen. Denn lang waren die folgenden Kilometer und mir war schlecht. Wind von allen Seiten, meistens von den falschen. Und noch eine Falle stellte mir das Schicksal: Kurz vor der Streckenteilung nämlich flutschte ich dann doch noch in eine Gruppe mit ca. 30 Fahrern. Was tat ich? Natürlich tappste ich in den Fallstrick der Vorsehung – ich verkürzte nicht auf 70 Kilometer. War doch in einer Gruppe! Lief doch! Oder wie?

 



Kopf- und Beinkino



Wind? Dass ich nicht lächle!

Schnitt: Im Ziel fährt Holger für Peter den Sprint an. Peter schiebt sich um Zentimeterlänge an Holgers Vorderrad vorbei. Platz 32 und 33 sind sicher!

Gegenschnitt: Bei der Streckenzusammenführung stoßen die Windhunde der 70-km-Strecke zu uns. Das Tempo steigt sofort wieder über die 40. Am Ende der Gruppe bekommt ein dem Leser nicht unbekannter Fahrer erst einen noch roteren Kopf, dann weit aufgerissene Augen, blaue Ringe unter den Augen, weiche Waden und einen zarten Krampf im Oberschenkel.

Schnitt: Ein weiteres C4F-Trikot erreicht als 153. und knapp drei Stunden das Ziel. Nicht schlecht dafür, dass Bernhard im Laufe der Woche noch den Hungertod zu sterben drohte…

Gegenschnitt: Leipziger Tieflandsbucht. Wind von vorn. Das Leiden auf zwei Rädern. Noch zwölf Kilometer. Oder waren es 120?

Schnitt: Torsten ist im Ziel, knapp neun Minuten hinter Bernhard. Platz 219. Fehlen nur noch Henrike und…

Gegenschnitt: Der Teufelslappen. Würde ausreichen, um mich vom Asphalt zu wischen. Aber schließlich ist es vollbracht: drei Stunden und hpfmszwnmpf Minuten. Aber ich lebe!

Schnitt: Kurz darauf kommt auch noch Henrike ins Ziel, die das einzig richtige an diesem Tag gemacht hat: Sie hat den Wind weggelächelt…



"Und? Wie war's so?"

Das Leben stellt manchmal schon schwierige Fragen, oder? Wie soll Jens Voigt zu Robert Förster gesagt haben: "Jaja, für mich ist Radsport die schönste, für dich die härteste Sportart der Welt!" Hätten heute auch Holger oder Peter zu mir sagen können… Und wie "Frösi" hätte wohl auch ich geantwortet: "Wenn ich noch könnte, würde ich Dich in den Straßengraben schubsen…!" (in seinem Giro-Tagebuch steht natürlich die jugendfreie Version).

 

Im Ernst: Ich hätte auf Peters Rat vor dem Start hören sollen, es war eine elende Quälerei. Andererseits habe ich ja auch auf Peter gehört, denn irgendwann meinte er vor dem Rennen zu mir: "Du musst mitfahren - Chronistenpflicht!"

Sagen wir es salomonisch: Bis auf meine – im Sinne der Geschichtsschreibung sicher objektiv vernachlässigbare - schlechte Verfassung waren es tolle "Neuseenclassics". Die Stimmung an der Straße war super, die Organisation sehr ordentlich, die Strecke gut abgesperrt. Das erweiterte "Team Cycling4Fans" bestand aus durchweg netten Leuten, und mit dem Ergebnis können wohl alle von uns gestarteten Fahrer gut leben. Sogar unsere beiden Bergziegen sahen hinterher irgendwie glücklich aus – könnte vielleicht am Ergebnis gelegen haben…

Tja. Nächstes Jahr wieder? Time will tell!

 

 




So sehen Sieger aus! Bernhard, Peter und Henrike. (Im Hintergrund fährt grade "Frösi" im Besenwagen vorbei... nein, ist nur der Bus seines Ladens!)


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