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02/01 2003

Kein Blick zurück im Zorn

Ein Radsportjahr im Rückspiegel



Es ist wieder soweit. Ein Jahr ist zuende. Und obwohl mir eigentlich nicht so recht danach ist, blicke auch ich zurück auf 2001. Es ist der 31.12., 18 Uhr. Nach einem anstrengenden Arbeitstag weiß ich gar nicht mal, ob ich Mitternacht noch in wachem Zustand verleben kann. Von diversen privaten Hochs und Tiefs, vom einen mehr, vom anderen weniger, einmal abgesehen ein kleiner Rückblick auf mein persönliches Jahr als Radsportfan.

Es ist ohnehin jedes Jahr das Gleiche. Gute Vorsätze sind dafür da, gebrochen zu werden. Mein jährlicher, und natürlich jedes Jahr unglaublich ernst gemeinter, Vorsatz ist ein einfacher: Ich fahr im neuen Jahr mehr Rad!

So einfach es klingt, so schwierig ist die Umsetzung. Da motiviert auch das ganz neu erworbene Cofidis-Trikot samt Renncapi wenig. Es ist halt doch wesentlich bequemer, die Ergebnisse der Tour Down Under zu studieren oder die neuen Fahrerbilder auf der Cofidis-Homepage zu betrachten.

Vielleicht im Februar?

Mitte des Monats wage ich einen Versuch. Zwar ist es noch immer empfindlich kalt, doch die Sonne schickt bereits die ersten, ein wenig wärmenden, Stahlen und es kribbelt heftig in den Beinen. Die erste Radrunde des Jahres um den Ort, fünf Kilometer, keine Glanzleistung. Auch nicht für einen notorischen Fernsehsportler wie mich! Das Cofidis-Trikot bleibt, der Vernunft zuliebe, im Schank. Trotzdem werde ich am nächsten Tag von Fieber und Schüttelfrost gepeinigt. Und nur der Start der Tour de Mediterraneen und der dritte Platz von David Moncoutié auf der ersten Etappe hält mich so halb bei Laune.

Das Rad wird wieder in die hinterste Kellerecke verbannt. Danke, das muss ich nicht noch mal haben!


Im März beginnt auch wieder die „Fernseh-Rad-Saison“. Der WDR überträgt den „Het Volk“. Eine Woche später beginnt Paris – Nizza. Leider nicht vorm Fernseher. Und wer gewinnt den Prolog? Nico Mattan! Und ich hab’s nicht gesehen! Ich könnte – nein! Die Freude überwiegt halt doch! Zwei Tage Führungstrikot, am Schluß reicht es nicht ganz! Aber dafür darf ich mich über Gesamtwertung Platz vier von David Moncoutié freuen. Ich bin nicht wählerisch!

Das erste Weltcuprennen erfüllt nicht ganz meine Erwartungen. Egal! Hauptsache der Fernseher hat mich wieder! Das Rad dafür noch nicht!

Ob Fernseher oder Internet – dem Radsportfan wird wieder was geboten! Und der April mit der Klassikersaison wartet!

Nico Mattan gewinnt De Panne. So kann es ruhig weitergehen!

Das Fernseherlebnis Paris – Roubaix mit seinen Pave’s und der unglaublichen „Schlammschlacht“ wird dem Ostereiersuchen selbstverständlich vorgezogen. Obwohl der schwere Sturz von Philippe Gaumont hätte nicht unbedingt sein müssen! Der Arme! Alles Gute! Und zurück zum Rennen!

Zum Rennen! In den Taunus! Zum Henninger-Turm! Für einen Radsportfan aus der Umgebung von Frankfurt gibt es eben nur ein einzig wahres Ziel für den „1.-Mai-Ausflug“. Und ich erscheine standesgemäß. In Cofidis-Trikot und Cofidis-Mütze, aber ohne Rad! Was den sportlichen Leiter im Cofidis-Begleitwagen auf zwei der drei Durchfahrten am Ruppertshainer Berg zu einem Hupkonzert hinreist. Und mich zu verblüfftem Staunen statt zu fröhlichem Winken. Über manche Peinlichkeiten sollte man besser nicht reden! Ich tu’s trotzdem! Kommt noch hinzu, dass mir ein Coast-Fahrer auffällt, der irgendwie verdammte Ähnlichkeit mit Roland Meier hat. Aber der steht nicht in der Startliste! Daheim stelle ich fest, dass die Startliste längst nicht mehr aktuell war. Und: Der Fahrer von Coast sah nicht nur aus wie Roland Meier – es war Roland Meier!

Eine Woche später darf ich ihn wieder Fernseher bewundern. Wie auch David Moncoutié bei der Tour de Romandie. David macht mir dieses Jahr als Fan wirklich viel Freude! Roland bei dieser Tour auch!

Weniger Freude bereitet mir die Nachricht des auf EPO positiv getesteten Fahrers Bo Hamburger und die Meldung, dass es vom Fleche Wallone noch eine positive A-Probe geben soll. Die Hiobsbotschaft kommt am Abend des 15. Mai via Internet. Der zweite, positiv getestete Fahrer heißt Roland Meier!

Moment! Das kann doch alles nicht sein! Ist aber so! Notgedrungen akzeptiere ich das, was ich als Fan ja doch nicht ändern kann! Aber Zweifel bleiben. Und werden genährt von diversen Berichten und Anzweiflungen zur Sicherheit des neuen Testverfahrens. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und frühestens bei Bekanntgabe der B-Probe.


Im Mai hole ich mein Rad auch wieder aus dem Keller. Es ist inzwischen ein neues geworden. Mit mehr Gängen, besserem Sattel und Lenker. Und kostest mich eine Stange Geld, auch wenn es heruntergesetzt war, da Vorjahresmodell! Auch egal! 40 Kilometer werden es schließlich. Neues Rad und Cofidis-Trikot scheinen manchmal Flügel zu verleihen. Und meine Gesundheit hat auch nicht gelitten. Dafür steigt David Moncoutié mit allergischer Nasennebenhöhlenentzündung beim Midi Libre aus. Wenn ich nur wüßt, was da faul ist!

Dafür trainiere ich jetzt regelmäßig. Weniger Kilometer, mehr Kraft. Irgendwo muß die Wut über Roli Meiers positive B-Probe ja hin!

Geplant wird trotzdem: Hotelzimmer in Zürich. Da wollt ich schon immer mal hin. Zum Weltcuprennen natürlich! Die Stadt kenne ich schon! Und dann brauch ich ja auch noch ein Zimmer bei der Tour de France. Dank einer, der französischen Sprache mächtigen Kollegin, kein Problem! Also: Die Vorfreude auf die Tour läuft auf Hochtouren und mittendrin ich bei zwei chaotischen Tagen der Deutschland-Tour. Ein verregnetes Zeitfahren in Weinheim und eine nicht wetterfeste Regenjacke bringen mir eine heftige Erkältung ein und zwingen mich zu einer weiteren Investition. Diesmal in eine neue Regenjacke. Aber einer, die ihren Namen auch verdient!

Ganz nebenbei gewinnt Andrei Kivilev die Route du Sud. Und keiner merkt’s! Zumindest von niemand von Telekom oder US Postal.


Der Juli startet mit einer Radsport-Doku über Team Cofidis bei der Tour de France 2000. Und das auf ARTE! Nur dumm, dass ich kein ARTE kriege! Eine Freundin weiß Rat und lädt mich, wohl auch aus Neugierde über diesen Bericht, zu einem Fernsehabend bei sich ein. Meine Rettung! Danke, Silvia! Die Doku wird bei dieser Gelegenheit gleich auf Video gebannt und dient seitdem als Aufmunterung in radsportlosen und allgemein trüben Zeiten.

Aber die scheinen weit entfernt. Denn es beginnt die Tour de France. Das Rennen der Rennen! Und soweit entfernt sind die trüben Zeiten dann auch wieder nicht. Der Sturz von David Millar im Prolog lässt sich gerade noch, mit sehr viel gutem Willen verschmerzen! Aber die katastrophale Mannschaftsleistung auf der vierten Etappe nach Verdun ist zuviel des Guten! Der Cofidis-Fan ist enttäuscht und beginnt, diese Tour abzuhacken! Aber warum eigentlich? Kann es noch schlimmer kommen? Eigentlich nicht! Also, ab nach Colmar! Aber was ist? Wieder Regen! Wenigstens am Samstagnachmittag hat Petrus ein Einsehen! Es geht im Cofidis-Outfit, und diesmal sogar per Rad, an die Strecke. Am nächsten Tag hab ich genug vom elsässischen Dauerregen und will mir die nächste Etappe eigentlich schenken. Zumal mein Foto das zeitliche gesegnet hat. Ein Zufall zwingt mich doch an die Strecke und man macht das beste draus. Zumal die Tour nun eine überraschende Wendung nimmt. Diese Chaosetappe samt des bummelnden Hauptfeldes sorgen für eine Kuriosität der Tourgeschichte und machen aus Andrei Kivilev plötzlich einen Geheimfavoriten. Und die zweite Tourhälfte entschädigt für vieles. Besonders eben die Leistung des Kasachen, der einen Podestplatz nur knapp verfehlt. Und die des plötzlich wiedererstarkten David Moncoutié. Da lacht das Fanherz.

Der Geldbeutel weniger! Die Tour und mein Fotoapparat zwingen mich wieder zu einer kostspieligen Investition, einem neuen nämlich!

Und Anfang August wartet das Paarzeitfahren in Karlsruhe. Florent Brard und Christophe Moreau sind freundlicher Weise zu einem Foto und einem Autogramm bereit, durchschauen aber schnell meine miserablen Französischkenntnisse einschließlich meiner, mir völlig unerklärlichen, Nervosität. C’est la vie! Oder so ähnlich !

Dann ab nach Zürich! Einen Tag vor der Abreise gewinnt David Moncoutié eine Etappe bei der Tour du Limousin. Im Sprint! Ich glaub’s heut noch nicht! Muß aber wohl so gewesen sein! Unerklärlicher Weise!

Bis zum Weltcuprennen ist noch Zeit, drei Tage. Sightseeing in Zürich, meiner Lieblingsstadt. Sehr empfehlenswert! Aber das Radrennen ist der Höhepunkt des Urlaubs. Das Rennen? Okay, ich gebe es ja zu! Ich sprech ja nicht jeden Tag David Moncoutié an und bitte ihn um ein Autogramm und um ein Foto. Und das mit eben jenen mageren Französischkenntnissen! Ein bisschen Mut gehört halt immer auch dazu!

David verlässt das Rennen vorzeitig, ich auch. Aber ich halte immerhin fast bis zum Schluß durch! Dann siegt die Vernunft in Form von fünf Autostunden Heimweg und der morgigen Pflicht im Job! Und die Vorfreude auf mehr? Denkste! Vorläufig nicht! Acht Monate Sperre, die rennfreie Zeit nicht eingerechnet. Das Urteil im Fall Roland Meier war zu erwarten, ist aber in meinen Augen nicht gerecht! Hamburger wurde freigesprochen! Anderer Verband – andere Gesetze? Das kann noch nicht sein! Nach dem letzten Funken Hoffnung muß ich lange suchen!


Dafür beginnt der September erfreulich. Nico Mattan gewinnt in Plouay, David Millar den Prolog der Vuelta.

Drei Tage später fragt keiner mehr danach! Der 11. September reist eine tiefe Wunde! Unfassbar was da geschieht! Wer hat die Vueltaetappe gewonnen? Nebensache! Am Fernseher verfolge ich fassungslos wie uns allen vorgeführt wird, wie verwundbar wir sind. Mit einem Mal ist nichts mehr wie es war! Nur eine Hoffnung, so absurd sie auch klingen mag, bleibt: Hoffentlich geht die Vuelta weiter! Denn niemand darf sich diesen, ich mag sie nicht Menschen nennen, beugen! Die Vuelta wird fortgesetzt!

Manche Leser beschweren sich in Leserbriefen in verschiedenen Zeitungen über die Pietätlosigkeit der Sportsender in diesen Tagen, Sport zu zeigen! Warum? Dann darf ich auch keine Musik mehr hören, nicht mehr in die Kneipe oder die Disco gehen, nicht mehr zu Arbeit! Der Sport und insbesondere die Vuelta ist in diesen Tagen für Fans, Sportler und Verantwortliche ein Stück zurückkehrende Normalität, nach der sich in diesen Tagen alle sehnen! Und eine Art Flucht. Für ein paar Stunden Ablenkung, vergessen was in der Welt geschieht um dann alles wieder mit klaren Augen sehen zu können. Die Entscheidungen sind richtig in meinen Augen! Lediglich die kursierenden Wechselgerüchte um einige Fahrer finde ich in dieser Zeit des drohenden Krieges der Welten makaber.

Aber das Leben geht weiter! Vuelta und Bahnrad-WM in Antwerpen bringen mich allmählich zur Normalität zurück. Und der Weltmeistertitel von Robert Sassone, zusammen mit seinem Partner Jerome Neuville, im Zweiermannschaftsfahren freut mich ganz besonders!

Im Oktober der letzte große Saisonhöhepunkt. Die Straßen-WM in Lissabon. David Millar wird im Zeitfahren knapp geschlagen. Mal wieder Ullrich! Okay, geht in Ordnung! Zähneknirschend!

Das Straßenrennen haut mich weniger vom Hocker. Ich dachte, das sei ein schwerer Kurs? Ich bin enttäuscht! Und nur ein Angriff von Nico Mattan zu Beginn der letzten Runde reist mich zu ein wenig Begeisterung hin. Aber der Angriff war zu früh! Na, er hat es immerhin versucht! Danke, Nico! Am Schluß gewinnt Freire! Ach, schon wieder? Nein, wenn schon Massensprint dann wenigstens Zabel! Nix war’s!

Die Saison ist gelaufen und wird allmählich abgehackt! Drei Tage später reist Nico Mattan mich noch mal aus dem beginnenden Winterschlaf. Sieg beim Giro del Piermonte. So ist es recht! Besser kann der Cofidis-Fan die Saison nicht beschließen! Zumal das Weltcupfinale mich wahrlich nicht mehr begeistern kann! Abgehackt!


Radsportauszeit!

Ich bin ganz froh drum! Ich nehm lediglich noch den Bahnradklassiker „Open des Nation“ mit und die Ehrung von Erik Zabel zum „Sportler des Jahres“. Gratulation!

Das Ende der Karriere von Laurent Desbiens reist mich zwischenzeitlich aus dem Winterschlaf. Schade! Ich werde ihn vermissen nächstes Jahr!

Ach, und dann noch die Klassifizierung der Teams für die nächste Saison. Cofidis gehört den TOP TEN an! Ein ganzes Jahr lang hab ich darum gebangt. Es scheint sich gelohnt zu haben!

Und war da nicht noch die Präsentation einer gewissen „Tour de France“ mit Etappenziel Saarbrücken?

Von wegen Winterschlaf! Ist ja sowieso klar! Was macht ein Radsportfan in der radsportlosen Zeit? Na, was wohl? Er freut sich auf die neue Saison!

In diesem Sinne: Auf ein erfolgreiches, neues Radsportjahr! Prost!

 

von Tine

 

 

 


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