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Rund um den Henninger Turm 2007

von Raktajino, Mai 2007

Fotos von MrsFlax



"Die Strecke", sagte man mir, "ist vom Profil her sogar schwerer als der Henninger letztes Jahr!"

Gemeint war das Jedermannrennen der Niedersachsenrundfahrt, an welchem ich im Jahr 2006 teilgenommen hatte. Na dann - das Rennen hatte Spaß gemacht und ist für mich sehr gut gelaufen. Warum dann also im nächsten Jahr nicht wieder den Henninger fahren...

Soweit die Überlegung. Den Winter mit moderatem Training verbracht, im Frühjahr dann auch etwas mehr. Die Form fühlte sich besser an als im letzten Jahr, also würde beim Rennen auch wenig schiefgehen können, dachte ich.

 



Die Ernüchterung...



Rennvorbereitung bei blaho

...kam in Form einer üblen Erkältung vier Tage vor dem Renntag. Schniefend und hustend fuhr ich dennoch nach Frankfurt, schließlich hatte ich mehr als genug für den Start bezahlt - da wollte ich ihn wegen solch einer Lappalie nicht einfach sausen lassen.

Das Vorabendgrillen bei blaho war wieder sehr schön, genau wie der Wodka, den der Gastgeber mir freundlicherweise servierte. Dieser war als letzte Therapie gegen die Erkältung gedacht. Wenn auch im Whiskeyglas nicht ganz stilecht daherkommend, so doch sehr schmackhaft, golden in der Farbe und aromatisiert mit Chili. Und ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich das mal sehen würde: ogkempf trank Alkohol! Zeichen und Wunder...

 



Mal wieder ein missglückter Start



Nervös ist keine Handcreme!

Nach einer nur sporadisch durchschlafenen Nacht in Mainz stand ich dann im Main-Taunus-Zentrum und ängstigte mich. Mein Fahrradcomputer funktionierte seltsamerweise nicht, sodass ich dieses Rennen ohne Tacho und ohne Pulsanzeige würde fahren müssen. Der Vorteil dabei wäre, dass ich nicht wüsste, mit welchen Geschwindigkeiten ich die Abfahrten fahre. Der Nachteil wäre, dass ich nicht wüsste, in welchen irrwitzigen Herzfrequenzbereichen ich die Flachstücke am Anfang des Rennens fahren würde. Mit Stephan aß ich kurz vor der Startaufstellung noch schnell ein Stück Rennfahrerkuchen, dann reihte ich mich in meinen Startblock ein. Es war Startblock G. Der letzte Startblock. Der Luschenstartblock. Eigentlich ideal für mich, wäre da nicht die leise Panik, dass hinter diesem Startblock keine weiteren Fahrer mehr sein würden. Zu schmerzhaft die Erinnerung an das Rennen vor zwei Jahren, bei dem ich den Großteil der Strecke alleine weit hinter dem Besenwagen gefahren bin.





...aber dafür passte die Aldi-Tüte farblich perfekt zum Outfit!

Nun denn, das Rennen begann so, wie wahrscheinlich alle Rennen beginnen: mit hirnloser Raserei. Moment, war das nicht der Luschenstartblock? Davon schienen die Fahrer um mich herum offenbar nichts zu wissen...

Hätte ich einen Pulsmesser gehabt, er hätte mir einen Puls weit jenseits der 190 angezeigt. Ich war komplett am Limit - leider wurden mir die Grenzen aber nicht von den Muskeln in meinen Beinen gesetzt, sondern von meiner pfeifenden Lunge. Es tat so weh... Und ich musste nur zu oft husten. Die Halsschmerzen setzten wieder ein und die Nase war sowieso schon am Weglaufen. Wie sehr man eine Erkältung doch unterschätzen kann.

Mit einem freundlichen "Hallo!" zog, widerlich in ein Discovery-Trikot gehüllt, discman an mir vorbei. Ich rief ihm noch "Warte!" hinterher und versuchte an sein Hinterrad zu kommen, aber vergebens... weg war er.

 

 



Der Verlauf des Rennens bis zum Schulberg ist schnell erzählt:

Es war viel zu schnell und die Gruppen waren viel zu klein oder gar nicht vorhanden.

In Eppstein angekommen, lachte mich das Kopfsteinpflaster an. Das hatte ich ganz vergessen... Mit ordentlich holter-di-polter fegte ich darüber hinweg und warf mich in den Anstieg des Schulberges. Meine Kompaktkurbel vergötternd, kam ich etwa bis zur Hälfe - dann hob zweimal mein Vorderrad ab. Mir ist sowas noch nie passiert und ich bekam Muffensausen. Lieber absteigen als stürzen, dachte ich mir. Gesagt, getan: Ich stieg ab und schob den Rest des Berges. Dabei lief ich über eine teuer aussehende Brille, die in mehreren Teilen auf der Straße lag. Die üblichen Opfer an die Radsportgötter. Kurz vor Steigungsende erwischte mich noch die Fotografin. Wie habe ich mich geschämt...

Auf der Abfahrt nach dem Schulberg schepperte mein Rad verdächtig. Bei jeder Erschütterung klapperte und klingelte es. Was war da los? Sollte ich etwa schon wieder ein Laufrad verlieren? Würde mir gleich das Schaltwerk abfallen? Wäre dies das Ende? Nachdem nichts passierte und ich durch bloßes Hingucken nichts erkennen konnte, beschloss ich, es zu ignorieren. Anhalten wäre schließlich der Renntod gewesen.

Die folgenden Hügel waren eine Qual. Ich erinnerte mich genau an zwei Jahre zuvor: auch heute war es wieder brennend heiß und alle Fahrer die in Sichtweite waren, keuchten und litten. Diesmal waren allerdings keine Autos auf der Fahrbahn, immerhin. Ich starb langsam, was, ich bin mir sicher, vor allem an der exponierten und sonnigen weil waldfreien Lage dieser Anstiege gelegen hat. Dem konnte auch der Wind nicht abhelfen. Da es so weit hinten im Grupetto keine geschlossenen Gruppen gibt, fuhr ich fast alles im vollen Gegen- oder bestenfalls noch Schräg-von-vorn-Wind. Einmal hatte ich den Windschatten eines MTBlers mit schwarzem Rad und schmalen Reifen. Den Blick fest auf sein Hinterrad gerichtet um den Abstand ja nicht zu groß werden zu lassen, fuhr ich hinter ihm bis es wieder in den Wald ging. Hach, Wald... definitiv nicht nur für die für mich sonst eher übliche Freilandbiologenarbeit zu gebrauchen. Schattig und kühl, so kühl wie auch das Wasser, das uns von kleinen Jungs an der Verpflegungsstelle gereicht wurde. Als ich mich in diesem Zusammenhang näher mit meinen Flaschenhaltern beschäftigte, erschloss sich mir endlich, warum mein Rad so klapperte: Ein Flaschenhalter war gebrochen. Das muss tatsächlich in Eppstein passiert sein.

 



Der Ruppertshainer - Mythos oder doch nur ein Hügel?

Mehr schlecht als recht lief es den weiteren Weg nach Glashütten, mittlerweile hatte ich kein brauchbares Taschentuch mehr und die Lunge schmerzte nicht weniger als zu Beginn. Um mich wenigstens etwas bei Laune zu halten, verleibte ich mir das Powergel ein, welches ich mit den Startunterlagen erhalten hatte. Hmm... Vanillegeschmack... süß und klebrig. So dermaßen gestärkt konnte ich mich dann todesmutig in den schweren unteren Teil des Ruppertshainers wagen. Natürlich tat es weh - aber den anderen Fahrern schien es noch weher zu tun. Ich war einfach froh, dass die Sonne weg war. Die gelbe Sau...

Dann wurde es bald flacher und das erste C4F war auf der Straße zu lesen. Prompt legte ich einen oder zwei Gänge zu und konnte sodann zügig den Rest des Anstiegs in Angriff nehmen. Von weitem schon sah ich MrsFlax und begbie am Rand stehen. Ich winkte ausschweifend, sah aber keine Reaktion. Als ich fast bei ihnen war, wurde ich endlich bemerkt. Ich schien sie wirklich überrascht zu haben... Nochmal winken für ein lässiges Foto, dann flugs hinauf zur Bergwertung.

 




Spaß am Berg



"Toll ist das ja nicht, was wir hier abliefern..."



*kau* - Kuchen aß ich vor und nach dem Rennen

Die Abfahrt war geschmeidig, dort traf ich eine Frau wieder, die in meinem Block gestartet war. In langem Trikot und langer Hose - ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sich das in der Sonne angefühlt hat. Wir redeten kurz, sie: "Toll ist das ja nicht, was wir hier abliefern..." - wie recht sie hatte. In Kelkheim kam dann noch der letzte große Knaller: ein kleiner, aber recht steiler Anstieg mit Kopfsteinpflaster, bei dem einige Pflastersteine fehlten. Zornig und ohne Verständnis für so eine Streckenführung, kurbelten wir hinauf, neben uns ein sehr alter Herr und hinter uns ein aufdringliches Hupen. Ein Motorrad wollte uns von der Straße drängen. Die Frau neben mir rief etwas unleidlich: "Nee, jetzt nicht!" - ein wenig direkter der Alte: "Du hast mir grad noch gefehlt, du Arsch!" Genützt hat es wenig, das Polizeimotorrad fuhr mitten in der Steigung zwischen uns durch.

Danach kamen die Skater. Sie waren überall. Sie fuhren in langen Ketten schräg auf der Straße. Wir übten uns in Toleranz, schließlich sind es ja auch Sportler...

Mit ordentlich Tempo ging es zurück zum Main-Taunus-Zentrum um das Wenige noch zu retten, das am Schnitt noch zu retten war.

Nach dem Rennen pfiff die Lunge, das Luftholen fiel schwer und selbst auf der Heimfahrt hatte ich noch mit schwerem Husten zu kämpfen.

Letztendlich hat es zu Platz 18 gereicht bei einem Schnitt von 26,86 km/h. Damit lag ich unter dem, was ich mir vorgenommen hatte. Aber man hatte mir ja auch völlig falsche Informationen gegeben: Göttingen letztes Jahr schwerer als die kurze Strecke beim Henninger? Bei weitem nicht! Der Henninger ist eine Klasse für sich, und damit sicherlich auch eine Klasse zu hoch für mich. Wenn schon nicht zu hoch fürs Durchkommen, so doch auf jeden Fall zu hoch fürs Spaß haben.

 


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