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Henninger Turm 2008

von Peso





Die Fans erledigen ihre Hausaufgaben...

„Nein! Ganz so einfach nicht!“ Ich wechsle die Straßenseite, trete – die Kette liegt schon längst auf 52x13 – mit tief gebeugtem Oberkörper und den Händen auf den Bremsgriffen voll in die Milchsäure. Eine traumhaftes Gefühl. Ob es mit dem Glykogen schon vor dem nahenden Muskelkrampf eng wird? Spannende Frage. Aber ich bin wieder dran. Der Scheißkerl wird doch nicht etwas lächeln? Grund genug hätte er. Noch zwei unglaublich dünne Körper sind in das Vereinstuch der RIG Freiburg gehüllt. Die übrigen Fahrer der 8-Mann-Gruppe nehme ich nicht wahr – schon rauscht der nächste rechts raus, wieder versucht die aufgelegte Übersetzung die Beine zu überreden, sich doch bitte nicht so kindisch anzustellen. Das Gejammer werde albern.

Ich schiebe den Kopf unter den Wind, blicke starr auf den im Winter gezüchteten Muskel, der die simpelste aller Aufgaben hat: Treten.

 

Noch 1000 m. Der Ausreißer ist wieder gestellt.

 



Am Start...

Mir ist bitterkalt. Mit kaum 8 Grad dirigiert das digitale Quecksilber das Klapperquartett der C4Fans-Starter. Die Sonne haben sie hinter dem Main-Taunus-Zentrum versteckt. Ich vermute Absicht. Gemeinsam mit Donis riskiere ich den Startplatz ganz vorne im Block A und rolle einmal um das unfaßbar häßliche Einkaufszentrum. So ein Radrennen ist ja auch nur ein mittelmäßiger Pferdemarkt. Man läßt sich eben keine Zähne zeigen, sondern stellt mit betonter Lässigkeit die eigenen Waden neben den mallorcabraunen Keulenwuchs des Nachbarn. Dazu wird mit dem bunten Carbongeschirr geklappert, daß in mir plötzlich so etwas wie Achtung gegenüber der Melange aus Werbefritz und Journalistenklaus aufsteigt, die sich dem Fetisch in eigenen Magazinen widmet.

Unmittelbar vor die mit dem „Henningerschnitt“ zertifizierten Pferdelungen reihen sich die Knirpse und ihren prominenten Mitstreiter der Sporthilfe ein. Eine tolle Idee. Nachdem man als Ersatz für Herrn Scharping nur Roland Koch gefunden hatte und dieser erstaunlich wortkarg den Start freigab, schleicht das testosteronverarmte Feld zahm, höflich fragend und erwartet unambitioniert an Klaus-Peter Thaler und seinen Schützlingen vorbei. Ich verspüre einen unkontrollierbaren Würgereiz. In beiden Händen.

 

Bis Eppstein ziehen Unbekannte an der Handbremse des Pelotons. Knapp 38 km/h verrät die Aufzeichnung. 2007 war ich bis zum Schulberg noch mit durchschnittlich 42 km/h unterwegs. Auf dem schmalen Pflasterstück ist meine Position bescheiden, aber bis zum Beginn der steilen Rampe kann ich mich noch etwas nach vorne schieben. Ich liebe ja so einen Blödsinn. Weg von der Hauptstraße, einen unvernünftig steilen Stich hoch und wieder zurück auf die ursprüngliche Strecke. Mit erst 42x24, dann 42x27 bin ich in meiner Minimalgeschwindigkeit einigermaßen begrenzt, also frage ich artig: "Kannst du bitte mal etwas weiter rechts fahren?" Es funktionierte.

Herr Ackermann von Lexxi zeigte mir später, wie man das richtig macht: "Wäääääg da!!!!!!!!!!!!!!"

 

Funktionierte auch.

 

Bis zum „false flat“ halte ich mich problemlos an der Spitze des Feldes. Der Große Ulle hatte mir heute Beine gegeben. Die verbleibenden weniger steilen Meter würge ich mich wieder angemessen keuchend nach oben und habe dann keine Schwierigkeiten mit der halsbrecherischen Abfahrt.

Noch rasseln die Lungen lauter als die Umwerfer, mit welchen die Ketten auf die großen Blätter befohlen werden. Aber man gibt an der Spitze der ersten Laktatfront etwas Zeit zum Abzug, so daß sich schließlich ein Feld ganz passablen Ausmaßes mit moderatem Tempo in den welligen Streckenabschnitt bis zur Verpflegung in Glashütten begibt.

 



Attacke!

So ein Tempo, bei dem der Schweiß auch die Stirn des einzigen Dreifachfahrers nur schwach befeuchtet, kann nur ein vorstellbares Ende haben. Attacke! Donis zupft mit einem Fahrer, dessen graues Haar von vielen Trainingsjahren erzählt, an der noch wohlwollend locker gehaltenen Leine in der Hand des Pelotons. Da ich für mein Geld auch etwas Kurzweil erwarte, setze ich nach, beschleunige noch einmal und prüfe mit einem Blick über die Schulter, ob das Wohlwollen der Verfolger schon dem Ärger und Betrieb im Schaltwerk gewichen ist. Glück gehabt. Man hatte bestimmt mein mit Zähnen beleidigend sparsam besetztes Kettenblatt erkannt und zuckte statt des Schaltfingers nur die Schulter. Für fast 15 Minuten erleben wir das idiotische Glück, die Spitze des Rennens zu bilden. Jetzt, wo Sauerstoff zum raren Gut wird, erwarten die Muskeln eine Entscheidung vom angeheizten Oberstübchen. Für den erwarteten Schlußsprint habe ich etwas Glykogen vor dem Stoffwechsel versteckt – am Kreisverkehr in Heftrich steigen Gradient und Tempo unseres Mitausreißers – und mein Bluff fliegt auf. Reichlich verzagt lassen wir den dritten Mann ziehen, keine zehn Sekunden später springt der erste Bergfloh ans uns vorbei. An meinen eingelagerten Zucker muß ich jetzt aber trotzdem, um nicht aus der Gruppe zu fliegen.

 

Endlich an der Verpflegung. Die gereichten Flaschen ignoriere ich, allerdings finden sie bei den mickrigen Wurfversuchen der durstigen Leute zielsicher ihren Weg von der Bordsteinkante zurück ins Feld. In der Abfahrt hilft mir mein vorteilhaft angeströmtes Vorderrad, die 80 zu überschreiten und in vielleicht sechster Position die scharfe Linkskurve mit dem „Gegenhügelchen“ vor dem Ruppertshainer zu nehmen. So ein 42er Blatt und etwas Streckenkenntnis sind schon ein Segen! Die Gruppe bläst in die > 10% vom 1,3 km langen Photohügel. Hier heißt es, nicht nur schnell zu sein, sondern vor allem gut auszusehen, wenn man in die ungeduldig wartenden Linsensysteme blickt, an deren Ende vielleicht Frau Flax hängt und das mühsam versteckte Leiden ins Forum trägt. Ich glaube ja, die paar Höhenmeter wurden von den Streckenplanern nur aus dem Grund in unseren Weg geschichtet, um die Fahrer für die bildgeile Meute entsprechend zu verlangsamen. Bei mir klappte das – die Verlangsamung – ganz hervorragend. Links schießt Donis vorbei, daß ich meinen Beinen schon fast böse werde. Sie mögen doch bitte den Ernst der Situation erkennen, schelte ich die Unwilligen. Man könne mich kaum verstehen, ich keuchte so laut, bekomme ich zurück. Immerhin kann ich meinen auf die Straße gepinselten Namen lesen und hoffe, durch die Stauchung des Teleobjektivs noch als Teil der Gruppe ausgemacht werden zu können. Meine Atemfrequenz erreicht schmerzhafte Höhen – DAS ist also die richtige Intensität für Vo2-Max-Training? Zehn Sekunden nach dem Grüppchen vor mir überquere ich die Bergwertung und riskiere nun eine ganze Menge, um bergab den Anschluß wieder herstellen zu können. Tatsächlich finde ich meinen Tritt, ein paar gewiß nicht untergewichtige Strassackerleutchen empfinden den Platz an meinem Hinterrad als so gemütlich, daß sie ihn kaum wieder verlassen wollen.

 




The Man in Black: Ruppertshainer? Diesen Hügel nimmt man mit einem gewinnenen Lächeln!



Dem Ziel entgegen...

Schnell sind wir wieder dran und schlängeln uns an roten Rückennummern vorbei nach vorne. Weil Donis nun untröstlich mit gerissener Kette am Ruppertshainer steht, sind es noch drei Schwarzwälder und etwa fünf weitere Fahrer, die mich um meinen Bierkrug bringen möchten. In Kelkheim bleibe ich auf der inzwischen asphaltierten Seite dieser hundsgemeinen Streckenidee, mit der man kurz vor dem Ziel noch einmal den Laktatpegel der Konkurrenten prüft. Dann, kurz vor Bad Sooden, fliegt ein Lexxi-Fahrer mit beeindruckendem Antritt auf abschüssiger Straße an allen vorbei, die RIG Freiburg hechtet hinterher und Peso verschafft sich das nur wenig windärmere Plätzchen am Hinterrad. Meine Güte, im Forum wäre dies eine der Aktionen, welche die einen mit gewohnt selbstgefälligem Zynismus kommentieren, die anderen mit der geflaggten Unschuldsvermutung verteidigen würden. Kurz: wir hatten nicht den Hauch einer Chance, das Loch zu schließen.

 

Der Abzweig zum Ziel. Ich blicke nach hinten. Sieben, zehn Fahrer? Es beginnt das unterhaltsame Spiel, mir möglichst schmerzhaft den Zahn zu ziehen. Zwei, drei Vorstöße kann ich kontern. Die letzten drei Kilometer bin ich entweder direkt an der Spitze oder damit beschäftigt, einen Schwaben in das windscheue Würmchen, das sich hinter mir windet, zurückzuholen. Jemand hat offensichtlich vergessen, mein Hirn mit Sauerstoff zu versorgen. Eine gute Entscheidung nach der anderen verpaßt die glänzende Gelegenheit, von mir getroffen zu werden.

 

Noch 1000 m. Der Ausreißer ist wieder gestellt.

 

Wir biegen rechts ab und befinden uns kurz vor dem Brückchen, den letzten Höhenmetern (vielleicht 2,5?) des Tages. Mir fällt nichts besseres ein, als von vorne noch einmal zu beschleunigen. Hoffentlich höre ich das Lachen der Kontrahenten nicht. Mit ungekannter Boshaftigkeit sammelt sich das Rennfahrergift in meinen Beinen, als ich von beiden Seiten mitleidlos überholt werde. Sofort habe ich eine Lücke von zehn Metern zwischen mit und meinem Bierkrug. In der Kurvenkombination direkt vor der Zielgerade bringt die Organsation noch einmal Spannung ins Finale. Ob zwei PKW zwischen den vor Anstrengung tauben und blinden Jedermännern wirklich eine so gute Idee sind? Mit inzwischen beängstigender Sicherheit wähle ich den falschen, den längeren Weg rechts an den Autos vorbei und rolle ins Ziel.

 

Das Hintertürchen Altersklassenwertung verschafft mir dann noch noch meinen Henningerkrug. So ein bißchen zufrieden bin ich ja schon.

 


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