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Operación Puerto



Jörg Jaksches Geständnis und ein Interview im Vorfeld



das Geständnis, 2.7.2007




"Ich bin Bella", sagt Jaksche. "Es ist mein Blut, das dort in drei Beuteln gefunden wurde. Ich bin auch tatsächlich die 'Nr. 20' aus den Akten, und ich war 2005 und 2006 Kunde von Doktor Fuentes in Madrid."

 

Jaksche erzählt aus dem Leben eines Radsportprofis. Über die logistische Meisterleistung, mit der Fuentes Dutzende Fahrer mit frischem Blut versorgte. Über das Epo, das ihm Ärzte gaben. Über die Kortikoide, über die er sich mit Bjarne Riis austauschte. Über das, was passiert, wenn man versucht, eine Tour de France ohne Epo zu fahren. Über die Teamleiter, die er als Profi erlebte und die das Doping in ihren Rennställen systematisch und umfassend förderten und jetzt immer noch bei der Tour de France (...) in den Begleitautos sitzen.

 

Jörg Jaksches Geständnis

 

Zitate / Auszüge zu seiner Zusammenarbeit mit Dr. Eufemiano Fuentes:

 

Ende 2004 geriet Riis mit seinem Team in finanzielle Schwierigkeiten. Er war bereit, Jaksche ziehen zu lassen. Jaksches alter Once-Teamleiter Saiz hatte mit dem Versicherungsunternehmen Liberty Seguros einen neuen Geldgeber gefunden und machte Jaksche ein Angebot. Jahresgehalt: rund 500.000 Euro. Zum neuen Team von Liberty Seguros gehörte auch ein bekannter Arzt: Eufemiano Fuentes, damals 49 Jahre alt, bis 2003 Teamarzt beim spanischen Team Kelme.

 

SPIEGEL: Haben Sie jemals mit Saiz konkret über Doping gesprochen?

 

Jaksche: Nein, das war so ein Wir-wissen-worum-es-geht. Er hat auch den Namen Fuentes nie erwähnt, er sagte nur irgendwann, dass mich ein Arzt anrufen wird. Ich kannte Fuentes vom Hörensagen, er rief mich kurz nach Silvester an, es war kalt, ich war mit Freunden in den Bergen, ich ging nach draußen in den Schnee, weil ich ja nicht wollte, dass irgendjemand das Gespräch mithört. Fuentes sagte: Hallo, hier ist Eufemiano. Er schlug vor, dass ich mal nach Gran Canaria komme, wo er wohnt. Und dann bin ich runtergefahren.

 

SPIEGEL: Wann?

 

Jaksche: Mitte Januar 2005. Fuentes holte mich in seinem klapprigen Toyota vom Flughafen ab. Wir kamen sehr zügig zur Sache und gingen das ganze Programm durch. Als Erstes sprach er von Anabolika, aber die wollte ich nicht, weil große Muskelpakete hinderlich sind in den Bergen. Dann künstliches Hämoglobin, irgendwelches Zeug aus Russland, tiefgefroren. Das war mir zu gefährlich. Dann kamen wir auf Epo, aber das wollte ich nicht wegen der Trainingskontrollen. Er sagte, dass er ein Mittel habe, um Epo-Doping zu vertuschen, das hat er mir später mal in so einer kleinen Pillendose mitgegeben, und das mixte man in den abgegebenen Urin. Fuentes hat quasi seinen gesamten Katalog aufgeblättert und mich gefragt, welches Risiko ich eingehen wolle. Mit Risiko meinte er das Risiko, erwischt zu werden, nicht das gesundheitliche Risiko. So kamen wir auf Eigenblut-Doping. Die Methode war komplett neu für mich, aber er redete davon wie andere Leute vom Windelwechseln.

 

SPIEGEL: Was für ein Typ ist Fuentes?

 

Jaksche: Er stammt aus einer angesehenen Familie auf Gran Canaria und legt keinen großen Wert auf großspurige Auftritte in der Öffentlichkeit. Fuentes ist einer dieser Sportmediziner, die sich freuen, wenn ihre Fahrer vorn sind, weil sie dies auch als ihren eigenen Triumph ansehen. Fuentes hatte keine Praxis, noch nicht einmal zur Tarnung. Sein Geschäft betrieb er in einem Apartment in der Calle Caídos de la División Azul. Er ist nicht so ein spanischer Metzger. Er hat etwas Geniales an sich, auch wenn er manchmal ein bisschen durchknallt. Das ist so einer, der auch mal bei Rot über die Ampel fährt, um zu schauen, was passiert.

 

SPIEGEL: Hatten Sie dann später auch privat Kontakt zu ihm?

 

Jaksche: Ja. Ich hatte ihm mal erzählt, dass mein Vater Augenarzt ist. Fuentes hat eine kleine Tochter, bei der kurz nach der Geburt Augenkrebs festgestellt worden war. Er hat mich gefragt, ob ich ihm helfen könne. Da ein Augapfel fehlte, wuchs der Schädel des Mädchens ungleichmäßig. Er hat mir medizinische Unterlagen und Bilder seines Kindes gegeben, die ich dann an meinen Vater weitergeleitet habe. Mein Vater hat Kontakt zu Chefärzten in München und Münster, denen er die Dokumente weitergeschickt hat.

 

SPIEGEL: Hat Fuentes Ihnen beim ersten Treffen auf Gran Canaria schon Blut abgenommen?

 

Jaksche: Ja, das war in meinem Hotelzimmer und lief ab wie bei einer Blutspende. Ich habe mich auf eine Couch gelegt, dann wurde die Kanüle angelegt, das Blut floss raus, und nach gut einer halben Stunde war ein halber Liter abgezapft.

 

(...)

 

In der DDR wurde schon in den siebziger Jahren mit Blutaustausch experimentiert, die Methode geriet aber in Vergessenheit, weil das systematisch organisierte Anabolika-Doping größere Erfolge versprach. Fuentes hat Jaksche erzählt, dass er selbst eine Zeitlang in der DDR gewesen sei und sich dort mit Trainern und Ärzten ausgetauscht habe. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass sich Fuentes hier viel Wissen besorgt hat. Blut-Doping gab es auch im Westen. Der viermalige Langstrecken-Olympiasieger von 1972 und 1976 Lasse Virén gilt als ein Pionier des Verfahrens, sich vor den Rennen Blut zuzuführen, das man sich zuvor bei einem Höhentrainingslager entnommen hat. Danach geriet die Methode außer Mode. Zu hoch der Aufwand und zu wenig Ärzte, die dabei mitmachten.

 

SPIEGEL: Wussten Sie von anderen Fahrern, die sich von Fuentes das Blut austauschen ließen?

 

Jaksche: Fuentes war ein Meister der Tarnung. Keiner seiner Kunden wusste vom anderen. Noch nicht einmal in unserem Team war genau bekannt, ob noch mehr Fahrer bei ihm sind.

 

SPIEGEL: Sie glaubten doch nicht im Ernst, dass Fuentes Sie exklusiv betreute?

 

Jaksche: Nein, aber Fuentes hat dich in diesem Glauben gelassen. Ein Fahrer hat mir später erzählt, Fuentes habe ihm gesagt, er solle ihm ein bisschen mehr bezahlen, dann betreue er ihn exklusiv. Vermutlich hat Fuentes es mit anderen Top-Fahrern wie Ullrich genauso gemacht. Zumindest schließe ich das aus den bekanntgewordenen Honoraren der Operación Puerto.

 

SPIEGEL: Wie liefen die Treffen ab?

 

Jaksche: Ich musste in einem Café in der Nähe warten, manchmal nur fünf Minuten, manchmal auch zwei Stunden. Fuentes persönlich setzte dann die Nadel an. Ich habe mir gedacht, du musst das jetzt machen, wenn du mithalten willst. Und da waren keine Quacksalber am Werk. Merino Batres, der Helfer von Fuentes, versteht sein Handwerk, der war angeblich 40 Jahre lang Chef der Madrider Blutbank. Und Fuentes war so ein Arzt, der dich aufgeklärt hat. Während das Blut rauslief, hat er erzählt, wie das Blut gekühlt und aufbewahrt wird. Das Gefährlichste, was passieren könne, sei, dass Bakterien ins Blut gelangen. Deshalb hat er viel Wert auf Hygiene gelegt. Mein Arm wurde immer mit rotem Desinfektionsmittel eingeschmiert, so als wollte er mir Gott weiß was aufschneiden.

 

SPIEGEL: Ist Blut-Doping unangenehmer als die Epo-Spritze?

 

Jaksche: Der Akt der Blutzufuhr an sich ist schon eklig. Auf der anderen Seite hast du ein reines Gewissen, du sagst dir: Okay, ich muss keine Angst haben bei der Kontrolle. Es sind keine gefährlichen Substanzen, es ist mein eigenes Blut. Für mich war das kein Doping. Für mich war es Anpassung an das System.

 

2006 sollte Jaksche von Fuentes' neuem Kühlsystem profitieren, ein Aggregat, das angeblich die Amerikaner für den Vietnam-Krieg erfunden haben. Dabei wird das abgegebene Blut zentrifugiert und dann auf mehr als minus 80 Grad eingefroren. Der Vorteil gegenüber dem alten System: Das Blut ist zehn Jahre lang haltbar. So können viel mehr Beutel gelagert werden, der stetige Austausch von altem und neuem Blut entfällt. In der Winterpause fuhr Jaksche regelmäßig nach Madrid, einmal im Monat.

 

Jaksche: Fuentes war inzwischen bei Saiz in Ungnade gefallen. Einer unserer Fahrer war in der ersten Hälfte der Saison wegen eines Hämatokritwerts von über 50 mit einer Schutzsperre belegt worden. Danach gab es keine Kooperation des Teams mehr mit Fuentes. Aber Saiz erlaubte es trotzdem, dass ich weiter privat mit Fuentes zusammenarbeitete, allerdings auf eigene Kosten. Fuentes und ich haben uns dann Anfang 2006 in Madrid getroffen. Er sagte mir, was ich zu zahlen habe: 10.000 Euro für die erste Rate. Die habe ich ihm überwiesen. Das Komplettprogramm mit allem Drum und Dran sollte 30.000 Euro kosten. Wir haben nicht großartig verhandelt, der Preis erschien mir fair, er musste die Geräte bezahlen, seine Helfer, außerdem ging er ja auch ein gewisses Risiko ein.

 

SPIEGEL: Wie funktionierte das neue System?

 

Jaksche: Ich bin zum Reinfundieren immer über Madrid zu den Rennen gefahren. Fuentes ist dann meist morgens oder abends ins Hotel gekommen. Er war dabei oft gestresst, weil er vor großen Rennen viel zu tun hatte. In den Unterlagen der Guardia Civil steht, dass er einmal 72 Stunden am Stück gearbeitet haben soll.

 

SPIEGEL: Was war Ihr Plan für 2006?

 

Jaksche: Für die erste große Frühjahrsrundfahrt, einen weiteren Klassiker und natürlich für die Tour de France sollte ich frisches Blut bekommen. Das war der Jahreshöhepunkt. Geplant war, dass ich vor der Tour nach Madrid komme, und für die zweite Hälfte der Tour sollte Blut in der Bretagne gebunkert werden.

 

Fuentes und Jaksche haben sich das letzte Mal gesehen in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai, in Madrid, in Zimmer 605 des Hotel Puerta, dort, wo Saiz öfter sein Team zusammenkommen ließ. Fuentes nahm ihm an diesem Abend noch einmal Blut ab. Zehn Tage später, am 23. Mai, durchsuchte die spanische Polizei das Labor des Fuentes-Helfers Merino Batres und die Apartments von Fuentes in der Calle Alonso Cano und in der Calle Caídos de la División Azul. Sie fanden mehr als 220 Blut- und Plasmabeutel, dazu große Mengen Wachstumshormon, Anabolika und Epo. Beim Verlassen eines Hotels nahmen sie Jaksches Teamleiter Saiz und Fuentes fest. Saiz hatte 30.000 Euro und 28.000 Schweizer Franken in bar dabei und eine Kühltasche, darin vier Packungen Synacthen.

 

SPIEGEL: Wieso wollte Saiz dieses Geld an Fuentes zahlen, die beiden hatten doch gar keinen Kontakt mehr?

 

Jaksche: Meines Wissens nach waren es Restschulden von Saiz an Fuentes aus dem Jahr 2005, die er begleichen musste. Saiz hatte Probleme mit einem Spitzenfahrer aus seinem Team, der zu Beginn des Jahres zu Liberty Seguros gewechselt war und einen sehr schlechten Frühling hatte. Der Fahrer und sein Manager, der seit fünf Jahren auch mein Manager war, hatten Saiz unter Druck gesetzt. Sie wollten eine bessere medizinische Betreuung, und Saiz ließ sich darauf ein, er war in einer Zwickmühle: Der Spitzenfahrer ist teuer, Saiz musste sich vor seinen Sponsoren rechtfertigen.

 

(...)

 

Jaksche: Die Angaben in den Akten stimmen nur zum Teil. Die Nr. 20 gehörte zum Beispiel bis 2005 einem anderen Fahrer. Die spanischen Ermittler gehen davon aus, dass ich auch unter dem Namen "Jorge" geführt wurde, was nicht stimmt. Und es hat sich außerdem herausgestellt, dass es keinerlei Filmaufnahmen von mir gibt. Was die spanische Polizei gefunden hat, war eine Visitenkarte von Doktor Merino Batres, dem Helfer von Fuentes. Batres ist über 70 Jahre alt und ein bisschen senil. Bei jedem Treffen hat er sich immer wieder neu vorgestellt und auch jedes Mal erzählt, dass er zum Skifahren nach Tirol fährt. Der war so durcheinander, dass er sich Codenamen und dazugehörige Nummern auf einer Visitenkarte notieren musste, und die wurde gefunden bei der Razzia. Ich will nichts zerreden, aber man muss schon sagen, dass die spanische Polizei merkwürdig schlampig gearbeitet hat, die wollten vor der Tour noch schnell etwas raushauen.

 

(...)



Jörg Jaksche Interview 1.2007

Aus Copyrightgründen übernehmen wir nur nur Zitate aus dem Artikel in

 

Procycling, Januar 2007, S. 50-54

 

Procycling:

[...] Was machst Du, wenn Saiz kein Team [...] auf die Beine stellt [...] ?

 

Jaksche:

Dann sehe ich schwarz, was meine Fortsetzung der Karriere betrifft. Eine Teamsuche zu diesem Zeitpunkt würde sich doppelt schwierig gestalten. [...]

 

[...]

 

Procycling:

[...] Angeblich wurdest Du bei Deiner Ankunft in Straßburg darüber unterrichtet, dass die ASO in Zusammenarbeit mit der spanischen Justiz einen Abgleich der in Madrid lagernden Blutbeutel [...] mit Deinem Blut vom medizinischen Check der Tour 2005 gemacht hatte. Stimmen diese Gerüchte?

 

Jaksche:

[...] Wenn das der Fall wäre, wäre es auf illegaler Basis passiert. [...] Die einfachere Beantwortung der Frage lautet: Es stimmt einfach nicht.

 

Procycling:

Wie kannst Du erklären, dass die Guardia Civil Videoaufnahmen besitzt, die Dich beim Betreten der Praxis-Räume von Doktor Fuentes zeigen?

 

Jaksche:

Von mir gibt es bestimmt kein Videomaterial, das zeigt, wie ich die Praxis von Fuentes betrete.

 

[...]

 

Procyling:

Stimmt es, dass der amerikanische Staranwalt Edward Fagan gegen die UCI eine Sammelklage der Fahrer vorbereitet?

 

Jaksche:

Dazu kann ich nichts sagen.

 

Procycling:

Warum distanzierst Du Dich nicht von Manolo Saiz? [...]

 

Jaksche:

[...] Ob alles wirklich so vorgefallen ist, wie es die Zeitungen dargestellt haben, weiß ich nicht. Im Moment sehe ich keinen Grund, über Manolo schlecht zu reden. [...]

 

 


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