Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 

Tines Tour Tagebuch 2001

Sonntag, 29.07.01

Die 20. und letzte Etappe. Es wartet der Triumphzug auf der Straße der Straßen, der Champs-Elysées. Ich weiß momentan gar nicht, was ich schreiben soll! Vielleicht eine Hommage an alle, die angekommen sind, zuhause, am Ziel der Tour de France 2001. Auch in Gedanken an die, die auf dem Weg nach Paris auf der Strecke geblieben sind.

Keiner hat aufgegeben! Sie haben alle gekämpft bis es nicht mehr ging!

Für mache hat es nicht gereicht! Auch ihnen gilt Respekt und Anerkennung! Sie haben es sicher nicht gewollt. Die Stürze, die Wunden, die enttäuschten Gesichter, die Tränen – für einen Fahrer bei der Tour tut eine Aufgabe viel mehr weh als der Kampf über einen Berg der höchsten Kategorie! 144 Fahrer aber haben heute Paris erreicht. Vor allen, vom Sieger Armstrong, bis zum Fahrer auf Platz 144, Casper, ziehe ich den Hut! Chapeau! Sie haben alle gekämpft und alles gegeben! Jeder für sich hat ein Stück Tourgeschichte mitgeschrieben. Mancher vielleicht nur ganz im Verborgenen. Sportlich, wie Armstrong und Ullrich, wie Zabel und O’Grady, wie Jalabert und Simon, oder Team Kelme, um nur einige zu nennen. Die Liste lässt sich noch lange fortsetzen.

Oder auch am Rande, durch kleine Geschichten. Für mich persönlich am schönsten waren die kleinen Triumphzüge mancher Fahrer durch ihre Heimatdörfer. Und das nicht nur, weil ich Fan von David Moncoutié bin! Es war für mich das Zeichen, wie sehr der Radsport, die Tour de France in den Herzen der Menschen lebt. Die Tour ist eine Herzensangelegenheit! Von Dunkerque bis Paris. Angefangen von der Katastrophe von Verdun, über die tolle Leistung von Andrei Kivilev und der Triumphfahrt von David Moncoutié durch seinen Heimatort bis hin zum Finale.

Auch für mich war diese Tour voller Emotionen. Heute fühle ich mich irgendwie zwiegespalten. Zum einen freue ich mich mit den Fahrern, dass sie am Ziel sind, dass sie es geschafft haben, dass sie ihre Frauen, Freundinnen, Kinder ... wieder in die Arme schließen können. Zum anderen bin ich traurig, dass sie nun zuende ist, diese Tour, dass diese drei Wochen so schnell vergangen sind.

Die Tour de France 2001 ist Geschichte. Und irgendwie nehmen wir Abschied von ihr. „Abschied ist ein bisschen wie sterben!“ Aber nur heute! Die Welt des Radsports dreht sich weiter. Für mich schon nächsten Samstag in Karlsruhe. Und nächstes Jahr werden wir alle, wir Fans gemeinsam mit den Fahrern und allen, die dazugehören, die Tour de France wieder zu neuem Leben erwecken!

 

Samstag, 28.07.01

Die 19. Etappe. Paris ist nahe, das Classement nun entgültig gemacht. Noch eine Chance für die Sprinter! In der ARD läuft ein erster Rückblick auf die diesjährige Tour. Schön wars schon!

Sie ist halt doch was besonderes, diese Tour de France! Jedes Jahr aufs Neue! Die erste Stunde der Übertragung stört mich nicht mal, wie sonst eigentlich immer, der Kommentar des Jürgen E.! Als sie die Meldung bringen, dass Cofidis als Sponsor weiter macht (was ich schon lange weiß, weil Millar, Mattan, Moncoutié ... Verträge bis 2003 haben) und auch nächstes Jahr mit Massimiliano Lelli, ist mir eh alles egal! Da freu ich mich einfach nur! Bei ihm hätte ich nämlich eher mit dem Karriereende gerechnet. Daß er dem Team erhalten bleibt freut mich deshalb um so mehr!

Ich verfolge heute den erneuten Ausreißversuch des unermütlichen Kämpfers Jens Voigt und den packenden Kampf ums Grüne Trikot. Das letzte, was bei dieser Tour wirklich noch spannend ist! Zabel gewinnt die Etappe und verkürzt den Abstand zu O’Grady auf magere zwei Punkte! Das wird was morgen! Man darf gespannt sein! Am Schluß lande ich wieder bei der ARD, die sich von dieser Tour verabschiedet. Morgen noch mal ZDF. Im Abspann die Bilder der Tour. Die Tour de France 2001 neigt sich unweigerlich ihrem Ende zu! C’est la vie!

 

Freitag, 27.07.01

Die 18. Etappe. Das letzte große Kräftemessen im letzten Einzelzeitfahren der Tour. Die Frage, ob Ullrich noch Zeit gutmachen kann, beantwortet Armstrong mit einem grandiosen Sieg! Eine Zeitfahrdemonstration! Er ist der Hauptdarsteller, alle anderen Statisten! Nur das Podium ändert sich noch! Der gute Zeitfahrer Beloki verdrängt den mäßigen, aber nicht schlechten, Zeitfahrer Kivilev vom Treppchen. Ziemlich klar sogar. Aber das ist keine Überraschung!

Cofidis enttäuscht mich an diesem Tag! Sie sind alle keine schlechten Zeitfahrer, deshalb überrascht mich das wenig gute Abschneiden bei dieser Etappe schon! Aber das war dann hoffentlich die letzte Enttäuschung für diese Tour!

 

Donnerstag, 26.07.01

Die 17. Etappe. Ich muß wieder den ganzen Tag arbeiten. Während der Mittagspause geistert Massimiliano Lelli in meinem Kopf herum. Was hat das denn schon wieder zu bedeuten? Natürlich drücke ich am Nachmittag wieder in Gedanken die Daumen. Auch wenn ich mich voll auf meinen Job konzentrieren muß, die Tour steckt immer im Hinterkopf!

Kurz vor vier ruft mich meine Kollegin ans Telefon. Anruf von zuhause. Das kann nur eines bedeuten – gute Nachrichten von Team Cofidis! Meine Mutter erzählt mir begeistert, dass einer „meiner“ Fahrer in der Spitzengruppe sei. Ja, wer denn? Lelli, oder wie der heißt! Im Hintergrund höre ich den Kommentar aus dem Fernseher. „Da vorne ist Lelli!“ verkündet Tony Rominger. Aha, alles klar! Zum einen bin ich über die Info sehr dankbar. Zum anderen hab ich jetzt aber keine Ruhe mehr! Anfang der Woche hab ich mal wieder von der Tour geträumt. Im Traum hat Massimiliano gewonnen! Ob das ein gutes Omen ist? Allein mir fehlt der Glaube an seinen Sieg!

Nächster Anruf eine Stunde später. Massimiliano ist dritter geworden! Das ist in Ordnung! Es war mal Zeit, dass er sich bei dieser Tour eine gute Platzierung herausfährt! Zuhause dann hole ich mir via Internet und Fernsehzusammenfassung auf Eurosport die Infos, die mir noch gefehlt haben. Eine Ausreißergruppe, die sich bereits bei Kilometer fünf gefunden hat. Zu ihnen schließen noch einige Fahrer auf. 16 Fahrer sind es schließlich. Cofidis doppelt vertreten, mit Massimiliano und, mich wundert gar nix mehr, wieder mit David Moncoutié.

Doch dann kommt das doppelte Pech. Reifenschaden bei Moncoutié, wenige Kilometer später auch bei Lelli. Doch bei aller Begeisterung, das Peleton lässt die Gruppen nicht weit weg. Die 16 haben keine Chance durchzukommen. Massimiliano Lelli sucht sein Heil in der Flucht! Zwei Fahrer setzten nach. Hinter den dreien bildet sich noch eine Sechsergruppe. Die anderen stecken auf. David Moncoutié hat keine andere Wahl. Sein Teamkollege ist vorne, er darf deshalb nicht nachführen. Doch auch die Flucht vorne hat wenig Aussicht auf Erfolg. Zumal Massimiliano Lelli keinen Meter führt! Als die Sechsergruppe hinter ihnen eingeholt wird, scheint auch ihr Schicksal besiegelt. Lelli führt immer noch nicht! Seine beiden Mitstreiter sind sauer, versuchen, ihn in die Führungsrolle zu drängen. Irgendwo verständlich! Kurz vor dem Ziel ist klar, dass die drei doch durchkommen werden! Massimiliano zieht den Sprint an. Zwangsweise, die anderen beiden machen keine Anstalten. Dafür übersprinten sie ihn.

Es gewinnt der Belgier Baguet. Das ist in Ordnung! Massimiliano hätte nicht gewinnen dürfen! Der Sieger ist stinkesauer auf ihn. Tony Rominger und der Teammanager von Cofidis sind der Meinung, er sei erschöpft gewesen. Das sah man ihm schon an. Aber vielleicht hätte er doch ein bisschen führen sollen!? Ganz okay war sein Verhalten nicht für einen Fahrer mit seiner Erfahrung! Wie dem auch sei! Die Wahrheit liegt wohl irgendwie dazwischen!

 

Mittwoch, 25.07.01

Die 16. Etappe. Heute hab ich meinen einzigen freien Nachmittag in dieser letzten Tour-Woche.

Heute ist wieder eine Gruppe ausgerissen. Diesmal nur sieben Mann stark. Und diesmal ist kein Cofidis-Fahrer dabei. Ich hätt’s mir ja denken können! Ich pflanze mich trotzdem vor die Glotze! Irgendwie ist mir zu Ohren gekommen, dass die Tour de France heute den Heimatort von David Moncoutié passiert. Mal gespannt, was da dann passieren wird! Bairs-sur-Cere heißt der Ort. Hab ich zufällig auf der Homepage seines Fanclubs gelesen.

Einige Kilometer vor seinem Heimatort zeigt sich David an der Spitze des Hauptfeldes. Die Kamera fängt ihn groß ein, er grinst von einem Ohr zum anderen. Die Vorfreude ist ihm deutlich anzusehen. Vor ihm fährt Lance Armstrong, neben ihm, ebenfalls grinsend, sein Teamkollege Nico Mattan. Der kennt das Gefühl. Die zweite Etappe hatte ihn durch seinen Heimatort geführt. David Moncoutié erhält das Okay und fährt dem Peleton davon. Ein kleiner Triumphzug, strahlend und winkend fährt er durch den Ort. Bei seiner Familie hält er an, spricht zu seinen Verwandten, Freunden, Fans ... einige Worte. Und freut sich dabei wie ein kleines Kind.

Ein kleines, französisches Dorf im Ausnahmezustand. Alles ist auf den Beinen, um IHREN David zu begrüßen und zu feiern. Es sind Bilder, die zu Herzen gehen. Wie schon auf der zweiten Etappe beim Belgier van Hyfte.

Das sind die schönsten Geschichten, die die Tour schreibt! Selbst die Reporter sind begeistert, freuen sich mit. Klaus Angermann beschreibt die Szene kurz und treffend: „Ein Dorf und Moncoutié!“ Daran wird David in 20 Jahren noch denken!

Als das Peleton heransaust ordnet er sich brav ein. Daß er am Schluß 80. geworden ist, dürfte ihn heute sicher nicht interessiert haben! Noch ein kleiner Ort ist heute in großer Aufruhr. Sarran, das noch nicht mal 1000 Einwohner zählt. Die Tour macht hier Station zu Ehren des französischen Präsidenten und seiner Frau. Nicht alle Fahrer kommen in Sarran an. Ein Massensturz macht viele Träume zunichte.

Telekom verliert Heppner, auch der Träger des Gelben Trikot von Antwerpen, Marc Wauters, muß verletzt ausscheiden. Am schlimmsten aber erwischt es den Schweizer Sven Montgomery. 5fache Schädelfraktur, mehrere Frakturen im Gesicht. Das klingt wie aus einem Horrorfilm! Die Saison ist gelaufen für den sympathischen Schweizer! Aber was zählt das? Ich glaube, alle sind froh, dass nicht noch schlimmeres passiert ist und hoffen auf baldige Genesung! Gute Besserung, Sven!

Die Tour fordert ihre Opfer. Fünf Fahrer scheiden verletzt aus, viele quälen sich von nun an angeschlagen weiter! Bislang ist mir an keinem Tag der Tour so bewusst geworden, wie nah, nicht nur im „normalen“ Leben, sondern auch im Radsport, Freud und Leid beieinander liegen. Denn an diesem Tag feiert einer einen seiner größten Triumphe! Jens Voigt ist heute stärker als alle anderen und gewinnt die Etappe. Der Lohn für so viele Mühen, nicht nur während dieser Tour! Der Etappensieg ist mehr als verdient und war längst überfällig! Gratulation! Es war wohl wirklich ein Tag, den viele so schnell nicht vergessen werden!

 

Dienstag, 24.07.01

Gestern also der zweite Ruhetag. Und auch für mich Grund genug, mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen.

Heute also die 15. Etappe. Und es beginnt die Woche der Ausreißer. Die Entscheidung dürfte wohl am Sonntag gefallen sein. Daß das Zeitfahren am Freitag noch was ändert kann ich mir nicht vorstellen! Die Etappe verläuft wie erwartet. Eine Ausreißergruppe geht, 25 Mann stark.

Im Feld kontrolliert US Postal, gewohnt souverän. Vorne fährt keiner, der Armstrong gefährden könnte. Aber wer bitte soll ihn denn überhaupt noch gefährden? Der bestplatzierteste ist Michael Boogerd. Und das sorgt dafür, dass die bestplatzierten Fahrer von ONCE und Kelme um ihre Position in der Gesamtwertung fürchten. So verringert sich der Vorsprung der Ausreißer am Schluß ein wenig, bleiben aber dennoch 15 Minuten übrig. Vorne beginnen zudem taktische Spielchen. Die Zeit hat man ja!

Am Schluß gewinnt der Belgier Rik Verbrugghe. Und macht dabei unfreiwillig noch ein bisschen Werbung für seinen Brillenhersteller. Was muß er aber auch im Finale noch seine Brille richten? Das hätte leicht ins Auge gehen können! Im wahrsten Sinne des Wortes! Ich gönne dem sympatischen Belgier den Sieg! Es gibt halt Fahrer von denen man nicht unbedingt Fan ist, wo man aber sofort sagt, wenn er gewonnen hat, das ist gut so! Manche Fahrer sind in des Fans Auge eben gleicher als gleich!

Nico Mattan war der Cofidis-Fahrer in der Spitzengruppe. Er wird fünfter! Das ist hervorragend! Das ganze sehe ich übrigens erst in der Zusammenfassung am Abend. Ist schon blöd, wenn man den ganzen Tag arbeiten muß während der Tour! Aber Dienstpläne und Chefs richten eben sich leider nicht nach der Tour de France!

 

Sonntag, 22.07.01

Die 14. Etappe. Noch einmal durch die Pyrenäen. Und hoch aufs Dach der diesjährigen Tour.

Was für die Alpen der Col de Galibier ist für die Pyrenäen der Col du Tourmalet. Die Etappe verspricht viel. Dass sie ihr Versprechen halten wird, zeigt sich bereits auf den ersten Kilometern. Es ist Unruhe im Peleton auf der, noch relativ flachen Strecke. Doch die Berge im Hindergrund lassen erahnen, was noch auf die Fahrer wartet.

Immer wieder wird attackiert. Und es findet sich schließlich eine Gruppe die geht. 10 Fahrer, gut besetzt. Julich, Belli, um nur zwei zu von ihnen zu nennen. Dazu zwei Telekomfahrer. Taktisch clever, da das Team hinten jetzt nicht arbeiten muß.

Mit dabei auch ein Fahrer von Cofidis. David Moncoutié, dem ich das an diesem Tag eigentlich nicht zugetraut habe. Fragt sich nur, wie lange er sich da vorne halten kann! Vorm Fernseher werde ich allmählich unruhig! Ich warte darauf, dass Eurosport endlich mit der Übertragung beginnt. Die Reporter von der ARD gehen mir allmählich auf den Zeiger. Natürlich hat Cofidis ein Interesse, die Ausreißer zurück zu holen! Na klar, welches denn? Warum sollten sie ein Interesse haben, wenn vorne einer ihrer besten Bergfahrer ist? Oder hat Herr Bossdorf die Fähigkeiten von David Moncoutié etwa unterschätzt? Na, immerhin weiß er, dass David vierter bei Paris – Nizza war, vierter beim Criterium International. Spätestens jetzt dürfte der Reporter begriffen haben, dass hier ein bekannter und guter Fahrer unterwegs ist!

Auf Eurosport fühl ich mich wesentlich besser aufgehoben! Auch wenn mich da die Statistiken doch etwas nerven. Aber es gibt halt auch Tage, da hat man an allem was auszusetzen. So einen scheine ich heute erwischt zu haben!

Zurück zum Renngeschehen: Die Fahrer befinden sich im Anstieg zum Col de Aspin. David Moncoutié hält sich da auf, wo man ihn meistens findet, am Ende der Gruppe. Was das wohl zu bedeuten hat? Ob es nur eine Frage der Zeit ist, bis er abgehängt wird? Ich bin mir nicht sicher! Aber er hält sich gut! Als der Anstieg zum Tourmalet in Angriff genommen wird, fallen die ersten zurück. David zählt nicht dazu. Er hält sich wirklich gut!

Die Gruppe ist nun um die Hälfte reduziert. Fünf Fahrer sind es jetzt nur noch! Belli, Julich, Montgomery, Aerts, Moncoutié – na, das klingt doch wirklich gut! Julich fällt kurz vorm Gipfel zurück. David Moncoutié wird dritter an der Bergwertung. Klasse!

Auf der Abfahrt fällt Montgomery, der oben noch die Bergwertung gewonnen hatte, zurück. Sie sind nur noch zu dritt. Der Name Moncoutié und das Wort Spitze, dieses Kombination gefällt mir und diese Wort ein diesem Zusammenhang klingen wie Musik in meinen Ohren. Aber der Vorsprung der drei schmilzt! Das war abzusehen!

Hinten fahren die Favoriten und ihre Teams in einem, für diesen Zeitpunkt der Etappe, noch relative großen Feld. Am letzten Anstieg ist das Schicksal der drei besiegelt.

Laiseka greift aus dem Feld an. Vorne attackiert Belli. Aerts und Moncoutié stecken auf. Andrei Kivilev steckt in Schwierigkeiten. In der Gruppe ist er allein. Aber vorne ist noch noch Moncoutié. Der versucht, nachdem er eingeholt wurde, Andrei zu ziehen. Ich bin verwundert, dass er dazu jetzt noch die Kraft hat! Er führt ihn wieder ran, ist sicher auch moralische Stütze. „Ich helf dir! Wir packen das gemeinsam!“ Teamgeist! Vorne fährt der Baske Laiseka, völlig entfesselt, ein furioses Rennen. Umjubelt von vielen seiner Landsleute, sie aus dem nahen Baskenland gekommen sind. So jemandem gönnt man den Sieg einfach! Es sind Momente, die die Tour prägen! Belli „rettet“ sich auf Platz zwei. Armstrong überlässt Ullrich den dritten Platz. Ullrich bedankt sich artig.

Bei allem Konkurrenzkampf, es ist schön, dass dafür immer noch Platz bleibt! Andrei Kivilev kämpft sich noch auf Platz neun, David Moncoutié noch auf Platz 15. Vorm Fernseher spende ich ihm begeistert Applaus. Klasse, David!

Später erklärt er, dass er die Kraft gehabt hätte, mit Belli mitzugehen! Aber er wusste von Andreis Schwierigkeiten und hat deshalb auf ihn gewartet, um ihm zu helfen. Respekt. Auch wenn es sicher nicht alleine Davids Entscheidung gewesen ist. Es war wichtig fürs Team. Und David wird seine Chance noch bekommen! Da bin ich mir ganz sicher! Wenn nicht mehr dieses, dann halt nächstes Jahr! Ich jedenfalls bin mit diesem Tag mehr als zufrieden und einfach happy! Danke, David!

 

Samstag, 21.07.01

Die 13. Etappe. Sozusagen die 2. Königsetappe. Sechs Berge sind zu bewältigen, einer der 2., vier der 1. und einer, ganz am Schluß, der höchsten Kategorie. Ein mörderisches Programm! Doch der Tag beginnt ruhig. Die Tour ist wichtig, das Leben viel wichtiger! Am Col du Porte d’Aspet passieren die Fahrer das Denkmal für Fabio Casartelli, der hier vor sechs Jahren auf der Abfahrt sein Leben lies. Bei aller Hektik des Radsports, in diesem Moment gibt es Gefühle, die stärker sind!

Aber das Leben geht ja weiter! Und so ist es wie in jedem Rennen. Eine Gruppe geht davon. US Postal kontrolliert das Feld, die Ausreißer haben alle Freiheiten. Doch die Gruppe fällt auseinander in kleinere Grüppchen. Vorne fährt ein entfesselter Laurent Jalabert seinem Ziel entgegen. Klare Sache, er will das Bergtrikot!

Im Feld wird jetzt vorne attackiert während hinten immer mehr Fahrer abreisen lassen müssen. Jetzt geht das Rennen richtig los! Auch Cofidis attackiert. Moment mal! Das ist doch David Moncoutié! Mensch, das ist ja toll! Endlich zeigt er sich mal! Zwischen dem Spitzenreiter und dem immer kleiner werdendem Feld befinden sich viele kleine Gruppen, alles ist etwas unübersichtlich, da die Kamera ja nicht überall sein kann. Ich hoffe nur, dass David immer noch in einer dieser Gruppen ist!

Er ist! Die Gruppe ist größer geworden. Er hält sich wirklich gut! Doch diese Gruppe fällt schon bald auseinander. Wieder bilden sich kleine Grüppchen. Ullrich stürzt auf der Abfahrt. Ein spektakulärer Sturz mitten in die Büsche. Abenteuerlich! Mir bleibt fast das Herz stehen! Armstrong wartet auf seinen Konkurrenten! Das ist fair! Gentlemanlike! Er nützt die Situation nicht aus, animiert die anderen Konkurrenten, Kivilev und Beloki, seinem Beispiel zu folgen. Fair play auf höchstem Niveau! Solche Menschen braucht der Sport!

Das Feld hinten hat diesen Namen schon nicht mehr verdient. Es sind die stärksten Fahrer übrig geblieben. Und so langsam werden auch die kleinen Grüppchen geschluckt. David ist zusammen mit Botero einer der letzten. Weiter vorne ist nur noch Garzelli. Und Jalabert natürlich! Aber jetzt dürfte sein Schicksal besiegelt sein! Denkste! David versucht dran zu bleiben. Cofidis ist das einzige Team mit zwei Fahrern in dieser Gruppe die nur sechs Mann stark ist.

Der Name Moncoutié befindet sich in bester Gesellschaft mit den Namen der ganz Großen – Armstrong, Ullrich, Beloki, Botero, Kivilev – wie muß David sich da gefühlt haben? So was mobilisiert die letzten Kräfte. Und so versucht er sogar noch, seinem Teamkollegen Andrei Kivilev zu helfen und spannt sich vor ihn. Als Beloki angreift muß er aber abreisen lassen. Das ist nicht schlimm! Er hat sich gezeigt. Und er hat bewiesen, dass er mithalten kann. Das war wichtig! Es wird ihm Selbstvertrauen geben!

Auf der Abfahrt kämpft er sich wieder heran, muß aber schon am Fuß des letzten Anstieges wieder abreisen lassen. Vorne die Favoriten und immer noch Garzelli und Jalabert, der auf der letzten Abfahrt in einer Kurve weggerutscht und gestürzt war. Der Italiener wird schon bald eingeholt. Dann greift Armstrong an. Mal wieder eine Demonstration seiner Stärke! Wahnsinn!

Auch Jalabert wird von ihm eingeholt. Dessen Versuch, sich an Armstrong anzuhängen, scheitert erwartungsgemäß. Jalabert ist ein ganz Großer, Ullrich auch! Armstrong ist noch größer! Er ist der Größte! Souverän fährt er zum Sieg!

Am Ziel eine Geste die viele zu Tränen rührt wenn sie sechs Jahre zurückdenken. Damals gewann Armstrong eine Etappe. Er gewann sie für seinen toten Freund Fabio. Er überfuhr den Zielstrich mit erhobenen Armen, die Zeigefinger zum Himmel, wie auch der Blick, als Gruß an Fabio. Heute dieselbe Geste! Ob sie genauso gemeint war, kann ich nicht beurteilen. Aber etwas anderes kann ich mir irgendwie auch nicht vorstellen! Der stille Gruß im großen Triumph! Das ist wahre Größe!

Doch der Kampf ums Maillot Jaune ist eine Theorie mit nackten Zahlen. Kein Platz für Gefühle!

Andrei Kivilev hat auf Armstrong zu viel Rückstand. Aber er wird seinen zweiten Platz halten! Für Simon rinnen die Minuten, Sekunden dahin. Er wird es verlieren, das Trikot der Trikots. Er kann sicher damit leben! Auch wenn es schade ist!

Ich warte noch auf David Moncoutié. Ein Fahrer nach dem anderen kommt ins Ziel. Vielleicht haben sie ihn ja gar nicht gezeigt?! Sie zeigen ihn aber doch! Er kommt als 27. ins Ziel, hat am letzten Anstieg nun doch noch fast zwölf Minuten verloren. Die Kraft hat nicht mehr ganz gereicht! Aber er hat heute ein Zeichen gesetzt. In erster Linie für sich selbst! „Du kannst es packen!“ Das war eine wichtige Erfahrung! Er wird daraus lernen! Trotzdem, das hast Du gut gemacht, David! Armstrong fährt ab morgen in der Farbe des Champions! Das Trikot wird leuchten bis Paris, strahlend hell wie die Sonne, auf deren Strahlen vielleicht Fabio sitzt.

 

Freitag, 20.07.01

Die zwölfte Etappe. Auftakt zu einer Serie von drei schweren Bergetappen in den Pyrenäen.

Mit diesem Wort werde ich wohl zeitlebens auf Kriegsfuß stehen. Deshalb werden auch für mich die nächsten Tage schwer, da ich diesem Wort in diesem Tagebuch ja schlecht aus dem Weg gehen kann! Also, die PYRENÄEN sind erreicht.

Die heutige Etappe scheint noch die leichteste dieser drei zu sein. Auf dem Papier zumindest. Aber das ist ja bekanntlich geduldig! Als ich von der Arbeit nach Hause komme ist das Feld noch geschlossen, obwohl ein Berg der 2. Kategorie schon hinter ihnen liegt. Ein paar Ausreißer sind auch diesmal wieder vorne.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte ich von der Tour und einem schweren Sturz geträumt. Natürlich messe ich so was kaum Bedeutung bei. Wenn man sich die meiste Zeit seiner Freizeit mit Radsport und Tour de France beschäftigt, dann träumt man halt mal davon! Das war ja nicht das erste Mal! Aber dann erschrecke ich schon und muß an diesen Traum denken als ich vom schlimmen Sturz des Niederländers De Groot höre. Notoperation am Unfallort. Das klingt schrecklich! Es gab schon genug Hiobsbotschften während dieser Tour!

Jede gute Nachricht und Information über den Gesundheitszustand des Rabobank-Fahrers wird erleichtert aufgenommen. Ansonsten das übliche Spiel. Die Sprinter fallen zurück und organisieren ihr Gruppetto. Der Ausreißer, Bettini, wird im Schlussanstieg gestellt, nachdem die Ausreißer hinter ihm längst eingeholt worden sind. Die Favoriten belauern sich während vorne ein junger Kolumbianer sein Heil in der Flucht sucht. Schließlich tritt auch Armstrong an und lässt Ullrich hinter sich. Der Vorsprung soll ausgebaut werden, den Sieg scheint er nicht im Sinn zu haben. Den holt sich Felix „der Glückliche“ Cardenas von Team Kelme.

Und zuhause hat sich sicher auch Laurent Desbiens mit seinem Teamkollegen gefreut! Andrei Kivilev hält sich gut mit vorne. Das ist toll! Zufällig sehe ich auch David Moncoutié ins Ziel kommen. Die Zeit ist gut! Ich freu mich für ihn! Es wird doch! Simon verteidigt erneut sein Gelbes Trikot! Er wird diese Tour nicht gewinnen! Aber auch er hat der Tour seinen Stempel aufgedrückt und ein Stück Tour-Geschichte geschrieben. Gerade das macht sie aus, die Faszination Tour de France! Merci, Monsieur Simon!

 

Donnerstag, 19.07.01

Ruhetag! Den haben sich die Fahrer wirklich verdient! Ich gönne es ihnen von Herzen! Auch als Fan hat man mal eine Verschnaufpause nötig! Tief durchatmen!

Mein Foto hat bei der Tour übrigens wirklich das Zeitliche gesegnet! Ein neuer muß jetzt her! Gut, dass ich gestern nicht, wie eigentlich geplant, aber vom Chef durch Urlaubssperre verhindert, beim Bergzeitfahren war! Ich hätte mich vermutlich noch viel mehr geärgert als am Sonntag!

 

Mittwoch, 18.07.01

Die elfte Etappe. Eigentlich hatte ich mich seit Wochen darauf gefreut. Und eigentlich auch nur wegen eines einzigen Fahrers. Ich weiß, dass David Moncoutié ein guter Bergzeitfahrer ist. Und so hatte ich mich schon seit Wochen vor der Tour auf eine mehr als waghalsige Wette eingelassen und großspurig behauptet, er würde diese Etappe gewinnen! Weiß der Geier, welcher Teufel mich da geritten hat!?

Heute sehe ich für ihn keine Chance! Noch dazu liegt er in der Gesamtwertung weit zurück. Als er startet hat die Fernsehübertragung noch gar nicht begonnen. Deshalb lasse ich mir nach Feierabend auch noch ein bisschen Zeit und hole erst mal meine Tourfotos ab. So toll sind sie nicht geworden! Aber einige Fahrer sind immerhin ganz gut zu erkennen! Ich will nicht jammern! Immerhin hat mein Foto die Samstagsetappe überstanden bevor er seinen Geist aufgab! Es hätte schlimmer kommen können!

Während der Heimfahrt drücke ich Daumen. So weit das beim Autofahren eben möglich ist. Glaube soll ja bekanntlich Berge versetzen! Zuhause schalte ich trotzdem sofort den Fernseher an. Daß Inigo Cuesta Zwischenbestzeit gefahren ist, hält mich eine Weile davor. Daß er auch im Ziel Bestzeit hat freut mich ganz besonders! Dann klemme ich mich erst mal vor den Computer, um im Internet nach Davids Zeit zu suchen. Leider vergeblich! Nur in einem Livetiker steht, dass die beiden Cofidis-Fahrer Cuesta und Moncoutié gut drauf seinen. Tolle Aussage! Das kann ja alles bedeuten! Deshalb kenne ich Davids Zeit immer noch nicht!

Ich klemme mich wieder vor den Fernseher. Armstrong ist verdammt stark! Auf ihn hätte ich auch gesetzt, hätte ich besagte Wette nicht laufen! Letzte Hoffnung Andrei Kivilev. Doch er verliert zu viel, landet „nur“ (und das ist nicht abwertend gemeint) auf Platz 32. Da hatten viele mehr erwartet! Ich natürlich auch!

Armstrong fährt in anderen Dimensionen! Wieder nimmt er Ullrich Zeit ab! Gigantisch! Was soll man dazu sagen? Da bleibt mir nur bewunderndes Schweigen! Fehlt aber immer noch Zeit und Platzierung von David Moncoutié! Im Internet fange ich an bei Platz 32, Andrei, zu suchen.Vergeblich! Sollte David wirklich so schwach gefahren sein? Das ist doch nicht möglich! Ich gehe die Liste noch mal durch, im Rückwärtsgang. Nichts! Bis Platz 32 – nichts! Da sticht mir ein Name ins Auge – Moncoutié? Platz 26? Moment mal! Das klingt doch richtig gut! Klasse! Na also, David! Geht doch!

Irgendwie hat er damit einem Fan den Tag gerettet! So langsam schein wohl auch für ihn bei dieser Tour die Sonne aufzugehen!

 

Dienstag, 17.07.01

Die zehnte Etappe. Die Königsetappe – L’Alpe d’Huez.

Darauf freue ich mich schon seit Wochen! Einem Fahrer drücke ich heute ganz besonders die Daumen. Nico Mattan, der heute seinen 30. Geburtstag feiert. Hoffentlich ist ihm auch nach der Etappe noch zum Feier zumute! Happy birthday, Nico!

Aus Sicht des Cofidis-Fans erwarte ich heute nicht allzu viel. Sicher, das Gelbe Trikot ist in Reichweite. Aber ob’s für Andrei Kivilev reicht? Ich glaubs eher nicht! Eine gute Platzierung wäre schön!

Ich beeile mich, nach Hause zu kommen! Die Fahrer haben gerade die Abfahrt vom Col de la Madeleine hinter sicher. Der nächste schwere Berg, der Col du Glandon, steht direkt bevor. Das Peleton ist schon sehr klein. Und die Nummer 77 suche ich darin vergeblich! Das kann doch nicht wahr sein! So schwach hatte ich David Moncoutié nicht eingeschätzt! Ich wünsche mir jetzt nur noch, dass er nicht mit dem Gruppetto ankommt, sondern ein bisschen davor. Er ist doch kein Sprinter!

Beim Aufstieg müssen immer mehr Fahrer abreisen lassen,darunter auch Fahrer aus „meinem“ Team. Inigo Cuesta ist der erste, dann auch Massimiliano Lelli. Das war zu erwarten! Andrei Kivilev hält sich wacker. Das gefällt mir!

Ullrich und Armstrong belauern sich. Auch das war nicht anders zu erwarten. Telekom macht die Arbeit, Armstrong hat nur noch einen Helfer bei sich. Aber er sieht schlecht aus. Das hätte ich nicht gedacht! Ullrich wirkt viel lockerer, irgendwie besser drauf. Vorne fährt der Franzose Laurent Roux ein furioses Rennen. Ich befürchte nur, dass er es nicht ganz packt, die Etappe zu gewinnen. Obwohl ich ihm ganz fest die Daumen drücke. Ich würde es ihm wirklich gönnen! Aber was ist nur mit Armstrong los?

An der Rampe nach L’Alpe d’Huez greift er an, unwiderstehlich! Die wundersame Auferstehung? Oder war das am Glandon nur ein Bluff? Wohl eher letzteres! Das find ich jetzt aber nicht okay! Aber er ist der stärkste! Kein Zweifel!

Souverän gewinnt er die Etappe! Und Simon übernimmt, erwartungsgemäß, das Maillot Jaune! Ich glaub, da ist mal wieder ein Traum in Erfüllung gegangen! Ich bewundere jeden Fahrer, der sich nach Madeleine und Glandon noch die 21 Kehren nach L’Alpe d’Huez hoch quält. Auf dem Weg zum Himmel müssen die Fahrer durch die Hölle! Aus Sicht vom Cofidis bin ich heute aber nicht ganz zufrieden. Obwohl Andreis Platzierung über vieles hinwegtröstet. David Moncoutié fährt wirklich nicht im Gruppetto. Aber 32 Minuten sind doch etwas zu viel für einen guten Bergfahrer. Bei ihm hab ich dasGefühl, dass er noch zuviel Respekt vor der Tour hat. Er muß noch lernen. Das sind Erfahrungen, von denen ein Radprofi lebt.

Nico Mattan, in diesem Jahr wir von der Tour-Form des letzten Jahres entfernt, da konditionell noch nicht wieder ganz der Alte, ist im Gruppetto. Ich hoffe, er lässt sich seinen Geburtstag dadurch nicht vermiesen! Und dann ist da noch David Millar, der am Madeleine vom Rad gestiegen ist! Aber das war ja zu erwarten! K.O. in der 10. Runde. Angezählt war er schon. Das wars dann nun endgültig! Trotzdem schade! Kopf hoch, David! Das Leben geht weiter! Für die, im Rennen verbliebenen Fahrer, bereits schon morgen! C’est la vie!

 

Montag, 16.07.01

Die neunte Etappe. Der Tag beginnt für mich um 4.20 Uhr. Der Urlaub ist zuende, der Job ruft!

Zum Glück kann ich diese Woche Frühdienst machen. So kann ich nachmittags die Tour im Fernsehen verfolgen! Aber irgendwie bin ich heute mit meinen Gedanken noch nicht wieder ganz in Deutschland!

Auf der Heimfahrt nach Feierabend höre ich einen Bericht über die Tour im Radio. Die Moderatorin befragt den Korrespondenten zur gestrigen Etappe. Ob da nicht einige gefährliche Fahrer in der Spitzengruppe waren? „Der gefährlichste von den 14 Fahrern ist Andrei Kivilev von Cofidis!“ erklärt der Reporter und ergänzt dann, dass man sowohl bei Telekom, als auch bei US Postal nicht auf ihn achte und meint, er sei nicht gefährlich!

Das grenzt für mich an Arroganz! Hoffentlich geht der Schuß nach hinten los! Ich muß mich wirklich beherrschen! Für mich ist die Situation nach all den schlechten Nachrichten und Ergebnissen sehr erfreulich!

Plötzlich ist Cofidis wieder mittendrin statt nur dabei! Und die rote Laterne haben sie schon gestern weitergegeben! Andrei könnte nun das Zünglein an der Waage sein! Zusammen mit dem, zeitlich noch wesentlich besseren, Franzosen Francois Simon von Bonjour. Das ist doch was! Die Etappe selbst verläuft so, wie ich es mir gedacht hatte. Sieg eines Ausreißers. Das Peleton hatte mal wieder keine Lust aufs Zurückholen.

Auch gut! Es war ja sowieso nur ein letztes Einrollen auf die beiden schweren Alpenetappen. Und deshalb freu ich mich jetzt auf morgen!

 

Sonntag, 15.07.01

Die achte Etappe. Gestern hab ich im Kalender zufällig entdeckt, daß alle, die David heißen, heute Namenstag haben. Ob das ein gutes Omen sein soll?

Der Regen weckt mich heute bereits um fünf Uhr und verfolgt mich schon seit gestern abend. Es hat immer noch nicht aufgehört! Die ganze Nacht hindurch muß es geregnet haben! Schöne Aussichten!

Ich döse noch eine Weile vor mich hin. Es ist ja noch früh, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken! In meinem Kopf arbeitet es ziemlich heftig! Was soll ich heute machen? Für und Wider werden abgewägt, gegenübergestellt. Ich finde mehr Wider als Für. Soll ich bei dem Wetter wirklich nach Colmar an den Start? Bei dem Wetter mit dem Fahrrad und ohne Möglichkeit mich anschließend umzuziehen, da Check out im Hotel um 10 Uhr ist? Und mit dem Auto? Krieg ich da überhaupt einen Parkplatz? Außerdem geht ja mein Foto nicht mehr! Ich würd mich schwarz ärgern, wenn ich David Moncoutié, Nico Mattan … am Start sehen würde und kein Foto machen könnte! Und bei dem Wetter schreiben die Fahrer bestimmt keine Autogramme! Alles Argumente, die das Wider belegen. Und die mich enttäuschen! Dafür bin ich doch hier!

Ergebnis aller Überlegungen: Ich fahre nicht zum Start, sondern gleich nach Hause! Aber das tut schon weh! Gerne tue ich es nicht! Aber es hat keinen Sinn! Die Reise hätte ein besseres Ende verdient gehabt!

Ich packe meine Sachen zusammen und gehe zum Frühstück. Appetit hab ich ja eigentlich keinen!

Danach bringe ich meine Sachen zum Auto, bezahle die Hotelrechung, bevor ich noch kurz in den Ort gehe, um mir Reiseverpflegung und die L’Equipe zu kaufen.

Der Hotelmitarbeiter, der sich die letzten beiden Tage so nett um meine Anliegen und Fragen gekümmert hatte, und von dem ich mich gerne noch verabschiedet hätte, ist an diesem Morgen auch nicht da! Schade! Ich hab es eilig! Schnell heim! Einiges hatte ich mir anderes vorgestellt! Nur nicht nachdenken! Das ist verdammt schwer wenn man überall die Schilder mit den Pfeilen und der Aufschrift „Depart“ sieht! Nein, das mit dem Start hatte ich mir doch aus dem Kopf geschlagen!

Zu allem Überfluß lande ich auf der Autobahn in falscher Richtung! Ich will doch nicht nach Basel! Also, nächste Ausfahrt runter und in die andere Richtung wieder drauf! Wenn das so einfach wäre! Die nächste Ausfahrt ist gesperrt – Tour de France!

Das kann nicht wahr sein!

Jetzt ist mir endgültig zum Heulen zumute! Ich nehm die nächste Ausfahrt! Hilft ja nix! Aber ich hab keine Ahnung wo ich bin und erst recht nicht, wie ich heim kommen soll! Da entdecke ich den Wegweiser Richtung Neu-Breisach. Das ist zwar ein Umweg, aber egal! Die Richtung ist jedenfalls gut!

Alles wieder in Butter? Denkste! In einem kleinem Ort plötzlich eine Straßensperre. Nichts geht mehr! Ich kratze mal wieder all meine mickrigen Französischkenntnisse zusammen und frage den Gendarmen, ob er englisch oder deutsch spricht. Fehlanzeige! Bleibt nur noch Hand und Fuß!

Ich deute auf die Absperrung und frage: „Tour de France?“ „Oh, oui, Madame!“ lautet die Antwort. Ich hätt’s mir denken können! Kein Durch- oder Weiterkommen mehr! Mir bleibt nicht anderes übrig, als mein Auto am Straßenrand zu parken. Die Tour hält mich sozusagen gefangen! Keine Chance! Das kann ja noch ein netter Tag werden! Und es regnet noch immer wie aus Eimern!

Ein letzter, verzweifelter Versuch, meinen Foto zum Funktionieren zu überreden – vergeblich! Schade und ärgerlich zugleich! Ich bin wieder auf Kontaktsuche und komme mit einem älteren Herrn, so um die 70, aus dem Saarland ins Gespräch. Er ist mit seinem Schwiegersohn hier, hatte die Sache eigentlich ganz anders geplant und ist, wie ich auch, zufällig hier gelandet.

Inzwischen weiß ich auch, wo ich gelandet bin. Appenwihr, 7 km vom Start in Colmar entfernt. Ich sehe mir wieder die Werbekarawane an. Aber ich halte mich zurück, überlasse das meiste den begeisterten Dorfbewohnern. Zwei Kleinigkeiten ergattere ich dennoch.

Danach laufe ich ein bisschen durch den Ort, schau mal raus auf eine einsehbare, freie Strecke, gehe zurück zum Auto. Den beiden Saarländern begegne ich immer wieder. Am Schluß bleibe ich bei ihnen stehen.Das ist wirklich interessant. Mit dem älteren Herrn unterhalte ich mich die ganze Zeit bis die Fahrer kommen.

Endlich! Da sind sie! Ich bin überrascht! Das Peleton ist zu diesem Zeitpunkt schon sehr unruhig, teilweise auch schon auseinandergerissen. Wie gibt’s denn so was? Zwei Cofidis-Fahrer erkenne ich in der Eile, Inigo Cuesta und Nico Mattan.

David Moncoutié ist wieder unbemerkt an mir vorbeigehuscht. Pech! Innerhalb weniger Minuten ist alles vorbei. Ich verabschiede mich von den beiden netten Herren und mach mich nun endgültig auf den Heimweg. Das Wetter nervt noch immer! Dazu noch Stau und eine, wohl gereizte, Blase. Ich hatte mir den Heimweg auch angenehmer vorgestellt!

Von zuhause aus werde ich über die Ereignisse bei der Tour auf dem Laufenden gehalten. Kurz hinter Heidelberg ereilt mich die Nachricht mit den 14 Ausreißern und den 30 Minuten Vorsprung. Das gibt es doch nicht! Von Cofidis ist Andrei Kivilev dabei. Das beruhigt! Aber es ist unverständlich!

Bei den Ausreißern sind Fahrer dabei, die zum einen in der Gesamtwertung nicht schlecht liegen und welche, die in den Bergen nicht schlecht sind! Andrei ist einer von ihnen. Wenn sich die Favoriten da mal nicht verkalkuliert haben! 30 Minuten! Das gab’s noch nie und hätte ja eigentlich den Ausschluß des gesamten Peletons zur Folge haben müssen! Aber das wäre dann ja wohl doch ein bisschen zuviel des Guten gewesen!

Alles in allem hat dieser Tag dann doch noch viel Schönes gebracht. Es hat sich gewendet das Blatt und der Tag ist noch wirklich schön geworden! Ganz so schwarz wie zu Beginn des Tages befürchtet sind die Erinnerungen dann doch nicht mehr! Mit ganz viel Wehmut hab ich Frankreich verlassen!

Aber ich komme wieder! Nächstes Jahr! Ganz bestimmt! Und ganz fest versprochen!

 

Samstag, 14.07.01

Die siebte Etappe. Und ein ganz besonderer Tag.

Es ist Nationalfeiertag in Frankreich. Und es ist eine besondere Etappe. Die erste, etwas schwierigere Etappe, quer durch die Vogesen von Straßbourg nach Colmar.

Ich lasse den Morgen ruhig beginnen und nütze die Zeit nach dem Frühstück, um mir den Ort etwas näher anzusehen. Das idyllische Kleinod hab ich für mich entdeckt. Ich tauche ab in Geschichte und Geschichten, wo alte und neue Welt, früher und heute, aufeinander treffen. Und, fast als ob es symbolisch wäre, treffen in diesem Ort zwei Welten meines eigenen Lebens aufeinander. Denn in all den Geschichten taucht immer wieder ein Ort auf, 80 km von Egiusheim entfernt, in dem ich schon öfters zu Gast gewesen bin – Hinterzarten im Schwarzwald.

Diesen Ort verbinde ich mit meiner Begeisterung für das Skispringen. Das war einmal. Eguisheim gehört für mich zur Tour de France. Radsport ist heute. Zurück in der Gegenwart. Die Zeitung L’Equipe ist schon ausverkauft. Ärgerlich! An der Hauptstraße das Schild einer Bank – Credit Agricole. Daran laufe ich oft vorbei, zwangsläufig.

Im Ortskern laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren für die Feier am Abend. Zweimal gehe ich an der Kirche vorbei, beim dritten Mal gehe ich rein. Gewohnheitsmäßig zünde ich zwei Kerzen an in Gedenken an zwei liebe Verstorbene.

Die dritte Kerze dient ganz einem anderen Zweck. Man muß nur daran glauben! Aber vielleicht hat da oben ja jemand ein Einsehen mit den Fahrern von Team Cofidis!? Auf dem Weg zurück zum Hotel biegt plötzlich der Mapei-Teambus um die Ecke. Was macht der denn da? Es ist wie ein Zeichen.

Der Tourtroß ist nicht mehr weit.Und in mir kommt nun endgültig der Fan durch! Im Hotel nochmal ein kurzes Telefonat mit meiner besten Freundin.

Dann schalte ich den Fernseher an, um den Beginn der Etappe zu verfolgen. Und dieser Beginn bietet dem Cofidis-Fan die ganze Gefühlspalette. David Millar greift an! David? Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt! Alle hatten sie ihn längst abgeschrieben. Jeder vermutete, daß seine Aufgabe nur eine Frage der Zeit sei. Ich eingeschlossen. Da steht einer wieder auf! Oder ist es vielleicht doch nur das letzte, verzweifelte Aufbäumen vor dem totalen Zusammenbruch? Was auch immer es sein mag! Totgesagte leben ja bekanntlich länger!

Dafür steht ein anderer kurz vor der Aufgabe des Rennens. Christophe Rinero läßt sich zum Mannschaftswagen zurückfallen. Was kommt ist absehbar! Das Knie macht nicht mehr mit! Dieses verdammte Knie, das ihm schon letztes Jahr die gesamte Saison gekostet hatte! Das schmerzt auch beim Fan! Gute Besserung, Christophe!

Die Gruppe um David Millar wird eingeholt. Aber erneut attackieren Fahrer von Cofidis. Bei aller Freude darüber, sie müssen angreifen! Anders haben sie keine Chance! Als sich eine stark besetzte Spitzengruppe findet mache ich mich bereit für mein Live-Erlebnis.

Cofidistrikot, Cofidisrennmütze, standesgemäß. Das Fahrrad wird aus dem Schuppen geholt. Ein kurzer Plausch mit einem Landsmann, der grinsend nach fragt, ob ich etwa zur Tour de France will. Ach, sieht man das etwa?

Ich radle los, idyllische Wege quer durch die Weinberge. Doppeltes Erlebnis. Doch kurz vor Ingersheim ist Schluß mit Idylle. Mir bleiben nur zwei Möglichkeiten, Straße oder Schotterpiste. Radwege in Frankreich – Mangelware! Ich entscheide mich für die Schotterpiste. Schlagloch und Schlammpfütze inklusive. Dann erreiche ich Ingersheim. An der letzten Kreuzung vor der Straßensperre überlassen einige Autofahrer mir großzügig die Vorfahrt. In Ingersheim selbst steige ich auf Laufen und Schieben um. Wer sein Radl liebt...

Mein Trikot genießt Bewunderung, soweit ich das verstehe zumindest. Einige Jugendliche scheinen zu lästern. Wen kümmert das schon?! Im großen und ganzen schallt mir immer wieder ein „Allez Cofidis!“ entgegen. Wenn die Leute wüßten, daß ich nicht mal Französin bin! Schade nur, daß ich die Kommentare nicht verstehe. Darauf antworten ja erst recht nicht! Aber der Französischkurs für Anfänger an der Volkshochschule ist schon geplant!

Noch immer bin ich zu Fuß unterwegs. Ich will raus aus dem Ort der sich verdammt in die Länge zieht. Ich kämpfe mich durch Menschenmassen, Absperrungsgitter und um viele andere kleine Hindernisse. Und dann -geschafft! Endlich! Ich beziehe einen Platz an einem leicht abschüssigen, aber für eine Abfahrt doch eher flacheren Punkt, von wo aus man die Strecke ein gutes Stück einsehen kann und nehme Kontakt mit zwei radelnden Landsleuten auf.

Die Werbekarawane ist im Anrollen. Vor mir steht ein Vater mit drei Kindern. Da erwischt man nichts! Man will den Kindern ja auch nichts wegnehmen oder vor der Nase wegschnappen! Die haben ihren Spaß und freuen sich riesig über jede Errungenschaft.

Ich verzieh mich auf die andere Straßenseite. Da habe ich mehr Glück. Ein Werbewagen von Haribo bleibt direkt vor mir stehen. Hmmmm, lecker! Ich ergattere ausgerechnet auch noch zwei Tütchen von meiner Lieblingssorte!

Der Herr aus dem Werbeauto von Cofidis überhäuft mich mit Schlüsselanhängern. Ein wahrer Regen geht auf mich nieder. Aber davon profitieren auch die Leute neben mir. Vier Stück hab ich am Schluß ergattert, einen davon verschenke ich noch an ein Kind.

Als die Werbefahrzeuge vorbei sind kehrt erstmal wieder Ruhe ein. Alle machen euphorisch Kassensturz. Wie groß war die Ausbeute? An einem Verkaufswagen kauf ich für meinen Vater eine Mütze. Und bekomme die heutige Ausgabe der L’Equipe kostenlos dazu. Na bitte!

Von zuhause aus werde ich regelmäßig über den Stand des Rennens informiert. Es sieht gut aus! Ein Sprecher in einem offiziellen Wagen kündigt die Fahrer an. Die Spannung steigt, alle sind in freudiger Erwartung. Der erste kommt! Er ist allein, hat sich von seinen Fluchtgefährten abgesetzt. Es ist Laurent Jalabert. Und die Franzosen kennen kein Halten mehr! Das haben sie sich gewünscht! Die Begeistung ist grenzenlos! Ihm folgen Inigo Cuesta, Jens Voigt und Laurent Roux, fast ist man geneigt zu sagen, in respektvollem Abstand. Der fünfte im Bunde, der Italiener Ivan Basso, ist einige Kurven vorher gestürzt und kommt noch später vorbei.

Warten aufs Hauptfeld. Auf die Schnelle erkennt man fast niemanden. Aber es sind noch längst nicht alle durch. Die Zuschauer beruhigen sich ein wenig. Es wird erst wieder laut als in der Kurve ein einzelner Fahrer erscheint. Schon von weitem erkenne ich das Trikot von Cofidis. David Millar vielleicht? Ich mache schnell ein Foto. Sicherheitshalber. Dann der Blick ins Gesicht des Fahrers und ich weiß genau, wer da gerade vorbeifährt.

Es ist Massimiliano Lelli. „Allez, Massimiliano!“ rufe ich ihm hinterher, so laut ich kann.

Der Rückstand ist in diesem Moment völlig egal! Das war mein Highlight! Es folgen noch mehrere, keinere Gruppen, dazwischen immer wieder einzelne Fahrer, die alle begeistert umjubelt werden. In einer dieser hinteren Gruppen befindet sich auch David Moncoutié, wie ich später erfahre, da ich ihn auf die Schnelle nicht wahrgenommen hatte. Ich bin enttäuscht über die zehn Minuten, die er da verloren hat.

Wie gesagt, diese Etappe hatte gefühlsmäßig alles zu bieten! Da war der Tiefpunkt! Schade! Aber davon lasse ich mich nicht aus der Bahn werfen! Auch nicht von meinem Fotoaparat, der wohl gerade und ausgerechnet während der Tour seinen Geist aufgeben will! Das ist ärgerlich! Vorallem für morgen!

Aber das ist mir vorerst mal egal! Zunächst einmal wandle ich, wie viele andere, radelnde Radsportfans auch, auf den Spuren meiner Stars und lege die Stecke, die die Fahrer eben gefahren sind, selbst auf dem Rad zurück. Zumindest das Stück durch Ingersheim hindurch.

Auf dem Weg nach Eguisheim begegne ich wieder dem Teambus von Mapei, der an einer Ampel warten muß. Die Fahrer sitzen wohl alle drin. Genüßlich radle ich am Bus vorbei. Sorry, ihr Mapei-Fans, aber sowas verleiht bisweilen Flügel! Im Hotel begegne ich wieder meinen Landsleuten, die ich schon vor der Etappe getroffen hatte. Sie waren auch bei Tour, haben aber keinen Cofidis-Schüsselanhänger abgekriegt. Ich schenke ihnen einen von meinen. Nichts zu danken, gern geschehn!

Jens Voigt hat das Maillot Jaune übernommen! Klasse! Für ihn freut es mich ganz besonders! Er hat es wirklich verdient! Und dann noch DIE Horrormeldung! Ein Verrückter, und diese Bezeichnung ist noch stark untertrieben, fährt in Colmar mit seinem Auto durch eine Absperrung und in die Menschenmenge! Amoklauf bei der Tour! Die Bilder mag man gar nicht sehen! Es ist eine Tragödie! Ich bin tief getroffen! Viel schreiben kann ich darüber nicht! Mir fehlen die Worte! Es war doch ein schöner Tag, ein Radsportfest am heiligen Tag der Franzosen. Aber es war auch ein Tag mit Hochs und Tiefs. Er wird in Erinnerung bleiben. Und bei aller Tragik sollte man vielleicht noch das Schöne behalten und mitnehmen! C’est lavie!

 

Freitag, 13.07.01

Aberglaube hin oder her. Freitag der 13. muß nichts schlechtes bedeuten! Letztenendes kommt es wohl darauf an was man draus macht. Jetzt kann sich jeder Fahrer, jeder Verantwortliche, jeder Fan selbst die Antwort geben, ob dieser Tag für ihn ein Glücks- oder Pechtag war. Oder vielleicht doch nur ganz einfach ein Tag wie jeder andere.

Die sechste Etappe. Und für mich die erste. Die Tour nähert sich dem Elsaß. Und das ist heute auch mein Ziel.

Man kommt sich näher, allmählich, irgendwie. Für die Fahrer heißt das Ziel Straßbourg, für mich Eguisheim, sechs Kilometer südwestlich von Colmar gelegen.

So paradox es klingt, es ist mein zweiter Besuch bei der Tour de France, aber erst mein erster Besuch des Nachbarlandes Frankreich. Okay, letztes Jahr machte ich mir den glücklichen Umstand zu nutze, daß die Tour über deutsches Gebiet führte. Dieses Jahr bin ich nun also zu Gast in Frankreich. Die Fahrt nach Colmar erweist sich als kurvenreich. Im übertragenen Sinne.

Ab der Grenze blicke ich’s irgendwie nicht mehr so ganz. Ob ich mich erst an die französische Beschilderung gewöhnen muß? Sieht so aus! Aber ich kann mich irgendwie nicht so ganz dran erinnern, jemals ohne Umwege zu einem Radrennen gekommen zu sein! Nach einigen Haken über kleine Dörfer erreiche ich schließlich Colmar.

Chaos! Alleine im Auto auf Frankreichs Straßen, gleichzeitig auf Verkehr, Verkehrsregelungen und Hinweisschilder achtend, schlängele ich mich durch die Außenbezirke und weiß leider immer noch nicht, wie ich an meinen Zielort gelangen soll!

Erstaunt stelle ich fest, daß ich urplötzlich in Ingersheim gelandet bin. Super! Da wollte ich eigentlich morgen, wenn die Tour kommt, hin! Na, jetzt weiß ich immerhin schon mal, wo das liegt. Das ist doch was!

Zwei Orte weiter – Eguisheim! Na bitte! Da wären wir doch! Das Hotel erweist sich als urgemütlich, das Personal als superfreundlich und hilfsbereit was meine Tour-de-France-Angelegenheiten und Fragen betrifft.

Der Ort ist ein mittelalterliches Kleinod, eingebettet in den berühmten Weinbergen des Elsaß. Hier kann man seine Seele baumeln lassen. Äh, warum war ich eigentlich dort? Ach ja, richtig! Wegen der Tour! Das könnte man in dieser Umgebung glatt vergessen! Aber eben nur fast! Denn bevor ich zu dieser Erkenntnis über den Ort gekommen bin hab ich mir selbstverständlich das Finale der heutigen Etappe im Fernsehen angeschaut. Eurosport suchte ich leider vergeblich. Und so mußte ich auf ARD ausweichen, wenn ich mehr verstehen wollte als nur die Namen. Das war nämlich das einzige, was ich im französischen Fernsehen verstanden hatte. Na gut! Man kann eben nicht alles haben!

Zum Rennverlauf muß ich sagen, daß ich dachte, daß die Spitzengruppen, in Anbetracht ihrer hochkarätigen Zusammensetzung, eigentlich durchkommen müßte. Aber Namen sind halt auch im Radsport nicht alles. Obwohl, der bis zu letzt kämpfende Verbrugghe hat mir am Schluß schon leid getan! Aber so kamen die Sprinter mal wieder zum Zug. Und da kommt auch schon wieder der Cofidis-Fan ins Spiel. Denn der 8. Platz von Nico Mattan, der am Ende auf Grund der Zurückstufung von Tom Steels noch auf den 7.Platz korrigiert wurde, läßt Freude aufkommen.

Und aus dem Silberstreif am Horizont ist ein Sonne geworden. Nur ganz sichtbar ist sie noch nicht.

 

Donnerstag, 12.07.01

Die fünfte Etappe. Mannschaftszeitfahren. Der Stachel von gestern sitzt noch tief. Und Cofidis geht gleich als erstes Team an den Start. Ab 14.05 Uhr drücke ich die Daumen. Halt noch nicht vorm Fernseher. Die Übertragung beginnt eine halbe Stunde später. Und als das ZDF im Rahmen ihrer Vorberichterstattung den Start des ersten Teams in einer Aufzeichung zeigt, bin ich gerade nicht vorm Fernseher.

Nur meine Mutter hat's gesehen. Tja, Pech gehabt! Daumen drücke ich trotzdem, die ganzen fast 1 ½ Stunden lang. Mannschaftszeitfahren ist eine interessante Disziplin, finde ich. Auch wenn ich den Sinn dessen bei so einer Rundfahrt nicht ganz verstehe. Obwohl? Dann gewinnt die Tour halt nicht nur der Beste, sondern der Beste mit dem besten Team. Oder?

Cofidis hat vorgelegt, die anderen müssen nachziehen! Nach dem Daumen drücken folgt eine andere, für den Fan ebenso nervenaufreibende Disziplin – zittern, hoffen, bangen. Der Fandreikampf im Mitfiebern ist in vollem Gange. Die Zeit war wohl nicht die schlechteste. Rabobank unterbietet sie schon bald. Das ist auch okay so. Aber vielen gelingt das nicht. Team Big Mat um eine Sekunde geschlagen! Reine Prestigeangelegenheit. Und Team Mapei verdrängt Cofidis nur deshalb nicht, weil Fahrer vier und fünf über die Ziellinie „trödeln“. Drei Sekunden macht das. So kann's gehen!

Begeisternd ist der Sieg vom Team Credit Agricole. Dieses Team hatten, trotz Maillot Jaune und starken Leistungen auf den ersten Etappen, wenige auf der Rechnung. Zumindest was den Sieg anging. Für mich waren sie die Geheimfavoriten. Auch wenn ich, aus Schiß, eine Wette zu verlieren, auf ONCE gesetzt hatte. Tja! Das hat man nun davon! Für Team Cofidis reichts am Ende für Platz 8, einen Platz hinter Team Telekom. Zwar mit 1,05 Minuten Rückstand. Aber was macht das schon! Der Fan sieht den Silberstreif am Horizont. Ganz schwach zwar noch. Aber wo Licht ist, ist halt immer auch Hoffnung!

 

Mittwoch, 11.04.01

Die vierte Etappe. Heute will ich gar nicht viel schreiben, weil mir überhaupt nicht danach ist! Was für ein Debakel! Katastrophe? Pech? Ich weiß nicht mal, wie ich’s nennen soll! Für Cofidis ist die Tour gelaufen!

Nach der 4. Etappe 47(!) Minuten Rückstand in der Teamwertung! Der Beste, Guido Trentin, mit 13,32 Minuten Rückstand, der Zweitbeste, David Moncoutié, mit 14,21 Minuten Rückstand! Dabei halte ich den beiden noch zugute, daß sie wohl noch versucht haben, zu retten, was noch zu retten war!

Nur war da eben nichts mehr zu retten! Der Rest des Teams folgte geschlossen mit einem Rückstand von 18,08 Minuten. Aber auch ihnen will ich keinen Vorwurf machen! Was soll jetzt noch kommen? Schlimmer kann es wohl jetzt wirklich nicht mehr werden! Bleibt die Frage nach dem WARUM? Aber das ist eine Frage auf die es keine Antwort gibt! Aber bei aller Tragik – Schwarzsehen ist hier nicht angebracht! Es war erst die 4. Etappe!

Eine vordere Plazierung ist zwar nicht mehr möglich. Aber es warten noch alle schwere Bergetappen! Jetzt ist es an den Fahrern, sich reinzuhängen, alles geben! Alles dafür zu tun, die Scharte, zumindest teilweise, auszubügeln und zu beweisen, daß sie heute weit unter Wert geschlagen wurden! Keiner wird Team Cofidis mehr Ernst nehmen!

Gerade das kann die große Chance sein von Moncoutié, Lelli und Co! Jungs, nutzt diese Chance! Die erste bietet sich bereits morgen beim Mannschaftszeitfahren! Ich jedenfalls werde Euch weiter die Treue halten, werde Euch jeden Tag aufs Neue die Daumen drücken und an Euch glauben! Denn die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Dienstag, 10.07.01

Die dritte Etappe. Sie verspricht Spannung. Quer durch die Ardennen geht sie. Die drei „Berge“ gegen Ende der Etappe dürften viele Fahrer noch von Lüttich – Bastogne – Lüttich her kennen.

Voller Erwartung setze ich mich vor den Fernseher. Und muß gleich die erste Hiobsbotschaft hinnehmen. Laurent Desbiens muß nach zwei Stunden das Rennen aufgeben. Folgen des Sturzes vom Vortag. Die Schmerzen waren wohl doch zu groß. Das tut auch mir weh! Ich hätte es ihm so gegönnt, in Paris anzukommen! Doch nun schon das AUS auf der 3. Etappe! Jammerschade! Gute Besserung und alles Gute, Laurent!

Aber da ein Unglück bekanntlich selten allein kommt muß ich schon bald mitansehen, daß Daniel Atienza in einen Sturz verwickelt wurde. Zum Glück ohne Folgen! Gott sei Dank! Man ist schließlich dankbar für jede gute Nachricht! Was mir auch weniger gefällt: Das Peleton nähert sich den Ardennen und wer fährt ganz hinten? David Moncoutié! Was macht der denn da? Hoffentlich läßt er nicht abreissen, wenn es hügeliger wird! Na, da hilft wohl nur hoffen und beten!

Und es wurde tatsächlich besser! Das Rennen hält, was es zuvor versprochen hatte! Und die grenzenlose Begeisterung der Zuschauer am Straßenrand tut ihr übriges.

Am ersten Berg bereits wird’s richtig interessant! Und Cofidis mischt vorne mit! Das gefällt mir schon besser! Und irgendwie beschleicht mich wieder dieses Gefühl von heute morgen. Ich kann es nicht deuten und weiß nur, daß es Massimiliano Lelli betrifft. Ich glaub ja nicht an Übersinnliches, aber ich werde dieses Gefühl nicht los, daß er etwas probieren wird auf dieser Etappe! Obwohl ich nicht so recht dran glauben kann!

Doch dann kommt der dritte Berg. Massimiliano auf der 2. Position, ein Angriff, er geht mit! Noch vor der Bergwertung wird er wieder vom Peleton geschluckt. Aber wie war das mit dem Gefühl? Verrückt, oder? Das Peleton ist inzwischen gesprengt. David Moncoutié hängt wieder am Ende, aber der ersten Gruppe! Erleichterung!

Kurz vorm Ziel greift Andrei Kivilev an. Aber da nützt alles Daumen drücken und Anfeuern vorm Fernseher nix! Telekom ist übermächtig und fährt Zabel zum Sieg! Tolle Leistung! Das zollt Respekt! Cofidis hält sich geschlossen im großen ersten Peleton auf. David Moncoutié arbeitet sich noch auf Platz 32 vor. Klasse!

Halt! Einer ist mir da doch abhanden gekommen! Na, wer wohl? David Millar verliert schon wieder Zeit, diesmal fast elf Minuten! Was ist da nur los? Jetzt ist er letzter im Gesamtklassement! Ach du Schande! Kopf hoch David! Die Tour wird nicht umsonst auch die „Tour der Leiden“ genannt. Oder wie ich sie letzthin bezeichnete „The hell of angels“.

 

Montag, 09.07.01

Die zweite Etappe. Die Tour verläßt Frankreich in Richtung Belgien. Und in Flandern ist die Hölle los. Die Begeisterung der Menschen erinnert an Klassiker wie Flandernrundfahrt, Het Volk....

Viele, der bei dieser Tour startenden Belgier fahren an diesem Tag durch ihre Wohnorte, werden dort euphorisch begrüßt und frenetisch gefeiert.

Am schönsten noch der Triumphzug des Lotto-Fahrers van Hyfte, der jubelnd durch seinen Heimatort fährt und, so hat es den Anschein, am liebsten alle umarmen möchte. Da geht das Herz auf! Das sind die wahren Geschichten der Tour! Wen interessiert da Armstrong oder Ullrich? Die Tour de France ist fest in belgischer, oder besser, in flämischer Hand! Nicht nur emotional, sondern auch sportlich!

Der Sieg des Flamen Marc Wauters krönt den flämischen Tag der Tour. Ich freue mich mit. Da kann man nicht anders! Und ich freue mich schon heute auf die Bilder von morgen. Wenn der strahlende Flame im Gelben Trikot durch seinen Heimatort fährt. Das ist die Faszination Tour de France! Oder, um in der Sprache der Gastgeber zu bleiben, der Ronde van Frankrijk.

Der Radsport zeigt sich heute von seiner schönsten Seite. Aber er läßt auch, bei aller Euphorie, seine häßliche Seite durchblicken. 20 Kilometer vor dem Ziel Bilder, die eigentlich niemand sehen mag und die doch zur Tour dazu gehören. Jedes Jahr aufs neue. Massensturz! Jedes Mal erschrecke ich bei solchen Bildern! Die meisten der gestürzten Fahrer stehen sofort wieder auf, fahren weiter. Auch die, die es, dem Anschein nach, schwerer erwischt hat. Sowohl Laurent Desbiens, der unter Rädern verkeilt Minuten lang benommen da liegt, als auch sein Landsmann Laurent Roux rappeln sich auf und quälen sich ins Ziel. Mit großem Rückstand zwar, aber mit unbändigem Willen. Und ihnen gebührt genauso der Applaus wie dem Sieger! Hut ab! Chapeau!

 

Sonntag, 08.07.01

Die erste Etappe. Und ein bißchen Atmosphäre zuhause. Den Fernseher auf dem Balkon. Zumindest der Wind, der mir um die Nase weht dürfte dem entsprechen, was den Fahrern in Frankreich das Leben schwer macht.

Und es war auch so ziemlich das einzig besondere an diesem Nachmittag. Bis dahin. Lediglich der Ausreisversuch des unermüdlichen Jacky Durand und seines Begleiters und die unfreiwillig kuriose Szene an der Bahnschranke reisen mich zweitweise vom Hocker.

Interessant vielleicht auch noch die irritierten Gesichter vieler Akteure im Hauptfeld als diese plötzlich angehalten und zum Warten gezwungen wurden. Wo, dank modernster Technik, die Kommunikation angleblich sogut funktioniert, hätte man erwarten können, daß alle informiert seien. Seis drum!

Das Peleton rollt weiter und schon bald ist abzusehen, daß die Ausreißer keine Chance haben werden. Und dann kommt auch wieder der Wind ins Spiel. Das Peleton wird gesprengt, kommt wieder zusammen, Fahrer fallen wieder zurück. Langweilige Etappe? Mitnichten! Und vor den Fahrern liegen noch zwei Bergwertungen!

Berge? Na gut! Ansichtssache! Oder, wie ich immer zu sagen pflege, wenn ich mich einen, sagen wir mal „Hügel mit Steigung“, hinaufquäle: „David Moncoutié würde bei dieser Steigung nur lachen!“ Das hat er bei diesen Hügeln vermutlich auch getan! Okay, und das muß selbst ein Bergspezialist wie er zugeben, irgend jemand muß das Bergtrikot ja tragen.Und Geld in die Mannschaftskasse bringt's zudem. Vom Küßchen- und Blumensegen bei der Siegerehrung mal ganz abgesehen! Aber das sind Randgeschichten! Im Ziel kommt es, aller Hügel und gefährlichen Kurven, Kreisel und Abfahrten zum Trotz, zum Massensprint. Sieger? Zabel! Und das (fast) ganz ohne Helfer!

Unbeachtet dessen spende ich vorm Fernseher anerkennend Applaus. Er hat es verdient! Und beim Anblick der Ergebnisse überkommt auch den Cofidis-Fan sowas wie Erleichterung. Nico Mattan auf Platz 10! Und mit Massimiliano Lelli auf Platz 35 sind gleich zwei Fahrer unter der besten Plazierung vom Prolog geblieben.

Aber das ist Spielerei! Doch jede Medallie hat bekanntlich zwei Seiten. David Millar, von seinem Sturz im Prolog noch angeschlagen, wird ein Opfer des Seitenwindes und kommt als 166. mit 5,45 Minuten Rückstand auf Zabel ins Ziel. Die Tour fordert ihre Opfer! Wie jedes Mal. So leidet der Fan richtig mit als er den, gestürzten und blutverschmierten italienischen Meister Nardello sich ins Ziel quälen sieht, verbissen und zäh. Das zollt Respekt und Anerkennung. Und ist vielleicht auch ein bißchen von dieser Faszination Tour de France.

 

Samstag, 07.07.01

Es ist soweit! Heute beginnt sie endlich, die Tour de France! Die Startzeiten für den Prolog sind gut. Die derer, denen meine besondere Aufmerksamkeit gilt, fallen alle in die Sendezeit der TV-Sender. Die Euphorie ist groß.

Fast schon ein bißchen zu groß, so daß ich mich selbst ein wenig zügeln muß. Die Stunden bis zum Beginn der TV-Übertragung schlage ich mir irgendwie um die Ohren. Was zählt sonst für einen Radsportfan an so einem Tag als die Tour? Und während ich am Nachmittag sorgfälltig Fotos von anderen Radrennen in ein Album klebe, gehen um 16.15 Uhr die Gedanken nach Dunkerque.

Mit Daniel Atienza geht der erste Fahrer von Cofidis an den Start. Daumen drücken in Gedanken. Um pünktlich 17.30 Uhr sitze ich vorm Fernseher. Doch bei aller Freude geht ein Gedanke zu einem Fahrer, dem ich meine Begeisterung für den Radsport im allgemeinen und der Tour der France im besonderen, mit verdanke und der in diesem Jahr, aus bekannten Umständen, nicht am Start sein kann – Roland Meier. Mit seiner grandiosen, aber nicht von Erfolg gekrönten Flucht bei der Tour 98 auf der Etappe zum Plateau de Beille, die ich damals zufällig am Fernseher verfolgt hatte, hatte er mich so sehr beeindruckt, daß mich von da an diese Faszination endgültig gepackt hatte. Grüße in die Schweiz. Rolli, Du wirst mir fehlen bei dieser Reise durch Frankreich! Doch für Melancholie ist wenig Platz.

Um 17.37 Uhr packt mich wieder das Fieber als Nico Mattan an den Start geht. Ein Mitfavorit für den Sieg im Prolog. Ich stapele erst mal tief. Nicht zuviel erwarten! Die Enttäuschung hinterher ist immer größer! Zumal Nico noch nicht wieder ganz fit ist nach überstandener Krankheit.

Cofidis hat ein gutes Team zur Tour geschickt. Hier fahren wirklich die Besten des Teams! Aber der Prolog ist schließlich nicht mehr als ein Auftakt für die große Schleife. Nichts desto Trotz drücke ich Nico alle Daumen. Leider hab ich nur zwei! Na ja, in Gedanken kann man sich ja noch ein paar dazu denken! Der Belgier fährt eine Zeit, die in meinen Augen okay ist. Wenn man die Umstände bedenkt.

Aus dem nahen Belgien sind offensichtlich viele Fans herübergekommen Und wohl auch viele Fans von ihm. Keinen Namen sehe ich häufiger auf die Straße gekleistert als den von Nico Mattan. Als der nächste Fahrer von Cofidis an den Start geht, es ist Christophe Rinero, bringt Eurosport Werbung. Ich schalte um auf ARD. Das ist bisweilen ganz praktisch.

Der Prolog begeistert mich. Ein bißchen ärgere ich mich, daß weder Start noch Zielankunft von Massimiliano Lelli gezeigt werden. Aber man kann schließlich nicht alles haben! Viele Fahrer hat man nicht gesehen. Wo anders ärgert sich vielleicht ein Fan von Grischa Niermann, daß er seinen Fahrer nicht gesehen hat. Das beruhigt ein bißchen.

Versöhnlicher ist da schon der Start von David Moncoutié. Aber seine Fahrweise ist, ohne ihm etwas unterstellen zu wollen, nicht unbedingt als agressiv zu bezeichnen. Vielleicht versucht er wirklich nur, eine gute Zeit, für seine Verhältnisse, zu erreichen. 39 Sekunden sind es am Schluß. Das ist vollkommen in Ordnung. Auch wenn Platz 91, aufgrund der Leistungsdichte, villeicht etwas negativer klingen mag als der Rückstand. Auch wenn es hier etwas cofidislastig klingt, ich fiebere mit allen Fahrer, drücke Daumen. Jeder hat es verdient!

Trotzdem! Des Cofidis-Fans letzte Hoffnung heißt David Millar. Ich erwarte keine Bestzeit. Das Maillot jaune ist keine Pflicht! Eine gute Zeit, vielleicht unter die besten drei, das wäre toll!

Und während ich begeistert die Fahrt von Ullrich, Armstrong und Co. verfolge, drücke ich David ganz fest die Daumen. Am Ziel die Enttäuschung – der Rückstand ist enorm, die Platzierung jenseits der 100. „Das ist nicht normal! Da muß was passiert sein!“ ist sich Tony Rominger sicher. Ich mir auch! Später erfuhr ich von Davids Sturz.

Doch für Enttäuschung ist wenig Platz während das Rennen läuft. Christophe Moreau kommt mit phantastischer Zeit ins Ziel!

Die Zeit des Siegers! Klasse! Ich freu mich für den sympatischen Franzosen und gönne es ihm! Ehrensache!

Die Enttäuschung über die Leistung des Cofidis-Teams kommt später wieder! Nico Mattan ist auf dem 37. Platz der Beste! Das hatte ich mir dann doch anders vorgestellt! Obwohl die Zeiten nicht allzu schlecht sind! Und deshalb weicht die Enttäuschung schon bald der Vorfreude auf die kommenden 20 Etappen. Es kann nur noch besser werden!

Zum Schluß möchte ich noch jemanden vorstellen – David! David leidet am meisten unter der Tour de France! Denn er wird gedrückt, durchgeknetet, an die Wand oder auf die Couch geschleudert und in enge Rücksäcke und Taschen gequetscht wenn es am Freitag nach Colmar geht! David ist ein 10cm großer Plüschelefant und mein Radsportmaskottchen. Seinen Namen verdankt er David Millar, der an jenem Tag im letzten Jahr, als ich dieses Knuddeltier auf einem Volksfest gewann, sein Maillot Jaune hatte verteidigen können. Deshalb auch diese ungewöhnliche „Glückbringer“.

David bringt nur halt nicht immer Glück. Bisweilen ziert er sich. So wie heute! Trotzdem! Er ist und bleibt mein treuer Tour-Begleiter. Und vielleicht ist er morgen ja schon wieder besser gestimmt ...

 

Montag, 02.07.01

Team Cofidis hat sein Tour-Team bekanntgegeben! Ja, in unserer Familie versteht man sich! Auch ich bringe es auf drei Runden! Grrrr! Höchststrafe für einen Flachstreckenradler! Schadenfreude? Ach ja, ich weiß! Kleine Sünden bestraft der Herr sofort! Ich habs gemerkt! 90% Chris Peers und 75% Laurent Lefevre – na klar! Voll daneben! Und warum hab ich eigentlich auf Dmitri Fofonov gesetzt? Nun gut!

Cofidis hat mit Daniel Atienza, Inigu Cuesta, dem Rud-du-Sud-Sieger Andrei Kivilev und den anderen sechs (richtig getippten) Fahrern ein starkes Team zusammen. Bleibt nur zu hoffen, daß dieses Team nun auch hält, was die Leistungen im Vorfeld versprachen! Und das es bald losgeht mit der Tour! Denn so allmählich kann ich’s nicht mehr hören – Armstrong oder Ullrich? Für mich stellt sich diese Frage erst gar nicht – Armstrong!!! Und David Moncoutié wird als bester Cofidis-Fahrer 10.! Genug getippt! Ab jetzt freu ich mich nur noch – und zwar auf Samstag!

 

Samstag, 30.06.01

Noch exakt eine Woche bis zum Start der Tour. Die Wogen haben sich geglättet, aber beruhigt haben sie sich noch lange nicht! Trotzdem! Der Countdown läuft und die Spannung steigt! Ab jetzt werden die Tage nun doch runtergezählt! Einige Teams haben ihr Aufgebot (fast wie beim Fußball) schon bekannt gegeben. Nur der Cofidis-Fan wartet geduldig die französischen Meisterschaften ab. Zwangsläufig! Die Tipper vom Team Telekom wissen schon mehr. Vater und Bruder liegen mit drei Fahrern im Aufgebot falsch. Wetteinsatz? Drei Fahrradrunden um den Wohnort a 5 km, Berg- und Talfahrt. Für einen Flachstreckenradler Strafe genug! Ätsch! Wie? Ich und schadenfroh?

 

Donnerstag, 07.06.01

Noch exakt einen Monat bis zum Beginn der Tour de France. Eigentlich wollte ich ab heute die Tage bis zum Prolog runterzählen. Aber vorerst ist mir das mal vergangen.

Der Giro versinkt im Dopingsumpf. Und ich habe bald die Befürchtung, daß bald nicht nur der Giro, sondern der gesamte Radsport selbst vorm Kollaps steht. Die Hoffnung, es hätte sich nach der Tour 98 etwas getan, sozusagen eine „Selbstreinigung“, platzt wie eine schillernde Seifenblase! Und allen, die es bislang noch nicht begriffen haben, müßte jetzt eigentlich klar sein, daß Doping genauso zum Radsport gehört wiedas Maillot Jaune, der Galibier oder die Paves von Paris – Roubaix. Leider!

Denn so macht es keinen Spaß, sich auf die Tour zu freuen. Wer weiß, was uns da so alles erwartet!? Bleibt das Prinzip Hoffnung! Mehr aber auch nicht!

 

Montag, 07.05.01

Noch exakt zwei Monate bis zum Start der Tour de France. Und heute ist Stichtag. Mag sich die sportliche Leistung erst kurz vor Beginn der Tour festlegen, wer die Rundfahrt bestreiten soll, so tue ich das jetzt schon. Zumindest, was Team Cofidis angeht. Wetten, daß das Tourteam von Cofidis aus diesen neun Fahrern besteht?

-David Millar (100%)

-David Moncoutié (100%)

-Nico Mattan (99%)

-Chris Peers (90%)

-Massimiliano Lelli (50%)

-Christophe Rinero (90%)

-Laurent Lefevre (75%)

-Guido Trentin (60%)

-Dmitri Fofonov (10%)

In Klammer die Wahrscheinlichkeit, daß dieser Fahrer wirklich startet. Top, die Wette gilt!

Von Tine

 


Gazzetta durchsuchen:

 
 
 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum