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BRD / DDR - Vergangenheit



Hansjörg Kofink: Sport in Deutschland

geschrieben im Februar 2017



Sport in Deutschland war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine Mixtur aus einer nationalen Bewegung, der deutschen Turnbewegung und einer internationalen, dem Sport, der aus England kam.

Das TURNEN war national, konservativ und hatte pädagogische Wurzeln. Die Deutsche Turnerschaft (DT), ab 1868 der Dachverband der bürgerlichen Turnvereine in Deutschland, wollte keinen individuellen Wettkampf und lehnte daher auch die Teilnahme an den ersten Olympischen Spielen 1896 in Athen ab.

 

Dazu kam politische Unverträglichkeit: Sozialisten und Kommunisten fanden in den Vereinen der DT (Deutschen Turnerschaft) keine Aufnahme. Sie gründeten Ende des neunzehnten Jahrhunderts ihre eigene Institution, den Arbeiter-Turnerbund (ATB 1893), der – international und sozialistisch – konträr zu den deutschnationalen Zielsetzungen der DT stand.

Der SPORT, gekennzeichnet durch Prinzipien der Leistung, der Konkurrenz und des Rekords war aus England gekommen. Universitäten und Schulen zum Beispiel waren die ersten, die offen für das Fußballspiel waren, damals wenig freundlich als ‚undeutsche Fußlümmelei‘ begrüßt.

 

Von daher entstanden auch um die Jahrhundertwende die Sportartenverbände wie 1898 die ‚Deutsche Sportbehörde für Athletik‘, Vorläufer des Deutschen Leichtathletikverbandes und alle großen Ballspielverbände.

Die Weimarer Republik übernahm in etwa diese Konstellation des Sports.

Als die DT 1924 die „reinliche Scheidung von Turnern und Sportlern“ beschloss, kam es zum Bruch mit den Sportspitzenverbänden, die sich selbst nicht als politische, sondern als sportspezifische Verbände verstanden. Die Turnvereine der DT mussten aus den übrigen Sportfachverbänden ausscheiden.

 

Die 1896 vom französischen Baron De Coubertin neu begründeten ‚Olympischen Spiele‘ hatten aufgrund der Zeitläufte und der Haltung der nichtstaatlichen Sportorganisationen in Deutschland keinen großen Hintergrund, obwohl bereits das Kaiserreich Interesse an Olympischen Spielen in Berlin bekundete.

… bereits 1914 entschied der Deutsche Reichstag, dass nicht nur die Durchführung der Olympischen Spiele 1916 in Berlin eine zentrale Aufgabe des Reiches sei, sondern auch die Vorbereitung der Spitzensportler, die Besoldung der Nationaltrainer, Unterstützung der Olympischen Sportverbände. Die Diskussion im Reichstag ging nicht mehr um die Frage, ob der Spitzensport finanziell unterstützt werden dürfe, sondern nur noch um die Frage, ob dies wirklich eine Aufgabe des Zentralstaates oder nicht eher als Kulturförderung eine Aufgabe der Gliedstaaten sei. Theodor Lewald überzeugte den Reichstag mit der Analogie, dass Olympische Spiele das Gleiche wie Weltausstellung seien und ebenso behandelt werden müssten. Der Spitzensport war seit der Zeit im Reichsamt des Innern integriert. (wikipedia)

 

War es Zufall, dass dieselben Berater zwanzig Jahre später die neue Staatsführung, eine Zentralmacht, zur Durchführung olympischer Spiele in Deutschland drängten?

 

Hitler, dem die Olympischen Spiele 1936 in den Geschenkkorb gelegt worden waren, eine internationale Veranstaltung, die eigentlich nicht in sein Weltbild passte, ließ sich von der Werbewirksamkeit dieser Spiele für seinen Nationalstaat überzeugen.

Bei seiner Machtübernahme 1933 erledigte er den Arbeitersport sofort. Alles andere durfte zunächst bleiben, zentralisiert zwar, und in Uniform.

Am 27. Juli 1934 wurde die Neuordnung des gesamten Turn- und Sportwesens im ‚Deutschen Reichsbund für Leibesübungen‘ verkündet. Die DT war damit faktisch aufgelöst, die formale Auflösung folgte zum 30. September 1936.

 

Nach den Spielen in Berlin verloren die Sportvereine die Jugend: Ab 1937 gab es nur noch Jugendsport bei Hitlerjugend (HJ) und dem Bund Deutscher Mädchen (BDM).

 

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erledigte den gesamten deutschen Sport. Die Direktive Nr. 23 des Alliierten Kontrollrats vom 17. Dezember 1945 löste alle Sportorganisationen auf.

 

Warum konnte ich, der in seinen ersten zehn Lebensjahren keinen Ball gesehen hatte, dennoch ab 1947 in einer C-Jugend Handball spielen und 1949/50 Stuttgarter Kreismeister werden? Warum gab es bereits 1946 wieder ‚Deutsche Leichtathletikmeisterschaften‘?

 

Neue Turn- und Sportvereine entstanden nach Erlaubnis der regionalen Kommandanturen früh und je nach Standort unterschiedlich. Der Neubeginn ging in den westlichen Besatzungszonen von unten nach oben. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde früh zentralisiert; daneben entstand die „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), eine staatliche Jugendbewegung.

Erste überregionale Meisterschaften wurden ab 1947 in der Trizone und in der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) genehmigt.

 

Wer waren die Akteure beim Wiederaufbau des deutschen Sports nach dem Zweiten Weltkrieg? Es waren Menschen, die ihre Sozialisierung im Sport im Kaiserreich und in der Weimarer Republik erfahren hatten; es waren aber auch solche, die im Sportsystem des Dritten Reiches agiert hatten. Es waren Männer und Frauen (?) aus der Deutschen Turnerschaft, aus dem Arbeitersport, aus den Sportverbänden, aus dem Reichsbund für Leibesübungen, aus der Hitler-Jugend und dem Bund Deutscher Mädchen.

 



Carl Diem

Symbolfigur der Geschichte des deutschen Sports im 20. Jahrhundert wurde Carl Diem (1882 - 1962), gefeiert als Gründervater des organisierten deutschen Sports und verdammt für seine Haltung im ‚Dritten Reich‘.

Der Konflikt um Diem macht deutlich, dass eine umfassende Neubestimmung der Geschichte des deutschen und olympischen Sports bis heute noch aussteht. Ralf Schäfer:

Als Siebzehnjähriger gründete er 1899 den SC Marcomannia Berlin

 

1904 meldete er sich freiwillig nach abgebrochener Gymnasialzeit, wurde aber nicht als Berufssoldat übernommen.

 

Zu den Olympischen Zwischenspielen 1906 fuhr er als Mannschaftsbegleiter der deutschen Mannschaft, finanziert von Zeitungen, für die er Berichte schrieb.

 

Zwei Jahre später 1908 wurde er Vorsitzender der ‚Deutschen Sportbehörde für Athletik‘, dem Vorgänger des heutigen Deutschen Leichtathletikverbandes.

Ab 1911 gehörte er zur Bundesleitung des Jungdeutschland-Bundes, des Dachverbands aller Jugendorganisationen.

 

1913 begründete er die Verleihung des „Deutschen Sportabzeichens“, welches bis heute vergeben wird und für das er als einer der Ersten die Prüfung ablegte.

 

Zu den Olympischen Spielen 1912 reiste er als Kapitän der deutschen Mannschaft nach Stockholm und führte die Mannschaft ins Stadion.

 

Während der Spiele wurde die Ausrichtung der nächsten Olympischen Spiele 1916 nach Berlin vergeben. Auf Vorschlag des Vorsitzenden Victor von Podbielski wurde Diem im November 1912 vom „Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele“ (DRAfOS) zum Generalsekretär für die Olympischen Spiele gewählt.

 

Der DRAfOS wurde 1917 in Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen (DRAfL) umbenannt und Diem zu seinem Generalsekretär ernannt.

1920 fanden erstmals die von ihm initiierten „Reichsjugendwettkämpfe“ statt, die Vorläufer der heutigen Bundesjugendspiele.

 

1920 wirkte er maßgeblich an der Gründung der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin mit und wurde Prorektor dieser ersten Sporthochschule der Welt.

 

Als Sportfunktionär war er bei den Olympischen Spielen 1928 und 1932 Missionschef der deutschen Olympiamannschaften.

 

1930 ermöglichte er Sepp Herberger mit einer Ausnahmegenehmigung das Studium an der Sporthochschule ohne Abitur.

 

Diem als Angestellter hätte im Sport keine Wirksamkeit entfalten können, wenn ihn nicht sein Chef Theodor Lewald immer wieder unterstützt hätte.[7]

 

Diem hob immer wieder besonders den Kampfcharakter im Sport hervor. Verstärkt 1919 - nach dem Verbot der Wehrpflicht durch den Friedensvertrag von Versailles - propagierte er „Sport als Wehrersatz“, der dem militärischen und politischen Wiederaufstieg Deutschlands dienen sollte. Er verknüpfte seine Ansichten eng mit eigenen Weltkriegs-Erfahrungen und favorisierte dabei den Mythos von Langemarck, über einen angeblichen heldenhaften Opfergang bei dem damals 2000 junge und schlecht ausgebildete deutsche Soldaten fielen. Im Jahre 1932 prognostizierte er, dass aus den „Gebeinen“ der „Kämpfer von Langemarck“ „eine neue deutsche Zukunft entstehen“ werde.

 

Diems Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus ist bis heute umstritten. Einerseits wurde er 1934 von den Nationalsozialisten als „politisch unzuverlässig“ eingestuft (wohl auch wegen der jüdischen Verwandten seiner Ehefrau). 1933 endete bereits seine Stellung als DRAfL-Generalsekretär. Im selben Jahr verlor er seinen Posten als Prorektor der Sporthochschule, weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten.

 

Als Generalsekretär des Organisationskomitees war er seit Januar 1933 maßgeblich an Planung und Durchführung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin beteiligt. Nach einer Idee von Alfred Schiff initiierte er zusammen mit Theodor Lewald erstmals den Olympischen Fackellauf von Griechenland zur jeweiligen Austragungsstätte – dieser Brauch ist bis heute erhalten.

 

Von 1936 bis 1945 hatte er die Leitung des Internationalen Olympischen Instituts (IOI) in Berlin inne. Seine Veröffentlichungen von 1938 bis 1945 erschienen zu etwa einem Drittel in nationalsozialistischen Publikationen.

 

1939 wurde er vom Reichssportführer mit der Leitung der Auslandsabteilung des NSRL betraut.

 

Diem war häufig mit Sportberichten in der von Joseph Goebbels kontrollierten Wochenzeitung Das Reich (1940–1945) vertreten. In einem Aufsatz im Reichssportblatt vom 25. Juni 1940 rühmte er „mit atemloser Spannung und steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf“ durch Frankreich, stand „staunend vor den Taten des Heeres“ und schrieb, dass „der sportliche Geist, in dem Deutschlands Jungmannschaft aufgewachsen ist“, erst den „Sturmlauf durch Polen, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich“, den „Siegeslauf in ein besseres Europa“ ermöglichte. Auch Sätze wie „Sport ist freiwilliges Soldatentum“ stammen von Diem.

 

Noch am 18. März 1945 rief er Mitglieder der Hitlerjugend in einer flammenden Rede im Kuppelsaal des Berliner Olympiageländes zu einem „finalen Opfergang für den Führer“.

 

Diem war dem NS-Staat in vielen Ämtern dienstbar und wusste seit Sommer 1943 vom Holocaust. Er hielt an seinen Ämtern fest, die sportpolitischen und allgemeinpolitischen Aufgaben dienten.

 

Nach Kriegsende 1945 wurde Diems mehrere Bände umfassende Schrift Olympische Flamme (Deutscher Archiv-Verlag, Berlin 1942) in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.

 

Am 12. April 1947 wurde Diem zum Rektor der von ihm gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln ernannt. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod 1962.

 

Von 1950 bis 1953 war er zusätzlich Sportreferent im Bundesinnenministerium.

 

Diem bot 1947 Sepp Herberger das Amt des Fußballlehrers an, das dieser bis 1957 an der Sporthochschule ausübte.

 

1951 begleitete Diem als Chefredakteur die Gründung der Zeitschrift Olympisches Feuer, eines Magazins des Deutschen Sportbundes (DSB) und der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG).

 

Nach Gründung der beiden deutschen Staaten, der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der ‚Deutschen Demokratischen Republik‘ (DDR) im Jahre 1949 gab es keine Gemeinsamkeiten mehr in der Entwicklung des deutschen Sports.

 



Olympische Spiele nach dem 2. Weltkrieg

Doch es gab noch eine Klammer, die beide Sportsysteme zusammenzwang: Die Teilnahme an Olympischen Spielen.

 

Carl Diem beantragte im November 1946 in Frankfurt am Main bei der amerikanischen Militärregierung die Erlaubnis, wieder ein Nationales Olympisches Komitee zu gründen, was jedoch abgelehnt wurde. Da ein eigenes NOK Voraussetzung für die Teilnahme an den Olympischen Spielen von 1948 war, wurde am 7. Juni 1947 ein provisorischer Deutscher Olympischer Ausschuss gegründet. Das IOC erkannte diesen Ausschuss nicht als deutsches NOK an, da das Gebiet Deutschlands zu diesem Zeitpunkt noch in vier alliierte Besatzungszonen aufgeteilt war und somit keinen anerkannten Staat vertrat. In Folge wurde Deutschland nicht zu den Spielen 1948 eingeladen. (wikipedia)

 

Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 wurde das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) am 24. September 1949 in Bonn offiziell gegründet.

Das Internationale Olympische Komitee empfahl 1950 die Aufnahme Deutschlands (d. h. des in der Bundesrepublik ansässigen NOKs) und seine Teilnahme an den Olympischen Spielen im Jahr 1952. Das Saarland hatte schon 1950 sowohl ein von IOC anerkanntes NOK als auch eine eigene FIFA-Mitgliedschaft zugesprochen bekommen. Das IOC nahm das Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland während einer Sitzung zwischen dem 7. und 9. Mai 1951 auf.

Das in der Bundesrepublik Deutschland angesiedelte NOK betrachtete sich im Rahmen des Alleinvertretungsanspruchs als die olympische Vertretung Gesamtdeutschlands, obwohl sich die deutsch-deutschen Differenzen verstärkten. Diese manifestierte sich auch in der Gründung eines eigenen Nationalen Olympischen Komitees der DDR, am 22. April 1951, nachdem die Vertreter der DDR mit ihrem Vorschlag zu einem gesamtdeutschen NOK nicht durchdringen konnten. Der später eingereichte Antrag des erst Wochen zuvor formierten Komitees der DDR wurde mit der formellen Begründung abgelehnt, dass ein Land nicht durch zwei nationale olympische Verbände vertreten werden könne. Gleichzeitig forderte das IOC die beiden deutschen Komitees auf unverzüglich über ein gesamtdeutsches NOK und eine gemeinsame Mannschaft für die Olympischen Spiele zu verhandeln. (wikipedia)

 

Was wäre gewesen wenn, das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 nicht zwei sondern drei deutsche Mannschaften zugelassen hätte?

- Es hätte keinen deutsch-deutschen Krieg auf der Aschenbahn gegeben.

- Anabolika-Doping und seine Bekämpfung wären weltweit anders verlaufen.

- Medizin und Sportmedizin hätten Ansehen und Reputation nicht verloren.

- Souveräne Staaten hätten ohne Medaillenspiegel Erfolge im Sport gefeiert.

Doch es kam ganz anders.

 

Deutschland stand nicht nur im Zentrum zweier Weltkriege im Zwanzigsten Jahrhundert. Deutschland missbrauchte den Sport zur Selbstdarstellung in der Welt.

 

Doch auch kein anderes Land war dreimal, 1920 – 1924 – 1948, von Olympischen Spielen ausgeschlossen.

 

Es war der Erste Weltkrieg, der 1916 eine erste sportliche Demonstration verhinderte.

 

Das ‚Dritte Reich‘ gab seine sportliche Visitenkarte 1936 bei den Spielen in Berlin ab.

 

Ab 1956 marschierte eine zusammengezwungene Mannschaft unter Schwarz-Rot-Gold, ab 1960 zusätzlich mit weißen Olympischen Ringen zu den Klängen der ‚Ode an die Freude‘ aus Beethovens IX. Sinfonie zu den Siegerehrungen.

In Mexico City 1968 traten zwei getrennte deutsche Mannschaften an, beide mit den olympischen Ringen auf der schwarz-rot-goldenen Flagge und der Beethoven-Hymne.

 

Erstmals bei den Olympischen Spielen 1972 in München traten die Mannschaften der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) vollkommen selbständig gegeneinander an.

 

Und was dann kam, kennen wir alle.

 

Hansjörg Kofink, Februar 2017

 


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