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Der längste Tag -
wir sind Helden (oder Deppen?)

Beitrag von Joaquin, Oktober 2004



STADT

 

Samstag, 16. Oktober 2004, 4:30 Uhr morgens. Das zwar vertraute, aber dennoch negativ assoziierte Piepen der Polar-Weckfunktion reisst mich aus dem viel zu kurzen Schlaf. Nach kurzem Nachdenken legt sich die schlaftrunkene Verwirrung, und ich habe die Antworten auf die essentiellen Fragen "Wo bin ich?" und "Was will ich hier?" parat:

 

Ich befinde mich in einem ca. fünf Quadratmeter großen Einzelzimmer des Telekom(!)-Tagungshotels Hamburg-Bergedorf. In den Schlafverschlägen neben mir nächtigen drei Kollegen, mit denen ich mich aus einer Schnapslaune heraus zum Mannschafts-Zeitfahren Hamburg – Berlin angemeldet habe.

 

Die morgendlichen Verrichtungen laufen automatisiert und ohne Einschaltung des Gehirns ab – die Routine aus etlichen Radmarathons zahlt sich halt aus. Um 5:15 Uhr stehen wir komplett ausgerüstet vor dem schmucklosen Betonkasten. Es ist stockfinster, nur das magentafarbene grosse "T" leuchtet über uns und stimmt uns auf unser Tagwerk ein.

 

Am S-Bahnhof Bergedorf warten schon ein halbes Dutzend Radler aus Hamburg auf uns. Unter ihrer Führung machen wir uns Richtung Fährhaus Altengamme an der Elbe auf. Es ist schweinekalt, die Strassen sind nass und glitschig. In einer schnell genommenen Rechtskurve rutscht mir das Hinterrad weg – Schrecksekunde am frühen Morgen, spätestens ab jetzt bin ich hellwach.

 



LAND

 

Schnell lassen wir die letzten Lichter der Großstadt hinter uns – durch unbeleuchtete Alleen zuckeln wir schweigend hinter den Hamburgern her. Ohne deren Führung hätten wir uns schon vor dem Start hoffnungslos verirrt.

 

Am Fährhaus dann endlich wieder Anzeichen von Zivilisation. Insgesamt 70 Bekloppte haben sich als Einzelstarter oder in Teams zwischen zwei und fünf Personen angemeldet und stärken sich nun am üppigen Frühstücks-Buffet.

 

Ab 6:30 Uhr geht es dann los. In Minutenabständen gehen die Teilnehmer auf die Reise ins Ungewisse. Unsere Startzeit ist 6:52 Uhr, die netten Frauen vom Audax-Club Schleswig-Holstein schießen noch ein paar Fotos von uns und wünschen uns gute Fahrt.

 

Aber im Leben gehen halt nicht alle Wünsche in Erfüllung. Kaum habe ich den zweiten Fuss ins Pedal eingeklickt und will auf Reisegeschwindigkeit beschleunigen, da höre ich schon den "Stopp"-Ruf des Kollegen Weddinger – platt nach gerade mal 170 Metern!

 

Der Reifenwechsel geht aufregungsbedingt zwar nicht ganz so fix wie normalerweise, aber dennoch relativ zügig vonstatten. Das eigentliche Problem ist, mit einer Mini-Pumpe ausreichenden Druck auf den schmalen Rennrad-Reifen zu bringen – die ganze Aktion kostet zwei Leute schon die ersten Körner und unser Team ganz erheblich Zeit – nach und nach ziehen die hinter uns startenden Teams vorbei. Am defekten Schlauch war im übrigen kein Loch zu finden, aber beim testweisen Aufpumpen reißt die Ventilklappe ab – die Ursache wird uns später noch klar werden.

 



FLUSS

 

Nach endloser Zeit (ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber es zeichnen sich erste hellere Flecken am schwarzen Firmament ab) geht es endlich richtig los. Noch sind wir nördlich der Elbe, aber nach ca. vier Kilometern sollen wir den Fluss vor Geesthacht überqueren und müssen dann laut Ausschreibung bis Kilometer 90 südlich bleiben. Erst bei Dömitz, wo sich die einzige Kontrollstelle befindet, darf der Fluss dann wieder überquert werden.

 

In der Dämmerung taucht das Ortsschild "Geesthacht" auf, ein Blick auf den beleuchteten Stadtplan am Ortseingang bringt die Gewissheit – verfahren! Schon nach wenigen Kilometern der zweite heftige Dämpfer für unsere Motivation. Als wir die Elbbrücke endlich erreichen, biegt vor uns gerade das letzte gestartete Team (mit Burkhard, dem Veranstalter) ein. Deren Startzeit war 7:30 Uhr – wir haben uns also nach offiziellen 3,4 Kilometern der Strecke einen Rückstand von 38 Minuten eingehandelt (ein schwacher Trost, dass wir immerhin schon 13 km auf dem Tacho stehen haben).

 

Einen Vorteil hat die ganze Sache: Wir können von der Ortskenntnis der Gruppe vor uns profitieren. Mal geht es links hinein in einen unscheinbaren Weg, dann rauf auf den Elbdeich, dann wieder runter – etliche Möglichkeiten, sich zu verfahren.

 

Aber das Glück ist bekanntlich ein flüchtiger Geselle. Schon wenig später lässt mir der erneute Ruf "platt" einen Schauer über den Rücken laufen. Die andere Gruppe entschwindet hinter dem Deich, und Kollege Campi widmet sich der Instandsetzung seines Sportgeräts.

 

Spätestens jetzt sind alle sportlichen Ambitionen Makulatur. Waren wir uns bei der Planung der Sache nicht ganz einig gewesen, wie wir die Herausforderung angehen sollten (ich hatte für mindestens 32er Schnitt und keine Pausen plädiert, andere wollten langsam angehen und nur auf "Ankommen" fahren), so ist jetzt sonnenklar: es geht nur noch ums Überleben. Der Kontrollschluss bei Dömitz um 11 Uhr wächst zur ernsten Herausforderung an.

 

Irgendwann gehen wir wieder auf die Reise. Es gibt nur noch ein paar unbedeutende Zwischenfälle: Kollege Schmadde will den gesamten Rückstand in einer einzigen Kurve wieder gutmachen und legt sich beinahe lang, wir biegen auf der touristischen "Elbuferstrasse" erstmal in die falsche Richtung usw. ...

 



GEBIRGE

 

Wir rollen durch den Kreis Lüchow-Dannenberg, für meine Generation das Symbol für den Kampf gegen die Atomenergie. Kleine Sträßchen, wenig Verkehr, Kühe, Schafe, Schaf-Scheiße auf der Straße, Güllegeruch, Traktorenbrummen – friedlich geht es zu in der Gegend, und das Radeln macht mal wieder extremen Spaß.

 

Am Abzweig nach Hitzacker habe ich plötzlich eine Halluzination. Ich sehe ein Verkehrsschild "bis zu 13% Steigung bergauf und bergab". In dieser Gegend? Das halte ich für vollkommen ausgeschlossen. Aber schon steigt die Straße an – hinter einer bewaldeten Kurve vermute ich das Ende der Steigung und sprinte bergan. Nun geht es linksrum hoch, und die zuverlässige Campa-Record von anno '93 befördert die Kette erstmal ein paar Ritzel weiter nach oben. Ein echter Berg - damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!

 

Irgendwann ist der "Kulminationspunkt" erreicht, und Kollege Weddinger brettert im grössten Gang bergab. Da heisst es ordentlich treten, um dranzubleiben. Alsbald geht es wieder bergan, wieder mit dem ominösen 13%-Schild, und das wiederholt sich noch einige Male, Bei der Schussfahrt in eine Senke zeigt der Computer eine Höchstgeschwindigkeit von über 70 Sachen an. Mehr hatte ich diese Saison nur auf meinen Schwarzwald-Touren zu bieten.

 

Hinter Quickborn geht es nördlich in Richtung Elbbrücke Dömitz. Die knappe Zeit bis zum Kontrollschluss und der erstmalige Rückenwind wecken die Lebensgeister des Kollegen Schmadde. Im Affenzahn brettern wir über die Brücke, auch bei Kurven zieht er voll durch und auf nassem Untergrund rutscht Kollege Weddinger in die Leitplanke. (Dass nicht mangelhafte Kurventechnik die Ursache ist, wird sich später herausstellen.)

 





Boxenstopp


Auf jeden Fall ist unser Timing nahezu perfekt. 5 vor 11 erreichen wir die Kontrollstelle. Erstmals seit langer Zeit sehen wir wieder andere Teilnehmer, vor allem Liegeradler. Die netten Frauen von der Organisation verpflegen uns (u.a. mit sehr leckeren selbstgebackenen Keksen), fotografieren uns schon wieder und geben uns aufmunternde Worte auf den Weg. Nur noch schlappe 180 Kilometer liegen vor uns.

 



WIND

 

Wir fahren durch Mecklenburg-Vorpommern, und jetzt ist das Land auch so platt wie man es sich vorstellt. Es geht durch kleine Ortschaften und Felder, und allmählich kristallisiert sich der Hauptfeind des Tages heraus: ein kalter Südwind. Dem stemmen sich inzwischen nur noch Schmadde und ich entgegen – von den beiden anderen ist keine Unterstützung mehr zu erwarten. Die Aussicht auf sehr anstrengende Stunden bis ins Ziel mobilisiert meinen Kampfgeist.

 

Kurzzeitig führt der Weg wieder nach Norden – mit Tempo 40 bollern wir übers flache Land. So ungefähr hatte ich mir das für die komplette Strecke vorgestellt.

 

Vor Karstädt biegen wir auf die B5 in südöstlicher Richtung. Nach unseren morgendlichen Orientierungsproblemen hatte ich mir die B5 herbeigesehnt – nur noch geradeaus nach Berlin, jegliches Verfahren ausgeschlossen. Jetzt, wo es so weit ist, kein wirklich schöner Moment. Sofort pfeift mir wieder der kalte Wind entgegen, statt pittoresken Landschaften nur noch eine breite gerade Strasse und in der Ferne eine Eisenbahnüberquerung.

 

Nun wird es wirklich eintönig. Noch sind 130 km zu fahren, der Wind kommt von seitlich vorne, die Strasse hat etliche Wellen und nach jeder Welle ist Kollege Campi abgehängt. Der arme Kerl leidet sichtlich und wir müssen unser Tempo drosseln, um ihn nicht dauernd zu verlieren. Kontrollschluss am Ziel ist um 18 Uhr, ungefähr um diese Zeit ist auch Sonnenuntergang. Die sportlichen Ambitionen schrumpfen auf das absolute Minimalziel: Ankommen!

 





Samariter mit Pflegefall


Hinter Perleberg treffen wir auf Andreas, unseren Fahrer. Gelegenheit zur Nahrungs- und Getränkeaufnahme, Klamottenoptimierung und Technik-Check. Dabei stellt sich heraus, dass Kollege Weddinger nur 3,5 bar Druck auf dem Vorderreifen hat. Er war einfach morgens mit unserer Standpumpe nicht zurechtgekommen, sich am Hinterrad die Ventilkappe ruiniert (Ursache für die Panne am Start) und am Vorderrad die Luft abgelassen statt aufzupumpen (Ursache für mangelhaftes Kurvenverhalten). Ausserdem fuhr er den ganzen Tag mit einem aerodynamisch sehr zweifelhaften Kamel-Sack auf dem Buckel. Dies alles hatte ihm die Kräfte geraubt.

 



SONNE

 

Wenn ich etwas hasse, dann im Regen Rad zu fahren. Die Prognose für den Tag war sehr durchwachsen gewesen. In der Nacht hatte es in Hamburg geregnet, die Strassen waren nass. Danach sollte es weitgehend trocken bleiben, erst im Berliner Raum war wieder mit Schauern zu rechnen. Aber wenigstens in dieser Hinsicht hatten wir Glück. Wir kamen gänzlich ohne Regen durch den Tag und häufig schien die Herbstsonne durch dünne Hochnebelfelder.

 

Nach unserem Boxenstopp bot unsere Reisegruppe ein verändertes Bild. Plötzlich tauchte Weddinger, der seit Stunden nicht mehr im Wind gefahren war, an der Spitze auf und machte Tempo. Ein abgeworfener Kamelsack und richtig Druck auf dem Reifen machten ihn wieder zu dem, als der er mir geschildert worden war: ein liebenswerter Chaot mit ordentlich Power in den Waden.

 

Zuviel Power allerdings für unseren Freund Campi, der zusehends zu einem Häuflein Elend mutierte. Alsbald ließ er nicht nur auf den Wellen abreißen, sondern auch im Flachen, sobald das Tempo die 30 km/h-Schwelle überschritt. Während Weddinger im Prinzip die ganze restliche Strecke vorne fuhr und Schmadde dahinter, übernahm ich die Rolle des barmherzigen Samariters und führte Campi jedesmal mit gleichmässigem, nicht zu hohem Tempo wieder heran. Unsere Reisegeschwindigkeit war zwischendurch so stark gesunken, dass die Liegeradler, die wir zwischenzeitlich überholt hatten, uns wieder ein- und überholten.

 

Irgendwann zahlte sich mein gleichmässiges Tempo für Campi dann aus. Er hatte die schlimmste Schwäche überwunden. Ganz allmählich erhöhten wir das Tempo und erreichten wieder die Sportsfreunde mit den 68er-Kettenblättern. Im grossen Pulk erreichten wir Spandau und das Ziel in der Lutoner Strasse. Die Uhr zeigte 17:59. Eine Minute vor Kontrollschluss – das nennt man wohl Punktlandung.

 




Sieger sehen anders aus ...



ZAHLEN

 

Vom Start in Altengamme bis ins Ziel waren es bei mir exakt 283,93 Kilometer (offizielle Streckenlänge waren 271,9 – also 12 Bonuskilometer durch Verfahren). Die reine Fahrzeit betrug 9:22:31 Stunden, das entspricht einem Schnitt von 30,3 km/h.

 

Mit der Anfahrt zum Start und vom Ziel zur U-Bahn bin ich nur ganz knapp an der 300 km-Grenze vorbeigeschrammt. Insgesamt waren wir fast 12 Stunden unterwegs.

 

Die Frage in der Überschrift habe ich für mich selbst noch nicht ganz geklärt.


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