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Pinarella: Pure Emotion

 

"Radsport ist trotz der Dopingproblematik der schönste Sport, weil..."

 

Tja, weil: Da fallen mir einige Gründe ein. Aber der wichtigste, der Grund weshalb ich Radsport so liebe, sind vermutlich die Emotionen, die er in mir auslöst. Vorweg sollte ich vielleicht noch sagen, dass ich von vielen Leuten für einen eher unemotionalen Mensch gehalten werde.

 

Am vergangenen Wochenende sah ich mir mal wieder ein Spiel unseres örtlichen Bundesligavereins in einer Kneipe an. Der Kommentator war völlig begeistert von dem Spiel: "Wenn Sie jemandem die Faszination Fußball erklären wollen, dann zeigen Sie ihm die zweite Halbzeit des Spiels Aachen - Hamburg, Saison 2006!" Ich gebe zu, ich war begeistert! Mitgerissen! Ein tolles Spiel! Voller Spannung! Voller Emotion! Es kribbelte! So was kann man nicht erklären. Muss man mal erlebt haben. Sport löst Emotionen aus. Das haben wir bei der Fußball-WM in diesem Jahr wieder alle gesehen.

 

Aber ich bin mal ehrlich. Es war nur ein Fußballspiel. Diese Fußballemotionen erscheinen mir lächerlich, wenn ich mir überlege, was der Radsport mir auch in diesem Jahr wieder geboten hat. Ich könnte jetzt sagen: "Wenn Sie jemandem die Faszination Radsport erklären wollen, dann zeigen Sie ihm das Finale des U23 WM-Rennens in Salzburg, 2006!" Ich bin sicher, eine neutrale Person, der man das Rennen und das vorher genannte Fußballspiel zeigen würde, würde den Radsport danach lieben.

 

Also, die U23 WM. Aus meiner Sicht war das ein ganz besonderes Rennen, an das ich mich erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. 4 Stunden Live-Übertragung, für gewöhnlich wird es da mitunter auch ziemlich langweilig. Aber dieses Rennen packte mich von der ersten Sekunde an. Nein, eigentlich war die Spannung schon vor dem Rennen da. Gerald Ciolek, das deutsche Sprinter-Super-Talent aus Köln ging als haushoher Favorit ins Rennen. Zumindest aus Sicht der Deutschen. Aber was wäre das für ein Traum, wenn Ciolek, der gerade 20 geworden war, also nur einen Monat älter als ich, in Salzburg U23 Weltmeister werden würde. Gerade die hohen Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, haben mich zweifeln lassen, ob er es schaffen könnte. Aber die Hoffnung war da.

 

Das Rennen befindet sich also in voller Fahrt, ich bin schon irrsinnig nervös, aber von den Deutschen ist bislang gar nichts zu sehen. Die Kommentatoren bringen es auf den Punkt: "Katastrophale Leistung der Deutschen! Es sei denn, das Pokerspiel geht auf und Ciolek gewinnt doch noch." In diesem Moment, schon kurz vor Ende des Rennens, empfindet man dies als höchst unwahrscheinlich. Cioleks Form ist fragwürdig, wie die des gesamten deutschen Teams, und schon wieder ist eine viel versprechende Gruppe weg, gespickt mit Favoriten, einigen der talentiertesten Nachwuchsfahrern der Welt. Die Gruppe hat beste Chancen durchzukommen und von den Deutschen ist immer noch nichts zu sehen. Man wird beim Zuschauen fast wahnsinnig vor Spannung. Die Deutschen müssten doch jetzt mal arbeiten! Die Gruppe einholen und dann das Hauptfeld zusammen halten. Denn nur im Massensprint würde Gerald eine Chance auf eine Medaille haben. Es ist unglaublich spannend.

Und das deutsche Team hat Glück. Wie durch ein Wunder wird die Gruppe wieder eingeholt und am letzten Berg sieht man endlich deutsche Fahrer vorne arbeiten. Gott sei dank, zwei Männer in rot, wer könnte das sein? Der vordere der beiden Tony Martin, geht bald wieder aus der Führung und gleichzeitig gehen wieder Attacken. Jetzt müssten die Deutschen doch versuchen, das Hauptfeld zusammenzuhalten. So kurz vor dem Ziel, wo das Streckenprofil es doch nicht zulassen dürfte, dass eine Gruppe durchkommt.

Und tatsächlich geht einer der Deutschen die Attacken mit. Wer ist es? Nach wenigen Augenblicken ist klar, es ist Ciolek selbst. Der Sprinter hat am Berg angegriffen. Das entlockt mir ein leises "Oh, mein Gott" und aus der mittelmäßigen Nervosität wird plötzlich eine ziemlich große. Ich beginne zu zittern. Sollte es vielleicht doch funktionieren? Die Gruppe bildet sich also, man kann sich jedoch kaum vorstellen, dass die anderen Fahrer auch Führungsarbeit übernehmen wollen, Ciolek zum Sieg fahren. Es wird unerträglich spannend.

Ich zittere am ganzen Körper. Gerald muss selber sehr viel durch den Wind und vergeudet so Kräfte, die ihm im Sprint fehlen werden. Aber er hat nur diese eine Chance und muss auf die Mithilfe seiner Kontrahenten hoffen.

Ich kriege vor Anspannung richtig weiche Knie und mir wird sogar etwas schlecht. Die Gruppe ist sich einig, dann wieder uneinig. Aber auch im Hauptfeld ist man anscheinend unentschlossen, es wird nicht konsequent nachgefahren. Je näher die Fahrer dem Ziel kommen, desto näher rücke ich an den Fernseher heran, bis ich schließlich kurz davor sitze, das Sofakissen im Arm gequetscht. Die Kilometer verstreichen langsam und noch immer hat Ciolek mit seiner Gruppe einen leichten Vorsprung. Aber selbst, wenn dieser ins Ziel gerettet werden könnte, welcher der Fahrer würde es auf einen Sprint gegen Gerald ankommen lassen? Die müssen doch wohl wissen, wie schnell er ist, und dass er im letzten Jahr bei der deutschen Profimeisterschaft Erik Zabel und Robert Förster geschlagen hat?

Ich beiße die Zähne zusammen und drücke das Sofakissen noch fester zusammen. Mein Puls steigt in astronomische Höhen und ich wette mein Herz schlägt gerade schneller als die Herzen der Fahrer. Die letzten Kurven und plötzlich ist klar, das Hauptfeld kommt nicht mehr heran. Jetzt also alles oder nichts! Mir wird ganz schummrig. In einem Wahnsinnstempo donnert die Ausreißergruppe um die letzte Kurve. Dann kommt der unvergleichliche Antritt des Kölners. Im gleichen Moment springe ich auf. Die Kommentatoren sind aus dem Häuschen. Und ich schreie nur noch: "Jaaaaaaa! Jaaa! Komm schon Gerry! Zieh durch! Jaaa!"

Es fühlt sich an als würde ich jeden einzelnen Tritt herbei schreien, jede Pedalumdrehung. Gerald legt all seine geballte Kraft in die Pedale und ein paar tausend Radsportfans in deutschen Wohnzimmern legen Samstagmorgens ihre geballte Kraft da rein, Gerald verbal ins Ziel zu schieben, Meter für Meter...

 

Er fährt als Erster über die Ziellinie. Für einen kurzen Moment Fassungslosigkeit. Dann wird klar was gerade passiert ist. Gerald Ciolek ist Weltmeister der U23.

Ab dann bin ich völlig hysterisch. Ich laufe mehrere Minuten im Wohnzimmer auf und ab, juchzend, nervös und glücklich, immer mit dem Blick auf den Fernseher. Die Siegerehrung nehme ich nur in Trance war. Ich bin körperlich fertig, wie nach einem Ausdauerlauf. Oder als wäre ich das Rennen selber gefahren. Fix und fertig! Aber total glücklich! Den ganzen Tag laufe ich noch mit einem fetten Grinsen im Gesicht rum, zum Glück bessert sich das mit den weichen Knien auch mit der Zeit. Was war das bloß? Wie kann jemand, den ich nur von Fernsehbildern, aus Zeitschriften oder dem Internet kenne, jemand mit dem ich höchstens mal ein paar Worte gewechselt habe, derart starke Emotionen auslösen? Unfassbar!

 

An Doping verschwende ich keinen Gedanken mehr, sobald ich die Emotion lebe. Ob bei der WM, bei der Tour de France, Giro d'Italia, den Frühjahrsklassikern oder nur kleinen Kirchturmrennen. Die ganze Saison über löst der Radsport in mir unglaubliche Gefühle aus. Jeder, der einmal so etwas mit gefühlt hat, wie ich bei der U23 WM in diesem Jahr, wird wissen, warum der Radsport so liebenswert ist, denn kein Dopingfall der Welt kann jemals echte Emotionen zerstören.


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