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Deutsche Ärzte und Doping



Wilfried Kindermann

Prof. Dr. Wilfried Kindermann war 1962 Leichtathletik-Europameister mit der 4x400-Meter Staffel. 1979 wurde er zum Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes ernannt. 2009 ging er in Ruhestand.

10 Jahre lang fungierte er als Mannschaftsarzt des DFB, war „Chief Medical Officer“ beim FIFA Confederations Cup 2005, bei der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und ab 2000 Chef-Olympiaarzt. Bis Mai 2006 hatte er den Vorsitz des Wissenschaftlich-Medizinischen Beirats des Deutschen Sportbundes (DSB) inne. Weitere Funktionen: Mitglied der Medizinischen Kommission des Europäischen Fußballverbandes (UEFA), Präsidiumsbeauftragter für Medizin im DLV und Stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Sportmedizin des DFB, Vorsitzender der medizinischen Expertenkommission des DOSB, Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Fußballbundes (DFB) sowie des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und des Kuratoriums der Nationalen Antidoping-Agentur (NADA). (Vita)

 

 

Der heute hochangesehene Sportmediziner Wilfried Kindermann, dessen ehrenamtlich Funktionen, auch als Anti-Doping-Kämpfer kaum überschaubar sind, muss sich immer wieder gegen Vorwürfe wehren, die ihn mit Dopingforschung und -Anwendung bzw. -toleranz in Verbindung bringen. Er selbst weist solches weit von sich. So erklärte er 2007: "Ich habe nie Pro-Doping-Forschung betrieben, wir wussten in den siebziger Jahren aber auch nicht das, was wir heute über Anabolika und die Nebenwirkungen wissen." Die Studien von Keul habe er lediglich als Assistent mit ausgewertet, und "seitdem werde ich in Sippenhaft mit ihm" genommen." (der Spiegel, 5.7.2007)





Prof. Dr. Wilfried Kindermann hat seine Ausbildung zum Sportmediziner in Freiburg erhalten. Damals lernte er, "dass der Radsport total dopingverseucht ist".

"Ich hatte in Freiburg zu Beginn meiner sportmedizinischen Laufbahn ein Schlüsselerlebnis, da hat mir ein Radsporttrainer berichtet, was so alles im Radsport üblich sei, er wollte mir wohl imponieren und mir zeigen, dass ich diesbezüglich ein Waisenknabe bin. Im Nachhinein bin ich ihm dankbar, denn seitdem ist der Radsport für mich tabu gewesen. Ich hab nie irgendwelche Betreuungsaufgaben im Radsport gemacht , ich habe meinen Ärzten hier in Saarbrücken am Institut der Universität klar gemacht, dass ich es nicht wünsche, dass meine Mitarbeiter Radsportler betreuen, abgesehen von den jährlichen Gesundheitsuntersuchungen im Rahmen der Landeskader."
(Doping und die Freiburger Sportmedizin, Juni 2008, SWR BB)

Kindermann war 1976 Mitautor einer Untersuchung von Keul und Deus, die an 10 Normalpersonen und 15 Gewichthebern den "Einfluss von Nandrolondecanoat vor und nach zweimonatiger Behandlung sowie 4 Wochen danach" erforschte. "Ferner wurden die Untersuchungsbefunde von 57 Sportlern, die anabole Hormone eingenommen hatten, auf Schädigungen bzw. Funktionsstörungen hin überprüft." Die Autoren stellten zwar bei 34 Personen Schädigungen fest, da diese aber nach Absetzen des anabolen Steroids zurückgehen würden, wurde eine Unbedenklichkeitserklärung ausgestellt: "Diese Befunde (...) lassen den anabolen Steroiden keine allgemeinschädigende Wirkung zuordnen (...)." Daher gebe es aus medizinischen Gründen keine gesicherten Einwände gegen die Einnahme bei Männern, bei Frauen und Kindern sähe dies aber anders aus. "Ein Verbot von anabolen Hormonen mit dem Hinweis auf die Schädigung, die nicht bewiesen ist, lässt die ärztliche Beratung bzw. den Arzt selbst fragwürdig erscheinen und ist daher nicht empfehlenswert." ((1), S. 210f)

Irritierend hierzu liest sich die Aussage von Kindermann in der FAZ vom 26.10.1976: "Im Osten kommen Frauen auch mit tiefen Stimmen durch den Alltag. Dort sind sie sozial abgesichert," ((4), S. 43)

Die nicht bewiesene Schädigung durch anabole Steroide bekräftige Kindermann 1977 nochmals: "In der gesamten Literatur habe es gerade einmal 20 Fälle von Lebertumoren nach Anabolikaeinnahme gegeben." (NZZ, 12.10.2006)

 

Kindermann und Keul forschten in den 70er Jahren auch über Betablocker, Herzmedikamente. Mittel, die im Gegensatz zu den anabolen Steroiden, die Sportler seit 1970 nicht anwenden durften, erlaubt waren. An Bobfahrern sollte erkannt werden, ob sie Angstgefühle vertreiben könnten. Wolfgang Zimmerer, erfolgreicher Bobfahrer in den 70er Jahren über Einsatzmöglichkeiten: „Es gibt eben Leute, Aktive, die wo eben der Nervenbelastung nicht standgehalten haben, ja. Und für denen, glaub ich, war so ein Mittel unheimlich stark, also unheimlich gut. Die haben ihren Körper besser im Griff gehabt, ja.“ (rbb, 14.9.2006)

 

In der Medical Tribune vom 20.5.1977 wird zu Privatdozent Dr. Kindermann festgehalten, dass er die Verabreichung anaboler Steroide aus sportethischen Gründen ablehne. Die Richtlinie des deutschen Sportärztebundes, wonach die Verabreichung von Pharmaka an Gesunde nicht statthaft sei, besitze für ihn jedoch keine Gültigkeit, "solange Millionen von Frauen die Antibabypille einnehmen und auch verschrieben bekommen, ohne daß eine medizinische Indikation besteht."

 

Auch an den durch das BMI und das BiSP geförderten Testosteron-Studien Ende der 80er Jahre soll Prof. Kindermann zusammen mit J. Keul und Ernst Jakob beteiligt gewesen sein. (dradio, 22.2.2009, 4:47Min)

 

Wilfried Kindermann testete auch später neue Medikamente an Athleten. 1998 wurde bekannt, dass Stephane Franke und Damian Kallabis zur Leichtathletik-EM, vom Freiburger Arzt Heinz Birnesser und von Dr. Uwe Wegner aus Hannover auf Bitte Infusionen mit dem Blutplasma-Expander HES bekommen hatten, die Rezepte stammten von Hausärzten. HES stand damals nicht auf der Liste der verbotenen Mittel, aber es war bekannt, dass es bei EPO-Doping das Blut zu verdünnte. Franke erzählte daraufhin, er habe das Mittel bereits 1995 von Wilfried Kindermann erhalten. (Rhein-Zeitung, 4.12.1998).

1998 führten die HES-Gaben zu schweren Vorwürfen gegen die Sportler und deren Ärzte, die in Rechtfertigungsnot kamen. Der EPO-Verdacht wurde offen diskutiert. HES kam bald auf die Verbotsliste. 1995 war die Zeit dafür noch nicht reif. EPO verbreitete sich gerade rasant, da man nun die schweren Nebenwirkungen - es waren bis 30 Todesfälle zu beklagen - in den Griff bekam, man wusste besser zu dosieren und das Blut zu verdünnen. Kindermann erklärte, er habe HES auf Frankes ausdrücklichen Wunsch infundiert.

 

Dr. Kindermann ist kein Doping-Arzt, ihm ist nichts nachzuweisen. Aber er war, so sieht es aus, offen für neue Mittel, die leistungssteigernd sein könnten, immer bereit, Grenzen auszureizen. ""Mir ist es ein Dorn im Auge", sagt Kindermann, "daß man heutzutage bei jedem bißchen gleich infundiert: Elektrolyte, Vitamine, Glukoselösungen." Gleichwohl würde auch er aus psychologischen Gründen, um einen labilen Athleten am Wettkampftag zu stabilisieren, mal eine Vitaminspritze setzen. "Solange es nicht verboten ist und nicht schadet", so laute die oberste Maßgabe." (FAZ, 9.9.2000)

 

Ende der 90er Jahre und später forschte Kindermann zu anabolen Steroiden und wies deren Langzeitschäden nach. U. A. stellte er fest, dass anabole Steroide für den plötzlichen Herztod verantwortlich sein können. (Link)

 

Seit dem 22. Mai 2007 leitet Prof. Dr. Wilfried Kindermann ein ständiges

medizinisches Expertengremium, welches dem DOSB und seinen Mitgliedsorganisationen in allen Doping relevanten Fragen beraten soll.

 

2008 / 2008 arbeitete er als Berater an der Stellungnahme zu der Problematik 'Doping und Ärzte' der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer mit. (Link, 2006)

 

 



 

von Maki, Februar 2009


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