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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



Fahrrad-Poesie - Derek Walcott

Lyrik: schwierig. Gedichte? Ich verzichte. So denken die meisten. Aber die Literatur der Menschheit fing mit gewaltigen Gedichten an – Homer mit der „Ilias“ und der „Odyssee“ -, die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri besteht aus sich durchweg reimenden „Terzinen“, und in Deutschland hatten wir Goethe, Schiller und Heine, die aber alles konnten, auch Prosa. Von den rund 110 Nobelpreisen für Literatur seit 1901 gingen 27 Ehrungen an Lyriker (darunter 4 Frauen), also fast ein Viertel. Auch heute schreiben Menschen noch Gedichte. Zu ihnen gehöre ich, und ich spreche auch gern über die Dichtkunst. Wie man das machen kann und das Fahrrad mit einbringt, sieht man sogleich.






Derek Walcott ist heute 84 Jahre alt und wird gern als der „Homer der Karibik“ bezeichnet. Walcott bekam 1992 den Nobelpreis, und kürzlich legte ich mir seinen 2010 erschienenen Gedichtband „White Egrets“ zu (Weiße Reiher). Bei der Lektüre fiel mir auf, dass im Text zuweilen Fahrräder vorkommen, und so dachte ich, meine Liebe zur Lyrik mit derjenigen zum Fahrrad zu kombinieren und eine kleine Untersuchung zu starten. Großes kann nicht herauskommen, aber an vier kleinen Beispielen lernt man vielleicht doch etwas.



Weiße Reiher



Blick aufs Meer:
Palavas-les-Flots bei Montpellier



Katzen-Balcony und Bicycle
(Rehetobel, Appenzell-Innerrhoden)

Derek Walcott erzählt in dem Gedichtband aus dem Leben, schildert Impressionen aus Reisen nach Italien und Spanien, stöhnt über das Alter, aber er tut dies mit seiner unangestrengten, schön rhythmisch dahinfließenden Sprache; man muss begeistert sein. Zwei Mal taucht das Fahrrad auf, weil es zur Szenerie gehört, also eher zufällig. Aber elegant, wie Teil VI seines Poems „In Italy“ (Seite 56 der Hanser-Ausgabe) beginnt:

 

The blue windows, the lemon coloured counterpane, / the knowing that the sea is behind the avenue / with balconies and bicycles …

 

In der Übersetzung von Werner von Koppenfels:

Die blauen Fenster, die Tagesdecke, zitronengelb, / wissen, dass die See gleich hinter der Allee / mit ihren Balkonen und Fahrrädern liegt ...

 

Das wird Walcott natürlich gefallen haben, diese Alliteration (oder Stabreim; so nennt man es, wenn zwei Wörter mit demselben Buchstaben beginnen) „balconies and bicycles“; vielleicht hat er darum das Fahrrad eingebracht. Im Deutschen hat der Übersetzer eine Art Reim eingebaut (See / Allee), das ist hübsch, aber natürlich fließt unsere Sprache da nicht so richtig, die „Allee mit ihren Balkonen und Fahrrädern“ kann sich nicht vergleichen mit dem Trochäus von „with bálconies and bícycles“.

 

Seite 60 (Teil IX) ist nicht so wichtig, da blickt der Dichter rasch herum und nennt sein

compact, modest hotel, / white walls of summer, tinkle of the ice-cream cart, / baking bicycle path and mineral water bottle.

 

Er schreibt also, er sei fern

„dem bescheidenen Kompakthotel, / dem klingelnden Eiskremkarren, den weißen Sommerwänden, / der Mineralwasserflasche, kochenden Fahrradwegen ...“





Ein Radfahrer am Meer, bei Narbonne



Zwei Hochradfahrer in Belgien

Da hat der Übersetzer aus Gründen des Rhythmus jeweils die beiden Glieder der Zeilen umgedreht. Walcott zeichnet meisterhaft rasch eine Stimmung, die man aus dem Urlaub kennt: Man hört fast das Klingeln, riecht fast den kochenden Fahrradweg, sieht Sommerwände und die Mineralwasserflasche.

 

Nehmen wir dann Seite 114. Kapitel 29. Eine alte Frau wird geschildert, die spricht und sich an Europa erinnert, dort, in der Karibik.

„It is ‚old Europe’ in her voice“, geht es los: „Das ‚alte Europa’ in ihrer Stimme.“ Es ist „a Europe spiked with spires“, „ein Europa von gotischen Spitzen besetzt“ in Werner von Koppenfels’ Übersetzung, und zwischendrin die überraschende Stelle:

In her voice silent bicycles / glide along paths: ‚We have great woods / in Belgium’ ...

 

Deutsch: „Ruhige Räder gleiten in ihrer Stimme den Weg entlang: ‚Wir haben große Wälder / in Belgien’ ...“

 

Das Fahrrad ist hier eine Metapher des Friedens, und das kaum wahrnehmbare Geräusch ist in ihrer Stimme; vielleicht sind Fahrräder auf einem stillen Weg das tiefinnerste Bild einer Welt im Frieden, mit sich im Frieden.



Der Briefträger, der Mähmann



Radfahrerin in Südfrankreich



Trainieren am Sonntag. Bei Narbonne

Doch wir wissen, dass das Fahrrad auch etwas Anderes sein kann: Kampfmaschine und Fluchtgerät. Die Art, in der man in die Pedale tritt, schafft den Eindruck. Und Derek Walcott mag an so etwas gedacht haben – an das Trügerische der „ruhigen Räder“ -, als er ein kühnes Bild aufs Papier brachte. In Kapitel 23 geht es um den Versuch, auch mit fast achtzig noch in Form zu bleiben und nicht an das Lebensende zu denken. Lustig fängt das an:

„What? You’re going to be Superman at seventy-seven?” – “Wie? Du willst Superman werden mit siebenundsiebzig?”

Der “Himmelsglaube verliert sich jetzt, wo deine Freunde sterben”, heißt es weiter.

Und dann, Achtung:

Still making his rounds, / the postman, the scyther, Basil, whatever you call him -/ a cyclist silently exercising on Sunday /down a shade-striped avenue of casuarinas / with bursts of foam on the breakwater’s wall.

 

Das bedeutet:

“Er dreht weiter seine Runde, / der Briefträger, der Mähmann, Basil, oder wie heißt er gleich -/ der Radler auf leisen Reifen, er ist sonntags am Trainieren / auf der schattengestreiften Allee von Casuarinas, / dazu Schaumspritzer auf dem Wellenbrecherwall.“

 

Er weiß, es muss einmal passieren, einmal erwischt es ihn, aber trotzdem: frühmorgens schwimmen, die Sonne meiden, „trotz all dem Gehuste“.



Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, so steht das in einem Barockgedicht. Hier bei Walcott kann Gevatter Tod auch ein harmloser Geselle sein, ein Radfahrer an der Küste, leise (silently) und gefährlich. Da hat der Dichter das Fahrrad und seinen Piloten in einem ungewohnten Zusammenhang gesetzt. Er gleitet am Menschen vorbei, unmerklich, und eines Tages ist er plötzlich da, lautlos, steht bei dir und gibt dir ein Zeichen: mitkommen! Sowas denken sich Lyriker aus.

 

Wir fahren natürlich weiter, „silently exercising on Sunday“, aber nun ist es anders, im Frieden ist eine geheime Drohung versteckt, den für Walcott der Radfahrer ausdrückt, der am Sonntag darum auch besonders schnell fährt, damit ihn der andere nicht einholt.



 

© Text und Fotos Manfred Poser, Februar 2014


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