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Saunier Duval-Prodir - Giro d'Italia 2006

von steamboat, Mai 2006



Vorschau

Saunier Duval nimmt wieder wie 2005 (Garate) nicht ohne Ambitionen am Giro teil. Schließlich hat man ja auch Gilberto  Simoni, den Vorjahreszweiten der Corsa Rosa, verpflichtet. Da Saunier Duval nicht zu den reichen Formationen im Peloton zählt, verwunderte ein Transfer dieser Größenordnung ein wenig. Er lässt sich allerdings sehr leicht mit dem Zeitpunkt des Transfers begründen. Simoni hatte eigentlich dem neuen Team Sony Ericsson zugesagt. Als sich das Konstrukt aber als Seifenblase entpuppte, stand einer der größeren Namen des Radsports auf der Straße.

Da sein Ruf im Peloton aber als sehr exquisit gilt, wie z.B. die Ablehnung Bjarne Riis in Bezug auf eine Verpflichtung dokumentiert, und andere Teams ihre Planungen zu dem späten Zeitpunkt bereits beendet hatten, entwickelte sich die Teamsuche zu einem schwierigen Unterfangen. Diesen Umstand nutzten die umtriebigen Manager von Saunier aus. Simoni mangelte es offensichtlich an Alternativen und er unterschrieb, was Saunier Duval mit einem Schlag zu einem beachteten Team beim Giro werden lässt.

 



Der Kapitän

Gilberto Simoni ist als zweimaliger Sieger des Giros natürlich einer der Topfavoriten für die diesjährige Austragung. Er zeigte sich bei der Präsentation des Streckenverlaufs sehr begeistert, durch den er sich wegen der vielen Bergankünfte und wenigen Zeitfahrkilometer im Vorteil gegenüber einiger seiner Konkurrenten sieht. Ob er Recht hat, kann ich von dieser Warte aus nicht sagen. Tatsächlich muss man ihn jedoch zu dem kleinen Kreis der Siegesanwärter zählen. Zwar blieb er 2005 ohne Etappensieg bei der dreiwöchigen Landesrundfahrt, dennoch stellte er seine exzellente Klasse in den Bergen unter Beweis und letztlich fehlten ihm nur 29 Sekunden, um den Giro zu gewinnen, der nicht zuletzt wegen der besseren Rouleureigenschaften von Savoldelli gewonnen wurde.

 

Simoni weiß beim Giro eine treue Mannschaft hinter sich. Aus den Reihen des Aufgebots droht im keine Konkurrenz. Verglichen mit 2005 stellt dieser Fakt einen Vorteil für ihn dar. Diesem Gefühl konnte er sich vorab im Vorjahr nicht sicher sein, da sein vermutlich größter Gegner im eigenen Team fuhr, der ihm 2004 die Show gestohlen hatte und nur den dritten Rang im Gesamtklassement überließ. Dieser Fahrer war einer der Gründe, warum Simoni das Team überhaupt wechselte.

Er hatte beim Giro eine Schlacht gewonnen, den Krieg aber verloren.“

Hinter diesem martialischen anmutenden Satz ist seine Geschichte im letzten Jahr gut um- und beschrieben. Sein Feind im eigenen Nest hieß Damiano Cunego. Als Titelverteidiger ins Rennen geschickt, galten sowohl ihm als auch Simoni die Aufmerksamkeit bei Lampre. Simoni, der im Umgang nicht als unkompliziert und diplomatisch gilt, gebärdete sich als eifersüchtig. Negative Bemerkungen über seinen jüngeren Mitstreiter in der Öffentlichkeit blieben keine Seltenheit.

 

Als sich zeigte, dass 2005 das Pfeiffersche Drüsenfieber der größere Gegner und Hemmschuh als der Colle Finestere für Cunego war, wähnte sich Simoni auf der Siegerstraße. Teamintern behielt er Recht, aber Basso (CSC) und Savoldelli (Discovery Channel) blieben sehr starke Gegner. Zwar musste auch Basso gesundheitsbedingt Federn lassen, aber Simoni, über Cunego triumphierend, blieb nur die Rolle des  unterlegenen Wolfs gegenüber einem Falken. Diesen Umstand beklagte „El lobo loco“ und beschwerte sich über die mangelnde Teamunterstützung, im speziellen über die von  Damiano Cunego.

So konnte es nicht weiter gehen.

Simoni scheint für den Giro gerüstet. Er hat sich einem harten Training gewidmet. U.a. ist er in den Windkanal gegangen, um seine Position im Zeitfahren auf dem Rad zu verbessern. Besonders in dieser Disziplin gerät er besonders im Vergleich zu Savoldelli und Basso ins Hintertreffen, Cunego hingegen gilt als deutlich schwächer im Kampf gegen die Uhr.

 

Es scheint, dass Simoni auf dem besten Wege ist. Er hat allerdings drei Probleme:

1.) Cunego

Simoni zieht 2006 beim Giro wieder in den Vergleich mit seinem Erzrivalen bei Lampre. Dieses Mal müssen sie nicht sieben Teamkollegen miteinander teilen, sondern jeder hat acht Kollegen an seiner Seite. Zu schön wäre für ihn ein erneuter Erfolg über Cunego und über sein altes Team.

Dabei hat er bereits in dieser Saison mindestens zwei schmerzvolle Niederlagen erlitten. Beim Giro del Trentino unterlag er Cunego im direkten Duell einer Etappe und musste dem jüngeren auch die Gesamtwertung überlassen. Auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich musste Simoni Cunego den Vortritt lassen. Momentan scheint der Lampre-Fahrer ein Übergewicht zu haben.

Und selbst wenn er Cunego beim Giro in die Schranken verweisen sollte, so sieht er sich noch mit anderen Protagonisten konfrontiert. Sollte Basso fit an den Start gehen und nicht wie im Vorjahr aufgrund von Magenbeschwerden straucheln, führt der Weg zum Gesamtsieg nur über Basso, der in den Bergen Simoni mindestens ebenbürtig scheint und im Zeitfahren überlegen ist. Außerdem warten Danilo Di Luca, Paolo Savoldelli sowie José Rujano auf ihre Chance, die auch ihre eigenen Chancen nicht zugunsten von Simoni zurück stellen.

 

2.) Sein Alter

In den letzten beiden Jahren hat sich gezeigt, dass Simoni in den Bergen nicht mehr mit derselben Dynamik wie einst seinen Kollegen davon ziehen kann. Eher hat sich angedeutet, dass er an Bissigkeit eingebüßt hat. 2004 begründete man diesen Sachverhalt noch mit dem Doppelstart bei Giro und Tour. 2005 jedoch verlor er zeitweise gegenüber Basso und Savoldelli gar den Anschluss. Auch Simoni kann die Uhr nicht zurück drehen und der Zahn der Zeit nagt auch an ihm. Er ist kein Armstrong des Giros, er ist nicht der Patron der Corsa Rosa.

 

3.) Seine Mannschaft

Nimmt man das Papier zur Hilfe, erkennt man unweigerlich, dass Simoni im Vergleich zu Lampre, CSC und Discovery Channel  das ungleich schwächere Team anführt. Seine Mannschaft wird ihm loyal zur Seite stehen – wenn sie denn dieses von ihren Fähigkeiten überhaupt kann.

Besonders im Mannschaftszeitfahren muss Simoni befürchten, dass ihm die Konkurrenz viel Zeit abnehmen wird. Wie erwähnt, zählt Simoni nicht zur Beletage der Zeitfahrer, seine Teammitglieder noch viel weniger. Besonders Leonardo Piepoli, der Faustpfand im Gebirge, verliert regelmäßig einige Plätze, wenn er alleine gegen das Ticken der Uhr ankämpfen muss. Bei der letztjährigen Tour de France z.B. fiel er beim abschließenden Zeitfahren von Platz 20 auf 23 zurück.  

Die Zeit, die Simoni im Verbund mit seinen Kollegen gegenüber CSC oder Discovery Channel voraussichtlich verliert, könnte ihm sehr weh tun, wenn es ihm entgegen seiner Vermutung nicht gelingen sollte, die verlorene Zeit im Gebirge wieder aufzuholen. Gegenüber Savoldelli mag die Rechnung noch aufgehen. In Bezug auf Basso sind erhebliche Zweifel angesagt.

 

Als Manko wird sich auch erweisen, dass Simoni keine Mitstreiter zum Team mitbringen konnte, sondern mit den Fahrern zufrieden sein musste, die bereits bei Saunier Duval waren. Ansonsten sollte man annehmen, dass die Teamkonstellation stärker seine Handschrift tragen würde, da er dann vermutliche erfahrenere Kollegen zur Equipe gelotst hätte. Z.T. wirken seine Mannschaftskameraden noch recht grün bezüglich der Anforderungen, die auf sie zukommen könnten.

 



Seine Mitstreiter

Schon genannt wurde Leonardo Piepoli, der besonders in den Bergen seinem Chef den Rücken freihalten sollte. Piepoli, der aufgrund seiner nicht vorhandenen Zeitfahrqualitäten es nie zu einem überragenden Klassementfahrer brachte, ist mit 35 Jahren nicht mehr der jüngste, scheint aber an guten Tagen immer noch eine wertvolle Unterstützung zu sein. Auf seinen Schultern lastet die Hauptverantwortung der Arbeit, wenn es gilt, Simoni in eine aussichtsreiche Position zu geleiten.

 

Diese Bürde teilt er sich mit Guido Trentin, der von Cofidis verpflichtet wurde. Der Mann aus Grandate wurde 2002 15. bei der Vuelta und gewann dort auch eine Etappe. Damals nahm man noch an, dass er mehr Meriten erwerbrn könnte. Es reichte für ihn jedoch nur zu einem Fahrer mit soliden Fähigkeiten, ohne dass ihm aber der ganz große Wurf gelingen konnte. Er wird aber seinen Chef in den Bergen gelegentlich schützen und stützen können.

 

Auch dem Spanier Ruben Lobato, 16. beim Giro 2004, kann man zutrauen, Simoni wertvolle Dienste in den Dolomiten und Alpen zu leisten. Wenn man aber die Unterstützung der anderen Favoriten sieht (CSC – Sastre, Julich, Cuesta; Discovery Channel – Danieslon, Beltran, Rubiera; Lampre – Valjavec, Bruseghin, Vila), dann vermutet man zwangsläufig auch in diesem Bereich die Vorteile nicht bei Saunier Duval.

 

Zu dem Aufgebot gehören ferner noch „Litu“ Gomez, Manuele Mori, Marco Pinotti sowie Aaron Olsen und Piotr Mazur, die erst wenige Tage vor dem Girobeginn ins Team rutschten, weil einerseits der Schweizer Rubens Bertogliati verletzungsbedingt seine Teilnahme absagen musste. Andererseits verzichtete Saunier auf den jungen Neo Ricardo Ricco, der für die Sprintankünfte vorgesehen war. Ricco hat sich aber etwas ominös in eine Dopinggeschichte verstrickt, weshalb man als Vorsichtsmaßnahme den Italiener nicht an den Start schickt. Gomez, Pinotti, Mori, Olsen und Mazur gelten als Wasserträger im Team, die eigene Wünsche dem Hauptziel des Teams komplett unterordnen müssen.

 



Prognose

Simoni wird es schwer haben, noch einmal nach dem Sieg und den Sternen beim Giro zu greifen. Bleiben alle gesund, werden Cunego und Basso ihm gegenüber einen kleinen Vorsprung haben. Aber auch ein Podiumsplatz muss erst einmal erstritten sein. Selbst ein Etappensieg erscheint angesichts der Konkurrenz keineswegs selbstverständlich. Letztlich wirkt Simoni mit diesem Team deutlich benachteiligt. Von den anderen Fahrern darf man ohnehin keine Wunderdinge erwarten.    


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