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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



23. International Cycling History Conference ICHC:
Radfahrgeschichte in Flandern


Das Fahrrad, eine der nobelsten Erfindungen der Menschheit, hat eine lange Geschichte, die sich auch wissenschaftlich betrachten lässt. In Roeselare in Flandern wurde die 23. International Cycling History Conference unter dem Motto „Wheels of Change“ (Das Rad der Veränderung) abgehalten: eine Konferenz über die Geschichte des Radfahrens (cycling), also nicht nur des Fahrrads.



Der Schauplatz



Das Wielermuseum Roeselare, Veranstalter der Konferenz



Gespannte Erwartung vor dem ersten Vortrag; Konferenzatmosphäre

Die 58 000 Einwohner zählende Stadt Roeselare liegt 40 Kilometer südwestlich von Gent. Dort steht das renommierte Wielermuseum (Fahrradmuseum) Roeselare, das die Konferenz zur Geschichte des Radfahrens ausrichtete. Ein elegantes kleines Kongresszentrum gab den passenden Rahmen dazu ab. 1989 war die Konferenz gegründet worden, und zunächst war sie bloß eine Plattform für Sammler und Technik-Enthusiasten. Nun fand sie zum 23. Mal statt, und sie war, wie Beobachter meinten, die beste bislang - mit einem dichten, breit gefächerten Programm und wissenschaftlichem Zuschnitt.



Paul Farren, neben seiner Frau Charlie und Annemarie Driver (was für ein schöner Name jemanden, der dauernd mit dem Rad unterwegs ist!) der dritte Australier in Gent, hatte mich für die Konferenz gewonnen.






Noch ein paar andere Gent-Mitfahrer hielten Vorträge: Annemarie Driver, Gary Sanderson, Glen Norcliffe und Ron Miller. Ich hatte ein großes Presse-Schild um den Hals baumeln, und dann gab es noch einen zweiten, belgischen Journalisten. Elsie und Tony Huntington nahmen auch teil. Ich reiste vom Campingplatz an, um Geld zu sparen und fuhr an den beiden Tagen der Vorträge die 30 Kilometer über plattes Land nach Roeselare. Mit dem Rad, versteht sich.



Der erste Tag

Nun werde ich die Vorträge kurz streifen, damit ein Eindruck der Bandbreite der Konferenz entsteht. Die Räder drehen sich und treiben die Geschichte an. Daniel Shea, ein junger Literaturprofessor aus Tennessee, sprach über die Agrarkrise in England von 1870 bis 1895. Viele Landbewohner strömten in die Städte, wo das Leben immer schneller verlief und man das Land als Idyll wahrnahm. Zu Tausenden fuhr man mit den Rädern hinaus, dort erholte man sich; das „Wochenende“ wurde erfunden. 1881 kaufte sich Queen Victoria ihr erstes Rad, und im seit 1867 bestehenden Bundesstaat Kanada erhob sich zwei Jahre später The Canadian Wheelman: Die ersten Fahrradklubs entstanden.




Glen Norcliffe (Mitte), links (zu uns gewandt) Daniel Shea



Kaffeepause
im
Garten



Glen Norcliffe und Ron Miller sprachen über diese heroische Zeit, als junge ledige Männer zum Fahrrad griffen und immer nur fahren wollten (heute ist es ähnlich, nur ist es der schwarze BMW) und auch die 1000 Meilen von Niagara nach Boston kein Hindernis waren. Die Radler verstanden sich als Elite und entwickelten gegenüber ihren US-amerikanischen Kollegen ein neues Selbstbewusstsein. Santiago Gorostiza nahm den Tour-Triumph von Federico Bahamontes 1959 als Beispiel, um die Jahre von 1950 bis 1975 zu beleuchten, die Franco-Jahre, in denen bis 1962 das Rad unangefochten blieb, bis allmählich der (1957 erstmals gebaute) SEAT 600 die Motorisierung einläutete.



Der Engländer Daniel Friebe berichtete über seine Eddy-Merckx-Biografie und bestätigte, dass seine Suche nach einem Geheimnis vergeblich geblieben sei. Merckx war einfach der Beste, hatte Nervenkraft und wollte immer nur gewinnen. So wurde er zum „Kannibalen“. Heute ist er 67 Jahre alt und tourt hochgeachtet als Mäzen und Unternehmer durch die Lande. Thomas Ameye (Belgien) griff drei Sportler heraus – darunter auch eine Frau, Hélène Dutrieu (1877–1961) -, die allesamt um 1890 als Radfahrer angefangen hatten, dann zum Automobilsport und schließlich zur Fliegerei wechselten. Der Geschwindigkeitsrausch machte sie berühmt und reich.






Der Referent verriet, dass Belgien 1900 das am meisten industrialisierte Land der Welt war und vor 100 Jahren der erste Belgier, der Flame Odile Defraeye, die Tour de France gewann: „from zero to hero“.





Die Flandern-Rundfahrt: Vor dem Museum hat jeder Sieger einen Pflasterstein

>>> Portrait Flandern-Rundfahrt



Das Hochrad-Signet auf dem T-Shirt von Gary Sanderson

Dann hatten die Soziologen das Wort. Bart Vanreusel verwies auf eine Studie, nach der die Flandern-Rundfahrt immer noch Ausdruck lokaler Identität sei, und Nicolas Lefevre zerstörte den medialen Mythos, dass Profiradfahrer meist aus den unteren Schichten kämen. Soziologen werfen gern mit schicken Vokabeln um sich, die etwa Identity hopping oder Borderless heroes heißen, aber man hat den Verdacht, ihr Bild vom Profiradsport sei in den 1950-er Jahren hängen geblieben. Sie wollen ja wie alle Wissenschaftler immer nur Zahlen und Daten, und wenn es auf der Konferenz oft um die Fahrradproduktion eines Landes ging, liegt das auch daran, dass man diese Zahlen leicht findet.

 

In einer Pause sagte mir Tony Huntington: „Die Zahlen der Fahrradproduktion interessieren mich wenig; ich würde gern etwas über die Arbeiter wissen.“ Aber Geschichte „von unten“ und Alltagsgeschichte kamen erst spät ins Repertoire der Universitäten. Als François Cauderay in Rehetobel meine Stella Veneta Anfang Mai aus dem Museum holte, meinte er, dieses Fahrrad passe zu mir, damit solle ich in Gent fahren. (Dort haben sie es mir dann geschenkt!). Dabei erzählte er, wie ein gewisser Giuseppe als italienischer Fremdarbeiter 1961 mit dem Rad in die Schweiz kam, und er meint: „Das Fahrrad war immer das Fahrzeug der einfachen Leute, der Armen.“ Das sollte bei der Forschung über das Fahrrad ein Leitgedanke sein.





David V. Herlihy signiert sein Buch The Lost Cyclist, und danach schenkt er es mir.

Dann die Ästhetik: Nicholas Oddy aus Glasgow mokierte sich über die mediokren Trophäen für siegreiche Fahrer, und Scottford Lawrence beschrieb die Schwierigkeiten, den Radfahrer als Skulptur, also dreidimensional darzustellen. Danach entführte Ana Santos die Zuhörer nach Lissabon, wo es um 1895 auch Radfahrzeitschriften und 8000 Radfahrer gab. Allerdings verschwinden diese Räder nach den Weltkriegen, tauchen weder auf Fotos noch in Artikeln auf. Wo waren sie geblieben? Ich meine: Im Süden Europas ist es zu heiß, und (nun unwissenschaftlich) eine männlich geprägte „Kultur der Stärke“ stempelt den Radfahrer zum Schwächling. Man fährt Auto, wenn es geht.

 

Der erste Tag schloss (für mich) mit einem Beitrag von David V. Herlihy (mit Thomas Burr), der heraus fand, dass der deutsch-französische Krieg 1870/71 die französische Fahrradproduktion bis 1874 kaum beeinträchtigte. Herlihy hat übrigens mit dem Buch Bicycle eine opulente Fahrradgeschichte vorgelegt und zuletzt The Lost Cyclist geschrieben über den Deutsch-Amerikaner Frank Lenz, der 1892 um die Welt fahren wollte und ein Jahr darauf in der Türkei verschollen blieb.






Das Programm der Konferenz, erster Tag



Der dritte Tag

Warum schon der dritte Tag? Am zweiten Tag fuhr die Konferenz mit dem Zug nach Knokke, um dem Start einer Etappe der Tour de Belgique beizuwohnen, und es gab nur vier Vorträge. Was der Tscheche Jan Kralik jedoch über ein „Hobbyhorse“ in einem Museum in Prag zu sagen hatte, hätte mich schon interessiert. Der dritte Tag erst (Samstag, 21. Mai) war wieder gut mit Vorträgen bestückt.





Morgan Barlow gewann mit ihrem Projekt den Young Scholars' Prize der University of Brighton.

Drei junge Wissenschaftler sprachen über ihre Ergebnisse. Stjin Knuts aus Belgien stellte die Geschichte des Radfahrens zu Freizeitzwecken seit 1866 in seinem Land vor, Sue-Yen Tjong Tjin Tai aus den Niederlanden zeichnete den Aufstieg des Fahrrads zur nationalen Ikone des Landes zwischen 1879 und 1940 nach, und Morgan Elisabeth Barlow aus England sprach über Tessie Reynolds, die 1893 als 16-Jährige mit dem Rad von Brighton nach London fuhr, dabei besondere Klamotten trug und dadurch berühmt wurde.

 

Dann: die Technik. Der Engländer Nicolas Clayton dozierte über das 1886-er Modell „Courier“ der Firma Singer. Er stellte die Frage: „Gibt es hier Leute wie mich, denen beim Anblick dieses Rades kurz das Herz aussetzt und der Atem rascher geht?“ Drei Teilnehmer hoben die Hand, unter ihnen der sympathische Kanadier Ron Miller (er fuhr auch, wie ein Uhrwerk, die 100 Meilen in Gent (>>>IVCA-Rallye), der sich später in einer Pause in die Büsche schlug und in sein Handy sprach – aber nicht, um seine Verlobte oder Frau zu sprechen, sondern um sich in London zu erkundigen, ob die Teile für sein altes Sunbeam-Fahrrad eingetroffen wären. Sie waren.





Gerd Böttcher mit seinem Nachbau des Richter-Dynamos (unten links, grün)

Robert Sterba aus Tschechien beschäftigte sich mit fraglichen Fällen von Michaux-Maschinen in Museen, das war für Spezialisten, und dann stellte uns der Kanadier Chris Morris die AW-Dreigang-Nabenschaltung vor, entwickelt von William Brown für Sturmey Archer in Nottingham. War schon am Lenker zu betätigen und wurde von 1938 bis 1956 gebaut. Brillante Ideen tauchten zur selben Zeit an verschiedenen Ecken der Welt auf, beobachtete Morris. Schön. Fichtel und Sachs hatten später eine ähnliche Nabenschaltung. Das war ein temperamentvoller Vortrag.

 

Techniker bringen immer mehr Leidenschaft mit als Soziologen, auch wenn das bei Heinrich Bültemann und Gerd Böttcher nicht so ausgeprägt wirkte, doch sie sind Deutsche mit einer stillen Passion für die Präzision. Der Bremer Böttcher hat einen wunderbaren Dynamo des Leipzigers Richard Weber nachgebaut, der 1886 patentiert wurde, jedoch den Nachteil hatte, zu schwer und zu teuer zu sein. Es war nicht seine Schuld, dass es bis 1910 keine Dynamoproduktion mehr gab, und der Weg zu den heutigen Halogenlampen und Nabendynamos war lang.






Das Programm der Konferenz, dritter Tag



Noch einmal zur Leidenschaft: Hier will ich den allerersten Vortrag der Konferenz nachtragen, weil ich ihm den ersten Preis verleihen möchte. Er gefiel mir am besten, weil er rhetorisch brillant war, es viele Bilder zu sehen gab und es um Menschen und Hoffnungen ging. Ron Thompson aus Südafrika referierte über die Rolle des Fahrrads auf seinem Kontinent. Er sagte, das Fahrrad sei eine Mobilitätsmaschine, eine Veränderungsmaschine. „Cycling as sport and transport“, das war ein grandioses Wortspiel. Vor 100 Jahren gewann übrigens ein südafrikanischer Radsportler eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. „Where there’s a will, there’s a wheel.“ Afrikanische Frauen fahren nicht Rad, das gehört sich nicht, aber kleine Mädchen fangen nun damit an. Thompson arbeitet in einem Projekt, um junge Menschen in Afrika ans Rad zu gewöhnen. Die betreffende Seite heißt Mobilising kids with bikes! Viel Glück.




Bilder
aus
Afrika



Der Referent, Ron Thompson, fährt so einfach davon.



Zum Abschluss dann Geschichte anhand von Menschen: Major Baden-Powells (Bruder des Pfadfinder-Erfinders) Militärrad, das man zusammenklappen konnte, beschrieb John Green, Gary Sanderson stellte uns die sechs Akrobaten-Brüder Hanlon vor, die 1867 das Fahrrad in den USA populär werden ließen, und Stephen Ransom wusste viel über das Leben des Hochrad-Rennfahrers Jon Thomas Johnson. Uff!

 

Jetzt waren wir (und sind wir) aber geschafft. Wissenschaft ist ganz schön anstrengend. Die Teilnehmer bereiteten sich auf den Gala-Abend vor, und der verbliebene einzige Journalist fuhr, sein Presse-Schild um den Hals, nachdenklich mit seinem Rad übers flache Land nach Osten, nach Waregem, voll der Eindrücke und immer noch (und vielleicht sogar noch mehr) der Meinung, dass das Fahrrad eine der größten Erfindungen der Menschheit sei.

 






Die Teilnehmer der 23. ICHC
Foto Renate Franz



 

© Text und Fotos Manfred Poser, Juni 2012


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