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Ein Rücktritt, ein Rücktritt vom Rücktritt und ein Weltmeister

 

Wettbewerbsbeitrag von Cyclist

 

Alles fing an mit einer kurzen Pressemitteilung Cipollinis auf seiner Homepage: Er werde zurücktreten, weil man ihn in dieser Welt des Radsports nicht mehr möchte. Die ersten Reaktionen: Schock, Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit bei Fans, Rennfahrerkollegen, Journalisten und Radsportexperten. Das kann doch nicht sein ernst sein?!? Der beste Fahrer der laufenden Saison, einer der besten Sprinter der Radsportgeschichte überhaupt tritt ab – von heute auf morgen.

 

Gespannt warten alle auf die angekündigte Pressekonferenz: 15. Juli 2002, Florenz. Mario Cipollini spricht vor den Kameras. Was er uns zu sagen hat ist im Grunde nicht viel: er werde zurücktreten, er habe diesen Entschluß zuhause in Monte Carlo gefaßt, Gründe seien die erneute Nichtberücksichtigung für die Tour de France und das Verhalten des Sponsors seines Teams, der sich zu keinem Zeitpunkt bei ihm für seine Erfolge beim diesjährigen Giro bedankt habe. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es noch: Er sagt, es sei momentan sein Wunsch aufzuhören, vielleicht würde er die Entscheidung in 14 Tagen schon wieder bereuen. Um gleich anzufügen: Er habe nicht oft in seinem Leben seine Meinung geändert.

 

Soweit die Fakten. Richtig schlau wird niemand daraus. Er will aufhören, sicher, vielleicht... oder doch nicht? Weiß er überhaupt selbst, was er will?

 

Mario Cipollini ist sicher keine einfache Persönlichkeit. Er sagte mal in einem Interview, er stelle extrem hohe Anforderungen an sich selbst und erwarte dies auch von seinem Umfeld, und wenn dieses dem nicht gerecht werde, könne er zur Diva werden. Doch deswegen gleich alles hinzuschmeißen nach fast 14 Jahren als Berufsrennfahrer? Da muß es noch andere Gründe geben, Gründe die wir nicht kennen und die vielleicht nicht nach außen dringen sollen.

 

Oder ist alles ganz anders und das ganze ist nur eine geschickte PR-Kampagne?!? Seit der Nichtnominierung Saecos 2001 für die Tour de France ist Cipollini über den TdF-Direktor Leblanc verärgert und läßt keine Gelegenheit aus, seine Abneigung öffentlich zu äußern. Die Bekanntgabe des Rücktritts während der Tour France war sicher ein taktischer Schachzug um zu zeigen, wie groß das Interesse an seiner Person ist, Tour de France hin oder her. In 14 Tagen könnte seine Meinung anders aussehen, sagte Cipollini in Florenz. In gut 14 Tagen befindet sich die Tour de France in der Schlußphase, also dann der Rücktritt vom Rücktritt um mal wieder Leblanc etwas zu ärgern?

 

Die Saison 2002 lief für Cipo bis zu diesem besagten Tag im Juli optimal: Erfüllung seines Kindheitstraumes mit dem Sieg bei dem Weltcuprennen Mailand – San Remo, Sieg beim Halbklassiker Gent – Wevelgem und dann seine beeindruckende Vorstellung beim Giro d’Italia 2002 mit sechs Etappensiegen (persönlicher Rekord). Kaum einer kann sich wirklich vorstellen, daß Cipollini freiwillig auf die Möglichkeit verzichten wird auf einer sprinterfreundlichen Strecke in Zolder Weltmeister zu werden und 2003 beim Giro d’Italia den Uraltrekord von 41 Etappensiegen von Alfredo Binda einzustellen.

 

Auf der anderen Seite ist Cipo frustiert über die aktuelle Entwicklung im Radsport mit den vielen Doping- und Drogenskandalen. Auch den mangelnden Respekt und die zunehmende Kälte in der aktuellen Welt des Radsports hat er nicht nur einmal beklagt. Fehlende Professionalität und das Desinteresse vieler Kollegen an den aktuellen Problemen sind weitere Kritikpunkte. Verläßt er also die Welt des Radsports, weil er sich dort nicht mehr zuhause fühlt? Oder weil er in anderer Funktion seinen Einfluß auf die weitere Entwicklung des Radsports, den er so liebt, geltend machen möchte?

 

Die nächsten Wochen bringen viele Spekulationen mit sich. Cipollini tritt zunächst bei diversen Kriterien an um sich seinen Fans zum letzten Mal zu zeigen? Richtig glauben mag das keiner. Alle anderen Fahrer aus dem Zebra-Express gehen bei diversen Rennen an den Start, alle bis auf Mario Scirea, der ankündigt, wenn Mario bei seinem Entschluss bleibe, werde auch er zurücktreten. Und dann immer wieder die Meldungen aus Italien. Cipollini habe sich in die Toscana zurückgezogen, trainiere wie ein Tier – zusammen mit Mario Scirea.

 

Dann Ende August die erlösende Meldung: ein offener Brief an seine Fans auf seiner Homepage: Er werde nun doch weiterfahren. Er beeilt sich zu versichern, dass der Rücktritt kein Bluff gewesen sei, vielmehr habe er zu diesem Zeitpunkt wirklich das Gefühl gehabt aufhören zu wollen und nie gedacht hätte, dass er das noch einmal überdenken werde. Er komme zurück, weil sein kranker Vater von dieser Entscheidung nichts mitbekommen habe. Und dann sei da noch die Begeisterung der Fans gewesen. Lange Rede, kurzer Sinn: Mario is back.

 

Gespannt ist man auf seinen ersten Auftritt nach dem Rücktritt vom Rücktritt. Mario startet mit seinen Kollegen von Acqua e Sapone bei der Vuelta. Wie wird seine Form sein? Gut, er hat die ganze Zeit hart trainiert, lag nicht wie üblich am Strand von Forte die Marmi, aber Training und Rennen sind doch zwei paar Schuhe... Cipollini macht aber schnell klar, dass er nach wie vor der Mario Cipollini vom Frühjahr ist. Er gewinnt in der Anfangsphase der Vuelta drei Etappen, lässt den direkten Konkurrenten wie Zabel oder Petacchi keine Chance, zieht sich nach diesem Schock für die Konkurrenz wieder in die Toscana zurück, um sich für die WM im belgischen Zolder vorzubereiten.

 

Die Wochen vor der WM werden beherrscht von der Frage: wird Italien dieses Mal als Mannschaft auftreten oder werden Fahrer wie Bettini oder Petacchi nicht wieder ihre eigene Chance suchen wollen? Die Meinungen gehen auseinander. Auch Cipollini ist unsicher, alles wird auf diesen einen Sonntag im Oktober in Zolder ankommen. Das Wetter ist Cipollinifreundlich, zwar kalt, aber trocken und realtiv windstill. Es gibt zwar immer wieder kleinere Attacken, doch je näher das Rennende rückt, desto klarer wird, dass Italien dieses Mal wirklich nur einen Kapitän hat: Mario Cipollini. Alle Löcher werden von den Italienern zugefahren, man will nichts dem Zufall überlassen. Als nach einem Massensturz nur noch etwa 30 Fahrer auf die Zielgerade einbiegen, zeigt Mario wer der beste Sprinter ist. Alles in allem ein würdiger Weltmeister, bestätigt doch dieser Sieg die aktuelle Hierachie im Sprint des Jahres 2002.

 

In den Stunden seines grössten Triumphs zeigt sich Mario ganz anders als wir ihn eigentlich kennen. Ruhig, fast bescheiden antwortet er auf die Fragen in der Pressekonferenz. Bei der Siegerehrung scheint er überwältigt von seinen Gefühlen, doch von einem will er in diesen Stunden nichts mehr wissen: von seinem Rücktritt. Er erzählt jetzt von seinen grossen Plänen für die Zukunft: Sieg auf der Via Roma im Weltmeistertrikot und den Rekord von Binda zu brechen. Hoffentlich überlegt er es sich nicht wieder anders, denn bei einem Mario Cipollini weiss man nur eines: man kann sich nie sicher sein, dass er seine Meinung nicht doch wieder ändert.. Jetzt warten wir aber erst einmal gespannt, welches modisches Schmankerl sich Re Leone für 2003 einfallen lassen wird.


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