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BRD / DDR - Vergangenheit



Prof. Gerhard Treutlein: Begründung der Nichtbewerbung um das DOSB Forschungsprojekt Dopinggeschichte in Deutschland Ost und West





Betr.: Forschungsprojekt Dopinggeschichte (vgl. Ausschreibung Oktober 2008)

 

An den Direktor des Bundesinstituts

für Sportwissenschaft

Herrn Jürgen Fischer

PF 170148

 

53117 Bonn 5.12.2008

 

 

Sehr geehrter Herr Fischer,

 

nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschlossen, keinen Antrag zu stellen. Nachfolgend werde ich die Gründe für meine Entscheidung aufführen, die Sie bitte der entsprechenden Kommission und den Gutachtern zur Kenntnis bringen wollen.

 

Folgende Negativerlebnisse mit dem BISp liegen meiner Entscheidung zugrunde:

 

* So genannte „Gutachten” der Herren Keul und Klümper zum Manuskript unseres Forschungsprojekts von 1971 - 1974 (Pfetsch et al.) (nachzulesen bei Singler/Treutlein 20074, S. 357 - 384), für die sich nie jemand entschuldigt hat, trotz mehrerer Aufforderungen durch mich.

 

* Ablehnung von zwei Forschungsanträgen 1991 und 1992 zum Doping in der DDR und der BRD (zum zweiten Antrag wurde mir von einem Referenten des BISp bestätigt, dass er gut war) - Ergebnis des Vorhabens, das dann vorwiegend auf privater Basis finanziert wurde, sind die Veröffentlichungen von Singler/Treutlein (2000,2001), Arndt/Singler/Treutlein (2004) und Knörzer/Spitzer/Treutlein (2006).

 

* Nichtbeantwortung von 2 Schreiben an den BISp-Direktor Dr. Büch (mit der Bitte der Möglichkeit der Einsichtnahme in Forschungszwischen- und Endberichte zu genehmigten Forschungsvorhaben der Sportmediziner Keul, Kindermann, Hollmann, Liesen (Schreiben vom 1.2. und 1.8.2000).

 

* Aktivitäten des Herrn Dr. Müller-Platz gegen meine Person - er dürfte wohl immer noch der Hauptverantwortliche des BISp für die Dopingthematik sein. Er hat während seiner Amtszeit bei der Aufgabe der Aufarbeitung der westdeutschen Dopinggeschichte aus meiner Sicht völlig versagt.

 

* Nichtumsetzen von relevanten Informationen (z.B. durch Dieter Quarz und Ralf Meutgens) in Forschungsaufträge.

 

* Fehlende Umsetzung der Ergebnisse von Forschungsprojekten in Aufträge zur Umsetzung in Praxisrelevanz.

 

* Ablehnung meines Antrags im November 2007 zur Erhebung der Präventionsaktivitäten in Deutschland zwischen 2004 und 2007. Vor diesem Hintergrund sehe ich die Formulierung eines Antrags und das Ausfüllen von vielen Formularen als Zeitverschwendung an. Ich habe aber auch inhaltliche Probleme.

 

* Im Prinzip enthalten die Bücher von Berendonk, Bette/Schimank, Meutgens und Singler/Treutlein alle wesentlichen Fakten. Erkennbare Konsequenzen wurden daraus nicht gezogen; der deutsche Sport und auch die Politik haben weiter agiert, als sei nichts gewesen oder nichts bekannt. Es steht von daher kaum zu erwarten, dass das Ergebnis einer weiteren Forschungsarbeit zu deutlicheren Konsequenzen führen würde.

 

* Von den 45 Zeitzeugen, die Andreas Singler und mir zur Verfügung standen, ist ein Teil bereits verstorben. Während Sportlerinnen und Sportler unserem Eindruck nach recht ehrlich geantwortet haben, war dies aus unserer Sicht umso weniger der Fall, je höher die Funktion des Zeitzeugen im deutschen Sport. Hier wurden meist nur wohlformulierte und oft nichtsssagende Floskeln geäußert. Warum sollte dies Jahre später anders sein oder wo sollen bisher nicht benutzte Dokumente auftauchen?

 

* Zeitzeugen, die etwas aussagen könnten, wie z.B. Prof. Dr. Clasing, Prof. Dr. Steinbach, Prof. Dr. Kindermann, Prof. Dr. Hollmann, Prof. Dr. Liesen (oder Kristin Otto zur Frage der Integration in Gesamtdeutschland nach der Wende) werden dies nicht im nötigen Umfang tun, geschweige denn Ärzte wie Dr. Heinrich, Dr. Huber, Prof. Dr.Schmidt u.a.m.. Warum sollten sie auch, wo sie dies schon in der Vergangenheit nicht getan haben. Wo sollen also neue Erkenntnisse herkommen?

 

* Interessant wäre ja schon, wer solche in der Zwischenzeit schon fast sporthistorischen Figuren wie Clasing, Huber, Kindermann, Hollmann u.a.m. in entsprechende Gremien befördert hat, die entweder sich in der Dopingbekämpfung engagieren sollten oder über Forschungsanträge, die aus unserer Sicht eher zu staatlich geförderter Dopingforschung geführt hat. Darüber dürfte es im Zweifelsfall keine aussagekräftigen Protokolle geben oder der Zugang wird verweigert werden, oder noch besser: Entsprechende Unterlagen wurden vernichtet. Als Erstes könnte das BISp ja die Unterlagen zu den Testosteron-Forschungsprojekten der 80er Jahre offen legen.

 

Es bleibt also die Frage: Was ist der Sinn dieses Forschungsvorhabens und welches Ergebnis wird angestrebt?

 

Wir haben es mit der gleichen Problematik zu tun wie bei der Aufarbeitung der Geschichte des Sports im Dritten Reich: Einigermaßen emotionslos wird eine Aufarbeitung erst nach dem Tod wesentlicher Akteure und einer Neubesetzung wesentlicher Gremien und Funktionen durch unbelastete Leute möglich sein; dann fehlen aber erst recht die relevanten Zeitzeugen. Und schriftliche Dokumente dürften dann kaum zusätzlich zu finden sein.

 

Vor diesem Hintergrund schlage ich eine Abwandlung des Forschungsauftrags vor: Herstellung einer Synopse der oben genannten Bücher und Formulierung von Vorschlägen, wie die Dopingproblematik - auf der Grundlage der Kenntnisse aus der Vergangenheit - in Zukunft angegangen werden soll (vgl. hierzu auch das Gutachten von Singler und Treutlein für die Bundestagsstelle für Technologiefolgenabschätzung im letzten Jahr). Für eine solche Aufgabe kommen nur ausgewiesene Experten in Frage, die auch über die nötige Zeit verfügen wie z.B. Andreas Singler, Giselher Spitzer oder Ralf Meutgens. Ohne diese bereits vorliegende Kompetenz könnte die Umsetzung des ausgeschriebenen Auftrags in einer Geldverschwendung münden.

 

Mit freundlichen Grüßen!

 

Prof. Dr. Gerhard Treutlein


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