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BRD / DDR - Vergangenheit



Deutscher Leichtathletikverband DLV:
Dopingkontrollen in den Wendejahren 1990 und 1991




Die ersten Jahre der deutschen Wiederveinigung des Sports waren geprägt von der Diskussion über die Dopingpraxis in Ost und West. Schadensbegrenzung stand an. Als wirkunsvollstes Mittel den Griff nach leistungssteigernden Mitteln zu erschweren, wurden Kontrollen, insbesondere Trainingskontrollen angesehen.

Die deutsche Leichtathletik, die in den Wendejahren ganz besonders unter Dopingvorwürfen ächzte, sah sich gezwungen aktiv zu werden. Da mir hierzu einige Informationen vorliegen, habe ich versucht, die Diskussion und das damit verbundene verbandsinterne Vorgehen zu ordnen und darzustellen. Ein Vergleich mit anderen Verbänden ist mir nicht möglich.

Vielleicht ist es aus heutiger Sicht interessant zu sehen, wie manche gegenwärtig heiß favorisierten Maßnahmen bereits vor 20 Jahren angedacht und wieder fallengelassen wurden. Und so manche Äußerung könnte auch aus unserer Zeit stammen.



Doping-Realitäten



Kontrollen 1988
Anabolika und Sport, 1990:
1988 wurden in IOC-akkreditierten Labors 47 069 Dopingproben analysiert. In 2,5% (total 1153 Proben) aller untersuchten Urine fanden sich Spuren von Substanzen welche auf der Dopingliste des IOK aufgeführt sind. Spitzenreiter war Nandrolon vor Testosteronestern.

BRD-Dopingkontrollstatistik von Manfred Donike für 1988:
Insgesamt wurden 2831 Proben genommen, davon waren 161 positiv, 5,69%. Prof. Donike: "Die Dunkeziffer ist nach wie vor hoch." Die häufigsten gefundenen Mittel waren Anabolika, die meisten positiven Proben fanden sich bei den Bodybuildern, dann folgen die Gewichtheber, die Reiter waren mit 8 positiven Fällen dabei.

Das IAAF hatte 1989 150 000Dollar für Kontrollen zur Verfügung gestellt. Eine Kontrolle kostete 250 Schweizer Franken. Zu teuer für viele: "Inzwischen gibt es auch schon erste Meldungen, wonach Ausrichter und Verbände vor den Kosten der Doping-Kontrollen zurückschrecken und sie einfach reduzieren."(LA, 7-1989, S. 195)

Dopingkontrollen Leichtathletik-WC Barcelona 1989:
Unter Leitung von Manfred Höppner (DDR) wurden 40 Proben genommen. Aus jeder der 36 Disziplinen wurde eine/r der ersten 6 getestet.
(LA, 37-1989, S. 1170>

Die Diskussion im Jahr 1990 um die Verbreitung des Dopings beherrschte die internationale und besonders die deutsche Sportwelt. Zum einen war klar, dass in der DDR flächendeckend und systematisch gedopt worden war, zum anderen gab es kaum Zweifel daran, dass auch im Westen Doping nichts Unbekanntes war. Spätestens seit dem Tod von Birgit Dressel und dem spektakulären Dopingfall Ben Johnson herrschte in allen Lagern große Unruhe. Offen wurde diskutiert, ob die erwarteten Höchstleistungen ohne Doping möglich wären und ob die Rekorde der letzten Jahre allein der künstlichen Leistungssteigerung geschuldet waren. Aufgrund der weiten Verbreitung anaboler Steroide hatte sich z. B. Prof. Dr Manfred Donike bereits 1989 für die Erstellung von Steroid-Profilen eingesetzt, da diese damit über einen wesentlich längeren Zeitraum als die gewöhnlichen 6 Wochen nachweisbar seien.

 

Im Zuge der Diskussionen wurde zudem die Frage immer lauter gestellt, ob man einige Rekorde, vor allem der Leichtathletik und der Kraftsportarten nicht annulieren müsste. Zumindest die Kontrolldichte und -art gehöre verstärkt. Langsam ging, auch international, kein Weg mehr an Trainingskontrollen vorbei. 1989 beschlossen 11 Ländern (darunter USA, UDSSR, Deutschland) ab dem 1. 1. 1990 regelmäßig Trainingskontrollen durchzuführen.

 

Andererseits standen 1992 die nächsten Olympischen Spiele an und so manche deutsche Verantwortliche des Leistungssport, Funktionäre, Trainer, Politiker und Sportler träumten angesichts der Wiedervereinigung von einem Goldregen, einem reichen Medaillensegen. Doch auch sie kamen nicht um Forderungen nach vermehrten und besseren Kontrollen, insbesondere nach Trainingskontrollen, herum.

 

Prof. Dr. Manfred Steinbach, 1990 Präsidiums-Mitglied des Deutschen Leichtathletikverbandes und Abteilungsleiter und Ministerialdirektor im Bundesgesundheitsministerium, drückte dieses Bestreben in einer amtlichen Mitteilung des DLV aus:





Kontrolluntersuchungen vor wichtigen Sportveranstaltungen fanden auch in Westdeutschland statt, sofern die Gefahr bestand, dass Sportler positiv getestet werden konnten:
siehe die Fälle Alwin Wagner und Gerhard Strittmacher,
die von Arzt Armin Klümper mit Anabolika behandelt wurden.



Olympische Spiele Los Angeles 1984:
Vorkontrollen der USA/USOC

"Durch die politischen Wandlungen unserer Tage brechen zur Zeit jene Sportorganisationen zusammen, denen systematisch die Anwendung von Dopingsubstanzen, also wesentlich mehr als deren Duldung nachgesagt wird. Die Ausreiseanalyse bei im Ausland startenden Athleten ist oder war die makabre Etikette solcher Praxis. Der DLV - damit ist der Verband als solcher gemeint - hat niemals eine solche Politik vertreten, es wäre dies in unserer offenen Gesellschaft nie möglich gewesen. Natürlich gibt es immer wieder einmal Gerüchte über die Involvierung einzelner Funktionsträger und Trainer - auch von enttäuschter und geltungssüchtiger Seite, aber solange nicht Roß und Reiter genannt sind, bleiben es Gerüchte, die zu keiner Konsequenz nötigen. Umgekehrt wer in unseren Reihen dopt oder wissentlich die Augen zudrückt, ist nicht haltbar. (...) Zum Teil ist es ja schon so, daß eine gute Leistung anständiger Athleten sofort in den Verdacht des Dopings gebracht wird. Um dem vorzugreifen, haben u.a. die Zehnkämpfer und Hochspringer schon vor geraumer Zeit freiwillige Trainingskontrollen angeboten.





IAAF-Dopingfälle 1990 (SZ, 29.1.1991)

Das neue DLV-Präsidium hat seine Arbeit beinahe zeitgleich mit den Trainingskontrollen aufgenommen, die vom DSB im Zuge eines ersten Pilotversuches vorgenommen werden. Mit Genugtuung verzeichnen wir, daß sämtliche Pilotproben, also auch der der sechs beteilgten Leichtathletik-Disziplinen, negativ waren.

In Kürze wird diese Trainingskontrolle auf alle Diziplinen ausgedehnt. Sollte dies im Gefolge dieser Maßnahme eine internationale Niveausenkung spezieller Disziplinen ergeben, dann werden wir nicht zögern, unsere Richtwerte und Qualifikationsleistungen sofort und unbürokratisch anzupassen. (...)

Der Preis für diese Art Ethik ist hoch, muß doch neben der Leistungsförderung ein teures und aufwendiges Kontrollwerk aufgebaut werden. Dies ist gleichwohl gerechtfertigt, solange Leistung und Leistungssport in der Öffentlichkeit einen so hohen Stellenwert haben, wie dies der Fall ist."





Das erwähnte Angebot der Zehnkämpfer hatte keine Freude hervorgerufen. Im Gegenteil, deren konsequente Antidopinghaltung schwor heftige Auseinandersetzungen herauf und führte zum Bruch mit dem Verband. Sie hatten das Zehnkampfteam gegründet, einen Verein von ca. 90 Zehnkampf-Experten, mit dabei auch ehemalige Aktive, Ärzte und Trainer. Ganz oben auf ihrer Absichtsliste standen freiwliige Trainingskontrollen, um deren Finanzierung sie sich selbst kümmerten und dafür Sponsoren suchten. Von Mai 1991 an sollten die 22 Kaderathleten alle 6 Wochen getestet werden.





"Im Zusammenhang mit den Vorwürfen des "Zehnkampf-Teams" bestätigte Prof. Steinbach, daß er auch im Sinne von Leistungssportdirektor Horst Blattgerste und Cheftrainer Dr. Schubert ein Verfahren über DLV-Rechtsanwalt Norbert Laurens gegen die Zehnkämpfer einleiten werde. In der teameigenen Zeitung war Steinbach aufgrund seiner angeblich unzureichenden Bemühungen im Kampf gegen das Doping und weiterer "Fehlleistungen" eine "Banane" verliehen worden. Auch BLattgerste und Schubert - aufgrund seiner "Hochrechnungen" hinsichtlich der notwendigen Leistungen zum Erreichen einer Medaille bei den Olympischen Spielen 1992 - waren in der Zeitung auf süffisante Weise attackiert worden."
(LA, 35-1991)

Ausgelöst wurde der Protest der Zehnkämpfer durch die mangelnde Antidopinghaltung von Trainern und Funktionären. Auch Sportwart Manfred Steinbach hatte sich geweigert vor den Qualifikationswettkämpfen für die Europameisterschaft zusätzliche Dopingtests zu veranlassen. Die Sportler finanzierten daraufhin "Sondertrainingskontrollen" aus eigener Tasche. Zudem waren selbst Wettkampfkontrollen bei den Deutschen Mehrkampfmeisterschaften abgesagt worden, angeblich aus finanziellen Gründen. Nicht hinehmbar war für die Athleten aber vor allem die Absicht den DLV-Cheftrainers Wolfgang Bergmann und den Schweriner Bernd Jahn für die Zehnkämpfer verantwortlich einzustellen. "Bergmann wird vorgeworfen, sich den geforderten Dopingkontrollen ("Warum eigentlich?") zu widersetzen. Der Cheftrainer hatte bei den Europameisterschaften in Split den Vorschlag der Siebenkämpferin Christiane Scharf, sich jeden Monat freiwillig prüfen zu lassen, als "Blödsinn" bezeichnet. (...)

Jahn hatte bei einem Athletentreffen Ende Oktober in Bernhausen zusätzliche Dopingkontrollen abgelehnt, weil man "doch 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona möglichst viele Medaillen erreichen" wolle. Zehnkampf-Weltmeister Torsten Voss hatte sein Mißtrauen gegen den Meistermacher schon vorher artikuliert und sich von Jahn getrennt - unter anderem wegen Meinungsverschiedenheiten über die Notwendigkeit der Einnahme von Anabolika." (der Spiegel, 26.11.1990)



Das konsequente Vorgehen der Zehnkämpfer brachte den DLV in Zugzwang. Er musste sich äußern. So beschloss das DLV-Präsidium Ende 1990 ein Programm mit dem es u.a. ein dichtes Kontrollnetz versprach:




Leichtathletik, 50-1990



Diese Programm war auch Thema des wenige Tage später stattfindenden ersten Treffens der DLV-A-Kader-Athleten aus Ost und West. Ergebnis war auch hier eine Erklärung:




Zitat aus Leichtathletik 51/52-1990



Nun mussten sich auch die Verbandsärzte und der Verbandsrat mit der Dopingthematik befassen. Noch vor Weihnachten 1990 beschloss der Verbandsrat in Frankfurt am Main (Gäste waren u.a. Prof. W. Kindermann, Prof. E. Munzert, Harald Schmid, Heinz Weis, Ingrid Thyssen und die DLV-Cheftrainer).




Zitat aus Leichtathletik 1-1991



Geplant waren damit 2000 Proben von Sportlern in Sportlerinnen des A-Kaders sowie weitere 600 zufällig ausgeloste aus B- und C-Kader. "Dabei ist besonders erwähnenswert, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband nicht nur seine Verbandsärzte zur Verfügung stellt sondern sogar Eigenmittel für die Durchführung der Kontrollen einsetzt." Eine DLV-Verbandsratskommission unter Leitung von Theo Rous, dem Präsidenten des LV Nordrhein, mit Harald Schmid, Heide Ecker-Rosendahl und Renate Stecher sowie je einem Vertreter der DLV-Sponsoren Mercedes-Benz, IBM und Fuji (war später nicht dabei), sollte sich intensiv mit dem Antidopingkampf auseinander setzen.

 

Der DLV gab kurze Zeit darauf folgende Mitteilung heraus: "Die A-Kader der alten Mitgliedsverbände werden ab sofort [zu den zusätzlichen Kontrollen des Bundesausschuss Leistungssport (BAL) ] durch DLV-Verbandsärzte in den Olympiastützpunkten untersucht, für die Untersuchung der Athleten in den neuen Mitgliedsverbänden sind die Landesvorsitzenden persönlich verantwortlich. Auch hier werden Verbandsärzte eingeschaltet." Für alle männlichen A-Kader-Athleten werde ab sofort von Prof. Donike ein "Steroid-Profil-Atlas" angelegt. Gleichzeitig werden Kontrollen auch in Trainingslagern im Ausland anlaufen. (LA, 2-1991)

 

Theo Rous präzisierte später in einem Interview: "Die BAL-Kontrollen der rund 600 Athletinnen und Athleten in den A-, B- und C-Kadern des DLV werden erweitert, wobei es statt monatlich bisher 10 Kontrollen 50 Kontrollen, mit dem Zufallsgenerator ausgelost, geben wird. Der DLV wird eigene 14tägige Kontrollen seiner 82 Kaderathleten durchführen." Trainings- und Wettkampfaufenthalte im Ausland, die länger als 4 Tage dauern, müssen angemeldet werden. In einigen Ländern bat der DLV nationale Verbände und den IAAF um Unterstützung, in Spanien und Portugal übernahm der DLV selbst. Angestrebt werden soll, dass die 14-tägigen bekannten Kontrolltermine zu unangekündigten werden:




Zitat aus Leichtathletik, 4-1991





"Ein "rollendes Dopinglabor" wurde an der Freiburger Klinik für Sport- und Leistungsmedizin in Dienst gestellt. Das Geschenk des Daimler-Benz-Konzerns ist ein Bus, der mit allen denkbaren Kontroll- und Behandlungsinstrumenten für Spitzensportler ausgestattet ist."
(LA, 1991)

Die geplanten Kontrollen (jetzt genannte 2400) sollen 700.000 DM kosten, zum größten Teil werden sie vom Bundesinnenministerium bezahlt, dem DLV bleiben 120.000 bis 130.000 DM.

Laut einem Verbandstagsbeschluss ist der DLV jetzt auch befugt neben positiven Proben und Geständnissen weitere Indizien wie ärztliche Atteste und Rezepte mit verbotenen Medikamenten zur Urteilsfindung heranzuziehen. (FAZ, 22.4.1991)

Ein erster Kommissionsbericht Anfang April zeigte Fortschritte und Probleme auf. Im April waren die unangemeldeten Trainigskontrollen möglich, der fest 14-Tage-Rhythmus entfiel. Probleme ergaben sich mit den Steroid-Profilen, es wurde klar, dass Auffälligkeiten nicht als positiver Dopingnachweis gelten konnte. Das Projekt wurde zurück gefahren. Eine Gruppe von Zehnkämpfern, die sich freiwillig bereit erklärt hatten, sollten als erfasst werden. Auffällige Befunde sollten dann in einem vertraulichen Gespräch mit Prof. Donike, dem Athleten, einer Person seines Vertrauens und einem Kommissionsmitglied stattfinden. Häufige Kontrollen sollten folgen. Probleme ergaben sich in Hinsicht auf Trainingslager im Ausland. Nicht alle Länder, wie z. B. anfangs auch die USA, kooperierten und manche Sportler leisteten sich private und gesponserte Aufenthalte in entlegensten 'Winkeln der Welt'. Der Dopingverdacht reiste mit. Diskutiert wurde daher, ob die Teilnahme an Wettkämpfen abhängig gemacht werden sollte, von ermöglichten und durchgeführten Trainingskontrollen. Es gab aber auch ganz einfache, andere Probleme. So beklagten die Zehnkämpfer in Deutschland regionale Unterschiede, besonders in München und Berlin kämen die Kontrollen nur schleppend voran, da "wie zum Beispiel in München die verantwortlichen Ärzte nicht mit auf die Toilette gehen wollen." (LA, 13-1991)



Dopingfall Sven Martin

Am 1. Juli 1991 berichtete der Spiegel, der Frankfurter Weitspringer und Hürdenläufer Sven Martin habe bei den Deutschen Mannschafts-Meisterschaften im Juni in Wetzlar mit dem Anabolikum Megagrisevit gedopt. Seine Probe war allerdings nicht positiv, da er sie unbeobachtet habe verdünnen können. Der Vorwurf lautete, dass diese Manipulation im Verband, auch bei Prof. Donike, bekannt sei, aber nichts unternommen würde, der Fall vertuscht werden solle. (der Spiegel, 1.7.1991)

 

In derselben Spiegel-Ausgabe kam Harald Schmid zu Wort. Er äußerte sich zwar nicht zu Sven Martin, kritisierte jedoch allgemein das DLV-Kontrollsystem, auch wenn er feststellte, dass der DLV mehr mache als andere Sportverbände. "Als ich die Kontrollbögen in der Hand hatte, habe ich oft gedacht: Das darf doch wohl nicht wahr sein. Einige Athleten wurden über einen Zeitraum von vier Wochen gar nicht getestet, manche seit März bis heute nicht mehr. Überall gibt es Löcher. Auch in Deutschland blieben Athleten, obwohl sie auf Kontrollen drängten, unbehelligt. Das zeigt, daß mit diesem Kontrollsystem etwas grundsätzlich nicht in Ordnung ist." Dabei benannte er einen der größten Mangel des Systems, "man kann nicht wie bisher Kontrolleure und diejenigen, die für Leistung zuständig sind, unter einem Dach haben. Wir brauchen eine staatliche Institution, die unabhängig und unbestechlich ist. Wir brauchen so etwas wie eine Stiftung Warentest für den Sport." Zudem stellte er den Umgang mit dopingbelastetem DDR-Personal infrage.

(der Spiegel, 1.7.1991)

 

Der Verband sah sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und antwortete mit langen Erklärungen, in denen kein Verschulden des kontrollierenden Arztes und des Verbandes festgestellt wurde. Zudem kritisierte er heftig die öffentlichen Äußerungen Schmids (und Dieter Baumanns, der ebenfalls die Anstellung dopingbelasteter DDR-Trainer bemängelt hatte), womit der Leichtathletik Schaden zugefügt worden sei, die Bemühungen um eine harmonische Vereinigung würden damit "empfindlich gestört". (LA, 28-1991, 27-1991)



Notstand

Im September machte Dopingkontrolleur Horst Klehr aus Mainz (mehr Infos zu H. Klehr) einen Test. Klehr, der 1970 das damalige DLV-Kontrollsystem entwickelt hatte, schickte 12 Urinfläschchen in das Labor Manfred Donikes. 11 enthielten Urin von Sportlern, in einem war Urin eines Funktionärs, der sich für den Versuch mit zwei Stimulanzien 'gedopt' hatte. "Das Ergebnis der gaschromatographischen, hochdruckflüssigkeits-chromatographischen sowie massenspektrometrischen Untersuchung verlief bei allen Proben negativ." (der Spiegel, 16.9.1991, der Spiegel, 23.9.1991)

 

Auch von anderer Seite wurde immer wieder bemängelt, dass die Top-Athleten sehr wohl Möglichkeiten hatten, dem Kontrollnetz zu entgehen. Das angeblich dichte Netz war löchrig. "Die Kontrolleure stehen keineswegs, wie immer behauptet wird, unangemeldet vor der Tür - es bleibt ausreichend Zeit, im Notfall zu verschwinden. Etwa ein Viertel aller ausgewählten Athleten, so schätzen Insider, sind einfach nicht da, wenn die Prüfer kommen. Als Ausrede besonders beliebt ist etwa bei den Mitgliedern der Sportförderkompanien der Bundeswehr der Hinweis, beim Militär werde bei der Postzustellung besonders schlampig gearbeitet. Andere erklären schlicht, sie seien "gerade im Manöver gewesen"." (der Spiegel, 26.3.1990)

 

Die Ereignisse und die Kritiken trafen den Kern des Systems und zwangen den Verband zum Handeln. Die Dopingkontrollen wurden dem TÜV Rheinland, bzw. dessen Tochter-Unternehmen 'German Control' übergeben. Zunächst für 3 Monate. Ab dem 1. Oktober 1991 übernahm die Firma die Abwicklung für ca. 200 Kontrollen zum Einzelpreis von 150 bis 180 Mark. Ab dem 1.1.1992 übernahm auch der DSB deren Dienstleistungen. (die Zeit, 8.5.1992)



Damit waren die innerverbandlichen, mit Doping in Zusammenhang stehenden Probleme des DLV jedoch nicht gelöst. Für den außerordentlichen Verbandstag am 6. Oktober wurden einige Rücktritte von Funktionsträgern erwartet. Als Hauptpunkt galt die ungenügende Bewältigung der Dopingproblematik, insbesondere der Umgang mit der Dopingvergangenheit in Ost und West, der Trainerdiskussion.

>>> Bericht des DLV-Präsidiums zur Doping-Problematik für die außerordentliche Hauptversammlung Oktober 1991




Zitat aus Leichtathletik, 39-1991






Zitat aus der FAZ, 14.9.1991



Doping spaltete den Verband. DLV-Vizepräsident Werner von Moltke wird zitiert mit "wer ein bißchen Anstand hat, tritt zurück."

Doch lediglich Theo Rous, der Vorsitzende der Antidoping-Kommission trat zurück. Das Präsidium wurde bestätigt.

Der Bericht des DLV-Präsidiums beinhaltete zum Thema der Dopingkontrollen folgendes:





Im November 1991 übernahm Rüdiger Nickel, Jugendwart des DLV, das Amt eines Dopingbeauftragten. Seine Aufgaben sah er darin, dafür zu sorgen, dass die von Präsidium und von Verbandsrat beschlossenen Maßnahmen umgesetzt werden, sie zu koordinieren und Ansprechpartner nach innen und außen zu sein. U. a. wolle er sich auch um die Überprüfung und Umsetzung eines "Doping-und-Athleten-Passes" kümmern. Hierzu müssten allerdings noch rechtliche Weichen gestellt werden. "Die Leichathletik darf aber nicht ausschließlich auf Praktikabilität basieren. Alles was wir tun, muß sich orientieren an bestimmten ethischen Grundvorstellungen und einer hierauf aufbauenden Zielvorstellung." (LA, 47-1991)

 

Wenig später gab Nickel bekannt, dass sich erste Athleten-Trainigsgruppen zu unangekündigten Trainingskontrollen bereit erklärt hatten. Die Gruppen der Lauf-Bundestrainer Frank Hensel und Uwe Hakus meldeten ihre Trainingszeiten und -stätten an German Control und baten darum, nicht mehr vorab über Kontrollen informiert zu werden. Die Kaderathleten waren: Holger Creutz, Mike Fenner, Sören Heinze, Karsten Just, Carsten Köhrbrück, Dietmar Koszewski, Herwigh Kranz, Sven Löchle, Frank Wilcke, Frank Zerbel, André Zerbel.

 

Innerhalb eines Monats hatte German Control 104 Kontrollen durchgeführt. Athleten, die länger als 3 Tage von zuhause weg gingen, mussten ihren neuen Aufentshaltsort einer neu eingerichteten Informationszentrale in Darmstadt melden:




Amtliche Nachrichten, Leichtathletik, 49-1991



Der Verbandsrat hatte zwischenzeitlich ein von Nickel vorgelegtes 11-Punkte-Programm beschlossen. U. a. wurde ein "Kontrollausschuss" unter Leitung von Peter. J. Netuschil gebildet, der sich um die Vor- und Nachbereitung der Dopingkontrollen zu kümmern hatte. Zudem wurde die Einrichtung eines "Runden Tisches" beschlossen, gedacht als "Meinungsbörse in Sachen Dopingbekämpfung, an der alle im DLV tätigen, mit der Dopingbekämpfung befassten Institutionen und Personen zu Wort kommen sollen." Zusätzlich wurde ein "Grundlagen-Kommission" eingesetzt, die sich ethischer und pädagogischer Fragen der Dopingbekämpfung widmen sollte, als primäre Ansprechpartner galten Übungsleiter und Sportlehrer. "An den Lehrbereich wurde der Auftrag erteilt, in die Übungsleiteraus- und -fortbildung Fragen der Dopingbekämpfung schwerpunktmäßig einfließen zu lassen." Der Athletenpass sollte nun verbindlich werden. Zu prüfen seien noch die rechtlichen Voraussetzungen und die Praktikabilität der Integration eines "Medikamenten-Passes" in den Athleten-Pass." (LA, 50-1991)



Ende 1991 verabschiedeten dann noch 20 von 75 Olympiakader-Athleten eine Erklärung, in der sie einen Maßnahmenkatalog zu einer effektiven Dopingkontrolle forderten:




Leichtathletik, 51,52-1991



 

Was wurde aus all diesen Plänen? Vielleicht demnächst mehr...




Zitate: Magazin Leichtathletik 4-1993



Nachtrag: seltsames Phänomen...

Prof. Donike gab 1992 bekannt, dass er bei den 2000 Dopingkontrollen des Jahres 1991 'ein seltsames Phänomen' feststellen konnte: "Während die Wettkampfproben eine normale Verteilung der "Urindichte" aufwiesen, die dem Gehalt an gelösten Stoffen entspricht, traten bei den während der Trainingsphase abgeholten Urinproben starke Abweichungen auf. Etwa 140 Proben (7%) waren deutlich verdünnt, was auf Manipulationen hindeutet." (Berendonk, S. 311)



 

>>> siehe hierzu auch DLV Doping-Bekämpfungsmaßnahmen 1992

 



 

Maki, August 2009


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