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Profis und Amateure erzählen



Philipp Schulz - ein Radamateur als Kronzeuge




Am 4. Mai 2008 wurde Philipp Schulz bei der Landesmeisterschaft Rheinland-Pfalz/Saarland in Bundenthal positiv auf Boldenon, ein in der Tiermedizin bekanntes anaboles Steroid und auf ein Amphetamin getestet.

Philipp Schulz bekannte sich zu seinem Dopingvergehen und wurde Kronzeuge. Seine Berichte gaben einen guten Einblick in bislang wenig bekannte Strukturen des deutschen Amateurradsports und führten zu umfangreichen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Seine Erfahrungen zeigen auch deutlich auf, mit welchen Problemen und Widerständen aussagewillige (Rad)Sportler rechnen müssen.

 

Ralf Meutgens und Philipp Schulz fassten das Geschehen detailliert in einem Artikel zusammen, der in dem Buch 'Kritik des Anti-Doping', herausgegeben von Nils Zurawski und Marcel Scharf 2019, veröffentlicht wurde.

 

Die Autoren gewährten cycling4fans die vollständige Übernahme des Textes. Vielen Dank!

 



Whistleblower, Kronzeuge, Nestbeschmutzer, Denunziant?

Ralf Meutgens und Philip Schulz

 



1. EINLEITUNG

Philip Schulz aus der Nähe von Kaiserslautern wurde im Jahre 2009 durch eine positive Probe selbst des Dopings überführt. Er hat Anabolika und Amphetamin missbraucht. Im Radsport keine Überraschung, sondern eher der Normalfall. Aber Schulz hat mit Radsport kein Geld verdient. Er war Amateur. Seine zweijährige Sperre wurde über ein halbes Jahr nach der positiven Probe ausgesprochen und damit wurde dieser Fall erst öffentlich. Auch nur, weil ein erfahrener Szenekenner den Sachverhalt und Schulz kannte und befürchtete, dass dieser gehörig unter die Räder kommen würde. Denn Schulz war schon an ein besonderes Kaliber geraten, das ihn mit den Medikamenten versorgt hatte. So knüpfte dieser besorgte Zeitgenosse die richtigen Kontakte: Schulz wurde Kronzeuge und machte das systematische Doping im Amateur-Radsport publik.

 

Was von außen betrachtet nach einer „wichtigen Aufklärung“ für Sport und Öffentlichkeit aussieht, war der Anfang einer langen und schwierigen Aufarbeitung, bei denen Philip Schulz nicht nur als der Aufklärer gesehen wurde, der er war, sondern auch als Nestbeschmutzer und als Denunziant. Der Umgang mit Whistleblowern ist nach wie vor schwierig, im Bereich des Doping gibt es aber bislang davon nur sehr wenige. Nicht nur, aber auch deshalb ist es wichtig in diesem Buch diese Geschichte noch einmal zu erzählen, damit deutlich wird, dass eine Kritik des Anti-Doping ihren Ausgang in den Praktiken des Doping haben muss und dem Umgang mit der Verantwortlichen in den Verbänden mit solchen Informationen. Ob es inzwischen anders ist als 2009 mag zu Recht bezweifelt werden. Das soll aber hier auch nicht im Fokus liegen.

 

Wir möchten hier noch einmal die Geschichte von Philip nacherzählen und nutzen dazu verschiedene Quellen, Texte und Interviews, die den Hergang und die Einschätzung der Bedeutung des Falles aus unterschiedlichen Perspektiven vornehmen. Diese Quellen sind:

 

• Ein Sendeskript („Der dritte Kronzeuge“, 2009), in denen u.a. Philip Schulz seine Perspektive darlegen kann. (2)

• Ein Interview mit Lars Mortsiefer von der NADA (2018) (3)

• Ein Interview mit Philip Schulz zum Fall im Rückblick (Ende 2017) (4)

• Ein aktueller Text (2018), mit dem eine Einordnung des Gesamtzusammen- hanges vorgenommen wird und in dem ebenfalls weitere Stimmen zu Wort kommen (basierend auf einem TV-Sendemanuskript von 2009) (5)

 



2. „DER DRITTE KRONZEUGE“ *




* Das Interview basiert auf dem aus Lesbarkeitsgründen nur leicht bearbeitetem Sendetext zum Beitrag „Der dritte Kronzeuge“, WDR Fernsehen, Sport Inside, 9.2.2009; Länge: 09:12 min von Fred Kowasch; Kamera: Steffen Schencker; Schnitt: Thimo Dörrhöfer.

 

Es ist die Musik der Straße, das Klackern, das vor dem Angriff kommt. Philip Schulz will angreifen. Jedoch nicht auf der Straße, sondern vor Gericht. Es ist da etwas mächtig schief gelaufen in seinem Radfahrerleben. Nun ist es für ihn an der Zeit Klartext zu reden. Wie das Dopingsystem im Amateurradsport funktioniert, dem auch er letztlich nicht widerstehen konnte.

Philip Schulz: „Ich weiß mir einfach nicht anders zu helfen, als reinen Tisch zu machen. Erklären, wie das war. Weil es sieht so aus, als würde ich jahrelang hier als wäre ich jahrelang mit Drogen unterwegs gewesen oder mit Anabolika."

 

Er ist der dritte deutsche Radsportler, der sein Schweigen bricht. Als Kronzeuge hat er sich dem Bund Deutscher Radfahrer angeboten. Was der 29jährige aus der Nähe von Kaiserslautern gegenüber dem WDR vor der Kamera berichtet, hat er auch dem BKA mitgeteilt. Philip Schulz spricht über Hintergründe, Dopingmittel und wie ein mit allen Wassern gewaschener Sportkollege ihn selbst zum Doping mit Aufputschmitteln verführt haben soll.

Philip Schulz: „Ich hab nein gesagt, ganz laut und deutlich nein. Und hab dann gesagt mach, ich wart dann. Ja, dann hat er mir etwas drin gelassen und dann habe ich mir das halt in die Bauchfalte minimals appliziert."

 

Dabei blieb es nicht. Dem Amphetamin aus derselben Spritze folgte ein härteres Mittel. Kurz vor der Landesmeisterschaft in Rheinland-Pfalz im Mai 2008. Wieder war es derselbe Radsportkollege, der Philip Schulz dazu gedrängt haben soll.

Philip Schulz: „Ja, das wär was Spezielles. Das könntest du auch nehmen. Und nach vier bis fünf Tages ist es draußen. Und dann habe ich auch Bedenken angemeldet. Das ist ja flüssig, das ist ja ein richtiges Anabolikum. Mir war das schon ein bisschen komisch. Aber er hat mir das quasi so rübergebracht als sei das was ganz Spezielles. Das wäre nicht zu detektieren im Dopingtest."

 

Ein paar Wochen später wird klar: Die Dopingprobe bei der Landesmeisterschaft war positiv. Im Urin von Philip Schulz war auch Boldenon, ein Mittel für die Pferdezucht. In Deutschland ist das Medikament nicht einmal in der Tiermedizin zugelassen. Dieses Mittel, so behauptet Schulz, hat ihm der Radsportfreund auch handschriftlich in Rechnung gestellt. 70 Euro für ein Ticket in die Ungewissheit, dem die Sperre von zwei Jahren folgte.

Philip Schulz: „Ich bin dann aus allen Wolken gefahren. Das war als würde ich sterben oder so. Ich war da allein, als ich dieses Einschreiben geöffnet habe. Ich war wohl ziemlich nervös und blass Hier in der Lokalzeitung war eine große Überschrift zu lesen: Schulz droht Strafanzeige. Das beleidigt auch - das ist eben Lokalsport hier in der Region - und meine Eltern sind auch noch da. Und ich hatte Angst hier in den lokalen Supermarkt zu gehen, zum Friseur. Leute, denen ich alle von meinem Sport erzählt hab. Ich habe mir quasi etwas erarbeitet. Auch wenn man es nicht mit den Händen greifen kann oder ich auch nichts damit verdient habe. Aber ich habe mir zumindest einen sportlichen Erfolg erarbeitet.“

 

Plötzlich steht Philip Schulz, der Rheinland-Pfalz-Meister, vor einem Scherbenhaufen. Seine Siege, was sind sie noch wert?! Und vor allem die Frage: Was nun? Philip Schulz entscheidet sich für das, was ihm als Radfahrer noch immer geholfen hat: bedingungsloser Angriff. Er will reden, auspacken – vor dem Radsportverband. Vielleicht wird die Strafe dann milder.

 

In einer Strafanzeige gegen Fahrerkollegen benennt er Details, spricht darüber, was er gehört, was er selbst gesehen hat. Einen Kühlschrank voller Medikamente. Darunter die Dopingklassiker: EPO, Testosteron, Wachstumshormon. Zumindest von manchen wird seine Offenheit positiv anerkannt, so auch von Achim Schmidt, Radamateur und Sportwissenschaftler

Dr. Achim Schmidt: „Es ist gut, dass endlich mal ein Amateur seinen Mut zusammen genommen hat und in den Bereich Dinge sagt, die bisher für den Amateurbereich vielfach vermutet worden sind, sie sind offenes Wissen in der Szene letztendlich, aber niemand hat das wirklich mal auf den Punkt gebracht , über seine eigene Person. Wir hatten 1997 Jörg Paffrath aus Köln, der mutig war, aber dann letztendlich vom Bund Deutscher Radfahrer überhaupt nicht ernst genommen worden ist oder vielleicht auch zu ernst genommen worden ist. Und der ist dann mehr oder weniger platt gemacht worden .“

 

Die Aussagen von Philip Schulz bringen den Bund Deutscher Radfahrer in Erklärungsnöte. In seiner Strafanzeige behauptet Schulz, dass ein 2007 positiv auf das verbotene Mittel hCG getesteter Radsportler von einem Mitarbeiter der BDR-Geschäftsstelle aufgefordert worden sei, "sich einen Befund über Hodenkrebs zu besorgen".

Philip Schulz: „Wie er mir bestätigt hat, hat er dann beim BDR angerufen, hat seine Unschuld beteuert. Und da hat ihm wohl jemand gesagt: dass er dieser Person etwas bringen soll, also dieser Person beim BDR. Um das pathologisch, also auf natürliche Weise begründen zu können, diesen erhöhten Testosteronwert“.

 

Auf Nachfrage führt er dazu noch weiter aus, dass es um einen ärztlichen Befund dabei ging. Ein Befund von einem Doktor, von einem Arzt, der ihm belegt, dass dieser erhöhte Testosteronwert aus Hodenkrebs, aus möglichen Hodenkrebs oder angehenden Hodenkrebs, so genau weiß ich das nicht, begründet sein kann oder daraus resultiert.

Frage: Und das soll der BDR ihm geraten haben, so hat er ihnen das erzählt?

Antwort: Ja."

 

Die dem BDR betreffenden Aussagen sind auch Bestandteil der Strafanzeige von Philip Schulz beim BKA. Und: sie werden von einem zweiten Zeugen, in Form einer Eidesstattlichen Versicherung, die dem WDR vorliegt, bestätigt.

Sport inside (eine Sendung des WDR, Anm. d. Hrsg.) hat den Bund Deutscher Radfahrer zu diesem Vorwurf befragt und bekam folgende Antwort:

„"Es wurde lediglich durch uns gemäß WADA-Code auf Vorschlag eines akkreditierten Labors die Empfehlung ausgesprochen, weitere Untersuchungen zu veranlassen, um eine Tumorerkrankung auszuschließen."

Auf die Nachfrage, warum 2007 zwei auf hCG positiv getestete Fahrer nicht gesperrt worden seien, antwortete der BDR:

„Da es sich hierbei um sehr vertrauliche Daten und Informationen handelt, können wir ihnen aber keine Details daraus zukommen lassen. Die Ergebnisse waren jedoch so, dass keine Sanktionen zu verhängen waren.“

 

Bereits im November 2008 standen der BDR und sein Präsident Rudolf Scharping im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages musste sich Scharping zum Ausbleiben von Dopingkontrollen bei der nationalen Meisterschaft im Mountainbiking erklären. Ein Stopp der Fördermittel wurde diskutiert. Im Amateurbereich, so gibt der BDR selber zu, finden Dopingkontrollen nur stichprobenartig statt. Auch Achim Schmidt, der Sportwissenschaftler, fährt seit 20 Jahren in Nordrhein-Westfalen Radrennen. Einen Dopingkontrolleur hat er dort noch nie gesehen.

Dr. Achim Schmidt: „Ich selber habe bei noch keinem Rennen eine Kontrolle erlebt auch nach 1998, 2006 nicht. Das ist natürlich ein Riesenproblem. Ich warte auf die erste Kontrolle bei einem Rennen. Nicht bei mir, sondern überhaupt mal in NRW. Das ist natürlich sehr schade. Wenn Deutsche Meisterschaften stattfinden in NWR, dann gibt es natürlich Kontrollen. Aber in normalen Rennen, wo relativ viel Geld zu verdienen ist, da sind Kontrollen absolute Fehlanzeige.“

 

Seitdem in Rheinland-Pfalz im Amateurbereich vermehrt Dopingkontrollen statt- finden, werden die Fahnder dort regelmäßig fündig. Philip Schulz war einer dieser Fälle. Jahrelang hat er versucht, so sagt er, durch seriöses Training Erfolge sauber zu erringen. Letztendlich hat er resigniert.

Philip Schulz: „Wenn man seine Idole, alle um sich herum so einfach umfallen sieht, dann merkt man plötzlich, der hat auch was genommen und der auch ... Dann denkt man plötzlich: irgendetwas mache ich falsch. Bin ich eigentlich blöd, wenn ich weiter trainiere seriös, ohne ja .... da wird mal halt auch zugänglich. Und dann wird man halt nachdenklich, ob man nicht doch vielleicht einen Fehler macht. Wenn die chemisch das halt machen, dass ich da mithalten kann. Mir war aber nicht klar, dass da im Amateurbereich quasi schon die komplette Palette vorhanden ist.“

 

Diese Einsichten eines Radamateurs waren damit öffentlich. Mit den Aussagen von Philip Schulz bot sich nun die Möglichkeit tabula rasa zu machen. Der BDR sei gefordert, meint auch Achim Schmidt.

„Der BDR sollte es sehr ernst nehmen. Er sollte letztendlich die zweite und vielleicht auch letzte Stufe im Dopingkampf im Amateurbereich doch auch versuchen, den Sumpf ein wenig trocken zu legen. Damit Abschreckung da ist, damit die Fahrer erkennen, dass es keinen Sinn macht, damit auch vernünftige Werte an die nachrückenden jungen Fahrer weitergegeben werden.“

 

Der BDR wollte Philip Schulz nach seinen Aussagen zu einem Gespräch einladen.

 



3. „WHISTLEBLOWER MÜSSEN PHYSISCH UND PSYCHISCH GESCHÜTZT WERDEN“ **

** Ein Interview mit Lars Mortsiefer von der NADA (2018).

 

Der Vorstandsvorsitzende und Chefjustiziar der Nationalen Anti-Doping-Agentur Dr. Lars Mortsiefer resümiert den für die NADA so wichtigen Fall des Philip Schulz und dessen Folgen.

 

Ralf Meutgens. Wie haben Sie Philip Schulz im Rahmen des Verfahrens erlebt?

Lars Mortsiefer: Ich habe Herrn Schulz im Rahmen einer mündlichen Verhandlung des Bundessportschiedsgerichts in diesem Fall im Jahr 2009 in Frankfurt am Main kennengelernt. Im Rahmen der Verhandlung habe ich ihn als recht schüchterne und ruhige Person erlebt. Dieser Eindruck kann sich aber natürlich vor allem aus der besonderen Situation der Schiedsverhandlung und der möglichen persönlichen Konfrontation mit dem von ihm belasteten Radsportler ergeben haben. Die Aussagen von Herrn Schulz waren jedoch aus meiner Sicht von einer hohen Ehrlichkeit und Glaubhaftigkeit geprägt. Er hat sehr eindrucksvoll geschildert, wie die Dopingpraktiken abliefen, wie das „Abhängigkeitsverhältnis“ des Teams und ihm von dem mutmaßlichen Drahtzieher des Dopings verlief. Besonders einprägsam war zudem seine Schilderung bezüglich des Umgangs der Öffentlichkeit und seiner ehemaligen Teamkameraden und „Freunde“ mit ihm, nachdem er sich als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hat. Er berichtete von den Beschimpfungen und Attacken während der Radrennen sowie weiteren Anfeindungen.

 

RM: Welche Einsichten in den (Rad-)Sport konnte Philip Schulz geben?

LM: Mittelbar haben uns die Aussagen und Schilderungen durchaus weiterhelfen können. Gemeinsam mit der Kriminalpolizei in Worms konnten weitere Ermittlungen forciert werden. Auch ohne Anti-Doping-Gesetz funktionierte die Kooperation in diesem Fall sehr gut. Wir konnten Zielkontrollen durchführen und haben weitere vertiefte Erkenntnisse über den Einsatz von Dopingsubstanzen im Radsport gewinnen können. Leider konnte nicht alles, was ermittelt wurde, auch sportrechtlich genutzt werden. Die Hürden dafür, besonders im Rahmen der Überwachung der Telekommunikation (TKÜ) liegen sehr hoch.

Allerdings liegen sie auch zu Recht sehr hoch. Hier könnte vom Gesetzgeber, angesichts der größer werdenden Dopingproblematik, über eine Anpassung nachgedacht werden.

 

RM: Waren es für Sie überraschende Informationen?

LM: Die konkreten Informationen über den Einsatz verbotener Substanzen war nicht überraschend. Vielmehr war interessant zu sehen, dass sich die Struktur und die Darstellung der „Dopingkultur“ in diesem Fall tatsächlich mit unseren gesammelten vorherigen Erkenntnissen deckten. Das betraf sowohl das sich „Versteckhalten“, wenn der Kontrolleur unangekündigt zu Hause vorbeischaut als auch den gezielten Einsatz unterschiedlicher Dopingsubstanzen in kleinen Dosierungen. Beides war sehr aufschlussreich für unsere Arbeit.

 

RM: Welche Möglichkeiten ergaben sich dadurch für die Kronzeugenregelung?

LM: Zunächst war es für uns enorm wichtig, dass sich Philip Schulz überhaupt bereit erklärt hat, auszusagen und mitzuhelfen, die Dopingstruktur in seinem Team aufzudecken. Die sich daraus ergebenden Ansätze in der Kooperation zwischen der NADA und den staatlichen Ermittlungsbehörden war ein wichtiges Signal für die Anti-Doping-Arbeit. Auch der Austausch mit den Medien war anhand dieses Falles aus meiner Sicht richtungsweisend.

Allerdings hat der Fall auch gezeigt, dass die Kronzeugenregelung in den Anti- Doping-Regelwerken deutliche Lücken offenbarte. Ein tatsächlicher Schutz des Kronzeugen konnte letztlich nicht gewährt werden. Der von Schulz geschilderte Fall, in dem er absichtlich von einem Gegner mit einem PKW auf der Autobahn abgedrängt wurde, zeigt auf erschütternde Art und Weise, wie hilflos das Rechtssystem zu diesem Zeitpunkt war – und vielleicht immer noch ist.

Auch die Vorgehensweise des zuständigen Verbandes, des Bundes Deutscher Radfahrer, zeigte an vielen Stellen Schwächen des Systems auf. Die Sanktionierung von Dopingverstößen durch Verbandsorgane ist unzureichend. Mittlerweile hat der BDR dies jedoch korrigiert und das Ergebnismanagement auf die NADA übertragen. Ebenso führt die NADA mittlerweile nicht nur Trainings- sondern auch Wettkampfkontrollen im Radsport durch. Dadurch entsteht mehr Unabhängigkeit und Transparenz – auch zwei wichtige Erkenntnisse, die dank des Falles „Philip Schulz“ maßgeblich forciert werden konnten.

 

RM: Was bleibt für Sie als Resümee?

LM: Als Fazit bleibt – und das bis heute – (Redaktionsschluss Mai 2018, Anm. RM), dass Kronzeugen und Whistleblower ein wichtiger Faktor bei der nationalen und internationalen Anti-Doping-Arbeit sind. Der Fall Schulz national und die Fälle Stepanova und Rodschenkow international zeigen, dass Whistleblower einen „Stein ins Rollen“ bringen und Dopingsysteme aufdecken können. Saubere Athletinnen und Athleten profitieren davon. Aber Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Anti-Doping-Arbeit können nur nachhaltig bleiben, wenn die Anti-Doping-Organisationen und alle am Sport beteiligten Institutionen und Funktionäre die Aussagen der Whistleblower bewusst dazu nutzen, die richtigen Schritte und Maßnahmen einzuleiten.

Der Schutz der Whistleblower muss dabei mit Mittelpunkt stehen. Dazu dienen nicht nur anonyme Hinweisgebersysteme wie die der WADA (Speak Up) oder der NADA (Sprich`s an), sondern auch der physische und psychische Schutz der Whistleblower, wenn ihre Aussagen öffentlich werden. Gerade bezüglich dieses letzten Punktes steht die Anti-Doping-Arbeit weiterhin vor großen Herausforderungen.

 



4. WHILSTLEBLOWER ODER DENUNZIANT? ***

*** Ein Interview mit Philip Schulz zum Fall im Rückblick (Ende 2017)

 

Ralf Meutgens im Gespräch mit Philip Schulz (Ende 2017) zu den Folgen des Falles und seiner Einschätzung mit einigen Jahren Distanz.

 

Ralf Meutgens: Wie sah das Engagement in dieser Sache durch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aus?

Philip Schulz: Ich habe vom BDR überhaupt nichts gehört, außer vielleicht, dass meinem Anliegen als Kronzeuge in so Fern statt gegeben wurde, weil damit die optimale Lösung gefunden wurde: gerade so viel entgegen kommen, um einen noch größeren medialen Skandal abzuwenden aber nicht zu viel, um die internen Nestbeschmutzer, die Teil des engagierten Amateursports sind, nicht vor den Kopf zu stoßen. Der BDR zeigte sich meines Erachtens hilflos. In Sachen Anti Doping Kampf –welcher (sport-)geschäftsschädigend ist – gibt es seitens des BDR kaum Kompetenz. Da helfen auch keine plakativen Parolen, die diese Kompetenz suggerieren sollen.

 

RM: War es das, was Sie sich vorgestellt haben?

PS: Eigentlich ging ich davon aus, dass mein Fall gemeinsam mit dem BDR im Rahmen der Kronzeugenregelung aufgearbeitet wird. Das aber fand nicht statt. Ich wurde zwar offiziell als BDR- Doping-Kronzeuge anerkannt, aber mehr auch nicht. Diese Chance wurde bis jetzt nicht genutzt. Man gab mich somit der Radsport-Öffentlichkeit preis. Anscheinend gibt und gab es keine Bestrebungen in Richtung einer seriösen Aufarbeitung. Entweder weil man wohl zu viel zu tun hatte, sich die Taschen vollzustopfen oder weil schlicht und einfach keine Handhabe in dieser Sache erwünscht ist. So jedenfalls hatte ich mir das nicht vorgestellt.

 

RM: Welche Reaktionen gab es Ihnen gegenüber?

PS: Da es kaum bis gar keine Zusammenarbeit zwischen den Instanzen beim BDR oder vom BDR eingesetzten Instanzen gegeben hatte wurde dieses Vakuum mit Gräme, Beleidigungen wenn nicht sogar Hass bis handgreiflichen oder tätlichen Übergriffen gegen meine Person und sogar gegen meine Mutter gefüllt.

In der Zeit nach meiner Sperre auf dem Weg zur Landesverbands-Meisterschaft wurde ich von einem SUV auf der Autobahn genötigt weiter auf der rechten Spur zu fahren was gefährlich war, da ich die Situation nicht erkannt hatte und weitere Verkehrsteilnehmer involviert waren. Direkt passiert ist nichts, aber die Situation hätte sehr schnell gefährlich werden können. Diesen Vorfall bringe ich auch mit meinen Aussagen in Zusammenhang.

Es scheint so, dass jedes Mal wenn ich mich zu der Sache äußere bzw. geäußert habe innerhalb der Szene abgewogen wird, ob nicht eine weitere Aktion gegen mich initiiert werden sollte. Entweder, um mich persönlich als Hauptschuldner in dieser Sache weiter darzustellen, um in der Öffentlichkeit weiter oder auch nur innerhalb der Rad- Amateur Szene als Sündenbock da zustehen und um mich einzuschüchtern, damit ich mich nicht mehr in dieser Angelegenheit äußere.

Nach einer größeren Dokumentation über Amateur & Hobby-Doping, in der ich interviewt wurde und die überregional ausgestrahlt wurde, fand ich beispielsweise mein Gartentörchen eingetreten vor. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Aktion ebenfalls damit in Zusammenhang steht, dass ich öffentlich weiter meine Meinung sage.

Der Gipfel war, dass mich damals ein einschlägig Bekannter mit seinem Auto im öffentlichen Straßenverkehr rammen wollte, glücklicherweise wurde diese Person vor Gericht schuldig gesprochen und dementsprechend bestraft.

Persönlich enttäuscht war ich, als mich dieser Mensch in einem Radrennen bespuckt hat, bzw. schon vorher versucht hat, mich in einem Rennen vom Rad zu stoßen, mir niemand in dieser Situation geholfen hat. Weder hat jemand diesen Fahrer beim Kampfgericht gemeldet noch sonst versucht, ihm klarzumachen, dass er auch andere in Gefahr bringt bzw. solche Tätlichkeiten zu unterlassen habe. Im Gegenteil wurde er noch von anderen Fahrern mehr oder weniger gefeiert. Und zwar quer durch alle Reihen, gut und böse sozusagen.

Manchmal oder immer mehr habe ich den Eindruck, ich bin bei den Radsportlern in einer Art Verbrecherbande gelandet, ähnlich einem gesetzlosen Rocker-Clubs nur ohne den gegenseitigen Respekt. Klar bin ich nicht frei von Schuld, aber jeder Fehler sollte einmal wieder gut gemacht werden können, das ist nur menschlich und wäre fair.

Also zusammengefasst ist da schon ein gewisses Hass-Potential, das hier und da aufflammt.

Aber es bringt bekanntlich nichts, den Überbringer der Botschaft zu steinigen, das bekämpft noch nicht mal mehr die Symptome. Anscheinend soll ich als Einzeltäter dargestellt werden. Der einzigen Tat bei der man mich, wenn so gewollt, als Einzeltäter bezeichnen könnte ist das ich die Wahrheit gesagt habe, aber genau das scheint das Problem zu sein. Man versucht einfach, die Faktenlage zu verdrehen.

 

RM: Würden Sie heute wieder so handeln?

PS: Es gehört eine gute Portion Mut dazu, aber obwohl mir eine Welle von Anfeindungen entgegengekommen ist, würde ich es wieder tun. Klar, man versucht solange mit der Meute zu gehen wie es geht. Die Wahrheit zu sagen sollte nie, niemandem und nirgends schwer fallen. Vor allem nicht im Sport, der uns allen so am Herzen liegt. Jeder hat seine eigenen Ziele zu verfolgen, aber genau das ist ja das Tolle am Sport. Es sollte am Ende aber fair zugehen.

 

RM: Was würden Sie gegebenenfalls anders machen?

PS: Es ist so gelaufen, wie es gelaufen ist. Ich war mir der Folgen größtenteils bewusst, daher kann ich nicht sagen, ob ich was anders machen würde. Vielleicht hätte ich nach meiner öffentlichen Beichte noch verschwiegener sein sollen, da manche „Kollegen“ doch noch meine Nähe suchten z.B. beim Training oder durch andere Kontaktaufnahmen. Leider waren das alles versuchte Ausspioniertaktiken und die Informationen, die Sie im Gespräch heraus filterten, wanderten ziemlich direkt an die Mit-Verursacher der Misere. Dieses Wissen wurde dann natürlich wieder gegen mich verwandt und waren der weiteren Aufklärung nicht zuträglich.

 

RM: Was bleibt als Ergebnis bei Ihnen nach fast zehn Jahren übrig?

PS: Ich befasse mich kaum noch damit. Schade ist, dass meine sportliche Laufbahn so sehr mit Doping in Verbindung gebracht wird. Aber ich denke, die Zeit wird zeigen, dass Doping zu einer Sport-Vita, insbesondere im Radsport, dazugehört. Von daher bin ich froh, offen über Doping-Themen sprechen zu dürfen. Ich denke, der eine oder andere Sportler wird sich bei vielen Anlässen wieder in die alte Rolle zurückversetzt sehen: nach außen hin den sauberen Sportler zu mimen, mit der Gewissheit, dass viele von seinen „heldenhaften Taten“ eigentlich auf einer Lüge basieren.

 

RM: Was empfehlen Sie anderen (Rad)Sportlern, die in eine ähnliche Situation gelangen?

PS: Das muss jeder für sich wissen. Ich kann nur sagen, dass man sich auf eine surreale Welt einlässt. Dieser Dualismus von Eigenmotivation und dem Druck Leistung abzurufen, die wettbewerbsfähig sein muss, mit der Gewissheit das die Mit-Konkurrenten gedopt sein könnten, macht einfach keinen Spaß. Es muss schon ein schizophrene Veranlagung vorhanden sein oder geweckt werden, meist durch Doping Befürworter innerhalb des Sports, die eine Art Gehirnwäsche vollziehen. Es ist schwer mit dieser Sinnes-Diversität klarzukommen und ich kann eigentlich nur abraten. Mein Rat: Klar NEIN zu Doping sagen und trotzdem versuchen, weit zu kommen, aber auch nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappen sollte. Aber nur so kann man später mit einem reinen Gewissen seinen Kindern oder Enkeln von ehrlichen sportlichen Leistungen berichten. Wem diese Werte egal sind oder wer sich diese ethische Frage gar nicht stellt, der nimmt weiterhin unmoralische Handlungen in Kauf, um seine eigene Karriere und die der Profiteure zu befeuern, was schade ist.

 



5. „AUCH AMATEURE DOPEN PROFESSIONELL“ – DER FALL VON PHILIP SCHULZ, WHISTLEBLOWING IM SPORT UND WAS ATHLETEN AUF SICH NEHMEN MÜSSEN. (2018) ****

**** Ein aktueller Text (2018), zur Einordnung des Gesamtzusammenhanges (basierend auf einem TV-Sendemanuskript von 2009) (5)

 

Philip Schulz hat als der dritte deutsche Kronzeuge das systematsiche Doping im Amateur-Radsport offengelegt. Er selbst wurde durch eine positive Probe des Dopings überführt.

 

Die Aussagen von Philip Schulz sind auch deshalb so bezeichnend, da etliche der positiven Proben aus dem Radsport der letzten Jahre in Deutschland den Amateurbereich betrafen. Nur getestet wurde eben so gut wie nicht. Rheinland-Pfalz war da eher die rühmliche Ausnahme.Und so waren auch die Umstände, unter denen Schulz positiv getestet wurde, dubios. Es spricht viel dafür, dass er nicht zufällig getestet wurde. Jahrelang hatte er versucht, sauber den Radsport auszuüben. Als er von Radsportlern, die er im Training locker abhängen konnte, bei Wettkämpfen zunehmend geschlagen wurde, begann sein Abdriften in die Dopingszene. Dazu kam offensichtlich ein mit allen Wassern gewaschener älterer Radsportler, der Schulz entscheidend beeinflusste, ihm die Dopingmittel zugänglich machte und auch verkaufte.

Schulz entschloss sich, als Kronzeuge, wie schon zuvor die Radprofis Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz, über die Machenschaften im Hintergrund auszusagen. Vertreten wurde er durch die auf Sportrecht spezialisierte Stuttgarter Kanzlei Wüterich und Breucker. Durch sie wurde der Einsatz einer Kronzeugenregelung im deutschen Sport vor Jahren initiiert. Schulz erstattete Anzeige beim Bundeskriminalamt, in der er alle Einzelheiten seines Falles zu der Beschaffung von Dopingmitteln nannte.

 

Vom Bundesrechtsausschuss des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) wurde Schulz als Kronzeuge anerkannt und seine Sperre auf ein Jahr reduziert. Bis zu seinem Sturz in Belgien im Jahr seiner Aussagen, bei dem er sich zum zweiten Mal das Schlüsselbein brach, fuhr Schulz wieder erfolgreich Radrennen.

 

Der von Schulz belastete Radsportler wurde wegen zahlreicher Verstöße gegen das Arzneimittel-Gesetz (AMG) zu einer Geldstrafe verurteilt. Sport- rechtlich zog es seinerzeit eine vierjährige Sperre nach sich. Im Jahr 2018 wurde derjenige erneut für acht Jahre gesperrt. Die Befürchtungen des Szenekenners zu Beginn waren offenbar mehr als berechtigt.

 

So normal wie dieser Fall für den Radsport ist, so wenig normal ist die Tatsache, dass hier mit aller Konsequenz ermittelt wurde. Der Fall hat alle Zutaten, die man seit Jahrzehnten kennt: die entsprechenden Medikamente zu Dopingzwecken; eine verschworene Gemeinschaft; ein Arzt, der ganz im Sinne der Radsportler agiert; Lug und Betrug an allen Ecken und Enden; Bedrohung des Zeugen bis hin zum Versuch, ihn als Autofahrer mit einem anderen PKW von der Straße zu drängen.

 

Der Fahrer dieses PKW, ein Radsportler, wurde wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Geldstrafe verurteilt. Dazu kommt ein zuständiger Verband, der hilflos wirkt, wenn man nicht mehr unterstellen will.

Den ermittelnden Beamten vor Ort ist es zu verdanken, dass dieser Fall in seiner ganzen Komplexität beleuchtet werden konnte. Dazu hat es zu der Zeit kein Anti-Doping-Gesetz gebraucht. Der Fall von Philip Schulz steht stellvertretend für andere, aber vergleichbare Fälle, von denen Insider seit Jahrzehnten berichten. Ohne strafrechtlich relevante Ermittlungen jedoch bleiben diese Fälle der Öffentlichkeit verborgen und entziehen sich so einer Aufklärung.

 

Dieter Lippold war damals Leiter des Kommissariats zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität der Kriminalinspektion Worms und mit dem Fall Schulz betraut. Er empfand es als „sehr mutig, dass sich Herr Schulz als einziger Zeuge in dieser Sache zu einer Zusammenarbeit mit der Polizei entschlossen hat“. Eine Zusammenarbeit, die Lippold als „sehr angenehm und offen“ empfunden hat und die „durch die gelieferten Informationen und Erkenntnisse zum Fortgang der Ermittlungen beitrug“.

 

Die Beamten stießen bei ihren Ermittlungen im Umfeld des Radsports auf „ein „abgeschottetes“ System, das der Öffentlichkeit und den Ermittlungsbehörden jeglichen Einblick möglichst verwehren wollte“. Für Lippold war es erschreckend, eine solche Ablehnung und teilweise Feindseligkeit der beteilig- ten Personen gegenüber der Polizei zu erleben“. Seiner Meinung nach sei es wichtig, dass seitens der verantwortlichen Stellen Anreize geboten werden, weiteren potenziellen Zeugen einen Ausstieg aus derartigen „geschlossenen“ Systemen zu ermöglichen und zu erleichtern. Mittlerweile leitet Lippold das Kommissariat für Kapitaldelikte der Zentralen Kriminalinspektion Ludwigshafen am Rhein.

 

Für Marius Breucker, den Anwalt von Philip Schulz, hatte dieser Fall eine Art Signalwirkung. Die vom organisierten Sport zunächst abgelehnte Kronzeugenregelung sei ein wichtiger Mosaikstein im Anti-Dopingkampf. Dies, so Breuckner habe der Fall gezeigt:

„In die abgeschlossenen Dopingstrukturen im Profi- wie Amateursport dringen Verbände und Anti-Doping-Organisationen auch mangels dahingehender Befugnisse nicht oder nur unzureichend ein. Ein Aufbrechen und zumindest partielles Ausleuchten dieser abgeschotteten Systeme ist realistischerweise nur mit Hilfe staatlicher Ermittlungsmaßnahmen oder eben mit Hilfe von Kronzeugen oder Whistleblowern möglich“.

 

Juristisch habe die Kronzeugenregelung im konkreten Fall „funktioniert“, denn der Athlet habe die ihm drohende Zwei-Jahres-Sperre auf ein Jahr reduzieren können. Unzureichend sei jedoch die Absicherung des Kronzeugenstatus jenseits der Strafmilderung:

„Der Kronzeuge war weitgehend schutzlos den Anfeindungen und Angriffen der „Szene“ ausgesetzt. Angezeigt wären zum einen konkrete Maßnahmen zum Schutze des Betroffenen sowohl durch die Verbände als auch erforderlichenfalls durch staatliche Stellen. Entscheidend wird langfristig ein Bewusstseinswandel sein, wonach Kronzeugen nicht mehr als „Verräter“ angesehen und statt der Kronzeugen das Doping und die Doper stigmatisiert werden.“

 

Nach Breuckers Meinung habe Philip Schulz durch seinen Mut und seine Standhaftigkeit ein wertvolles Signal im Anti-Dopingkampf gesetzt. Seine Aussagen hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass Dopingstrukturen im Amateurbereich exemplarisch ausgeleuchtet werden konnten. Zudem wurden die Aussagen zum Anlass für Ermittlungsmaßnahmen genommen, die anschließend auch zu empfindlichen sportrechtlichen Sperren und strafrechtlichen Verurteilungen geführt haben.

Gegen überführte Doper sollten die Verbände mit aller Konsequenz vorgehen. Dies, so Breucker, gälte in allen Fällen, bedeute aber gerade bei vorangegangenen Aussagen von Kronzeugen ein wichtiges, motivierendes und legitimierendes Signal für alle – auch künftigen – Kronzeugen. Nur wenn die Aussagen aufgegriffen und zum Anlass für Ermittlungsmaßnahmen und Dopingsanktionsverfahren genommen würden, erhält die Kronzeugenaussage einen über den bloßen Strafrabatt hinausgehenden Sinn als Beitrag zu einem effektiven Anti-Dopingkampf. Zugleich gelten auch in Verfahren gegen die von Kronzeugen Beschuldigten rechtsstaatliche Prinzipien. Ein Kronzeuge dürfe daher nicht erwarten, dass allein aufgrund seiner Aussage Sanktionen ausgesprochen werden. Vielmehr müssten die zuständigen Anti-Doping-Organi- sationen wie auch die ermittelnden Staatsanwaltschaften wie immer alle für und gegen den Beschuldigten sprechenden Umstände sorgfältig ermitteln und sich eine Überzeugung vom Geschehensablauf bilden, die nicht allein auf die Aussagen eines Kronzeugen gestützt sein sollte.

„Kronzeugen dürfen nicht der Illusion erliegen, allein durch ihre Aussage würden sämtliche belasteten Dritten umgehend gesperrt. Vielmehr sind die Kronzeugenaussagen oftmals `nur´ Anlass für weitere Ermittlungen, deren Ausgang – wie in anderen Fällen auch – zunächst einmal offen ist.“ (Breuker)

 

Damit müsse auch ein Kronzeuge leben. Unabhängig davon sollte aber das Signal der Verbände sein, dass allein die Bereitschaft zur Aussage geschätzt und gewürdigt und der Kronzeuge auch in solchen Fällen vor Anfeindungen Dritter wirkungsvoll geschützt werde. Wie in allen Kronzeugen-Konstellationen bliebe die Würdigung des Kronzeugen ein schmaler Grat, da die ihm zu Recht entgegengebrachte Wertschätzung immer noch in Relation zu sauberen Sportlern zu sehen sei, die sich ihrerseits keines Verstoßes schuldig gemacht haben.

 

Besonders die letzten Zeilen und einen Willen zur Aufklärung, wie in diesem Fall, sollte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sich zum Vorbild nehmen. Seit Jahren werden eine „Null Toleranz Haltung gegen Doping“ und eine lückenlose Aufklärung gebetsmühlenartig ankündigt, aber nach Meinung vieler nie durchgreifend realisiert. Man weiß wohl, dass man fündig wird, wenn man ernsthaft suchen würde.

 

Im Jahr 2007 traten die Mitglieder der unabhängigen Anti-Doping- Kommission des BDR zurück. Gleichzeitig äußerte das dreiköpfige Gremium Kritik am BDR und dessen Präsidenten Rudolf Scharping. Mit den Worten folgenden Worten wurde der damalige Kommissionsvorsitzende Stephan Netzle durch die Deutsche Presseagentur (dpa) zitiert:

„Wir bedauern unseren Rücktritt sehr, sehen aber durch die unsicheren Rahmenbedingungen aktuell keine Möglichkeit, die Untersuchung in der notwendigen Qualität erfolgreich abzuschließen.“

 

Die Erkenntnisse zur offensichtlichen Vertuschung von möglichen Dopingfällen seit dem Jahr 2000 durch einen früheren Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer haben wir presserechtlichen Verfahren zu verdanken. Dabei kannte der BDR von Beginn an die Fakten. Nachzutragen bleibt, dass der besagte Sportdirektor mit Steuermitteln über Jahrzehnte sehr gut entlohnt wurde. Über die letztmalige vierjährige Verlängerung seines Arbeitsvertrages soll im Handstreich durch das Präsidium entschieden worden sein.

 

Drei Kronzeugen, zudem aus einer Sportart, die bislang bereit waren, ihr Wissen preiszugeben sind viel zu wenig. Doch der Anreiz ist auch entsprechend schlecht. Man wird immer noch als Nestbeschmutzer stigmatisiert. Zudem kann man danach im Radsport entweder nie wieder oder nicht wieder im altem Umfang sein Geld verdienen. Oder aber die Kosten für das Verfahren eines Kronzeugen, für die kein anderer aufkommt, sind finanziell stark belastend. Ganz abgesehen von den Reaktionen, die Philip Schulz entgegenschlugen.

 

Schulz hatte sein Informatikstudium abgebrochen, um sich ganz und gar seinem Traum vom Radsport widmen zu können. Nach Jahren der Umorientierung und fehlender Perspektiven hat er gerade noch die Kurve gekriegt. Er hat im Rahmen einer Ausbildung der Industrie- und Handelskammer die Umschulung zum Informatiker mit dem Schwerpunkt Anwendungs-entwicklung erfolgreich absolviert. Parallel absolviert er ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre, das er mit dem Bachelor of Arts abschließen will. Während eines Praktikums in einem Start-Up Unternehmen hat er sich mit der Entwicklung von Software erste Sporen verdient. Zum Glück hat er seine zweite große Leidenschaft, die Informatik, wieder für sich entdeckt. Wenn Philip Schulz nach Abschluss der Ausbildung eine Stelle bekommt, muss die schon sehr gut sein, will er seine durch den Radsport `verlorenen´ Jahre aufholen. Aber diese Jahre mit den Erfahrungen, auch mit den negativen, haben ihn geprägt und heute kann er davon profitieren.

 





 

Monika, Mai 2020

 


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