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Doping im Radsport



Team Telekom/T-Mobile und Doping: Hier geht es zu den Jahren:

 
 
 
 


>>> Kurzversion - Überblick



1999 das Team Telekom und Doping - Schein und Sein

>>> das Team Telekom 1999, Fahrer und Teamleitung



spätere Geständnisse und mehr

Am 8. Juli 2010 veröffentlichte l'Équipe ein Interview mit Rudy Pevenage, langjähriger sportlicher Leiter bei Team Telekom und später auch Team T-Mobile. Er sagte:

"Bei T-Mobile [wohl besser Telekom] hatten wir mit allem nach 1998 aufgehört und ich kann bestätigen, dass unser Team in den Jahren nach der Festina-Affaire wirklich sauber war. Man wollte solch einen Skandal nicht erleben. Aber nach und nach, die Ergebnisse beobachtend, musste man feststellen, dass man im Vergleich zu den anderen Teams, vor allem bezogen auf die spanischen und italienischen, ins Hintertreffen geraten war. Man stellte fest, dass einige eine andere Methode gefunden hatten um EPO zu vermeiden." (Interview l'Équipe 8.7.2010)





Jörg Jaksche 1999

Diese Aussage deckt sich nicht mit den Aussagen verschiedener Fahrer. Jörg Jaksche beschrieb das geduldete und indirekt geforderte Doping 1999 im Team. Christian Henn dopte ebenfalls bis 1999.

 

Jörg Jaksche fuhr 1999 bis 2000 für das Team Telekom. 2007 gestand er während seiner gesamten Profizeit gedopt zu haben. Auch beim Team Telekom. Hier hätten alle gewusst, dass gedopt wurde, auch die sportliche Leitung. Doping sei kein Problem, er solle mit den Ärzten darüber, wurde im geraten. Anfang Januar im Trainingslager gab es "eine Mannschaftssitzung im Konferenzraum des Hotels, wo sich alle Fahrer und die Teamleitung trafen. Godefroot besprach die Aufteilung der Prämien und sonstige Kleinigkeiten. Dann begann er ein wenig herumzudrucksen, in diesem merkwürdigen Deutsch-Flämisch. Er warnte davor, Sachen zu den Rennen mitzunehmen, das sei gefährlich geworden. Er sagte nicht, dass wir nichts mehr benutzen durften. Er sprach weder von Doping noch von Epo, aber für mich war klar, was er meinte. Nach fünf Minuten war das Thema durch, ohne Diskussion. Es war so eine Art beredtes Schweigen." Jaksche erhielt EPO und Wachstumshormone, der Hämatokrit wurde regelmäßig gemessen.

"Nach dem Etappensieg von Giuseppe Guerini in L'Alpe d'Huez. Der Sieg bei der Königsetappe der Tour de France rettete Godefroot das Jahr. Offiziell hieß es: keine Sachen mit zu den Rennen! Aber in Wahrheit war es natürlich ganz anders. Wer bei einem Rennen nur mit einem Hämatokritwert von 44 auftauchte, war ein braver Junge, der bemitleidet wurde. Der mit 48 galt als knallharter Kalkulierer und der mit 49,5 als jemand, der das Team in Gefahr bringt. So krank war das. Es ging Godefroot nicht darum auszuschließen, dass jemand dopt, sondern dass er ungeschickt dopt."(Jaksches Geständnis).

 

Jaksches Aussagen finden sich auch Abschlussbericht der Expertenkommission zur Freiburger Sportmedizin wieder.

"... Während offiziell Engagement im Kampf gegen Doping bekundet wurde, wurde im Team Telekom unter Verantwortung der dopingbelasteten Freiburger Ärzte weiter mit EPO und Wachstumshormon gedopt. Dies bestätigte der Radrennfahrer Jörg Jaksche, der 1999 zum Team Telekom gewechselt war, bei seiner Anhörung vor der Kommission am 12. Oktober 2007. (S. 17/18)

...

Anfang Mai 1999 erhielt er dann am Rande einer Veranstaltung im Leistungszentrum Herzogenhorn von Dr. Heinrich ohne Rezept 20.000 bis 30.000 Einheiten EPO in Form des rezeptpflichtigen Mittels NeoRecormon® (Wirkstoff Epoetin beta). Bei dieser Veranstaltung handelte es sich vermutlich um das vom Arbeitskreis Dopingfreier Sport organisierte und durch Hilfe des Nationalen Olympischen Komitees vom Internationalen Olympischen Komitee geförderte Seminar „IOC – Radsport Seminar – Olympische Spiele Sydney 2000“ vom 5. bis 7. Mai 1999 auf dem Herzogenhorn, dessen Leitung Professor Keul und Dr. Heinrich innehatten und an dem 88 Personen (deutschsprachige Radsport-, Leichtathletik- und Triathlonverbände, Trainer, Betreuer, Ärzte und Journalisten) teilnahmen. Die empfangene Lieferung wurde ebenso wie spätere von Jörg Jaksche bei Dr. Heinrich bar bezahlt. ... Synacthen ® oder Glucocorticoide bekam er nicht geliefert. Diese Präparate waren fester Bestandteil der Reiseapotheke des Team Telekom." (S. 18)

 

Erik Zabel, 2013:

. In meiner Erinnerung bin ich aber überzeugt, dass ich "99 kein Epo nahm. ... [aber] etwa zweimal Cortison beziehungsweise Synacthen, ab und zu Schmerzmittel und das sogenannte 'Finalfläschchen', das aber regelmäßig. Das war Jefs Zaubertrank und sein großes Geheimnis. Deshalb wusste ich nie, was drin ist. Er selber hat ja 2007 offengelegt, was wohl drin war: Koffein, Persantin und Alupent, in Cola aufgelöst."

 

[>>> Geständnisse, Zeugenaussagen, Berichte]



Meldungen und Diskussionen 1999

Das Jahr 1999 begann in Deutschland mit heftigen Dopingdiskussionen und endete ebenso. Neben dem Übeltäter Radsport mit den Folgen der Festina-Affaire und italienischen Geschichten z. B. über Conconi und Pantani, standen Dieter Baumann und Thomas Ziemer im Focus, die Aufarbeitung des DDR-Dopings und selbst das Tennis geriet zeitweise unter Generalverdacht. Das IOC sah sich veranlasst auf einer Weltdopingkonferenz in Lausanne endlich die Gründung einer Welt-Antidopingagentur in Angriff zu nehmen. Keine leichte Aufgabe angesichts der Kurruptionsvorwürfe, die das IOC schüttelten. (>>> die Geburt der WADA)

 

Für das Team Telekom begann das Jahr 1999 unangenehm. Aus Dänemark kamen neue Vorwürfe gegenüber Riis. Laut der TV-Dokumentation "Der Preis des Schweigens" habe dieser 1995 bei Gewiss-Ballan gedopt. Aber auch das Team Telekom wurde mit EPO-Doping in Verbindung gebracht. Die dänischen Journalisten zeigten leere EPO-Ampullen, die sie 1995 während der Vuelta im Zimmer von Jef d'Hont gefunden haben wollten. (cyclingnews, 14.1.1999, c4f: Die Ära Gewiss-Ballan)

"Der Fall Riis gewinnt an Gewicht dadurch, daß das Team Gewiss-Balan mit seiner Siegesserie 1994, besonders der Fahrer Giorgio Furlan und Jewgeni Berzin, im Rückblick als erste Adresse für EPO-Doping gilt. Im dänischen Fernsehen hat diesen Verdacht ein ehemaliger Helfer des Teams, Paolo Ganzerli, bestätigt. Einer der beiden verantwortlichen Journalisten, Nils Christian Jung, ein ehemaliger Radamateur, arbeitete aushilfsweise für verschiedene Teams und will bei dieser Gelegenheit leere Ampullen und Spritzen gefunden und an sich genommen sowie Videoaufnahmen der Fundorte gemacht haben. Erst die Skandaltour des vergangenen Jahres habe ihn veranlaßt, die zum Teil dreieinhalb Jahre alten Funde analysieren zu lassen, sagte er dänischen Zeitungen. Er präsentierte Ampullen und Spritzen mit EPO-Resten aus Zimmern der Teams Gewiss-Ballan, Deutsche Telekom, Once und Ros-Mary.

 

Der andere der beiden Fernsehreporter, Olav Saning, beruft sich im Fall Riis auf Aufzeichnungen, welche er habe einsehen, aber nicht behalten oder kopieren dürfen. Danach wies das Blut von Riis am Ruhetag der Tour 1995, bei der er Dritter wurde, über 56 Prozent Feststoffe auf. Saning, ausgezeichnet als "Sportjournalist des Jahres", gibt seine Quelle nicht preis. Vermutungen gehen dahin, daß die Zahlen aus Unterlagen des italienischen Sportarztes Francesco Conconi stammen." (FAZ, 15.1.1999)

 

Im Traningslager auf Mallorca reagierte das Team mit einer 'improvisierten' Pressekonferenz. "Riis, ... : "Ich bin müde, daß ich ein Spielzeug für die Presse bin. Die Vorwürfe sind dünn und unhaltbar, auf einer ganz falschen Grundlage." Der Sprecher der Mannschaft, Matthias Schumann, behauptete: "Dies ist keine Angelegenheit. Dies sind hanebüchene, unhaltbare Behauptungen." Von einer Gegendarstellung oder Unterlassungsklage war keine Rede. Vielmehr bezeichnete es Schumann als grotesk, daß nicht die Ankläger ihre Vorwürfe, sondern Riis seine Unschuld beweisen solle." Teamarzt Lothar Heinrich sprach davon, dass Riis während seiner Zeit bei Telekom niemals den kritischen Hämatokrit von 50% überschritten habe, dafür lägen 'lückenlos Belege' vor. (FAZ, 15.1.1999) Telekom-Sprecher Jürgen Kindervater bewertete die Vorwürfe als "skandalös". Auch Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping eilte zur Unterstützung herbei. Im Trainingslager des Teams ließ er verlauten, dass er den Eindruck habe, "daß es sich bei den Vorwürfen gegen den Dänen um eine Art Retourkutsche handele, um Telekom in Doping-Verruf zu bringen" (FAS, 17.1.1999).





FAZ-Interview mit Lothar Heinrich, 11.3.1999:
Raten Sie nicht Profis wie Bjarne Riis zur Veröffentlichung, wenn sie unter schwerwiegenden Verdacht geraten wie er im Januar durch die Vorwürfe des dänischen Fernsehens - zumal die Werte ja vorliegen?
Die Zahlen liegen vor. Es muß genügen, wenn man sagt: der Fahrer hatte Werte, die im Bereich des Normalen liegen. Es bringt der Öffentlichkeit kein Mehr an Information, wenn die Hämatokritwerte detailliert vorliegen. Der Wert an sich ist sehr labil und hat an sich nur eine beschränkte Aussagekraft, etwa über Doping. Viel wichtiger ist, daß ein adäquater Test gefunden wird, um Erythropoietin-Mißbrauch zu erkennen. Daran sollte man arbeiten, anstatt publicityträchtig irgendwelche Laborwerte zu veröffentlichen.
...
Der Weltverband kennt die Werte gar nicht. Ihm wird nur mitgeteilt, daß die Untersuchungen gemacht sind. Er hat aber einen Gerichtsmediziner eingestellt, der die Mannschaften zweimal im Jahr besucht und mit dem Arzt die Werte durchgeht, die bis dahin erstellt worden sind. Wenn Unklarheiten bestehen und sich nicht ausräumen lassen, werden die betreffenden Fahrer nach Lausanne ins Labor der UCI eingeladen zu einer genaueren Untersuchung.
...
Der Arzt kann die Probe nehmen. Untersucht wird sie aber in einem von der UCI akkreditierten Labor. Wer da Werte veränderte, beginge Urkundenfälschung.
...
Wie kann man es anders machen? Wenn jemand betrügen will, dann betrügt er. Dagegen ist man nie gefeit. Der Gerichtsmediziner der UCI ist ja auch eingestellt worden, um die Ärzte zu kontrollieren.

Am 11. März konnte Lothar Heinrich in einem langen >>> FAZ-Interview das System der UCI-Blutkontrollen erläutern und seine Einschätzung dessen Sinnhaftigkeit bezüglich Aufdeckung von EPO-Doping geben. Viel Skepsis wurde gestreut und deutlich wurde, dass letztlich manipulieren konnte wer wollte. Derweil redete Prof. Keul laut FAZ EPO-Doping klein. "Doping nützt gar nichts. Das hat in der vergangenen Woche der Olympiaarzt Professor Joseph Keul behauptet. Jedenfalls eröffnete er so ein Seminar über die aktuelle Substanz Epo, ein Medikament, das besonders bei Ausdauersportlern Mittel der Wahl ist. Es ist zwar im Sport verboten, aber nicht nachweisbar und, so sagt Keul, wohl auch unschädlich. Keul war Gastgeber der Veranstaltung, weil sein Institut die Radprofis vom Team Deutsche Telekom betreut." (FAZ, 10.5.1999) Dass diese Aussagen in der Öffentlichkeit so hingenommen wurden, erstaunt heute. Schließlich war die gesamte Problematik des enormen EPO-Missbrauchs im Radsport und in anderen Ausdauersportarten nicht unbekannt. (>>> Hintergrund-Infos)

 

Am 12. Juni krachte es dann richtig im Gebälk des deutschen Radsporthimmels. Der Spiegel legte einen Artikel vor, wonach im Team Telekom Doping an der Tagesordnung sei. EPO sei bereits 1994 zum Einsatz gekommen. Zur Tour 1998 hätte das Team (wie andere Teams auch) Dopingsubstanzen mit einem neutralen Mietwagen transportiert, die Entsorgung des Dopingmülls sei bestens organisiert gewesen. Zu Jan Ullrich hieß es, er habe vor dem "Luk-Cup" ein Hotel gewählt, in dem er vor UCI-Kontrollen sicher war, denn bei ihm sei bei einer teaminternen Blutkontrolle ein Hämatokrit von 'weit über' 50 Prozent festgestellt worden. Das Magazin legte einen Medikationsplan, der auch verbotene Produkte enthielt, vor, der angeblich einen Teamfahrer betraf und der die Vorbereitung von März bis April zeigte. Wie sich später herausstellte, handelte es sich aber laut des vom Spiegel bemühten Zeugen um den Plan eines Fahrers aus dem Jahr 1997, der 1998 zu Telekom wechselte. Hervorgehoben wurden im Artikel Blutchecks, insbesondere auf Eisen und Magnesium. Wobei auf französische Untersuchungen hingewiesen wurde, die erschreckend hohe Werte bei Fahrern erbracht hatten. Eisengaben wurden in Verbindung mit EPO gegeben um einen guten Sauerstofftransport zu garantieren (c4f: Doping-Geschichte, der Eisengehalt im Blut).

Genannt werden in dem Artikel Verbindungen von Fahrern zu bekannten Dopingärzten wie Georges Mouton (Dirk Müller), Luigi Cecchini (Bjarne Riis) und Giovanni Grazzi (Christian Henn) letztere Mitarbeiter von Michele Ferrari und Franceso Conconi. 1998 habe Pevenage aus Angst vor Razzien auf Anordnung von Godefroot während der Tour alle Medikamente entsorgt. Eine Erklärung Jürgen Kindermanns (Telekom) folgte schnell, gehandelt habe es sich "um eine völlig unspektakuläre allgemeine Entsorgung von Medikamenten. Es gab aber keine Medikamente, die etwa unter Dopinggesichtspunkten nicht zugelassen gewesen wären. Der Grund war vielmehr, daß die französische Polizei Schwierigkeiten mit der Einordnung von ausländischen Medikamenten hatte." (der Spiegel, 12.6.1999).





die Zeit, 24.6.1999:
"Jan Ullrich reagiert auf den Dopingverdacht spontan mit einer Verschwörungstheorie. Man will meine Existenz vernichten und das Team Telekom zertrümmern, mutmaßt er am Tag, als der Spiegel mit seiner Dopinggeschichte erscheint. Sechs Tage später reagiert er in der ARD-Sportschau nur noch müde: Ich bin es ziemlich leid, mich zu diesem Thema zu äußern.
Die ARD sponsert das Team Telekom, vielleicht fragt die Sportschau deshalb nicht allzu bohrend nach Doping. Ullrich selber steht bei diesem Interviewauftritt in einem sterilen Raum der Freiburger Uniklinik vor der Kamera und sucht dabei Halt am Sattel eines Ergometer-Fahrrads. Seine Augen blicken matt. Er wirkt wie ein gefasster Beerdigungsteilnehmer und sagt resignierend: Man fährt ja sauber."

Jan Ullrich sah sich nach diesen Veröffentlichungen zu einer 'Ehrenerklärung' veranlasst: ""Ich habe nicht gedopt, ich dope nicht und werde nicht dopen. Ich bin sauber". Juristisch erwirkte er eine Gegendarstellung im Spiegel und eine Einstweilige Verfügung gegen das Magazin, das nun nicht mehr behaupten durfte, Ullrich habe mit EPO gedopt. (Auf die Rechte dieser Verfügung verzichtete Ullrich im Juni 2013: spiegel-online, 22.6.2013.)

 

Die Deutsche Telekom wird wie folgt zitiert:

"Wir stehen zu unserem Team" publizierte das Unternehmen gestern, am Tag nach Jan Ullrichs Absage für die Tour de France, halbseitige Anzeigen in überregionalen Zeitungen. In bezug auf den SPIEGEL-Artikel vom 14. Juni, in dem ein Telekom-Fahrer des Dopings bezichtigt worden war, heißt es dort: "In der letzten Woche erschien in einem Magazin ein Bericht, in dem versucht wurde, unser Team Telekom mit Doping in Zusammenhang zu bringen. Eindeutige Beweise dafür wurden nicht erbracht. Wir bitten Sie daher, niemanden vorzuverurteilen. Nicht einen einzelnen Fahrer. Und auch nicht das gesamte Team." Völlig vorbehaltlos aber legt das Unternehmen die Hand nicht mehr für jeden Telekom-Fahrer ins Feuer. Die Einschränkung manifestiert sich in dem Satz: "Nach allem, was wir wissen, ist das Team Telekom absolut sauber. Damit ist die Position der Deutschen Telekom festgezurrt: Falls doch einmal bewiesen werden sollte, daß es Doping im Team gab, sei dies ohne Wissen und Unterstützung des Sponsors geschehen." (der Spiegel, 28.6.1999)

 

Dem Spiegel wurde innerhalb weniger Tage durch das Landgericht Frankfurt per Einstweiliger Verfügung untersagt die vorgebrachten Behauptungen aufrecht zu erhalten (der Spiegel, 19.6.1999).

 

Die Hiobsmeldungen gingen weiter. Werner Franke erklärte einige Tage später gegenüber dem Sportinformationsdienst sid: "Es war ein Betreuer bei mir, der einen Wäschekorb von Dokumenten mitgebracht hatte. Die habe ich gesichtet, wobei ich extra drei Zeugen dazugerufen habe. Die Angaben waren codiert, aber leicht zu entschlüsseln. Es handelte sich um Dosierungsangaben und Fahrernamen. Selbst ich habe mit den Ohren geschlackert, ich habe es nicht glauben wollen". Auch das Doping-Mittel Erythropoietin (EPO) sei aufgetaucht, wie der Mediziner verriet. Wie Franke weiter schilderte, sei auch ein Fahrer des Team Telekom zu identifizieren gewesen." (der Spiegel, 19.6.1999)

 

Werner Franke erstattete Anzeige, es wurden jedoch entgegen erster Meldungen von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf keine Ermittlungen gegen das Team Telekom eröffnet. Betroffen war das Team Cologne.





der Spiegel, 21.6.1999:
"Paul Köchli, in den 80er Jahren Teamchef von Bernard Hinault und Greg LeMond, daß auch im Telekom-Team gedopt wird. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte der Schweizer in Bezug auf die Zentrifugen, die viele Fahrer mitführen: "Wenn man mit EPO fummelt, muß man solches Handwerkszeug dabeihaben." Die Aktion der Telekom, die nach den Skandalen des Vorjahres eine Million Mark für die Bekämpfung von Doping ausgegeben hat, tat Köchli als PR-Maßnahme ab: "Das ist so, als ob Al Capone die Polizei sponsort". Teamarzt Lothar Heinrich hatte zum Wochenbeginn überraschend zugegeben, daß "die meisten Fahrer Zentrifugen im Gepäck" hätten, um die eigenen Hämatokritwerte zu messen."

Am 1. Juli legte das Magazin Monitor den Dosierungsplan eines Telekom-Fahrers vor, "über mehrere Wochen hinweg war die Einnahme verbotener Substanzen vorgesehen." EPO war dabei. (Monitor, 1.7.1999) Lothar Heinrichs Aussage mit dem Hämatokrit-Grenzwert von 50% wäre die UCI auf einem guten Anti-EPO-Weg und daher arbeite man selbst im Team mit einer Handzentrifuge um regelmäßig messen zu können, wurde dabei infrage gestellt. Teamchef Walter Godefroot beugte vor: "Doping, auf das will ich nicht antworten, wann wir gesamt 40 Mitarbeiter haben in Mannschaft und was einzelne, was einzelne Leute machen, kann man nicht immer im Griff halten." Prof. Gerhard Treutlein wie zwar auf die dubiose Rolle, die Prof. Keul als Vorgesetzter der Ärzte Schmid und Heinrich über Jahrzehnte in Bezug auf Doping spielte, doch Gehör fanden diese Mahnungen kaum.

 

Die Stimmung im Team war zu Beginn der Tour de France konnte nicht schlechter sein, Jan Ullrich hatte die Teilnahme abgesagt und dazu die nicht enden wollenden Dopingverdächtigungen. Arzt Lothar Heinrich soll sogar an Hinschmeißen gedacht haben. ""In jedem Gespräch ist das zweite Wort Doping", klagte er während der Tour de France. "Das macht mir keinen Spaß. Doping ist kein medizinisches Thema. Es kann sein, daß ich Ende des Jahres etwas anderes mache." ... Selbst unter Medizinern aber werde er häufig angesprochen mit dem Hinweis, man sei ja unter sich, er solle einmal erzählen, was man im Radsport denn einsetze. "Ich gerate ins Zwielicht, und ich bin kaum noch zu Hause". " (FAZ, 19.7.1999)

 

Durch die einstweilige Verfügung, die Telekom erwirkt hatte, wurde es in der Öffentlichkeit ruhig. Der Verlag hatte aber einigen Druck und auch finanzielle Einbußen zu verkraften. Doch die Glaubwürdigkeit des Teams scheint vorübergehend stark gelitten zu haben, zumindest schwingt in den Presseartikeln der Zeit viel Skepsis mit. Am 24. Februar 2000 wurde die Angelegenheit zwischen Spiegel und Team Telekom außergerichtlich beigelegt.

"Der Spiegel verpflichtete sich, seine Behauptungen künftig zu unterlassen, die Betreiber-GmbH des Team Telekom zog ihre Klage zurück und verzichtete auf Richtigstellung und Schadenersatz – wohl auch, um nicht in einem mehrjährigen Schadenersatzprozess mit Zeugenanhörungen und Dokumentensichtungen weiteren Staub in Sachen Doping aufzuwirbeln."

Ob bei dem Vergleich auch die Ungereimtheiten der Recherche eine Rolle spielten, bleibt dahin gestellt. Ralf Meutgens legte eine Analyse der Recherchen vor und warf den Journalisten unsauberes journalistisches Arbeiten zu Lasten des betroffenen Betreuers Dieter Quarz vor, der als Kronzeuge bemüht worden war, aber bereits im Juli 1999 gegen die Darstellung seiner Rolle im Verlag protestiert hatte. Als 2007 immer mehr Details über die Dopingrealitäten im Team Telekom/T-Mobile und der sie betreuenden Ärzte der Freiburger Sportmedizin ans Tageslicht kamen, erhielten die beiden Spiegel-Journalisten späte Genugtuung. Die beiden Autoren wurden für ihre damalige Arbeit 2008 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Damit war die Diskussion um die Art und Weise der zugrundeliegenden Recherche aber nicht beendet. Die Kontroverse ist >> hier nachzulesen.



Die Fahrerverträge des Teams Telekom enthielten eine Auflösungsklausel für den Dopingfall. Wird er positiv getestet, muss ergehen. Bislang wurde kein Fahrer bekannt, dem dies geschah. Am 16.8. zeichnete sich der erste Fall ab, Christian Henn war in einer Trainingskontrolle mit einem stark erhöhten Testosteronspiegel aufgefallen. Henn leugnete nicht, sondern erklärte, wegen eines Kinderwunsches habe er in Italien ein Naturheilmittel angewandt. (der Spiegel, 16.8.1999) Henn wurde vorläufig vom Team suspendiert, im Oktober gab er seinen Rücktritt als aktiver Profi-Fahrer bekannt. Er wurde für 6 Monate gesperrt.

 

Einigen Schrecken dürften Zeugenaussage von Erwan Manthéour im Festina-Prozess hervor gerufen haben. Er gab zu Protokoll Jef D'Hont, genannt Monsieur Dopage, habe ihm bestätigt, dass im Team Telekom, insbesondere auch Ullrich, gedopt worden sei. D'Hont leugnete aber grundsätzlich gedopt zu haben und so blieb der Hinweis auf das deutsche Team eine Randnotiz, denn es gab gegen den Pfleger Beweise, die sicherer waren.

 

Das Jahr 1999 endete dennoch einigermaßen erfolgreich für das Team Telekom dank Jan Ullrich, der der Vuelta gewinnen konnte und Weltmeister im Zeitfahren wurde. Zum Thema Doping befragt äußerte sich Jan Ullrich im Dezember wie folgt:

FAZ: Wenn das Thema Doping im Raum oder in den Zeitungen stand, kam er [Lance Armstrong] auf die Journalisten zu, nahm sie fast am Kragen und sagte: Hört mal zu, ich erkläre es euch jetzt zum dritten Mal! Wird das in Zukunft auch Ihre Strategie sein?

Ich erzähle nur einmal was. Wer nicht zugehört und nicht mitgeschrieben hat, der kriegt halt nichts mehr. Je mehr man sich mit diesem Thema beschäftigt, desto mehr denkt man auch über dieses Thema nach. Ich will über sportliche Dinge nachdenken, nicht über Doping. Wenn ich tausendmal danach gefragt werde, träume ich vielleicht davon. Dann freue ich mich eines Tages, dass ich ein Rennen gewonnen habe, und einer kommt und fragt: Haben Sie das mit Doping geschafft? Dann fragen das dreißig Mann. Und dann frage ich mich: Sag mal, wofür fährst du eigentlich noch?

 

Es kann einen auch ganz anders erwischen. Was halten Sie vom Fall Dieter Baumann?

Ich kenne Dieter ein bisschen. Ich denke, dass er klug genug ist, dass er nichts nimmt. In der Leichtathletik, im Radsport - das geht doch gar nicht. Es wäre idiotisch. Dieter Baumann steht immer für Anti-Doping ein. Wir sind doch gläserne Athleten. Wir können jederzeit kontrolliert werden. Ich musste letzte Saison bestimmt zu sechzig, siebzig Urinproben und zu zwanzig Blutabnahmen. Da hat man Mordslöcher in den Adern, das kann man sich gar nicht vorstellen. Dieter Baumann hat das doch auch in seiner Sportart. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er was genommen hat.

 

Wie ist Ihr Streit mit dem "Spiegel" ausgegangen, der unterstellt hat, dass in Ihrem Team gedopt wird?

Die hatten nichts gegen mich in der Hand, denn es gibt ja nichts gegen mich. Da wurden Behauptungen zu Fakten erhoben. Der Prozess läuft noch. Die Gegendarstellung habe ich gerichtlich durchgesetzt. Alles andere muss man abwarten. (FAZ, 14.12.1999)



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