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Reichhelm, Cornelia: Doping-Kinder des Kalten Krieges

 
 
 
Titel: 
Doping-Kinder des Kalten Krieges 
 
Vom Staat geliebt-vom Staat missbraucht 
Autorin:  
Cornelia Reichhelm 
Layout:  
Broschiert, 299 Seiten 
Verlag:  
LIT Verlag, Berlin 2014 
ISBN: 
978-3-643-12615-3 
Preis:  
24,90 EURO, E-Book 19,90 EURO 
 
 
 


 




Das Buch ist eine Autobiografie. Cornelia Reichhelm beschreibt ihre Lebensgeschichte beginnend als junge Kanutin im DDR-Sportsystem (1976-1982) bis heute.

 

Im Alter von 13 Jahren wird Cornelia Reichhelm an der Sportschule des Sportclubs Dynamo Berlin aufgenommen. Umfangreiche Tests hatten eine Eignung für das Rudern ergeben. Die folgenden Jahre wird sie in einem Sportinternat, fernab der Familie, verbringen. Sie hat Freude an ihrem Sport aber sie lernt schnell, dass allein zählt, erfolgreich zu sein. Die jungen Mädchen stehen in Konkurrenz zueinander, Freundschaften können in diesem Klima nur schwer entstehen. Die schulische Ausbildung ist Teil des Tagesablaufes, sie muss jedoch immer mehr dem Training weichen. Bereits im ersten Jahr bekommen die Mädchen Pillen, angeblich Vitamine in Wahrheit Testosteron, und sie müssen die Anti-Baby-Pille nehmen. Im Laufe der Zeit kommen weitere Tabletten und Pulver hinzu. Gleichzeitig werden sie angesichts des Dopingfalles Ilona Slupianek vor der Einnahme von Dopingmitteln gewarnt.

 

Cornelia Reichhelm beschreibt ausführlich und nüchtern ihre Zeit im Sportinternat. Es ist ein Internatsleben unter primitiven Bedingungen, geprägt durch harte Trainingsbelastungen ohne ausreichend Freizeit für Regeneration, Hobbies und Unternehmungen. Sie schildert Trainingsszenen im Winter und bei rauesten Wetterbedingungen auf dem Wasser mit Vorfällen, bei denen die Ruderinnen nur knapp dem Tod entgangen sind. Sie erwähnt auch sexuelle Ausbeutung von von jungen Sportlerinnen durch einen Trainer. Ihre Geschichte ist eine Geschichte über Abhängigkeiten, Missbrauch und Körperverletzung.

Das harte Training hinterlässt schon früh im Körper des Mädchens Spuren. Ihr Kreislauf streikt häufig, Entzündungen folgen einander, heftige Schmerzen, die sie nie wieder verlassen werden, beginnen ihren Alltag zu begleiten. Die betreuenden Ärzte leugnen ihr gegenüber jedoch die Ursachen, insbesondere die frühen schweren Schäden an der Wirbelsäule werden nicht angesprochen.

 

Das Buch ist nicht nur ein Zeugnis über Doping bei Minderjährigen in der DDR. Es gibt Einblicke in das gesamte Sportfördersystem der DDR und beschreibt ein Leben junger Menschen unter Bedingungen, die für mich auch ohne Doping erschreckend sind.

 

Cornelia hält durch, ist motiviert und erfolgreich. Ihr großes Ziel ist die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen, doch trotz Qualifikation muss sie zuhause bleiben. Die Gründe hierfür werden ihr nicht genannt. Erst Jahrzehnte später findet sie eine Antwort: sie muss bei den internen Kontrollen dopingpositiv gewesen sein. Sie erfährt, dass ihr Cheftrainer Günther Schniebel gemeinsam mit den Ärzten an ihr und Ihren Kolleginnen Dopingforschung betrieben haben. Diese Ergebnisse zählten, nicht ob diese jungen Menschen international erfolgreich waren, dafür waren andere da.

 

Mit 18 Jahren wird Cornelia von ihren Trainern und Ärzten offen aufgefordert, Anabolika einzunehmen. Sie weigert sich, doch Jahre später wuchs in ihr der Verdacht, dass sie diese Mittel nun wieder heimlich, in Form von Schokolade, die sie täglich essen sollte, bekam.

 

Cornelia Reichhelm verlässt den Sport mit 20 Jahren. Sie findet privat und beruflich Sicherheiten, doch Hilfe für ihre gesundheitlichen Probleme erhält sie kaum. Immer wieder stößt sie auf Personen, die mit dem Sportsystem und der Staatssicherheit verbunden sind und die Ursachen gegenüber der jungen Frau trotz besseren Wissens leugnen. Selbst im Jahr 2000 gerät sie noch an einen Medizin-Professor, der ihre dokumentierten schweren Schäden abstreitet und sie dann gegen ihren ausdrücklichen Wunsch behandelt - falsch behandelt wie sich schnell herausstellt. Sie kämpft eisern gegen die ständig sich verschlimmernden Schmerzen und Beschwerden an und gestaltet sich und ihrem Sohn nach der Wende 1990 ein erfolgreiches Leben. Doch der Körper macht nicht mehr mit, es kommt der völlige Zusammenbruch mit dem Ergebnis der 100prozentigen Erwerbsunfähigkeit. Erst um die Jahrtausendwende im Zuge der DDR-Doping-Prozesse wird ihr klar, wem sie ihre Leiden zu verdanken hat. Sie beginnt nach zu forschen und nimmt einen neuen Kampf auf, wie so oft in ihrem Leben.

Cornelia Reichhelm ist anerkanntes Dopingopfer und kämpft seit Jahren für eine Doping-Opfer-Rente.

 

Ihre Geschichte erzählt von der Unmenschlichkeit eines Sportsystems, in dem die Integrität und die Würde von Menschen mit Füßen getreten wurden. Minderjährigendoping war Teil dessen, aber es war nicht alles. Und ihre Geschichte ist auch eine Geschichte über den kalten Umgang unserer bürokratischen Gesellschaft mit Menschen, die unverschuldet durch ein Staats-/Sportsystem, für das sich heute kaum noch jemand verantwortlich fühlt, in große Not geraten sind.






Cornelia Reichhelm ist schon längere Zeit bereit, öffentlich über ihr Schicksal zu berichten. Den Medien stand sie bereitwillig für Interviews zur Verfügung. Mit dieser Autobiografie geht sie jedoch einen enormen Schritt weiter und beweist großen Mut. Ich hoffe sehr, dass ihr ausführlich und dennoch zurückhaltend erzähltes Schicksal hilft, einen humanen Hochleistungssport zu fördern und das Verständnis für die Doping-Opfer zu erhöhen.

>>> 2007-2014 Doping-Opfer-Rente

 

Cornelia Reichhelm:

Ein Freund sagte einmal: "Die Wahrheit hat ein langes Leben, freuen sie sich darauf."

Mein Buch widme ich allen Kindern und Jugendlichen, die durch Erwachsene, Eltern, Lehrer oder von Fremden in irgendeiner Art missbraucht, ausgenutzt, unterdrückt oder ausgebeutet wurden. Es ist schon schlimm, wenn ein Fremder die Körper körperlich oder seelisch missbraucht. Noch viel schlimmer jedoch ist es, wenn diese Verbrechen durch Vertraute an ihren Schutzbedürftigen, Schutzbefohlenen verübt werden.



Maki, November 2014


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