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Präventionsprojekte in Frankreich



16. französische Tagung Doping und Dopingprävention - Paris, 15./16. April 2016




CNOSF: 16ème Colloque National de Lutte et de Prévention contre le dopage

15. und 16. April, Paris

Tagesordnung



Anmerkungen von Prof. Dr. Gerhard Treutlein

Verantwortlicher: Patrick Magaloff. Er begrüßt mich in seiner Ansprache und weist auf die gemeinsamen deutsch-französischen Seminare zur Dopingprävention hin.

 

Einschub GT: Der Etat der AFLD (franz. Antidopingagentur) (betrug 2014 9 Millionen, 2015 8 Millionen) ist nur für Repression und Forschung, aber nicht für Dopingprävention zuständig. Kommentar von Michel Rieu in „Le Monde“ (2.8.2015): Viel Geld, um so tun zu können, als ob der Kampf gegen Doping intensiv geführt werden würde. Keiner der großen Skandale (z.B. Festina 1998, Balco 2003, Puerto/Fuentes 2006, Armstrong 2012, Team Telekom 2007) wurde durch eine Antidopingagentur losgetreten, geschweige denn durch den organisierten Sport. Maurice Herzog, der als Sportminister 1965 das erste Dopinggesetz auf den Weg brachte: „Mein Gesetz hat zu nichts geführt“ (2004). Das Budget der WADA entspricht mit 27,5 Millionen Euro dem Budget des Radteams „Sky“.

 

Denis Massiglia (früher Präsident des französischen Ruderverbandes, hat damals sofort mit der Wende den früheren DDR-Trainer im Rudern, Mundt, zum Cheftrainer des französischen Ruderverbands gemacht, heute Präsident von CNOSF (NOK Frankreichs)):

Begrüßungsansprache: „Doping ist eine Geisel. Aber der Abstand zwischen den Betrügern und den Verfolgern wird immer kleiner. Früher oder später wird die Maske von Dopern fallen.“

 

Olivier Niggli (nächster Generaldirektor der WADA):

Er will sich nicht zu Meldonium äußern. Die Regeln der WADA seien im Wesentlichen international umgesetzt. Es folgt eine Lobhudelei für die französische Umsetzung. Zur Evaluation der Umsetzung wurde durch die WADA eine Expertengruppe eingesetzt. Zu Russland/Whistleblower meinte er, die Möglichkeiten zu Aktivitäten der WADA in solchen Fällen werden überschätzt. Als wichtiger sieht er nationale Gesetzgebungen an, um von den Möglichkeiten der Polizei und des Zoll zu profitieren. (S.a. Interview mit Niggli ihm im Luxemburger Tageblatt, aufgenommen während der Tagung).

 

Bruno Genevois (Präsident der AFLD (französische Antidoping-Agentur)):

- Die juristischen Möglichkeiten im Kampf gegen Doping wurden verbessert.

- 8 Stellen für Hauptamtliche in den Regionen, die den Kampf gegen Doping koordinieren sollen (vor allem zwischen den 24 regionalen Hauptamtlichen, aber auch mit Polizei, Zoll usw..)

- Kooperationen mit UCI, UEFA usw. zwecks vergrößerter Möglichkeiten im Kampf gegen Doperumfeld.

- Er beklagt ein nachlassendes Engagement des Sports.

 

Thierry Braillard (Staatssekretär im Sportministerium – bei früheren Veranstaltungen waren die Minister selbst angetreten!):

Er weist auf die gesteigerten Möglichkeiten zu Hausdurchsuchungen und auf die Bedeutung von Prävention hin. Die Erkenntnisse aus der Senatsbefragung von 2013 bestimmen die Planungen des Sportministeriums zur Dopingthematik. Der Staat will sich in Zukunft stärker einbringen.

 

Jean Dherot (Chef einer Abteilung des Sportministeriums zur Förderung der Gesundheit und der Dopingprävention), u.a.:

- Der Welt-Antidoping-Code wurde jetzt vollständig in franz. Recht umgesetzt.

- Die Möglichkeiten des Eingreifens gegen das Doperumfeld wurden wesentlich intensiviert.

- Die Kooperation ist am deutlichsten mit Polizei und Zoll.

- Filmproduktionen und weitere Materialien wurden erstellt

 

Laurent Valadie (stellvertretender Generalsekretär der AFLD):

Die festen Ausgaben sind so hoch, dass kaum Luft für Neues bleibt. Er nennt die Zahlen der Kontrollen und AUTs (von 400 beantragten wurden 2/3 akzeptiert).

 

Marc Madiot (Manager des Radteams „la Francaise des Jeux“):

Thema: „Meine Wahrnehmung des Antidopingkampfs 2016“: Er äußerte sich meiner Meinung nach etwas naiv über den Anfang der EPO-Zeit. Er beschreibt die Entwicklung des Kampfs gegen Doping als Erfolgsgeschichte, alles wurde immer besser ….

 

André Bigard (Berater der Wissenschaftskommission der AFLD):

Er weist darauf hin, dass die Wirkung von Mischungen von Substanzen fast völlig unbekannt ist. Er bezieht sich dabei u.a. auf einen Artikel von mehreren Autoren mit Koautor Schuhmacher (Freiburg). Nach diesen sei die Lebenserwartung von Spitzensportlern höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung - diese Aussage steht im Gegensatz zu den Berechnungen von de Mondenard, auf die er aber ebenso wenig eingeht wie auf die Herzprobleme von nicht wenigen Ausdauerathleten (z.B. Herzverpflanzung beim Olympiasieger Kannenberg München 1972, beim Waldemar Cierpinski, Olympiasieger Marathon 1976 und 1980).

 

Michel Audran (pharmazeutische Fakultät der Universität Montpellier):

Er weist auf Unsicherheitsfaktoren beim EPO-Nachweis hin. Je nach Wettkampf- und Trainingsart, Wetter (Dehydrierung durch Hitze), Höhentraining usw. können die Werte verschieden ausfallen.

 

Olivier Bricou (Psychiater am INSEP):

Er weist daraufhin, dass die Schwimmer am häufigsten psychoaktive Mittel konsumieren.

 

Fabien Ohl (Prof. an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Lausanne):

Er sieht für den Kampf gegen Doping 3 Strategien:

1. Reduzierung der Risiken, in die Dopingfalle zu geraten. Doping ist anders zu betrachten als Drogenkonsum, im Gegensatz zu Doping kann man durch Drogenkonsum weder bekannt werden noch etwas verdienen.

2. Verbesserung der Kontrollen.

3. Informieren usw. (nach Houlihan), Ziel sei, die Dopingkultur im Radmilieu zu beeinflussen und zu verändern, vor allem durch einsichtige Module zur Verbesserung der Leistungssteigerung. Informieren reicht nicht aus, die Praxis/der Alltag muss verändert werden -> Repression + Prävention (kommt dem Ansatz der dsj nahe).

 

Damien Ressiot (früher investigativer Journalist, der z.B. das Doping von Armstrong schon 2005 offen legte, seit 2015 Verantwortlicher bei der AFLD für die Dopingkontrollen):

Er lässt sich verständlicherweise sehr wenig über seine Ziele und Vorgehensweise aus, um Betrüger nicht zu warnen. Er weiß aber, wovon er spricht und welche Probleme er zu bewältigen hat. Seine Aufgaben umfassen: Jeweils 50% sind Wettkampf- und out-of-competition-Kontrollen, Identifizieren von potentiellen Betrügern, Focus auf geographische Zentren des Betrugs, Vermehrung der nicht-analytischen Nachweismöglichkeiten, Schwerpunkt auf Risikosportarten.

 

Jérôme Lacour (Lieutenant-colonel, Chef des Büros für den Schutz von Umwelt und öffentlicher Gesundheit):

Die Zahl von Nutzern des Internets steigt rapide an. Im Internet muss die Bekämpfung auch von Doping weit präsenter werden. Lacour will viel mehr über nationale Netzwerke herausfinden. 2015 gab es 28 Verfahren, Untersuchungen gegen 68 Personen, Entdeckung von 2 geheimen Labors und einem Depot, Zusammenarbeit mit den Behörden in Thailand (Markierung von abgehenden verdächtigen Paketen -> Aufspüren durch den franz. Zoll). Die Affaire Nikita: Entdeckung von rund 200 Abnehmern, d.h. ein ganzes Netz wurde identifiziert. Ein rapider Anstieg der Fälle ist festzustellen.

 

Alexandra Savie (Stellvertretende Staatsanwältin des Pariser „tribunal de grande instance“, dort für den Bereich öffentliche Gesundheit zuständig):

Sie geht davon aus, dass der echte Wille zur Dopingbekämpfung fehlt (faire du semblantisme – so tun als ob). Ein Sonderproblem sieht sie im Dealen in Gefängnissen und in den départements d’outre mer (départements außerhalb des Mutterlands, wieLa Réunion, Antillen). Blutkontrollen sind dort wegen des Transportsproblems nicht möglich.

 

Christophe Bassons (war Radprofi, u.a. während des Festinaskandals im Festinateam 1998, nach Aussagen anderer Festinafahrer der Einzige, der nicht gedopt hat (c4f: Christophe Bassons). Wegen seiner Offenheit wurde er vor allem bei der Tour 1999 so gemobbt (vor allem auch von Armstrong), dass er ausstieg. Heute ist er hauptberuflich tätig für CIRAD – Conseil interrégional antidopage - der Gegend Aquitaine/Limousin/Poitou-Charente):

Er schilderte beispielhaft, wie er eine Maßnahme der Dopingbekämpfung bei franz. Bodybuildingmeisterschaften koordinierte. (Er hatte etwas Ähnliches aber auch schon z.B. bei einem Erstligaspiel im Rugby organisiert, mit Anwesenheit eines Staatsanwalts, Polizei usw., zum großen Erstaunen des dortigen Milieus.) In Vorbereitungssitzungen organisierte er die Zusammenarbeit von Polizei, Zoll, Staatsanwaltschaft, Kontrolleuren. Direkt vor Beginn der Meisterschaft führte die Polizei auf den Zufahrtsstraßen zur Halle Autodurchsuchungen durch. Durchsucht wurden während der Meisterschaft die Umkleideräume und die Verkaufsstände in der Halle und im Aufwärmbereich. Insgesamt waren 24 Personen beteiligt (z.B. 7 Zollbeamte, 3 Dopingkontrolleure). Unter den 800 Teilnehmern wurden 5 positiv getestet. Bassons beklagt eine starke Medikamentalisierung des Leistungssports und eine entsprechende Mentalitätsentwicklung.

 

Bei den anschließenden Beiträgen war ich nicht mehr anwesend.

 

In seiner Abschlussrede beklagte Patrick Magaloff (wie er mir später erzählte), dass das entwickelte E-Learning-Programm von CNOSF zur Dopingprävention kaum genutzt wird (Qu'est-ce que le programme antidopage du CNOSF?).

 

Insgesamt war eine erhebliche Diskrepanz zwischen der gegenseitigen Beweihräucherung, wie toll doch alle ihre Arbeit machen, und einer gewissen Resignation in Gesprächen während den Pausen und beim Mittagessen festzustellen. Es ist vielen bewusst, dass die Schere zwischen den Dopern und den „Verfolgern“ eben nicht kleiner geworden ist. Und diese Stimmung passt zu Äußerungen von Patrick Laure


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