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Deutsche Ärzte und Doping



>>> Doping in der BRD 1950-1990

 

>>> Dossier Deutsche Ärzte und Doping



Ärzte als Bezugsquellen von Anabolika - Beispiele aus der Arbeit von Simon Krivec


2017 veröffentlichte Simon Krivec seine Dissertation

"Die Anwendung von anabolen-androgenen Steroiden im Leistungssport der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1960 bis 1988 unter besonderer Berücksichtigung der Leichtathletik".

Im Rahmen seiner Untersuchungen konnte er zu 39 ehemaligen Leichtathleten Kontakt aufnehmen, die ihm über ihr Dopingverhalten mit Anabolika berichteten. Die meisten wollten anonym bleiben.

Krivec stellt fest, dass im Rahmen seiner Arbeit nachgewiesen werden konnte, "dass mehr als 50 % männlichen bundesdeutschen Leichtathleten in dem betrachteten Untersuchungszeitraum anabole Steroide eingenommen haben".









Auf seine Frage, wie die Sportler an die Medikamente gekommen waren, fällt die häufige Erwähnung von Ärzten auf. "Die mit fast 2/3 am häufigsten genannte Bezugsquelle ist der Arzt (64,3%;N=18). Diese Angabe lässt klar erkennen, dass der behandelnde Mediziner für die meisten Athleten die Hauptbezugsquelle und erste Anlaufstelle für seine benötigten anabolen Wirkstoffe war." Insgesamt verteilten sich die 42 Athletenangaben zu Bezugsquellen wie folgt: 18mal Ärzte, 5mal Apotheke, 6mal Trainer, 6mal Sportler, 8mal Sonstige.

Da die Rolle der Ärzte hinsichtlich der Aufarbeitung und Diskussion der westdeutschen Dopingvergangenheit im Hochleistungssport in den letzten Jahren hohe Beachtung erfährt (z. B. Freiburger Sportmedizin), dürften die zitierten Beispiele weiter zum Verständnis der damaligen Jahre beitragen.

 

Im folgenden sind einige Zitate aus der Dissertation zu der Rolle, die Mediziner in Beziehung zu dem Anabolika-Konsum deutscher Leichtathleten während der Jahre 1960 und 1988 spielten,



Fallbeispiele - Zitate



Athlet Kader A, Nationalmannschaft, Mehrkampf; Anwendung von Dianabol 1966 bis Frühjahr 1967:

An meinem Trainingsort in Berlin hat mich ein betreuender Arzt, ein Orthopäde, darauf aufmerksam gemacht. [...] [Er] mir Ende 1966 die Einnahme von Dianabol empfohlen [und] gab mir auch gleich eine Packung - heute nehme ich an, ein Arztmuster - mit. ... Dem Anraten des Arztes bin ich gefolgt und habe im Winterhalbjahr 1966 / 1967 über 5-6 Monate hinweg Dianabol eingenommen.

... Es war ein offenes Geheimnis, wer von den Athleten ... zum Beispiel bei [...] , einem vom Bund Deutscher Radfahrer gesperrten Kölner Arzt, ein- und ausging. Mich hat das damals unglaublich frustriert und auch demotiviert. Frustriert vorr allen Dingen, da ich keinen Zugang zu den Ärzten bekommen habe, die für sogenannte 'Anabolikakuren' zu haben waren. Wäre mir der Zugang gelungen, hätte ich vermutlich alles 'genommen', was mir verschrieben worden eäre. Für meinen betreuenden Arzt in der [Name des Klinikums] war das jedoch nie ein Thema [...]. Die Ärzte dort waren nach meiner Kenntnis alle integer.

... Wäre ich in meiner aktiven Zeit an einen 'vertrauenswürdigen' Arzt geraten, hätte ich wahrscheinlich ... auch über den Zeitraum 1966 und 1967 hinaus ohne zu zögern zugegriffen, um mein Potenzial ebenfalls auszuschöpfen und in der Spitzengruppe mithalten z





Klaus-Peter Hennig, Kader A, Nationalmannschaft, Wurf; Anwendung von Dianabol und Primobolan 1967-1972:

Das erste Mal, in diesem Fall Dianabol, habe ich 1967 noch zu meiner Zeit bei Preußen Münster gehört. Dies geschah durch gespräche mit anderen Athleten

... 1967/1968 habe ich meiner ersten Tabletten von meinem Hausarzt [... in Münster verschrieben bekommen. Als ich dann zu Bayer Leverkusen gewechselt bin, sind viele von uns zu [...], einem Sportmediziner in Langenfeld gegangen, der uns medizinisch betreut hat.

Mir wurde in den Jahren 1971 bis 1973 durch den Langenfelder Sportmediziner 3- bis 4-mal eine Primobolan-Depospritze gesetzt. 1972 bei einem Länderkampf in München im Vorfeld der Olympischen Spiele gegen die USA wurde mir vom verantwortlichen Verbandsarzt des DLV [...] Captovit gegeben, welches meine Leistung noch weiter fördern sollte.

... Mein Hausarzt hat mich 1967 auf den Beipackzettel verwiesen. Ich vermute, dass er selbst nicht so große Ahnung hatte. Mein mich danach betreuender Arzt in Langenfeld hat mich und andere Athleten immer wieder darauf hingewiesen, es doch bitte nicht zu übertreiben, da es sonst zu den in den Beipackzetteln beschriebenen Nebenwirkungen kommen könne.

... Alles ging über Kassenrezepte, das ging damals ohne Probleme.

... Uns Sportlern wurde vom damaligen DLV-Sportwart [...] mitgeteilt, wenn wir irgendwelche leistungssteigernden MMittel benötigen würden oder Schwierigkeiten hätten, welche zu bekommen, sollten wir uns doch bitte an Prof. Keul [...] wenden. Das war für mich eine klare Handlungsempfehlung und Ausdruck des sich etablierenden Systems des DLV, um den Zugang zu unterstützenden Mitteln zu gewähren. Insbesondere, um ein wenig mit dem Dopingsystem in der DDR schritthalten zu können.

 





Athlet Kader A, Nationalmannschaft, Sprint; Anwendung von Dianabol 1969-1972:

Im Trainingslager [1968] hatten fast alle Athleten ihre Pillen offen im Badezimmer stehen oder in den Sporttaschen dabei.

... Ich habe das [Dosierung] mit meinem Arzt im näheren Umfeld des Vereins abgesprochen. Dort waren mehrere Athleten in Behandlung und er sagte mir, dass bei diesen Dosierungen [... max 25 mg ...] keine Probleme zu erwarten seien.

... Mein Arzt hat mir am Anfang die Vorteile der Anabolika aufgezählt und gesagt, dass mit Nebenwirkungen nicht zu rechnen sei. Nach den ersten Wochen des Ausprobierens war die positive Wirkung so ausgeprägt, dass man auch nicht mehr über mögliche Nebenwirkungen nachgedacht hat.

... Wir haben immer Rezepte ausgestellt bekommen, die wir in der ... Apotheke in ... eingelöst haben. Wir sind dann immer mit mehreren Sportkameraden dahin und der ... hat uns das Zeug dann tütenweise mitgegeben und hat noch immer viel Erfolg gewünscht.

... Es muss allen Verbandsfunktionären klar gewesen sein, dass auch die Einnahme von Medikamenten zu unserem Sportleralltag gehört hat.

 





Athlet Kader A, Nationalmannschaft, Wurf; Anwendung von Dianabol und Deca-Durabolin 1969-1975:

Bei der Voruntersuchung im Hinblick auf die Olympischen Spiele 1972 hat er [Arzt] vermerkt, dass gegen eine Dosierung von 15 - 25mg ärztlicherseits nicchts sprechen würde.Ansonsten ist mir nie von ärztliccher Seite die Einnahme von Anabolika empfohlen worden, sondern eher abgeraten. ... Ich wurde von meinem Arzt darüber aufgeklärt, dass bestimmte Nebenwirkungen auftreten können. Dies würden bei meinen körperlichen Voraussetzungen und guter Gesundheit bis zu einer Menge von 25 mg pro Tag so gut wie nicht auftreten und das Medikament sei daher weitgehend unbedenklich.

 

Bezogen wurden Medikamente von anderen Sportlern, die frei verkäufliche Anabolika z. T. im Ausland wie Frankreich und Ungarn besorgten.

Das Zeug lag überall herum. Man hat einfach rumgefragt. Es gab wohl auch Ärzte und Apotheker, die sogar auf einen zugekommen sind und gefragt haben, ob man nicht etwas braucht. ...

Die verlogensten waren jedoch die Funktionäre von verschiedenen Verbänden mit unterschiedlichen Funktionen im Deutschen Sportbund. ... Die kamen dann plötzlich - vor allem in Hinblick auf die Olympischen Spiele 1972 in München - auf einen zu und haben einen immer wieder dazu ermuntert, was zu nehmen. Und diese Funktionäre haben sogar selbst angeboten, die Medikamente zu besorgen.

 





Traugott Glöckler, Kader A, Nationalmannschaft, Kugelstoßen; Dianabol 1966 - 1972:

Meinen ersten Kontakt mit Anabolika, in diesem Fall Dianabol hatte ich während eines Studienaufenthaltes in Los Angeles 1965/1966 an der UCLA. Dort hat mir der Coach [...] Dianabol Tablettenzu 5 mg gegeben.

... Ich habe mit den Ärzten nie über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Dianabol gesprochen. Angesichts der niedrigen Dosen und meiner Selbstrestriktion hatte ich auch wenig Bedenken. Mit den damaligen DLV-Ärzten Keul, Klümper und Landgraf [...] habe ich nie über Anabolika gesprochen. Folglich gab es keine wirkliche Betreuung des Athleten, und in Sachen Anabolika habe ich nie einen der Ärzte konsultiert.

... Als ich zurück in Heidelberg beim USC war, habe ich mir die Anabolika über vereinsnahe Ärzte besorgt. Man hatte dort seine persönlichen Kontakte. Verschrieben bekommen habe ich so etwas nie. Ich habe die Medikamente in Empfang genommen und bin gegangen. Woher die Ärzte die nun hatten, weiß ich nicht. Vieelleicht aus dem Krankenhaus, aber ich habe auch nie nachgefragt. Bezahlt habe ich nie.

 





Athlet Kader A, Nationalmannschaft, Wurf; Anwendung von Dianabol und Deca-Durabolin 1970 bis Sommer 1976:

Es war alles in Eigentherapie gemacht. Die Anpassungen erfolgten aufgrund der beobachteten Wirkung bei mir.

... Die Medikamente wurden durch meinen Hausarzt verordnet, der ein Schulfreund von mitr war. Abgerechnet wurden die Rezepte mit der privaten Krankenversicherung, die nie Probleme bereitete.

 

Beispiel einer sportmedizinischen Betreuung der Nationalmannschaft des DLV:

Bei einem Länderkampf gegen die UDSSR in den 1970er Jahren in Sotchi (Russland), war auch [Titel Vorname Name] dabei. Während des Fluges standen die Athleten bei ihm Schlange, um Rezepte zu bekommen. Der hat da sicherlich mehrere Rezeptblöcke vollgeschrieben. Mein Sitznachbar war ebenfalls bei ihm, kam mit drei Rezepten zurück und meinte nur lakonisch zu mir: 'Das ist mein Sommerprogramm.'

 





Gerhard Steines, Kader A, Nationalmannschaft, Kugelstoßen; Dianabol 1970 - 1981:

Ich habe in Eigenregie gehandelt. ... Ich habe die frühen Studien u.a. auch von Prof. Keul in Freiburg gelesen und immer wieder mit Ärzten gesprochen zwecks allgemeiner Information. ... Nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre beschloss ich [1974], meine Anabolika-Dosierung von 10 mg zu erhöhen. .. Schließlich hat der 'Doc' [Armin Klümper] mir versichert, dass 50 Milligramm pro Tag eine völlig unbedenkliche Dosierung seien, erst ab 100 Milligramm täglich müsse man aufpassen.

... [1970] schenkte mir ein Arzt, Trainer von Heidelberger Bundesliga-Basketballerinnen eine Riesen-Vorratspackung Fortabol, 800 Pillen, ganz umsonst, ohne Gegenleistung, nur als freundschaftliche Geste unter Gleichgesinnten.

...[zu Klümper] Rezepte für Dianabol stellte er wie selbstverständlich aus. Ich nahm sie gerne, da sich mein früherer Heidelberger Freundeskreis langsam auflöste.

... Die Versorgung mit dem 'Stoff' war kein Problem. Humanmediziner, Zahnmediziner und Studenten aus dem Umfeld des USC Heidelberg besorgten mir viel mehr als ich benötigte, kostenlos, aus solidarischer Sportkameradschaft. Rezepte brauchte ich zu der Zeit nicht. [...] In späteren Jahren wurden mir die Medikamente vom 'Doc' oder dem Vereinsarzt verschrieben ... Immerhin besitze ich noch eine kleine Sammlung Anabolikarezepte von sportmedizinischer Prominenz.

... Mir war nie wohl in meiner Haut, wenn ich Anabolika nahm, aber ich sah nur die Alternative, Höchstleistungen anzustreben oder den Leistungssport aufzugeben. Das hätte ich im Übrigen getan, wenn mir die Mediziner, auf deren Kompetenz ich vertraute, nicht die Unschädlichkeit von in kontrollierten Dosierungen eingenommenen Anabolika versichert hätten.

 

Gerhard Steines ging schon früh mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit und schilderte sein Sport-Leben ausführlich, siehe >>> hier.

 





Athlet Kader A, Nationalmannschaft, Wurf; Anwendung von Dianabol, Fortabol 1974-1982:

Der Therapieplan wurde mit meinem Verbandstrainer ... abgestimmt; ebenso die Information, welche Dosierung ich einnehmen soll. Dieser stand wohl in Kontakt mit mindestens einem Mediziner aus Leverkusen. Über eben diesen Trainer habe ich auch meine Medikamente erhalten, neben den Anabolika auch verschiedene Vitaminpräparate.

... Zu meiner zeit als DLV-Kaderathlet wurde meine Anabolika-Einnahme nie von den entsprechenden Verbandsärzten überwacht.

 





Alwin Wagner, Kader A, Nationalmannschaft, Wurf; Anwendung von Dianabol, Stromba, Fortabol, Megagrisevit 1977-1988:

1977 habe ich von meinem Trainer Steinmetz die Anleitung erhalten, wie ich die von ihm erhaltenen Dianabol-Tabletten einnehmen soll. ... Im Frühjahr 1977 war ich dann bei der sportmedizinischen Untersuchung in Freiburg , bei der ich von Prof. Keul ... internistisch untersucht wurde. Nach begutachtung meiner Leberwerte und der Nachfrage von Prof. Keul. wie viel ich derzeit nehmen würde, gab er mir zu verstehen, dass ich ruhig noch mehr nehmen könne.

Daraufhin verschrieb mir Prof. Klümper ... zahlreiche Medikamente, die meiner Leistung förderlich seien.

... Ende der Siebziger ... wurde mir von den Ärzten gesagt, dass man die Anabolika rund 14 Tage vor dem Wettkampf absetzen müsse, um keinen positiven Dopingbefund zu riskieren. Diese Frist wurde dann im Laufe der Jahrre auf 10 Tage heruntergeschraubt. Das Testosteron könne bis 1 Tag vor dem Wettkampf bedenkenlos angewendet werden.

... [Zu dem Nebenwirkungen] hat Prof Keul mir damals versichert, es sei alles ok und ich könne ruhig mehr einnehmen. Ich habe immer wieder mit Prof. Klümper über Anabolika gesprochen, auch über die aufgezählten Nebenwirkungen in den Beipackzetteln. Klümper hat diese dann immer verharmlost und gemeint, dass die Firmen das alles aufschreiben müssten, um sich rechtlich abzusichern.

 

Zu der Doping-Vita von Alwin Wagner und seinen Erfahrungen mit Trainer Steinmetz und Prof. Armin Klümper siehe ausführlich >>> hier.

 



Monika, Mai 2017


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