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BRD / DDR - Vergangenheit



22. April 2017 Offener Brief an Hörmann, Prokop, Freitag

Hansjörk Kofink: Offener Brief an Hörmann, Prokop, Freitag

 



Offener Brief an

die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags Frau Dagmar Freitag MdB

den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes Alfons Hörmann

den Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbandes Dr. Clemens Prokop

 

Ihre Pressekommentare auf die aktuelle Veröffentlichung der Dissertation von Simon Krivec Die Anwendung von anabolen-androgenen Steroiden in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1960 bis 1988 unter besonderer Berücksichtigung der Leichtathletik erwecken den Anschein, dass Ihnen, wenn schon nichts Neues, so doch für ihre Funktionen im Sport Einblicke geboten worden seien, über die sie bisher nicht verfügten. Das ist erstaunlich!

DOSB-Präsident Hörmann stellt im SWR-Interview fest: „All diese Fälle helfen naturgemäß. Warum? Weil man daraus erkennen kann, wo die Schwachpunkte im System waren“ (1).

 

DLV-Präsident sieht die Chance, Doping im damaligen Westdeutschland nun besser aufarbeiten zu können. "Juristisch ist das natürlich verjährt", sagte Prokop. "Aber das Spannende ist: In welchen Strukturen, mit welchen Mechanismen geschah dies damals?" Er sieht aber auch im Rückblick: "Wenn die Dokumente und das, was ich gelesen habe, stimmen, haben sich einige Verantwortliche des DLV verantwortungslos verhalten", sagte Prokop dem SID: "Das wirft im Nachgang sicherlich kein gutes Licht auf den Verband.“ (2)

 

Die Sportausschuss-Vorsitzende, Frau Freitag, macht eine erstaunliche Aussage zur Rolle der Sportmedizin in ihrem Interview „Wenn sich Helden als Betrüger entpuppen“ (3): "Allerdings nähren auch die aktuellen Veröffentlichungen erneut die Gewissheit, dass zumindest Teile der westdeutschen Sportmedizin ganz offenbar Unterstützung beim Doping geleistet haben.“ Ihre Erwartungen nach dieser Veröffentlichung sind noch umwerfender: „Diese Athleten könnten nicht nur das damalige System und die Akteure offenbaren, sondern auch ihre Motive offenlegen und erklären, ob sich das Doping im Rückblick „gelohnt“ hat. Sie könnten darüber hinaus als Botschafter für Fairness werben, auf die erheblichen gesundheitlichen Gefahren von Doping hinweisen und junge Leute so davon abhalten, dieselben Fehler zu machen, die sie damals gemacht haben.“

 

Ich halte diese, ihre Aussagen, für zutiefst heuchlerisch, und ich werde das begründen.

 

Sie alle haben seit Jahren Ämter inne, zu deren Aufgabe die Doping-Bekämpfung wesentlich gehört.

 

Die Sportorganisationen in Deutschland sind autonom in der Dopingbekämpfung auch mit der NADA. Spitzenverbände wählen die Aspiranten aus; sie veröffentlichen und sanktionieren positive Proben.

 

Regierung und Parlament vertrauen auf die Glaubwürdigkeit der autonomen Sportorganisationen.

 

Sowohl der DSV wie auch der DLV haben seit der Vereinigung so viele Dopingfälle gehabt, die Zusammenhänge mit den 80er Jahren hatten, dass in beiden Verbänden Vergangenheit bearbeitet werden musste. Unter dem Link www.cycling4fans.de/index.php finden Sie mehr als ihnen lieb sein kann über Ärzte, Athleten, Trainer, Funktionäre usw.

Um es noch etwas deutlicher zu machen: Der Name Springstein ruft nicht nur im DLV Erinnerungen wach. Warum steht sein Name bis heute nicht auf der WADA DISCLAIMER List, so dass ihm weitere Trainer- Tätigkeit nach Artikel 2.10 des WADA Codes verboten wäre?

 

Im Skiverband muss der Name Evi Stehle-Sachenbacher Erinnerungen an alte Zeiten wecken. Der heutige DOSB-Präsident war beteiligt, und es gab eine Menge medizinischer Fragen. Ist Ihnen, Herr Hörmann, bekannt, dass es in ihrer Amtszeit als Skipräsident den Dopingfall einer Minderjährigen mit einjähriger Sperre gegeben hat? Gibt es eine Stellungnahme des sächsischen Kultusministeriums dazu? (4)

 

Nehmen wir die Politik dazu. Zu Wendezeiten vor den OS in Barcelona gab es im Bundestag ein erhebliches Gezerre um Einbehaltung von Geldern. Es gab Vorwürfe aus der Politik gegen Spitzenfunktionäre des Westens wegen Dopingverstrickung. Obwohl die Kommissionen des Sports (Evers, von Richthofen) scheiterten, wurden keine Gelder gesperrt trotz (fort)laufender Gerichtsverhandlungen, zum Teil mit Verurteilungen wegen Arzneimittelmissbrauchs. Die ‚Familie des Sports‘ sperrte niemanden; bis heute wurde in Deutschland keinem an Doping beteiligtem Arzt die Approbation entzogen.

 

Es gab aber seit 1977 eine Anzahl von Athleten, die auf den Zusammenhang von erhöhten Normen zur Teilnahme an OS und WM und ihrem Dopingkonsum hingewiesen hatten. Alwin Wagner – ich werde nur ihn hier nennen – hat bereits während seiner aktiven Zeit intern und öffentlich auf diesen Zwang hingewiesen, er hat nach Ende seiner Laufbahn seine Unterlagen an den Rechtsausschuss des DLV und an die Staatsanwaltschaft in Darmstadt übergeben – er war Polizeibeamter – und er hat sich jetzt zum fünften Male in der Krivec-Dissertation zu diesem Sachverhalt bekannt. Einer weiterer von ihnen, der sich im August 2013 nach Veröffentlichung der Halbmillionen-Dopingstudie bekannt hatte, (Doping war die einzige Chance Wiesbadener Kurier 8.8.13) ist am Karfreitag gestorben.

 

Wenn Sie noch mehr Informationen brauchen, lesen Sie die Bücher von Brigitte Berendonk, von Singler/ Treutlein und die weltweit einmaligen Zusammenstellungen in cycling4fans, herausgegeben von Monika Mischke. Sie können aber auch Sterbliche Maschinen von John Hoberman lesen, der sein 1992 in den USA herausgegebenes Buch Mortal Engines im ersten Kapitel In der Strafkolonie – Sport und das große Experiment mit dem Tod von Birgit Dressel beginnt. Sie finden dort auch ‚Dopingpolitik in Deutschland‘ (S.275ff.) und ‚Das deutsche System der Sportmedizin‘ (S.292ff). Der Autor ist Amerikaner, seine Anmerkungen werden Sie informieren.

 

Was brauchen Sie noch? Die doppelte Aufarbeitung von „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“ ist weder vom Sport noch von der Politik kommentiert worden. Die Sportausschusssitzung im September 2013 über diese von BISp und DOSB veranlasste Halbmillionen-Studie endete im Chaos, versandete in „unwürdiger Parteipolitik“.

 

Hier der Schluss des Artikels Dopingskandale in der alten Bundesrepublik aus dem Deutschland Archiv

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der bundesdeutsche Sport kaum adäquat auf die hier untersuchten Dopingskandale reagiert hat. In den 1950er- und 60er-Jahren geht diese unzureichende Bearbeitung des Dopingproblems auf Fehleinschätzungen über die Eignung moralischer Appelle und Empfehlungen zurück. Mit dem Ausbau des Spitzensports in der Bundesrepublik, der nur dank eines erheblichen staatlichen Engagements möglich war, nimmt die Auseinandersetzung mit dem Dopingproblem zunehmend scheinheilige Züge an. Einer sportpädagogisch und philosophisch überhöhten Gesinnungsrhetorik steht die Nicht-Sanktionierung von Fehlverhalten und die Duldung belasteter Akteure gegenüber. Offenbar hat der Ausbau des leistungssportlichen Systems in der Bundesrepublik eine Entfesselung von Leistungs- und Siegesorientierungen zur Folge, um die politischen Erwartungen an den Hochleistungssport befriedigen zu können.

 

Sie hatten bisher dazu nichts zu sagen. Bleiben Sie dabei und träumen Sie weiter vom Olympischen Sport; doch verzichten Sie dann auch auf Interviews zu Doping in Westdeutschland und anderswo.

 

Hansjörk Kofink, 22.4.2017

 

_________________

 

(1) DOSB-Präsident Hörmann: Ehemalige „Doper“ sollten sich outen,

SWR2 Tagesgespräch, 03.04.17

 

(2) Prokop zu Doping in Westdeutschland: „Wirft kein gutes Licht auf den Verband“ Freie Presse 07.04.2017

 

(3) Wenn sich Helden als Betrüger entpuppen, MBZ 15. April 2017

 

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Denise_Herrman

 


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