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Doping-Prävention / Antidoping



2017 Interview mit Perikles Simon: Reform Anti-Doping

Prof. Perikles Simon, Sportmediziner an der Universität Mainz, engagierte sich viele Jahre im Anti-Doping-Kampf. Er gehörte einer Experten-Gruppe der WADA an, arbeitete an Doping-Studien, u.a. an der Studie Doping in Elite Sports Assessed by Randomized-Response Surveys und an der Entwicklung eines Gendoping-Tests mit.

2017 beendete er seine Anti-Doping-Tätigkeiten. Seine Erklärung ist hier nachzulesen:

>>> P: Simon: Erklärung zum Rückzug aus der Anti-Doping-Arbeit

Das hier vorgestellte Interview dürfte vorläufig seine letzte öffentliche Äußerung sein.

 

Von Perikles Simon liegen etliche Vorschläge vor für eine Neuorientierung des Anti-Doping-Kampfes. Weitere Artikel und Hinweise sind in dieser >> Zusammenstellung zu finden.

Das Interview, aus dem hier zitiert wird, erschien in der Spiegel-Ausgabe 50/2017 und auf Spiegel online am 15.12.2017.

 



"Man muss bereit sein zu sagen: Medaillen interessieren uns nicht mehr"

SPIEGEL: Herr Professor Simon, das IOC tat sich lange Zeit schwer, das staatliche Dopingsystem in Russland zu bestrafen, es sanktioniert jetzt einzelne russische Athleten. Wird der Konflikt auf dem Rücken der Sportler ausgetragen?

Simon: Ja, diese Vorgehensweise ist schlimm, es wird an der falschen Stelle bestraft. Der Athlet ist das letzte kleine Rädchen, das von einem Riesenstellwerk gedreht wird. Was hätte ein russischer Sportler denn wirklich tun können, wenn er in diesem System gedopt wurde? Ich denke, man müsste stattdessen schauen, was russischen Sportverbänden als sinnvolle Strafe aufgebürdet werden kann.

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SPIEGEL: Keine internationalen Sportveranstaltungen mehr in Russland?

Simon: Selbstverständlich. Das ist es doch, warum sie überhaupt dieses Betrugssystem aufgesetzt haben. Die maximale Prävention wäre gewesen, die Olympischen Spiele gar nicht erst in Sotschi stattfinden zu lassen. ... Vielleicht sollte man sogar alle Russen bei internationalen Wettkämpfen unter bestimmten Voraussetzungen starten lassen: keine Spiele in Russland, Ausladung aller russischen Trainer und Funktionäre, kein Abspielen der russischen Hymne. Das ist die logische Konsequenz.

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SPIEGEL: Viele Experten fordern dennoch IOC-Präsident Thomas Bach auf, alle russischen Athleten von den Spielen in Pyeongchang auszuschließen.

Simon: Sehen Sie, es ist doch schon problematisch, dass man sich jetzt so exzessiv um einzelne russische Athleten kümmert. ... Wir müssen uns eher Gedanken machen, wie wir unsere Anti-Doping-Bemühungen insgesamt optimieren können. Das Kernproblem war doch, dass das russische Betrugssystem so lange florieren konnte. Was dort geschah, war ja nicht mal Hightechdoping, das sich nicht nachweisen ließ. Wenn man kritisch resümiert, was passiert ist, dann wird man sehen, dass es sehr, sehr viele Versäumnisse aufseiten der Anti-Doping-Institutionen gab und wenige in Russland selbst.

... Alle wissen, dass die Russen nicht die Einzigen sind, die dopen. ... Es macht keinen Sinn, sich auf Russland zu fokussieren und danach zu sagen: Mensch, jetzt ist das russische Problem gelöst, nun kümmern wir uns um das äthiopische, das kenianische oder das deutsche System. Nein, wir müssen insgesamt überlegen: Warum gab es dieses grandiose Scheitern auf allen Kanälen?

 

SPIEGEL: Sie haben vor einigen Monaten Ihre Mitarbeit im Kampf gegen Doping eingestellt. Sie haben dabei bekannt gemacht, dass eine von Ihnen mitverfasste Studie, nach der rund 40 Prozent der Teilnehmer an der Leichtathletik-WM 2011 gedopt waren, vom internationalen Verband zurückgehalten worden war. Hätte Sie das Ergebnis der Untersuchung nicht motivieren müssen, jetzt erst recht gegen Manipulationen im Sport zu kämpfen?

Simon: Ich könnte immer weiter forschen. Aber an der Grundaussage, dass rund die Hälfte aller Spitzenathleten gegen die Regeln verstoßen, würde sich hierdurch nichts ändern. Das war die Schlüsselaussage; die ist jetzt raus, und weltweit bestätigen viele Experten, dass die Zahlen ihren Erkenntnissen entsprechen. Auch die Substanzen, mit der die Athleten dopen, sind aus anderen Quellen hinlänglich bekannt. Es gibt also keinen Forschungsbedarf mehr für mich. ... Unsere Ergebnisse lagen vor den Olympischen Spielen 2012 in London vor. Aber die Anstrengungen, die Freiheit der Wissenschaft einzuschränken, waren enorm. Und sie waren erfolgreich. ...

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SPIEGEL: Weltweit werden jährlich gut 350 Millionen Dollar ausgegeben, um Athleten auf Doping zu testen. Alles umsonst?

Simon: Viele Jahre dachte ich, das Testsystem sei eigentlich ganz in Ordnung. Dann ergab unsere Studie, wie viele Athleten dopen; erwischt wird davon nur ein Bruchteil. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel für die Schwäche des Systems: Die Trainingskontrollen sind angeblich das schärfste Schwert des Anti-Doping-Kampfs. Doch zuletzt wurden damit viel weniger Sportler überführt als durch Wettkampfkontrollen. Da läuft doch irgendetwas massiv falsch. Statt diesem Aspekt ernsthaft nachzugehen, schönt man jetzt indirekt die Daten, indem man die genauen Vergleiche der beiden Kontrollarten nicht mehr veröffentlicht.

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Die Athleten werden durch die Trainingskontrollen extrem in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt, weil sie zum Beispiel im Vorhinein ihre Aufenthaltsorte angeben und umfangreich für Kontrollen zur Verfügung stehen müssen. Wenn bei diesem gigantischen Aufwand unverhältnismäßig wenige überführt werden können und keine Sorgfalt im Umgang mit den Daten der Athleten besteht, gibt es nur eine Konsequenz: Die Trainingskontrollen gehören bis auf Weiteres abgeschafft.

 

SPIEGEL: Anti-Doping-Kämpfer rufen bisher eher nach immer mehr und immer feineren Kontrollen.

Simon: Ich habe mich auch viele Jahre damit beruhigt: Wir können alles nachweisen. Aber Laboranalysen allein sind sinnlos, obwohl dort das meiste Geld hinwandert. Ich komme damit zum Beispiel nicht an die Hintermänner heran und schon gar nicht an die korrupten Funktionäre. Alle Kontrollen gehören auf den Prüfstand ... Ein Großteil des Geldes sollte lieber für präventive Maßnahmen unter jungen Sportlern verwendet werden. Aus Studien haben wir Anzeichen dafür, dass die Dopingquote unter Jugendlichen sinkt, wenn es klare pädagogische Konzepte gibt. ... Ich denke, die Nationale Anti-Doping-Agentur hat durch die Bereitstellung von Informationsmaterial zur Dopingprävention für ein paar Hunderttausend Euro mehr erreicht als die Anti-Doping-Forschung und die Kontrollen.

 

SPIEGEL: Was ärgert Sie am meisten?

Simon: Es ist unglaublich schwer, in diesem Sportsystem unabhängig zu agieren. Ich war einer der Protagonisten, habe mitgespielt und war beseelt von der Auffassung, alles richtig gemacht zu haben, etwa bei der Entwicklung eines Gendoping-Nachweises. Aber am Ende muss man erkennen: Was soll der Mist? Das dient nur dazu zu lavieren, dass es hunderttausend bessere Möglichkeiten für den Athleten gibt, der sich dopen möchte.

 

SPIEGEL: Die wenigsten Sportler dopen nur aus eigenem Antrieb. Sie brauchen Helfer, etwa ihre Kollegen aus der Sportmedizin.

Simon: Als Sportmediziner bin ich auch dafür da, die Leistung der Sportler zu optimieren. Manche Kollegen haben hierfür Arznei- und Dopingmittel empfohlen oder eingesetzt und haben sich das berufsethisch schöngeredet. Als Sportmediziner gibt es für mich aber einen sehr guten Grund, Doping abzulehnen: weil ich davon ausgehen muss, dass die Pharmaka den Athleten früher oder später schädigen.

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Ich hatte interessante Gespräche mit Trainern aus dem Nachwuchsbereich. Die schauen sich die Zeiten und Weiten an, die Athleten erreichen müssen, um international in den Endkampf zu kommen. Sie stellen fest, dass unter ihren Athleten die Motivation schwindet, weil die Normen schier unerreichbar erscheinen. Und an diesem Punkt nimmt dann häufig das Schicksal seinen Lauf, wenn jetzt Athleten und Trainer pharmakologische Unterstützung angeboten bekommen. Das muss dann nicht unbedingt ein Arzt sein, der das macht.

 

SPIEGEL: Funktionäre sprechen sich immer wieder gegen Doping aus. Warum halten Sie den Kampf gegen die Manipulation dennoch für gescheitert?

Simon: Weil sich nichts Grundlegendes ändert: Nehmen Sie die Vorgaben des Bundesinnenministeriums, das in Deutschland für den Spitzensport zuständig ist. Das will mindestens ein Drittel mehr Medaillen. Die Leute, die das umsetzen, verstehen die Botschaft: Die brauchen keine weiteren exakten Einsatzbefehle mehr von oben. Die ziehen zum Teil ihr persönliches Elixier daraus, dieses Ziel zu erreichen. Aber wie soll ich die 30 Prozent Zuwachs aus dem Hut zaubern, wenn die Athleten schon bisher gut motiviert waren und beste Trainingsmöglichkeiten hatten?

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Zunächst muss man bereit sein zu sagen: Die Medaillenausbeute interessiert uns nicht mehr. ... man kann der Politik [aber] nicht isoliert den Vorwurf machen. Die Medien haben auch ein Interesse daran. Die Werbewirtschaft. Die Zuschauer.

... der Verbraucher wird sich [jedoch] nur seinem Wissensstand gemäß verhalten. Deshalb müssen wir bei den Medien anfangen. Es müsste mehr darüber berichtet werden, wie Leistungen zustande kommen. Erst dann könnte der Verbraucher mündig entscheiden, was er wirklich sehen will. Solange er im Sportteil den Medaillenspiegel sieht, wird er sagen: Innenminister de Maizière hat recht, wir brauchen ein Drittel mehr Medaillen!

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SPIEGEL: In einigen Wochen finden in Südkorea die Winterspiele statt. Hat das IOC aus Sotschi gelernt, sehen wir saubere Athleten?

Simon: Sie können Pharmaka nur leicht modifiziert einnehmen, sodass sie bei der Analyse nicht mehr auffallen. All die Dopingsubstanzen, die seit Jahrzehnten verdammt zu sein schienen, sind wieder als Abwandlung auf dem Markt: Aufputschmittel, die Fußballspieler früher nehmen konnten, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Testosteron, das heute nur eingeschränkt nachweisbar ist, wenn es nicht wie üblich aus einem pflanzlichen, sondern aus einem tierischen Gerüst hochsynthetisiert wird. Das Gleiche gilt für Epitestosteron.

... [auch] modernste Peptidhormone kommen zum Einsatz, die stehen noch nicht mal auf der Dopingliste. Aber fast ebenso gut ist es, alte Pharmaka wieder rauszukramen, die keiner mehr auf dem Radar hat, aber klar dopingwirksam sind. Die Wirkung schon bekannter Dopingmittel kann durch die Zugabe anderer Medikamente verstärkt werden – dadurch werden Sportler kurzfristig leistungsfähiger, und sie können mit diesen Mitteln unter der detektierbaren Schwelle dopen. ...

 

SPIEGEL: Sind die Deutschen sauber?

Simon: Seit einigen Jahren fahren deutsche Sportler häufig ins Trainingslager nach Florida. Angeblich weil dort die Trainingsbedingungen so gut sind. Als ich das gehört habe, ist mir schlecht geworden. Denn dort kommt man seit einigen Jahren leicht an IGF-1 heran, ein wachstumsförderndes Insulinhormon und gängiges Dopingmittel. Seitdem befinden sich die Zeiten der besten 100-Meter-Sprinter im Sturzflug. Man weiß aber, wie gefährlich solche Präparate sein können.

 

SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, dass gemäß Ihrer Studie auch in Pyeongchang 40 Prozent aller Teilnehmer gegen Dopingregeln verstoßen werden?

Simon: Ich persönlich glaube, dass die Quote an Falschspielern höher liegt, vielleicht bei 60 Prozent. Aber: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die anderen 40 Prozent mithalten können, obwohl sie ungedopt sind. Und ich kann nicht mal mit Sicherheit sagen, ob die sauberen Sportler nicht sogar eine bessere Chance haben in bestimmten Disziplinen – schließlich wird mit Dopingmitteln in erster Linie unkompetenter Unfug getrieben.

 

SPIEGEL: Herr Professor Simon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 


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