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Teil 4: Todesfälle (nicht nur) im Radsport und Doping - gibt es einen Zusammenhang?



Suchtgefahr

Was hat Drogensucht mit dem Thema Doping und Tod im Radsport zu tun?

Hans Michalsky wurde weiter oben im Text bereits zitiert mit seinen Erfahrungen in Zusammenhang mit Doping, wonach viele ihm bekannte Fahrer, vor allem aus der zweiten Reihe, "heute schon gar nicht mehr leben, etliche, die entweder durchgedreht sind, oder rauschgiftsüchtig sind, oder alkoholsüchtig." Heute fallen uns allen wohl sofort Marco Pantani und José-Maria Jimenez ein. Doch sonst? Gibt es hier tatsächlich ein Problem?

 

Drogensüchtige haben, sofern ihnen ein dauerhafter Entzug nicht gelingt, häufig eine geringere Lebenserwartung aufgrund gesundheitlicher Schädigungen. Zudem leiden sie nicht selten an Depressionen, wodurch die Selbstmordgefahr steigt.

Die Dopinggeschichte des Radsports ist auch eine Geschichte des Drogenmissbrauchs, vor allem der Amphetamine und damit verbunden der Drogencocktails "Pot belge" und "Pot néerlandais". Bis in die jüngste Zeit scheinen diese beliebt zu sein, wie Prozesse in Frankreich aufzeigen. (c4f: Prozesse, Cofidis, Drogenbericht 1999)





Marco Pantanis gelbes Trikot der Tour de France 1998.
Er war auf dem Gipfel angelangt –
warum sein schrecklicher Absturz?
© cyclingimages

Dabei ist das Verhältnis des Sports, insbesondere des Leistungssports, zu Drogen und Doping komplex und keineswegs einseitig. Vieles spricht dafür, dass der Leistungssport nicht selten als Sucht nach Sport beginnt und/oder der Sport dazu dient, Depressionen zu überspielen bzw. abzubauen. Zudem kann intensives physisches Training das Verlangen nach psycho-aktiven Substanzen (legalen und illegalen) erhöhen – ebenso wie Wettkampfstress häufig psychische Spuren hinterlässt, die einer Suchtanfälligkeit Vorschub leisten.





"Die Sucht ist eine echte Krankheit des Gehirns im neurobiologischen Sinn. Marco Pantani starb, weil man nicht bereit war, ihn als Kranken zu sehen. Einen Sportler dahin zu bringen, dass er sich in Behandlung begibt, ist noch viel schwieriger als bei anderen Drogenabhängigen oder AIDS-Kranken. Die Kokainabhängigkeit wird noch nicht als (normale) Krankheit angesehen, sondern als eine, derer man sich zu schämen hat. Und sie ist für einen Sportler, der immer zu gewinnen hat, noch schmachvoller."
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Bekannt ist ebenfalls, dass nicht allein die herkömmlichen Drogen wie Alkohol, Kokain und Amphetamine süchtig machen. Auch Medikamente, die gerne von Ärzten verschrieben werden, oder viele, die zur Leistungssteigerung genommen werden, besitzen Suchtpotential. Dr. William Lowenstein, französischer Suchtexperte: „Heute führen die benutzten Produkte - wie die Corticoide – zu Störungen, die denen gleichen, die durch Kokain hervorgerufen werden. Auch wenn sie sich zeitlich etwas länger hinziehen, haben sie doch dieselbe Stärke. Man spricht oft von physischen und somatischen Effekten der Corticoide, aber ihre psychologischen sind wirklich destabilisierend und da euphorisierend und stimulierend, sehr suchtfördernd.“ (Interview mit Lowenstein ). Und Prof. Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg: „Natürlich können gerade die anabolen Steroide auch zu Depressionen führen. Das gilt auch für andere Dopingmittel, die in irgendeiner Weise die Psyche beeinflussen. Es kommt nur darauf an, wie der Einzelne auf diese Mittel anspricht. Es gibt Fälle, in denen haben Dopingmittel sehr schwere Depressionen ausgelöst. Die Wirkung auf den Einzelnen ist schwer vorherzusagen.“ (Tagesspiegel, 17.2.2004). Oft wird auch ein Kreislauf, eine Spirale in Gang gesetzt, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Antidepressiva z. B. wie Prozac, sollen in Sportlerkreisen häufig zur Anwendung kommen. Auch sie machen süchtig oder verstärken die Problematik. (s. Manzano-Interview, 28.4.2007)

 

Jugendliche, deren Psyche und Physis noch in der Entwicklung stecken, sind besonders gefährdet durch Anabolika. So scheint der Anabolikakonsum den Entstehungsprozess der Serotonin-Produktion im Hirn dauerhaft zu schädigen, wodurch lebenslanges aggressives Verhalten gefördert wird (wissenschaft.de, 25.11.2003). Auch schwere Depressionen mit Selbstmord von Jugendlichen sind bekannt (New York Times, 26.11.2003).

Singler und Treutlein sehen den Radsport in einer besonderen Rolle: "Im Radsport, so scheint es, wird so viel, so ausdauernd und so multimedikamentös gedopt, dass von einer Betrugsabsicht alleine offenbar längst nicht mehr ausgegangen werden kann. Hier liegt längst eine weit verbreitete Medikamenten- und sicherlich auch Drogensucht vor, die angesichts des jahre- bzw. jahrzehntelangen mehrstündigen Trainings pro Tag eng mit einer regelrechten Sportsucht verbunden zu sein scheint." (R. Meutgens, 2007, S. 90)





s.a. Le Chalet de Thianty - Entzug abhängiger Sportler

Nach Untersuchungen, Interviews mit Betroffenen, kam William Lowenstein zwischen 1999 und 2000 zu dem Ergebnis, dass mindestens 15% der Abhängigen ehemaliger Leistungssportler waren. Sie konnten zeigen, dass vor allem 3 Lebensumstände suchtfördernd sind: Das Karriereende, Misserfolg oder Kaderausschluss und Verletzungen. Anlässlich des Todes von Frank Vandenbroucke äußert er sich resigniert: Nichts habe sich in den letzten 10 Jahren geändert, das Sytem interessiert sich nicht für die Gesundheit dieser anfälligen Mitbürger.
(le figaro, 14.10.2009, s.a. le Monde, 11.5,2009)

Nach Beendigung ihrer aktiven Karriere droht den Sportlern die meiste Gefahr. Nicht selten folgt der totale Absturz in die Sucht und Abhängigkeit. Darin sind sich alle Experten einig. In England gibt es eine Klinik, die nur abhängige Sportler betreut, die 'Drugs in Sport clinic' von Dr. Rob Dawson nahe Newcastle. In Frankreich ist das Problem ebenfalls seit Langem bekannt.„Eine Insiderinformation aus Frankreich besagt, dass in der Provinz zwischen 10 und 30 % der Patienten von Suchtzentren Personen sind, die intensiv Sport getrieben haben (bis hin zu Mitgliedern von Nationalmannschaften), in Paris ca. 50 %.“ (Singler/Treutlein, Doping, 2000, S. 178). Wie viele Radsportler darunter sind, wird nicht gesagt, aber die verschiedenen Doping-Prozesse, die in Frankreich geführt wurden, zeigen, dass der Radsport ein gravierendes Suchtproblem hatte und wahrscheinlich noch hat. Und es ist zu vermuten, dass etliche Sportler aufgrund dessen früh ihr Leben lassen mussten.

In Deutschland wurde dieses Problem bislang kaum in der Öffentlichkeit behandelt. Es herrschte überwiegend Stillschweigen. Vielleicht führt das Schicksal von Frank Nowak, einem ehemaligen Radsportler, der nach fast 2 Jahren im Wachkoma als Doping-Opfer verstarb, zu einer offeneren Umgangsweise mit dem Thema. (Frank Nowak)

 

weitere Beispiele:

André Cordelette - Herzprobleme als Folge

Christian Ossowski

Philippe Boyer

Laura Chiotti



Fazit

Tötet Doping? Ja, das ist möglich, es gibt nachgewiesene Fälle. Verringert Doping die Lebenserwartung von Sportlern? Es könnte sein, es gibt Hinweise darauf und es gibt Einzelfälle, die eindeutig mit Doping in Zusammenhang stehen. Doch um genaue Aussagen machen zu können, fehlt es nach Meinung von Dopingexperten an Daten und sicherlich fehlt es auch an Mut und Offenheit, Fälle oder Verdachtsmomente bekannt zu geben. Die juristische Maschinerie läuft schnell an, wie das Beispiel Gianettis 1998 zeigte. Zudem ist es immer zwiespältig, Verdächtigungen auszusprechen, ohne exakte Beweise zu haben. Die DDR-Dopingopfer-Schicksale zeigen jedoch deutlich wie Doping, besonders in frühen Jahren, irreversible gesundheitliche Schäden hinterlassen kann. Wie viele dieser Sportler/innen bereits gestorben sind, weiß ich nicht, aber es gibt Todesfälle.

 

Leider liegen kaum Langzeitstudien vor, die Sportler auf ihrem Lebensweg begleiten. Die dopenden Athleten stellen sich mehr oder wenig freiwillig einem großen Experiment, von dem viele, auch Fans, profitieren, doch sie werden mit den Folgen weitestgehend allein gelassen. Es wird dringend Zeit, dass entsprechende epidemiologische Forschungen durchgeführt werden. Das Beispiel aus dem Fußball, wo auffällig viele Fußball-Spieler, am häufigsten aus Italien, an amyotropher Lateralsklerose (ALS), auch als Gehrig-Syndrom bekannt, erkrankten und früh verstarben und sterben werden, sollte eine Warnung sein. Zumal das Doping-Problem längst nicht mehr auf den Hochleistungssport begrenzt ist, sondern sich zum Massenphänomen auswächst.

 

Ich hoffe, dass das Schweigen endlich durchbrochen wird und sich aus der Sport-, insbesondere der Radsportszene selbst, bald mehr Stimmen melden, die offen zugeben, dass Doping ständiger Begleiter war und die andere Sportler und Sporterfahrene wie Trainer, Funktionäre, Sportliche Leiter, Mediziner usw. dazu ermutigen, Erfahrungen, Zweifel und Ängste öffentlich zu machen. (***)






Radsport kann so schön sein...
© Mani Wollner



 

(***) Rolf Järmann stellt sich weiter dem Thema: "das Thema Schmerz und Doping, das am 22. März nachmittags behandelt wird, steht im Zusammenhang mit der Notfallmedizin: Immer öfter wird in Beruf und Sport die "Schmerz-Grenze" überschritten, werden Medikamente eingenommen um die Leistung zu steigern und um Schwächen zu kaschieren - bis zum unweigerlichen Zusammenbruch. " Luzerner Trendtage Gesundheit am 21. und 22. März 2007

 



Quellen und weiterführende Literatur:

cycling4fans - Doping

 

Jean-Pierre de Mondenard, Dictionnaire du Dopage, 2004

Jean-Pierre de Mondenard, Dopage, 2000

Andreas Beune, Did Not Finish, 2005

Ralf Meutgens, Doping im Radsport, 2007

Ralf Meutgens, Wer schneller fährt ist früher tot, in: Sportpädagogik als humanistische Herausforderung, 2011

Nickel/Rous (Hrsg.), Das Anti-Doping-Handbuch, 2007

Éric Maitrot, Les scandales du sport contaminé, 2003

Andreas Singler/Gerhard Treutlein, Doping - von der Analyse zur Prävention, 2001

Jürgen Kern, Das Dopingproblem, 2002

Brigitte Berendonk, Doping, 1992

Giselher Spitzer, Wunden und Verwundungen, 2007

Robin Parisotto, Blood Sports, 2006

 

NEUROLOGY 2002, Cyclist’s doping associated with cerebral sinus thrombosis

British Journal of Sports Medicine, July 2006, Homocysteine induced cardiovascular events: a consequence of long term anabolic-androgenic steroid (AAS) abuse

Kistler: TODESFÄLLE BEI ANABOLIKAMISSBRAUCH - TODESURSACHE, BEFUNDE UND RECHTSMEDIZINISCHE ASPEKTE

DSHS-Köln: Kardiomyopathie assoziiert mit unkontrollierter Selbstmedikation anaboler Steroide

Int J Sports Med 2011: Increased Average Longevity among the “Tour de France” Cyclists, (TdF-Teilnahmen 1930-1964)

DGK: Leichtathleten, Radfahrer und Schwerathleten sterben überdurchschnittlich oft an Herzproblemen, 14. 4.2012

 

de Mondenard: amyotrophe Lateralsklerose/Lou-Gehrig Syndrom und Fußball

de Mondenard: Amarican Football - verringerte Lebenserwartung

 

Spiegel, 21.7.1969, Griff zum Gift

der Spiegel 24/1991, Schlamm in den Adern

Nouvel Observateur, 1.7.1999, La mort au bout de la route

Ärzte Woche, Nr. 35, 2002, Vom Sportler zum Infarktkandidaten

Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin (Jahrgang 51, Nr. 5 (2000)), Erhöhte Sterblichkeit nach vermutetem längeren Anabolikamissbrauch

ÄRZTE WOCHE (16. Jg., Nr. 35, 2002), Vom Sportler zum Infarktkandidaten

wissenschaft.de, 25.11.2003, Anabolika-Missbrauch in der Jugend macht noch im Alter aggressiv

New York Times, 26.11.2003, DRUGS IN SPORTS; An Athlete's Dangerous Experiment

die Welt, 16.12.2003, Olympia-Arzt Huber fordert: Radprofis intensiver betreuen

le Monde, 1.3.2004, Les morts subites suscitent des interrogations chez les cardiologues

Ralf Meutgens, 5.2004, Gesundheitsrisiko Doping

FAZ, 28.6.2005, Fahrt in den frühen Tod

le Monde, 3.11.2006, Entre 200 et 400 morts subites de sportifs par an en France

Berliner Zeitung, 26.09.2006, Der verhängnisvolle Wahn

le Monde, 10.2.2007, L'usage des corticoïdes représente un grave danger pour la santé des sportifs

FAZ, 3.3.2007, Sportsfreund Alkohol

NZZ, 7.4.2007, Der Tod ist irreversibel

WADA: “Side Effects” of “Doping drugs”

der Spiegel 36/2011, Gebrechliche Herzen

 

 

 

von Maki, März 2007, herzlichen Dank für die Unterstützung an Ralf S., Mani und Manuela

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