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BRD / DDR - Vergangenheit



Doping in der BRD - 1950er Jahre



Univ.-Prof. Dr. med. Ludwig Prokop, Wien, über Doping und Erfolg im Sport

Prof. Ludwig Prokop ist zwar Österreicher und gehört somit nicht zu den deutschen Zeitzeugen, die in dieser Rubrik 'Doping in der BRD' überwiegend aufgeführt werden, doch seine Äußerungen beziehen sich auch und besonders auf den deutschen Sport.

 

Der Wiener Prof. Ludwig Prokop, Sportmediziner, geb. 1920, begann schön früh sich gegen Doping auszusprechen. Er gehörte immer zu den scharfen Kritikern der (deutschen) Sportmediziner, die solch eine klare Haltung z. B gegenüber der Anwendung von Anabolika vermissen ließen.

Im Juni 1952 äußerte er sich in Berlin auf einem 4 Wochen vor den Olympischen Spielen internationalen Sportärzte-Kongress vor ca. 300 Medizinern: "Für die moralische und sportliche Seite des Dopings hört man von Sportärzten, ich schließe mich ihnen eigentlich nicht an, oft die Meinung, dass die Verwendung von Dopingmitteln, soweit sie nicht gesundheitsschädlich sind, fast als eine nationale Notwendigkeit bei großen internationalen Wettkämpfen anzusehen ist, weil es die anderen auch machen. Ich habe Gelegenheit gehabt bei den letzten Olympiaden genauere Informationen zu sammeln über die Nationen und Athleten, die gedopt wurden, was ich aber persönlich energisch ablehnen muss."(dradio, 3.12.2006) Siehe auch >>> L. Prokop, 1968: Chemische statt Olympische Spiele? .

 

Der hier zitierte Text erschien 1959 in dem Prof. Dr. Ludwig Prokop herausgegebenen Buch "Erfolg im Sport - Theorie und Praxis der Leistungssteigerung", Band 1, S. 105-110.



Doping

Zweifellos ist der Weg zur sportlichen Höchstleistung und damit zum Wettkampferfolg kein leichter. Jahrelanges hartes Training und entbehrungsvolle Arbeit an sich selbst sind in den meisten Sportarten, vor allem den Dauersportarten, eine unumgängliche Voraussetzung. Es ist daher erklärlich, daß mancher Sportler dieser Aufgabe nicht gewachsen ist oder daß sich mangels Veranlagung die gewünschte Leistungsverbesserung nicht einstellt. Es ist psychologisch verständlich, daß der Athlet schließlich auf den Gedanken kommt, ein Dopmlttel zu versuchen, durch das, wie er meint, künstlich alle körperlichen und seelischen Kräfte frei gemacht werden. Man versteht unter Doping jeden Versuch einer Leistungssteigerung, zu dem Mittel verwendet werden, die normalerweise überhaupt nicht oder nicht in solchen großen Mengen aufgenommen werden. Auch die Art der Zufuhr ist für die Feststellung eines Dopings von Bedeutung, denn Stoffe, die gewöhnlich mit der Nahrung aufgenommen werden, können als Doping gelten, wenn sie z. B. mit einer Injektionsspritze verabreicht werden.

 

Leider hat sich in einigen Sportarten die Anwendung von solchen künstlich leistungssteigernden Mitteln schon weitgehend eingebürgert. So wird eine solche medikamentöse Wettkampfvorbereitung z. B. beim Radfahren, der Schwerathletik, Fußball und bei Langstreckenläufen fast gewohnheitsmäßig betrieben. Ein derartiges Doping muß jedoch aus zwei Gründen unbedingt abgelehnt werden. Erstens ist das Doping kein natürlicher und vor allem kein unschädlicher Weg zu einer guten Leistung, zweitens widerspricht es den ethischen Forderungen des Sports, der sportlichen Fairneß. Schließlich !ist die erste und primitivste Voraussetzung für jeden Wettkampf immer die, daß alle Konkurrenten unter den gleichen Bedingungen antreten; dies ist beim Doping nicht der Fall.

 

Ein Doping darf auch dadurch nicht legalisiert werden, daß es der Sportarzt oder Sportfunktionär unter dem Vorwand einer sogenannten "nationalen Notwendigkeit" gibt, damit der Sieg für das eigene Land um Jeden Preis errungen werde.

 

Prokop nennt zwei Ausnahmen: 1) 'fehlende und verlorengegangene' Substanzen wie Traubenzucker Phosphorsalzen Kalzium, Lecithin, bestimmte Eiweißverbindungen, Vitamine und 2) Medikamente für notwendige Behandlungen, wobei sich Frage stellt, ob kranke Sportler überhaupt wettkampffähig seien. Prokop verneint dies im Allgemeinen im Interesse der Gesundheit des Sportlers.

 

Die heute verwendeten Dopmittel haben einen sehr schwer zu beurteilenden und zum Teil sehr unsicheren Wirkungsmechanismus. Nur in den seltensten Fällen lassen sich spezielle Organwirkungen feststellen, die sich nachweislich in einer Leistungsverbesserung auswirken. Es handelt sich auch meist weniger um eine wirkliche Leistungssteigerung durch Erhöhung der absoluten Muskelkraft, der Ausdauer oder durch Verbesserung des Zusammenspiels der Muskel und der Nerven, der Koordination, als vielmehr um die Beseitigung von nervösen Hemmungen und damit um eine seelische Entspannung. ... Werden diese Hemmungen jedoch durch ein entsprechend wirksames Dopmittel beseitigt, zeigt sich sofort eine deutliche Leistungssteigerung. Diese ist aber meist äußerst fragwürdig, weil gleichzeitig viele zweckmäßige Schranken beseitigt werden und dadurch der Körper leicht überfordert wird. Mancher Sportler zeigt dann trotz nachgewiesener Senkung der Muskelkraft, infolge der psychischen Anregung sogar eine bessere Leistung.



Dopmittel und ihre Gefahren

Die derzeit am meisten verwendeten Mittel sind:

1. Die Rauschgifte, darunter das Morphium und das Kokain. Kokain vermag zwar die absolute Muskelkraft und Ausdauer zu steigern, führt aber wie Morphium, immer zu Sucht und damit zum vollständigen körperlichen und moralischen Verfall. Beide Gifte werden heute häufig von Schwerathleten und Radfahrern, z. B. in der Tour de France, verwendet. ...

 

2. Die Weckamine, die in erster Linie das Ermüdungsgefühl hinausschieben und mitunter für kurze Zelt die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Die bekanntesten Mittel sind Benzedrin und Pervitin. Die Erholungsfähigkeit wird jedoch sehr verschlechtert und es kommt manchmal zu einem rauschartigen Wohlbefinden ähnlich wie bei den Rauschgiften, und zu einer sichtlichen Verschlechterung der Reflexe und der Koordination. Weckamine werden bei Dauerleistungen, Langstreckenrennen, 6-Tage-Rennen vor allem von den Professionalsportlern regelmäßig angewendet.

 

3. Pflanzengifte wie Strychnin, Atropin und Ephedrin, die hauptsächlich über das vegetative Nervensystem wirken. Strychnin hat eine spezielle Wirkung auf die Nervenleitfähigkeit und auf die Kontraktionsfahigkeit der Muskulatur. Da dadurch die Muskelkraft gesteigert werden kann, wird Strychnin gerne von Gewichthebern, Springern und Sprintern genommen. Allerdings besteht auch bei geringer Dosierung die Gefahr von sehr schweren Krämpfen.

 

4. Weck- und Kreislaufmittel, zu welchen Cardiazol, Coramin, Koffern, Effortil, Sympatol und dergleichen gezählt werden. Sie sind in den üblichem Mengen relativ harmlose Mittel, so daß eine Schädigung eigentlich kaum zu erwarten ist. Beim Koffein, das im Kaffee vorkommt, ist es lediglich eine Frage der Menge, ob es als Dopmittel anzusehen ist oder nicht. Gegen Mengen, wie sie in einer groBen Tasse Bohnenkaffee vorkommen, ist sicher noch nichts einzuwenden. ...

 

5. Verschiedene Hormone, vor allem Keimdrüsen- und Nebennierenrindenhormone. Die damit erzielte Leistungsverbesserung ist zum Teil durchaus biologisch, wenn eine Unterfunktion dieser Drüsen vorhanden ist. Sie wirken sich dann bei Erschöpfungszuständen oder chronischer Übermüdung, also im Übertraining oft sehr günstig aus. Jede Gabe großer Mengen dieser Hormone ist aber ein gewaltiger Eingriff in fast alle Körperfunktionen und daher sehr gefährlich. Dies gilt nicht zuletzt auch für die oft schon regelmäßig betriebene Verschiebung der monatlichen Regelblutung bel Spitzensportlerinnen durch Eierstockhormone.

 

Eine sehr unangenehme Begleiterscheinung der meisten Dopmittel ist die, daß es nach einer Phase mehr oder weniger verbesserter Leistungsfähigkeit immer zu einer unkontrollierbaren Gegenwirkung im Körper kommt, die meist in einem bedeutenden Leistungsrückgang endet.

Damit ergeben sich Dosierungsschwierigkeiten nicht zuletzt auch durch den Gewöhnungseffekt, wonach der Körper bei einigen Substanzen nach immer höheren Dosen verlangt, damit aber wiederum gesundheitliche Gefahren verbunden sind.

 

Charakteristisch für den gedopten Sportler ist sein psychisches Verhalten. Solche Athleten machen dabei oft den Eindruck, als ob sie sich im Rauschzustand befanden. Sie haben einen glasigen, verlorenen Blick, mitunter ganz enge Pupillen, reagieren auf eine Anrede kaum und zeigen das Gehaben eines Schlafwandlers. Verdächtig für ein Doping ist auch immer das Auftreten gröBerer Leistungsschwankungen innerhalb kurzer Zeit oder wiederholte schwere Zusammenbrüche während des Wettkampfes.

 

Prokop erwähnt die zunehmend beliebter werdende Praxis vor allem im Fußball, Sauerstoff zuzuführen. Bereits vor 50 Jahren hätten Mannschaften aus Belgien und England damit experimentiert. Er zitiert eigene Untersuchungen wonach eine Leistungssteigerung bis zu 10% festgestellt werden konnte sofern die Sauerstoffzufuhr während des Wettkampfes erfolgte. Es können jedoch schwere Reizungen der Atemwege hervorgerufen werden. Daher kommt er zum Schluss, Sauerstoff müsse als Doping unbedingt abgelehnt werden.



Das stärkste Argument gegen das Doping

Interessanterweise liefert aber den für die Praxis überzeugendsten Beweis gegen die Anwendung eines Dopmittels nicht so sehr die Medizin als die Psychologie, und zwar durch den Versuch mit Scheinmitteln oder leeren Tabletten (Placeboversuch). ...

Untersuchungen an mehr als 100 Sportlern haben gezeigt, daß solche leere Tabletten die Leistungsfähigkeit sowohl bei Kraft- als auch Dauerleistungen einwandfrei verbessern können. Die einzige Voraussetzung ist nur, daß der Athlet wirklich davon überzeugt ist, daß das verabfolgte "Wundermittel" seine Leistung verbessern kann. So verbesserten bei diesen Versuchen 72% der Sportler nachweisbar ihre Leistung. Erwartungsgemäß war der Erfolg bei den älteren und den weiblichen Versuchspersonen besonders hoch. Gleichzeitig durchgeführte psychologische Tests zeigten einen sicheren Zusammenhang zwischen der Suggestionfähigkeit und der erfolgreichen Reaktion auf die Scheinmittel. Der Scheinmittelversuch leitet zu dem sehr schwierigen und umstrittenen Problem des sogenannten psychischen Dopings hin, worunter die Anwendung von Suggestion und Hypnose zur Leistungssteigerung zu verstehen ist. ... Die Anwendung von Hypnose zur Leistungssteigerung muß hingegen ohne Ausnahme abgelehnt werden, weil sie jeder sportlichen Auffassung widerspricht, da die Persönlichkeit des Sportlers, die immer noch das tragende Moment einer Leistung ist, vollkommen ausgeschaltet wird. Durch die mit der Hypnose verbundene Willenseinschränkung wird der Mensch zu einem Werkzeug, zu einer reinen Muskelreflexmaschine und einem willenlosen Roboter degradiert. Schließlich geht es bei der Hypnose wie bei dem Doping letzten Endes nicht nur um die Gesundheit und Persönlichkeit des Sportlers, sondern auch um die Idee und das Ansehen des Sportes überhaupt.



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1968 Manfred Steinbach: Einfluß anaboler Wirkstoffe ....
1969 Manfred Steinbach: Doping
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1969 Brigitte Berendonk, 5.12.1969: Züchten wir Monstren?

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