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16/01 2005

Biking on the rocks

von Blaho



Sonntagfrüh 7:30 Uhr: Ich wache auf und weiß, nichts und niemand kann mich aufhalten. Die, die es könnte, schläft nämlich noch und ich gedenke nichts an diesem Zustand zu ändern. Also schleiche ich mich aus dem Bett, trippele auf Zehenspitzen ins Bad, wo ich mich auf Zähneputzen beschränke, da die Frisur (Frisur???) ohnehin unter Mütze und Helm verschwinden wird und Gesichtsbehaarung bei aktuellen 3 Grad unter Null eventuell hilfreich ist.

 

Mit 2 Funktionsunterhemden, langem Trikot, kurzer und langer Radhose, Radjacke und 2 übereinander getragenen Handschuhpaaren sollte alles kein Problem sein. Eigentlich suche ich meine 3-Fingerhandschuhe, die bisher im Vergleich alles geschlagen haben, was ich sonst probiert habe. Aber die sind wohl im Urlaub. Muss eben auch so gehen.

 

Da es draussen noch ziemlich düster ist, nehme ich wenigstens mal das Rücklicht mit und mache mir schnell noch 2 Flaschen heißen Zitronentee. Dazu ein Powergel und eine Banane in die Jacke gepackt und los geht’s auf die geplante 80 km Runde.

 

Wunderschön ist es! Am Horizont kann man den nahenden Sonnenaufgang ahnen und Autos sind praktisch noch keine zu sehen. Wen wundert´s, denn die Strasse ist mit einer weissen Schicht aus Raureif überzogen. Wer da nicht fahren muss, bleibt lieber daheim. Ich muss...natürlich!

 

Die ersten sieben Minuten machen richtig Spass, danach werden die Fingerspitzen langsam kalt. Ich mache mir nicht wirklich Gedanken, denn es sind ja nach meiner Planung nur noch 2 Stunden und 57 Minuten zu fahren. Nach ca. 15 km ein wunderschöner Anblick: Ich fahre vor Mainz über eine Kuppe und sehe die Stadt nach einigen hundert Metern in einer Nebelwand versinken. Nur an einigen Stellen schaut oben ein Schornstein oder eine Turmspitze heraus. Als alter Mainz-„Fan“ könnte die Stadt für den Rest aller Tage verschwunden bleiben, merken würde es ohnehin kaum jemand. Ich denke, während ich so auf die Nebelwand zurolle, über meinen letzten Kneipenbesuch in dieser Metropole nach und an die Mädels, die dort leicht bekleidet (es war im Sommer!) bei Bier oder Wein saßen und beschliesse, dass die Stadt mir eventuell doch fehlen könnte. Aber es war ja ohnehin nur hypothetisch.

 

Real wird momentan der Schmerz in den Fingern. Auch der Gedanke, dass sie noch nicht tot sind, solange sie schmerzen, muntert mich nicht wirklich auf. Ein freundlicher GM-Händler hat eine Anzeigetafel, die mir aufmunternd –6 Grad Celsius mitteilt. Für einen Moment denke ich darüber nach, an einer Bäckerei halt zu machen und ein warmes Brötchen oder ein Croissant zu erwerben. Der Gedanke, den Reissverschluss am Rücken meiner Jacke zu öffnen und Kleingeld aus dem Portemonnaie kramen zu müssen, lässt mich aber davon abkommen. Die Feinmotorik ist momentan erheblich gestört. Das Gefühl in den Lippen lässt mich auch befürchten, dass es mit dem Sprechen derzeit nicht weit her ist. Probeweise singe ich ein wenig, nachdem ich mich versichert habe, dass die Strasse menschenleer ist. „Ei wahnt to reid mei Eissikel...“ Ich sabbere! Also lassen wir das lieber. Auf der Brücke über den Main kommen mir einige Jogger entgegen. Sie sehen weitaus besser aus als ich mich fühle.

 

Nach einer Stunde und 40 Minuten sind die Hände tot, aber in die Blase ist Leben gekommen. Also suche ich mir einen netten Waldweg und denke über Geschichten nach, bei denen sich im Russlandfeldzug die Landser über die Finger urinierten, um sie aufzuwärmen. Hmmmm.....! Nein! Russland ist weit und mit diesen Fingern dann wieder in die Handschuhe, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich packe also die Hände kurz in die Achselhöhlen und hoffe auf Besserung. Auf jeden Fall werde ich abkürzen. Ich beschliesse an der nächsten Kreuzung in Richtung Rüsselsheim abzubiegen und von dort nach Hause zu fahren.

 

Gesagt, getan. An der nächsten Kreuzung 90 Grad Backbord und mit lockerem Tritt in Richtung Opelstadt. Normalerweise verfahre ich mich in Rüsselsheim immer, deshalb mache ich gewöhnlich auch einen Bogen um die Innenstadt. Diesmal verfahre ich mich schon im ersten Vorort Königstädten. Also mache ich eine kurze Pause, und greife zu meinem ehemals heissen Zitronentee. Dieser hat allerdings seinen Aggregatzustand geändert und ist in diesem nicht mehr durch die Trinköffnung zu bekommen. Kurz gesagt: Ich fahre 2 Flaschen Zitroneneis spazieren. Da mir der Sinn nicht wirklich nach gefrorenem steht, hole ich die Banane aus der Jackentasche, wofür ich zuerst die Hände minutenlang zum Aufwärmen in die Hose packe. Die 2 Leute an der Bushaltestelle gegenüber machen sich darüber wohl einige Gedanken. Jedenfalls deute ich ihre Blicke so. Als ich dann endlich den Reißverschluss auf habe und die Banane von Ihrer Schale befreit ist, machen sich beim Abbeissen doch einige knirschende Eiskristalle zwischen den Zähnen bemerkbar. Aber nach der „Hand in der Hose Aktion“ werde ich nicht noch die „Banane warmlutsch Nummer“ nachschieben. Nach dem üppigen Mahl sortiere ich die Himmelsrichtungen neu und mache mich wieder auf den Weg.

 

Ich finde den Weg in die Innenstadt dann auch recht problemlos, nur den Weg hinaus nicht mehr. Irgendwann bin ich auf einer Brücke und sehe die gesuchte Strasse direkt unter mir. Mit dem Rad auf dem Rücken geht es dann einen vereisten Hang hinunter und jetzt kann nichts mehr schief gehen. Dachte ich. Bis zu dem Moment als mir die Dame auf ihrem Rad entgegenkommt und ganz versunken in die Betrachtung der anderen Strassenseite scheint. Das Quietschen meiner Bremsen auf den vereisten Felgen holt sie schnell wieder auf die rechte Seite zurück. Und zwar in der Form, dass sie den Lenker zur Seite reißt, ohne so was wie "auf den Verkehr achten" 4 Fahrspuren quert und auf einem Parkplatz verschwindet. Ich frage mich was das gerade war. Kommt sie direkt von einem Banküberfall oder warum riskiert sie an einem so schönen Sonntagmorgen sinnlos ihr Leben?

 

Das war es soweit für mich. Ich bin jetzt auf den letzten Kilometern in Richtung Heimat. Ein letzter Zwischenstop beim Bäcker, wo ich 10 Brötchen hole und mich über den Gesichtsausdruck der Verkäuferin wundere. 5 Minuten später bin ich zuhause und der erste Weg führt mich in die Dusche. Als ich vorm Spiegel stehe, mein unrasiertes Gesicht sehe, voller roter Flecken und vom kalten Wind rotgeäderten Augen und zur Krönung hat die Nase wohl nicht ganz dichtgehalten, jedenfalls zeigt sich eine leichte Tropfspur, da wird mir klar, warum sich eine gut erzogene Frau lieber auf eine vierspurige Strasse stürzt als in meiner Nähe ihr Fahrrad anzuhalten.


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