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06/03 2005

Blaho auf CTF

von Blaho



Dieser Winter scheint kein Ende nehmen zu wollen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so oft auf dem MTB gesessen wie in den letzten Wochen und gerade das Mountainbiken ist nichts, was mir wirklich Spaß macht. Ich kenne viele, die das Fahren auf Waldwegen lieben, aber ich kann dem nicht viel abgewinnen. Mit Ausdauer trifft man auf Jogger, Spaziergänger mit Hunden, Kindern oder gar Nordic-Walking-Stöcken. Jedesmal überlege ich mir dann, ob ich lieber klingele oder die vorhandenen Lücken nutze, um die lebenden Hindernisse zu umkurven. Wer schon mal Sonntags mit dem Bike über Spazierwege gefahren ist, weiß, dass es falsch ist, egal wie man es macht. Gestern habe ich wieder einige Beispiele dafür erlebt.

 

Samstagabend 23:30 Uhr: Ich beschliesse, den Wecker nicht zu stellen, da die Erfahrung der letzten Wochen lehrt, dass Sonntagfrüh ohnehin wieder einige Zentimeter Neuschnee liegen und Rennradfahren eigentlich nicht möglich ist. Jedenfalls nicht, wenn man bei klarem Verstand ist. Also schlafe ich Sonntags lieber aus, auch wenn für diesen Sonntag eine CTF angesagt ist, die ich eigentlich fahren wollte, aber nachdem ich mich vor anderthalb Wochen mit dem MTB bei Glatteis auf dem Weg ZUR Kneipe ordentlich gelegt habe, ist mir die Lust darauf eigentlich auch vergangen.

 

Hier könnte diese Geschichte zu Ende sein, wenn ich nicht ausgerechnet an diesem Sonntag um 7 Uhr wachgeworden wäre und wie ich so da liege, den blauen Himmel bewundere und über meine Chancen nachdenke, am Ostermontag Rund um Köln zu überstehen, ohne im Besenwagen zu sitzen, siegt das schlechte Gewissen und ich stehe auf. Schnelles Frühstück, das Rad aus dem Keller geholt und ab zum Start. 7 km Anfahrt reichen aus, um mich aufzuwärmen.

Als ich ankomme, werde ich erst mal fotografiert. Super, ich bin nämlich so wahnsinnig fotogen am Sonntagfrüh. Bei der Anmeldung frage ich noch schnell, ob die Strecke wenigstens gestreut ist und erfreulicherweise bestätigt der nette Herr, dass alle Wege weiß gestreut wären.

 

Schon nach ein oder zwei Kilometern wird mir klar, auf was ich mich hier eingelassen habe. Es kommt eine Abfahrt, die wunderschön verschneit vor mir liegt und unter dem Schnee kann man an manchen Stellen das Eis hervorglitzern sehen. 20 Meter vor mir sehe ich einen Leidensgenossen, wie er sich abwärtsbremst. Immer einen oder beide Füsse draussen und wild schlingernd. Hinter mir höre ich ein knirschen im Schnee und Sekundenbruchteile später schiesst ein echter Crack an mir vorbei zu Tal. Respekt!!!

Danach geht es etwas moderater zu. Irgendwann springen zwei Rehe aus dem Unterholz und kurz vor mir über den Weg, ansonsten ist es ein stetiges auf und ab, in einer wunderschönen Landschaft unter strahlend blauem Himmel.

 

So langsam tauchen die ersten Spaziergänger auf und die Abfahrten werden mehr zu einem Riesenslalom. Als es bergauf geht spaziert ein Pärchen vor mir, das zu zweit die komplette Wegbreite braucht. Ich passe mein Tempo dem ihren an und hoffe, irgendwie bemerkt zu werden, doch die Hoffnung lebt nicht lange. Also benutze ich schweren Herzens meine Klingel. Und es kommt, wie es meist kommt: Er springt von links nach rechts, sie von rechts nach links. Beide drehen den Kopf, die Augen sind weit aufgerissen und ich frage mich, was sie zu sehen erwarten. Eine S-Bahn, den grossen, bösen Wolf? Ich versuche zu beruhigen: "Keine Panik, so schnell bin ich gar nicht." Das bringt mir zumindest einen hysterischen Lacher und ich mache mich von dannen. Kurz darauf höre ich das typische Klacken von Walking Stöcken. Kilometer später kann ich die beiden Damen dann auch sehen. Diesmal klingele ich nicht, sondern gebe Gas und überhole links.

 

An der ersten Kontrollstation gibt es dann Tee, Fleischbrühe, Kuchen, Traubenzucker, Wasser und Bananen. Ich lasse nur kurz die Karte stempeln und dann geht es weiter. Es folgen ein paar Waldwege, die sich mit Ortsdurchquerungen abwechseln. Erstaunlicherweise geht es im Ort immer bergab und danach im Wald wieder nett bergauf. An einer Stelle haben Witzbolde wohl die Pfeile abmontiert, jedenfalls fahre ich kurz in die falsche Richtung, kehre dann aber relativ bald wieder auf den "rechten" Weg zurück.

Der nächste Schock ist ein Pfeil, der nach rechts weist, wo ich eigentlich nicht wirklich einen Weg sehe, sondern eine Abfahrt, die ich bei diesem Untergrund nicht einmal zu Fuß wirklich gerne hinabgehen würde. Trotzdem stürze ich mich hinunter, um unten hintereinander 3 Kuhlen vorzufinden, die ich unter Einsatz meiner Männlichkeit meistere. Manchmal wünsche ich mir doch ein Fully.

 

Viele Stunden später (jedenfalls kommt es mir so vor) komme ich an die zweite Kontrollstelle. Immerhin schon der vierte Fahrer, der heute früh so verrückt war, die lange Tour zu machen. Meine "Radschuhe" werden bewundert. "Was sind denn das für Schuhe?" - "Trekkingschuhe!" - "Oh, Du fährst ja noch mit Körbchenpedalen?!" Okay, ihr habt mich als Outsider erkannt. Keine Federung, keine Klickpedale - keine Lust mehr hier zu bleiben. Ich mache mich auf den Weg. Ich bekomme folgendes mitgegeben: "Vorsicht bei der Abfahrt, die ist glatt!" und "Das wird jetzt noch richtig hart!". Ich erkläre ihm, dass ich genau das jetzt gar nicht hören wollte und stürze mich in die Abfahrt. Kurz bevor ich die Schallmauer durchbreche sehe ich am Wegesrand ein Schild, das mir 19 % Gefälle verspricht. Ich bin mir sicher, dieses Schild vor ein paar Wochen schonmal gesehen zu haben, aber da ich vor lauter Wald völlig die Orientierung verloren habe, habe ich erstmal keine Ahnung, wo ich eigentlich bin. Ich schiesse aus dem Unterholz auf eine Strasse, sehe links eine Burg an mir vorbeifliegen und muss kurz darauf auf eine Kopfsteinpflasterpassage abbiegen. Da fällt es mir wieder ein: Das war eine Seitenstrasse des berüchtigten Schulbergs!

 

An der nächsten Ampel treffe ich auf zwei Mitfahrer, die mich mit der Aussicht erfreuen, dass wir den gegenüberliegenden Bergrücken überfahren dürfen. Ich wüsste hier ja diverse Abkürzungen, beschliesse aber, mich an den Streckenplan zu halten. Es geht einige (es müssen hunderte gewesen sein) Kilometer bergauf. Kurzfristig laufe ich Gefahr, von einer Joggerin überholt zu werden, kann aber unter Aktivierung der letzten Reserven die Blamage abwenden. Dafür komme ich irgendwann ein wenig aus der Spur und in den tieferen Schnee. Das ist zwar heute schon öfter passiert, aber diesmal kann ich das Hinterrad nicht mehr dazu bringen, irgendwie zu greifen. Das Rad dreht durch, ich auch fast und muss absteigen. Das nutzt der Kamerad, den ich gerade überholt hatte, um mich wieder zu passieren. Sein Pech, dass er kurz darauf in eine Hundeherde fährt und von den Vierbeinern zum absteigen gezwungen wird.

 

Es geht dann relativ unspektakulär weiter zur 3. Kontrolle.

Danach kommt wieder einmal eine nette Abfahrt, diesmal ist der Untergrund gepflastert, komplett vereist und teilweise mit Schnee bedeckt. Aber bevor es hinunter geht, habe ich 3 Spaziergänger mit Hund vor mir. Der Hund an der langen Leine ganz links, die 3 menschlichen Begleiter in taktischer Ordnung perfekt verteilt, um eine 3 Meter breite Strasse komplett dicht zu machen. Ich klingele! Kommentar: "Da braucht aber einer viel Platz!" Vor meinem geistigen Auge wickele ich ihr die Hundeleine um den Hals und ziehe ganz langsam zu...

 

Der Rest der Tour verläuft recht ruhig. Es geht noch einige Hundert Kilometer bergauf und ein paar Meter bergab, bevor ich wieder bei Start und Ziel ankomme. Insgesamt habe ich 4 Stunden benötigt (incl. An- und Abfahrt), ca. 65 km hinter mich gebracht, 1300 hm bewältigt und erfahren, dass man an der Oberschenkelinnenseite einen gewaltigen Schmerz verspürt, wenn man versucht den Fuss aus Körbchenpedalen herauszudrehen.

 

Herr, lass Frühling werden!!!


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