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03/07 2005

RTF am A.... der Welt!

von Blaho



PN von Frank

„So, ich hab für Sonntag eine bessere Idee. Eine gemeinsame Tour um 9 Uhr ist kein Problem, und das ich mal eine Stunde länger schlafen kann, treffen wir uns in Windesheim ( Autobahn A 61, ca 35 Minuten von Hattersheim entfernt ) zum RTF Bad Kreuznach. Hätte ich beinahe übersehen. Also, jetzt bist Du mal am Zug. Wir können uns auch um 8 schon treffen.“



Vor der "schönsten RTF überhaupt"...

So sah die Nachricht aus, die Frank mir Dienstags schickte. Meine Antwort begann so: „Pfffffff, na super!“ Mehr Missfallen wollte ich lieber nicht ausdrücken, da ich noch am überlegen war, wie ich mich am besten vor dieser Tour drücken könnte.

 

Seit dem 1. Mai hatte ich einen grossen Bogen um mein Rad gemacht. Zum einen aus Frust über die doch eher bescheidenen Ergebnisse, zum anderen wegen einer Erkältung und anschliessend einem steifen Hals, der drei Arztbesuche und 6 Termine beim Physiotherapeuten benötigte, um zumindest wieder beweglich, wenn auch nicht schmerzfrei zu werden. Mein Tipp an alle: Zum einen bei steifem Hals schnell handeln und zweitens nicht zum Arzt gehen. Mit Praxisgebühr, Zuzahlung zu Schmerzmitteln und Zuzahlung für Massage, hätte ich das zum selben Preis gehabt, wenn ich direkt zum PT gegangen wäre und hätte das komplett privat gezahlt.

 

Aber zurück zur „schönsten RTF überhaupt“, wie Frank behauptet. Angeblich gibt es noch im Rennrad-News Forum einen Irren, der seiner Meinung ist. Eins vorweg: Ich halte die beiden nicht für repräsentativ!

Freitags habe ich noch einen schönen Strassenlauf mitgemacht, der mich mit seinen 10 km fast ins Koma gebracht hätte, dementsprechend fit fühlte ich mich am Samstagabend. Meine Heimtrainerin unterstützte dann meine Vorbereitung auf den Sonntag nach Leibeskräften: „Ruf doch morgen früh an und sag’ es regnet...“. Wenn Frank nicht die gleiche Nummer im Winter abgezogen hätte als er mir einen Schneesturm unterjubelte, hätte ich das auch probiert, allerdings hatte ich nicht viel Hoffnung, dass ich damit davon käme.



Sonntag - viele Bananen und Jürgens...

Es ist Sonntagfrüh, 7:00 Uhr und ich quäle mich mühsam aus dem Bett. Die Halterungen der Startnummer vom Henninger-Rennen habe ich gestern abend noch schnell entfernt, ansonsten ist das Rad noch im Orginalzustand.

 

Nach 45 min. Autobahn erreiche ich das berühmte Windesheim. Der RTF-Start ist leicht zu finden, allerdings beunruhigen mich die vielen Parkmöglichkeiten. Ich kann mein Auto fast vor der Tür abstellen und das obwohl es 8:30 Uhr ist und seit 7:00 Uhr gestartet wird.

 

Frank kommt schon mit dem Rad entgegen und nach dem Einschreiben geht es auch sofort los. Die ersten Kilometer geht es recht flott voran, was weniger an meiner Form als vielmehr daran liegt, dass es bergab geht. Irgendwann bekommt das Profil dann die versprochene, wellige Form. Ich leide relativ schnell unter Atemnot und kann mich nicht wirklich an der angeblich schönen Landschaft erfreuen. Unterwegs heitert Frank mich mit Anekdoten eines Bekannten von ihm auf. Dieser Jürgen muss schon ein interessanter Zeitgenosse sein. Dass er nicht nur interessant ist, sondern auch bekannt, erfahre ich an der ersten Verpflegungs- und Kontrollstelle. Dort steht ein Jürgen, der auch noch ca. 10 Anekdoten über Jürgen beisteuert, bevor er endlich was zu trinken herausrückt. Als feste Nahrung gibt es Bananen. Im Grunde hasse ich Bananen. Nach ca. 10 Marathonläufen, 5 Ironman und diversen kürzeren Lauf- und Triathlonveranstaltungen, kann ich nicht einmal mehr grob einschätzen, wie viele Tonnen von Bananen schon meinen Verdauungsapparat belastet haben. Kurz gesagt: Ich kann sie nicht mehr sehen! Jetzt nehme ich trotzdem mal eine, man weiss ja nie, wann es wieder was gibt. Irgendwann fahren wir wieder los und die Sache wird jetzt erst interessant. Frank zeigt mir am Horizont einen „Berg“ den wir heute noch erklimmen dürfen. Ich kann meiner Freude gar nicht richtig Ausdruck verleihen, da mir einfach die Puste dafür fehlt.

 

Eine Besonderheit dieser RTF ist die Art, rasante Abfahrten zu einem abruptem Ende zu bringen. Bergauf geht es immer auf Vorfahrtsstrassen, bergab endet dagegen immer mit einem „Vorfahrt gewähren“ Schild, nach dem man rechts abbiegen muss, um sofort wieder in den nächsten Anstieg zu starten. Nach ungefähr 45 km bin ich jedenfalls völlig zermürbt. Frank hat einen Gesprächspartner gefunden. Die beiden plaudern fröhlich, während ich immer weiter zurückfalle und außer Röcheln keinen Ton mehr herausbringe. An der zweiten Kontrollstelle bin ich fertig mit der Welt. Nettes Highlight dieser wunderbaren RTF: Die Getränke sind alle! „Nein, alles kein Problem,“ bekommen wir (von Jürgen3) versichert. Hilfe ist unterwegs und Wasser kommt bestimmt. Und wenn man zwischendurch was essen will: Bananen sind genug da. Sonst halt nix.



Krankenwagen oder Fahrrad - das ist hier die Frage...

Irgendwann kommt das Wasser und die 20 Leute, die hier warten sind dann auch ruckzuck abgefertigt. Die Aussage, dass noch ein, zwei Hügel kommen und eine 10 km lange Steigung, tue ich als Touri-Verarsche ab. Ein oder zwei Hügel später bin ich soweit dass ich versuche, mich vor einen Geländewagen zu werfen, der Anstalten macht, mir die Vorfahrt zu nehmen. Wer mich kennt, weiß, dass ich bergab nicht bremse. Und mit der Aussicht auf eine Heimfahrt im Krankenwagen, anstatt auf dem Sattel kann ich mich durchaus anfreunden. Frank’s netter Hinweis, dass es in dieser Gegend schon ein paar Stunden dauern kann, bis ein Krankenwagen kommt, beendet Tagträume dieser Art. Als kurz darauf ein riesiger Rottweiler Anstalten macht, auf die Strasse zu laufen, keimt nichtsdestotrotz wieder Hoffnung in mir auf. Aber auch er hält sich letztenendes doch zurück. Nur eine kleine Feldmaus quert Zentimeter vor uns die Strasse. Ich rechne ihr den Versuch, mir einen ehrenhaften Abgang aus der Höllentour verschaffen zu wollen, hoch an, doch leider verfehlt sie mein Vorderrad knapp. Frank fragt mich immer wieder, ob das nicht eine tolle Landschaft ist, aber mir ist schwarz vor Augen und ich sehe keine Landschaft mehr.

 

Nach 75 km kommt eine wunderschöne Abfahrt. Gefälle bis 17% und wunderschöne Serpentinen. Ich schiesse mit einem Affentempo bergab und als mir dann irgendwann nicht mehr schwarz vor Augen ist, ist das erste, was ich sehe, ein PKW, der mitten auf der Fahrbahn vor einer Serpentine steht. Das tut er aus gutem Grund, es kommt nämlich ein LKW entgegen. Nach kurzer Berechnung meiner Flugbahn nach dem Aufprall, unter Berücksichtigung des Abgrundes hinter dem Auto, der nur von einer kniehohen Mauer gesichert ist, beschliesse ich dann doch zu bremsen. Man muss auch mal von seinen Prinzipien abrücken können. Etwas später kommen wir im idyllischen Bacharach an, wo wir erstmal 1,5 km Kopfsteinplaster hinter uns bringen dürfen. Am Ortsausgang weigert ein Senior sich, die Strasse freizumachen. Offensichtlich verkennt er meinen aktuellen Gemütszustand. Ich halte meine Gefühle jedenfalls nicht zurück und halte einen kurzen Monolog. Frank ergreift die Flucht nach vorne und lässt mich erstmal zurück. Kurz darauf steht er an einem Brunnen und macht sich frisch. Das wäre der Moment, an dem ich mir Gedanken machen sollte. Mache ich aber nicht und fahre weiter. Es geht nett bergan. Die Pumpe ist bei ca. 210 und Frank fährt fröhlich vor und neben mir, erzählt mir aus seinem Leben und dass es ab KM 90 nur noch bergab geht. Auf meinem Tacho bin ich aber erst bei KM 80. Als ich dezent darauf hinweise, grinst mein lieber Freund und weist auf die letzte Kontrollstelle hin. „Der hat doch gesagt, dass noch 10 km Steigung kommen.“ Ganz im Ernst: Mit dem Humor der Leute hier kann ich mich nicht anfreunden!

 

Frank, der sich seit Stunden mein dauerndes Gemecker anhören muss, verschwindet irgendwann wieder nach vorne und überlässt mich meinem Schicksal. Warum der faule Hund am Schulberg geschoben hat, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Ich kämpfe mich Serpentine um Serpentine nach oben. Überhole immerhin noch einen Mitradler und beobachte verzweifelt den Tacho. Geschwindigkeit immer zwischen 12 und 15 km/h und KM 90 will einfach nicht näher kommen. Rechts verspricht ein Restaurant lebende Wispertalforellen und ich habe sofort die Witterung von Weissbier aufgenommen, aber ich weiss: Wenn ich jetzt absteige, ist Feierabend! Also kämpfe ich weiter. Irgendwann kommt der ominöse 90. km und vor mir zieht sich die Steigung endlos weiter. Nach 92 km ist dann endlich die Verpflegungsstelle in Sicht. Wenn die jetzt kein Wasser haben, dann...



Die letzte Verpflegungskontrolle...

Frank steht schon da, unterhält sich mit irgendeinem Jürgen und wirkt aufreizend entspannt. Was dieser Jürgen sich dabei denkt, mich zu fragen ob die Steigung nicht toll war, weiß ich nicht. Ich mache jedoch eindeutig klar, was ich von dem Menschenschlag in dieser Gegend halte: “Ihr habt sie doch nicht alle!“ Die halten das für einen Witz und lachen fröhlich. In der Gegend, wo ich herkomme, werden die Leute für viel weniger umgebracht. Aber na ja, ich habe erstmal Hunger und Durst. Die positive Überraschung ist die, dass es tatsächlich etwas zu trinken, gibt. Die negative ist die, dass es wieder nur Bananen gibt. Ich verzichte dankend, werfe eine Bank um, kann mit Mühe 2 Fahrräder vorm zerschellen retten und will sofort wieder weg. Die Aborigines verabschieden uns mit einem fröhlichen „Tschüß, bis nächstes Jahr!“, und sofort ist es um meine Selbstbeherrschung geschehen. „Das glaubt Ihr doch nicht, dass ich noch mal hierher komme? Tee und Bananen...“

 

Frank beruhigt mich oder versucht es zumindest. Seinen Ruf habe ich jedenfalls ruiniert. Er gibt mir Windschatten und pusht unsere Durchschnittsgeschwindigkeit nochmal heftig nach oben. Letzter trauriger Höhepunkt ist der Moment als ich bei der Anfahrt zu einem Bahnübergang abreissen lassen muss. Die 2 Höhenmeter sind endgültig zuviel. Ich freue mich über den davonfliegenden Frank und hoffe, jetzt gemütlich ausrollen zu können. Die Freude ist kurz. Frank sieht mich, wartet und weiter geht die Jagd. Alles, was am Horizont an Radlern auftaucht, wird eingeholt, überholt und deprimiert zurückgelassen.



Endlich im Ziel...

Nach 111 km sind wir tatsächlich wieder in Windesheim und ich staune, dass es immer noch für einen Schnitt von über 26 km/h gereicht hat. Frank versucht meine Suche nach dem Veranstalter sofort zu unterbinden, indem er mir ein Bier ausgibt. Beschämenderweise funktioniert das sogar. Vor der Halle stehen einige halbleere Tische Bänke. Allein die Frage nach einem freien Platz wird negativ beschieden. Gelangweilte Rotkreuzler sitzen auf einer Bank, essen und trinken. Nein, die freien 6 Plätze sind alle reserviert. Ich dürfe mich wohl setzen, falls es mir schlecht wäre, so die Aussage des moppeligen Etwas in Uniform. So viel Bier will ich jetzt aber nicht trinken, nur um des Sitzplatzes willen. Zumindest ist mir jetzt klar, warum der Krankenwagen hier Stunden braucht, um bis zum Unfallort zu kommen. Eine Bank weiter ist man freundlicher. Aber auch das ist nur vordergründig. Zuerst bekomme ich eine Ecke auf der Bank freigemacht, dann steht der Rest der Bande auf und ich kann den Abflug mit allem drum und dran gerade noch verhindern. Die Dame links neben mir ist allerdings genauso erschrocken wie ich, daher nehme ich diese Aktion nicht persönlich. So lassen wir bei einem Bier diese wunderschöne RTF fröhlich ausklingen.



Facts...

Da ich es mir nicht mit dem kompletten Volksstamm der Soonwälder Jürgen verderben will, hier die Facts:

 

RTF "Am Fuße des Hunsrücks" 151/111/71/43/24 RC Michelin Bad Kreuznach

 

Die Strecke ist landschaftlich toll. Die Strassen praktisch ohne Verkehr. Alle Autos, die von hinten kamen sind OHNE zu hupen an uns vorbeigekommen. Die Leute sind echt freundlich, auch wenn man unfreundlich zu ihnen ist. Die Startgebühr von 3 Euro ist sehenswert. Ich würde aber gerne 2 Euro mehr bezahlen, wenn es noch was anderes als Bananen zu essen gäbe. Schade, dass es so wenige Teilnehmer hat. Es war kaum einmal möglich, in einer grösseren Gruppe zu fahren, was aber auch an Moped Fraenki lag, der saugt die vorne an und spuckt sie hinten wieder aus.

Sollte ich nächstes Jahr zumindest ein wenig trainiert haben, werde ich jedenfalls gerne wieder hinkommen.


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