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von Jan Brainweak, Januar 2007

© Fotos: Mani Wollner



Geständnisse...

Ich beginne am besten gleich mit einem Geständnis. Zeitlebens war ich clean – zumindest wenn ich ein Rennrad zwischen den Beinen hatte, und darum geht es hier schließlich. Alle anderen Umstände tun im Augenblick nichts zur Sache. Sollten sie für Fortgang oder Verständnis einer Geschichte von Bedeutung sein, so werde ich auf sie zurückkommen. Radsportlich betrachtet ist meine Weste so weiß, als wäre Meister Propper höchstselbst am Werk gewesen. Es gibt nur diesen einen einzigen winzigen Fleck, und den schreibe ich mir gleich zu Beginn von der Seele. Dann ist Ruhe im Karton und der geneigte Leser (so es den überhaupt geben sollte) kann sich darauf verlassen, dass alle beschriebenen "Leistungen" ausschliesslich mit Wasser und Müsli erbracht wurden.





Wo sich "Penunzen" und "Libido" treffen: Podest

Es begab sich im Jahre 1997 . Es war ein gutes Jahr, nicht nur für den deutschen Radsport, sondern auch für mich persönlich. Sowohl was die Penunzen (1), als auch was die Libido (2) betrifft. Und eben auch in sportlicher Hinsicht.

 

Ich war ziemlich gut beieinander. Und das, obwohl es sich ergeben hatte, dass ich mit meinen damaligen Arbeitskollegen regelmäßig ein oder mehrere (meistens mehrere) Feierabendbiere während der obligatorischen Dart-Matches getrunken habe. Und 'regelmäßig' heißt im Prinzip 'täglich'. Wie ich es anschließend immer die 92 Stufen zu meiner Behausung hoch geschafft habe weiß ich nicht mehr so genau.

 

Aber ich schwafele ab: Ich war also trotz Bierkonsums und bereits etwas fortgeschrittenen Alters (eines Alters, in dem die meisten Radsportler ihre Karriere bereits beendet haben) ganz gut in Form. Eigentlich war ich in bestechender, brillanter Form. Wozu drumherum schreiben: Ich war in der Form meines Lebens. Ich war einfach gigantisch gut! (3)

Und das führte indirekt zum einzigen Fleck auf meiner ansonsten blütenweißen Weste:



Ende September besagten Jahres hatte ich mal wieder am "SURM" teilgenommen – dem "Schwarzwald-Ultra-Rad-Marathon", der nicht nur so heißt, sondern auch ein echter Hammer ist. Auf etwa 240 Kilometern sind fast 4000 Höhenmeter zu überwinden, die Anstiege gehen bis zu 17 % steil in die Höhe. Schon mehrmals hatte ich daran teilgenommen, und mir meistens die Zähne daran ausgebissen. Konnte mich hinterher tagelang kaum bewegen, hatte streckenweise heftigste Krämpfe gehabt, war der Verzweiflung nahe gewesen und bin einmal unterwegs durchgeweicht halb erfroren von meinem "Betreuer-Team" aufgesammelt worden.

 

Aber diesmal war alles anders. Ich war richtig gut. Ich fuhr die Berge so schnell hoch wie noch niemals zuvor. Ich hatte keine Schmerzen, keine Probleme, keine Sorgen. Es war ein einziger Spaß vom Start bis ins Ziel. Ich schaffte beinahe einen Schnitt von 30 km/h und kam nur kurz nach meinem damaligen Team-Kapitän (nicht ohne Grund "das Tier" genannt) ins Ziel.





Bauernweisheit: Liegt der Betreuer in der Wiese, kriegt der Fahrer oft die Krise

Und das war das Doofe daran: Mein Betreuer-Team, von mir eine wesentlich längere Fahrzeit und spätere Ankunft gewohnt, verlustierte sich zu diesem Zeitpunkt noch auf einer abgeschiedenen Schwarzwaldwiese. Nach einem netten Picknick und ein, zwei Bierchen dösten sie bei schönem Wetter so vor sich hin, während mir im Zielbereich in den durchgeschwitzten Radklamotten doch etwas fröstelig wurde.. Minute um Minute verstrich, allmählich trudelten auch nicht ganz so fitte Gestalten ins Ziel, Teamgefährten und Gesprächspartner verabschiedeten sich nach und nach. Ich dagegen musste weiter ausharren und zitterte mittlerweile schon ein wenig, obwohl ich mir inzwischen schon das ULTRAhässliche Finisher-Polohemd übergestreift hatte.

 

Um es kurz zu machen: Ich hatte mir im beim Warten im Zielbereich eine schwere Erkältung eingefangen und keuchte mir die folgenden Tage fast sämtliche inneren Organe aus dem Hals - was insofern besonders tragisch war, da bereits am folgenden Wochenende "Rund um Rosenwinkel" auf dem Programm stand. Irgendwie mein Lieblingsrennen (ich werde noch darauf zurückkommen), mit dem ich jedoch noch eine Rechnung offen hatte, und das ich mit meiner glänzenden Form eigentlich auf Sieg hätte fahren wollen.





"Petit Ambulance": Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Mit diesem Husten (4) war allerdings nicht einmal an eine bloße Teilnahme zu denken. Das medizinische Kompetenz-Team in meinem Umfeld, bestehend aus meinem Zahnarzt (seiner Vorliebe für Whiskey wegen "Doc Holiday" genannt) und seiner krankengymnastischen Freundin, wusste jedoch Rat: Sie verschrieben mir irgendein Hammermedikament, im wesentlichen aus Codein oder Ephedrin (oder wahrscheinlich beidem) bestehend, von dem ich die restlichen drei Tage bis zum Rennen jeweils eine mehrfache Maximaldosis zu mir nahm.

 

Der Husten ging tatsächlich einigermaßen zurück, ich konnte am Rennen teilnehmen und mich zum Beginn des Finales sogar in der Spitzengruppe halten. Gewonnen habe ich natürlich nicht, dafür aber jetzt die zweifelhafte Ehre, vollgepumpt mit Wirkstoffen, die auf der Dopingliste stehen, an einem Radrennen teilgenommen zu haben. Ich hoffe, man geht nicht allzu hart mit mir ins Gericht.



Anmerkungen:

(1) "Geld macht nicht glücklich / es beruhigt nur die Nerven / doch man muss es schon besitzen / um’s zum Fenster rauszuwerfen" - Rio der Große, König von Deutschland

(2) "Cupid,cupid? Stupid stupid!" - ABC, The Lexicon of Love

(3) Relativ betrachtet natürlich. Für meine bescheidenen Verhältnisse.

(4) "Joe’s got a cough / sounds kinda rough / yeah, and the codeine to fix it" - Rolling Stones, Torn and Frayed


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