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von Jan Brainweak, Februar 2007

© Fotos: Mani Wollner, MrsFlax



"Rosenwinkel" also

Mein Chefmechaniker hatte mir von diesem Rennen erzählt. Von netten Leuten organisiert, auf nicht abgesperrter Strecke und nicht vom spießigen BDR lizenziert war es irgendwie illegal. Dieser Nimbus des Verruchten zog einen Tom-Ripley-Fan wie mich natürlich sofort an, und mein Chefmechaniker musste keine großen Überredungskünste aufbringen. Ich sagte sofort zu, und so machten wir uns eines schönen Freitag abends im Herbst auf den Weg in die Prignitz.

 

Mein Chefmechaniker kannte die Leute, die das Ganze organisierten, und so konnten wir dort auf einem von exilierten Grosstädtern ausgebauten Bauernhof übernachten. Dort bekam ich unter anderem zum ersten mal in meinem Leben ein Wollschwein zu Gesicht, aber das nur am Rande.





Hach... ja... das Landleben...

Für das Rennen am nächsten Morgen hatten sich die Organisatoren mächtig ins Zeug gelegt. Begleitend dazu hatten sie eine Ausstellung mit historischen Fahrrädern organisiert, darunter auch ein echtes Hochrad. Einige dieser Maschinen gingen dann mit an den Start. Auf den ersten zehn neutralisierten Kilometern bildeten sie die Vorhut des etwa 50 Fahrer starken Feldes - ganz vorneweg der Hochradfahrer, stilecht gekleidet in Frack und Zylinder.

 

Das Peloton selbst war auch eine ulkige Mischung aus etwa zwei Dutzend ambitionierten Rennradlern, etwa ebensovielen halbwegs fitten Freizeitradlern und einer Handvoll Gelegenheitsradlern, für die die Unternehmung ein echtes Abenteuer war, und denen es nur darum ging, die Distanz von 100 Kilometern halbwegs anständig zu bewältigen. Nach dem 'Départ réel' blieb der ganze Haufen bei moderatem Tempo zunächst noch beisammen, die Rennradler waren noch beim Quatschen und ein paar Anorak-und-Turnschuh-Fahrer traten mächtig in die Pedale, um zu beweisen, dass sie mindestens genau so gut drauf sind.



Nach einigen Kilometern bog man auf eine Bundesstraße ein, und mir wurde das in einem großen Pulk mit weitgehend ungeübten Fahrern dann doch etwas zu heikel. Ich verschärfte kurz das Tempo, und innerhalb weniger Sekunden war das Feld in zwei Teile zerrissen. Genau das war mein Plan gewesen, und so hätte man es wieder etwas lockerer angehen lassen können. Aber andere hatten andere Pläne – und das war überhaupt nicht nach meinem Geschmack.

 

Ich bin eigentlich ein Marathon-Mann. Das heisst meine Stunde schlägt meistens dann, wenn die anderen schlapp machen - so ab etwa 160 Kilometern . Ich kann also ein relativ hohes Tempo über einen langen Zeitraum durchhalten . Was ich nicht kann ist richtig schnell fahren (so etwa ab Tempo 50 im Flachen möchte mein Mageninhalt immer unbedingt ans Tageslicht, was ich nur mit Mühe verhindern kann). Außerdem brauche ich prinzipiell eine längere Einrollzeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Der sicherste Weg, um mich zu "killen", ist also, das Rennen sehr früh und sehr schnell zu lancieren. Und einige hatten scheinbar genau dieses vor.





Feld im Feld

Es wurde also sofort eine wilde Hatz. Die Spitzengruppe war schnell auf zwölf, dann zehn, dann acht Leute zusammengeschrumpft, und ich kämpfte am Ende einen verzweifelten Kampf, um nicht abgehängt zu werden... Mein Chefmechaniker registrierte meinen Zustand und versuchte mir gut zuzureden, als ich erste kleine Löcher reißen ließ: "Du packst das! Die anderen sind auch alle am Limit." Aber ich packte es nicht. "Ich hab heute nichts drauf, fahr ohne mich!" röchelte ich ihm noch zu. Kurz darauf war der Faden dann gerissen.

 

Mißgelaunt fand ich mich, nachdem ich ein paar Zähne hochgeschaltet hatte, in einem Grüppchen Versprengter wieder. Allen waren vor kurzem ihre Grenzen aufgezeigt worden, entsprechend waren Laune und Motivation. Der ganze Sauhaufen fuhr völlig sinn- und planlos mehr gegen- als miteinander, und ich überlegte ernsthaft, ob ich mich ganz ins Grüppchen der Gelegenheitsradler zurückfallen lassen sollte, um das Gespräch mit der attraktiven Brünetten fortzusetzen, das ich bis zum scharfen Start geführt hatte. Aber das hätte wohl kein gutes Bild abgegeben und wäre nur schwer zu erklären gewesen.



Also versuchte ich, die Verfolgung der sechs Mann, die entwischt waren, einigermassen zu organisieren. Nach und nach hatten die Verfolger ihre psychischen Wunden geleckt und waren wieder zu sinnvollem Gruppenfahren in der Lage. Wir fuhren wieder einen ganz ordentlichen Streifen zusammen, und das Rennen fahren begann wieder Spass zu machen. Zumal von der Spitzengruppe weitere Fahrer zu uns zurückfielen. Als schliesslich Olli (ein Ötztal-Finisher des selben Jahres, mit dem ich mich vor dem Start unterhalten und den ich als "genau meine Kragenweite" eingestuft hatte, mit einem Jungspund im Schlepptau wieder bei uns "Guten Tag" sagte, waren wir zu acht – gegen nur noch drei Mann vorne. Sollte da doch noch etwas gehen?





Straight ahead...

Der Jungspund hatte für uns als Verfolgergruppe noch einen weiteren Vorteil – seine Mutter oder ältere Schwester (so genau weiß ich das nicht mehr) begleitete ihn im Auto. Wir fuhren zwar meistens auf einer vorfahrtberechtigten Strasse und mussten uns nicht um den Verkehr kümmern. Aber als wir eine Bundesstrasse mit zusätzlicher roter Ampel kreuzen mussten fuhr die Begleiterin laut hupend und mit einem Fähnchen aus dem Fenster winkend auf die Kreuzung und sperrte uns den Weg frei. Sehr praktisch das, muss ich sagen... Und auch beinahe von Erfolg gekrönt, denn auf einer langen Geraden hatten wir das Spitzentrio plötzlich wieder im Blickfeld. Sie waren höchstens noch zweihundert Meter voraus, so dass ich gut beobachten konnte, wie sich mein Chefmechaniker umdrehte – und vor lauter Schreck von der Fahrbahn abkam, als er die Verfolger erblickte. Als geübter Crosser und Mountainbike-Fahrer war es für ihn allerdings eine Leichtigkeit, wieder auf das Asphaltband zu springen, und nach einer kleinen Tempoverschärfung waren die drei wieder hinter der nächsten Kurve verschwunden. Und da es auch in unserer Gruppe allmählich zu bröseln begann, konnten wir einen Podestplatz wohl endgültig abschreiben.



Aber irgendwann traute ich meinen Augen nicht: Joe, der legendäre Sieger des Vorjahres, der mit seinem umgebauten Wohn-Bully als Begleitfahrzeug angerückt war, kam von vorne zurück. "Großartige Verstärkung für unsere Gruppe. Und die anderen beiden werden das Höllentempo auch nicht mehr lange durchhalten!" ging es mir durch den Kopf. Allerdings sah Joe bereits mächtig angeknockt aus, und brachte fast mehr Unruhe in unsere Gruppe, als dass er uns geholfen hätte: Während Dutzender Kilometer kam der starke Wind rechts von der Seite, und wir fuhren entsprechend nach links aufgefächert. Immer wenn Joe nach getaner Arbeit aus der Führung ging, beschleunigte er erst und fuhr dann vorne links am Hintermann vorbei, diesen dabei fast abräumend und völlig sinnlos Kräfte verplempernd. Na ja, Triathleten wie er haben das Gruppenfahren ja ohnehin nicht gerade erfunden und soll er doch machen was er will. Als er allerdings anfing, die anderen mit "Fahrt doch gefälligst auch links raus!" anzuraunzen, musste ich dann doch ein Machtwort sprechen. Und habe mir dabei gleich wieder einen Freund fürs Leben gemacht.





"Begleitfahrzeug" - ein dehnbarer Begriff...



Irgendwann war dann auch der Jungspund mit seinen Kräften am Ende. Olli, Joe und ich gegen die beiden Führenden lautete ab da die Rechnung. Das sah zahlenmäßig schon gar nicht mehr so gut für uns aus. Dank Joe hatte unsere Gruppe aber nach wie vor ein Begleitfahrzeug, und das schickten wir dann mal nach vorne, um die Lage zu peilen... "Eine Minute Rückstand", lautete die ernüchternde Botschaft. Bei nur noch gut zehn zu fahrenden Kilometern war klar, dass die ersten beiden Plätze vergeben waren. Und wir drei würden den letzten Podiumsplatz unter uns ausmachen.



Wir gaben also die Verfolgung auf und konzentrierten uns ganz auf unseren Dreikampf. Dabei legten wir zunächst noch gentlemenhaftes Verhalten an den Tag: Als Olli die Abzweigung auf die kleine Straße zum Ziel übersehen hatte, nutzten wir das nicht aus, um einen Konkurrenten weniger zu haben, sondern warteten brav auf ihn. Nachdem es dann zuerst über einen äußerst holprigen Bahnübergang und anschließend scharf links ging, war Olli allerdings schon wieder verschwunden. Joe und ich guckten uns erst ratlos an, trödelten ein wenig und fuhren dann aber doch weiter, nachdem Olli nicht wieder auftauchte. Wir hatten schliesslich einen mit 10,- DM dotierten dritten Platz auszufahren. (Wie wir später erfuhren hatte sich Olli an dem Bahnübergang das Vorderrad platt gefahren und deshalb die anschließende Linkskurve nicht mehr gekriegt, so dass er geradeaus im Gebüsch landete – arges Künstlerpech im Finale also.)



Ein Duell Mann gegen Mann um Platz 3 also. Baby, diese Strasse ist nicht breit genug für uns beide! Und ich beschloss, ihm psychologisch schon ein wenig auf den Zahn zu fühlen. "Du bist doch der Vorjahressieger, oder?" frage ich, links neben ihn fahrend. Schwaches Kopfnicken und matter Blick seinerseits, fröhlich grinsendes "Oh, da werde ich ja keine Chance auf den dritten Platz mehr haben!" meinerseits.





Zielsprint - Armdrücken für echte Kerle

Da uns auf der engen Strasse noch ein Auto entgegenkommt habe ich auch noch einen Grund, mich hinter ihn zurückfallen zu lassen. Den Platz an seinem Hinterrad gebe ich anschließend nicht mehr her. Alle seine Versuche mich loszuwerden, sind zum Scheitern verurteilt, lässig lasse ich ihn auf den letzten hundert Metern einfach stehen. Unter den enttäuschten Blicken seiner Freundin im Sprint dermaßen deklassiert zu werden, macht mich ihm auch nicht wirklich sympathisch, und so wechseln wir den Rest des Tages kein einziges Wort mehr.

 

Auch nicht auf der abendlichen Siegesfeier. Die rührigen Organisatoren haben keine Kosten und Mühen gescheut und eine erstklassige Fete in der Dorfkneipe auf die Beine gestellt. Die eigens aus Österreich engagierte Band war richtig gut – trotzdem habe ich ihren Namen leider völlig vergessen. Ich wurde als Drittplatzierter auf die Bühne gerufen, mit dem Preisumschlag bedacht und ordentlich bejubelt. Es war einfach toll, Dritter geworden zu sein. Viel besser sogar als Zweiter oder Erster.



Erster war ein A-Fahrer aus Potsdam geworden. Zweiter mein Chefmechaniker. Der hatte dem Sieger irgendwann nach getaner Tempoarbeit einfach nicht mehr folgen können, obwohl dieser nicht einmal das Tempo verschärft hatte. So waren die beiden ersten jeweils solo am Zielstrich eingetrudelt. Lediglich Joe und ich hatten beim Kampf um den dritten Platz noch etwas Spektakel fürs erstaunlich zahlreiche Publikum geboten. Der Sieger hatte sich anschließend gleich seinen Siegpreis aushändigen lassen und sich vom Acker gemacht. Dabei hatten sich die Organisatoren eine so schöne Zeremonie ausgedacht: Der Sieger sollte auf dem alten Hochrad in den Saal rollen und vom Rad direkt auf die Bühne hüpfen.

 

Kurzerhand kam dann der Zweitplatzierte zu dieser Ehre. Aber er musste gestützt werden, um mit dem ungewohnten Gerät nicht gleich umzukippen. Dann hat er beim Einfahren in den Saal die Höhe des Fahrzeugs unterschätzt und sich mächtig die Rübe am Türrahmen angeschlagen. Entsprechend ungelenk plumpste er dann auf die Bühne. Es war kein sehr gutes Bild, das er abgegeben hat – und mir wäre es an seiner Stelle garantiert keinen Deut besser ergangen.



Fast perfekt gelaufen also für mich. Und als sich dann später tatsächlich die attraktive Brünette zu mir an den Tisch setzte und so tat, als ob sie sich für Radsport interessierte, war das das Tüpfelchen auf dem i.

 

Radsport kann so schön sein. Ich werde wiederkommen und dieses Rennen gewinnen!!!


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